Endlich kommt ein Papst – doch Argentiniens Verhältnis zur katholischen Kirche war schon immer kompliziert

Warum die Peronisten Kirchen anzündeten und die Bischöfe zu den Verbrechen der Militärjunta schwiegen, warum der argentinische Papst nie in seine Heimat zurückkehrte und ihn Milei als «Hurensohn» beschimpfte: eine Chronik in vier Kapiteln.

06.11.2026, 16.42 Uhr

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Die Vorfreude ist gross: Ein Wandbild auf einem Industriegebäude in einem Vorort von Buenos Aires zeigt Papst Leo XIV.

Die Vorfreude ist gross: Ein Wandbild auf einem Industriegebäude in einem Vorort von Buenos Aires zeigt Papst Leo XIV.

Agustin Marcarian / Reuters

Argentinien fiebert dem Papstbesuch entgegen, seit Wochen prägen Plakate mit dem Bild von Leo XIV. und dem Wort «bienvenido» das Stadtbild von Buenos Aires. Gross war die Sorge, dass «el Papa» wegen seiner Krebserkrankung nicht kommen könnte – und gross die Erleichterung, als die Reise nach der Operation bestätigt wurde. Schliesslich ist es die erste Papstvisite seit fast vier Jahrzehnten.

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Nach einem kurzen Abstecher nach Uruguay trifft der Papst am Sonntag in Buenos Aires ein und bleibt bis Mittwoch in Argentinien, dann reist er nach Peru weiter. Euphorisch gibt sich auch Staatspräsident Javier Milei. «Ihre Heiligkeit, Argentinien erwartet Sie mit riesiger Freude!», schreibt Milei auf der Nachrichtenplattform X. «Möge Ihr Besuch den Glauben stärken, die Hoffnung erneuern und allen Argentiniern eine Botschaft des Friedens bringen.»

Doch auch solche salbungsvollen Worte können nicht darüber hinwegtäuschen, wie spannungsreich das Verhältnis zwischen Argentinien und der Kirche in den letzten hundert Jahren war – und bis heute ist, wie nicht zuletzt Mileis eigene Beziehung zum Katholizismus zeigt.

Wieder fit: Papst Leo XIV. wartet auf dem Flughafen Fiumicino bei Rom auf den Abflug nach Uruguay.

Wieder fit: Papst Leo XIV. wartet auf dem Flughafen Fiumicino bei Rom auf den Abflug nach Uruguay.

Remo Casilli / Reuters

1. Von der Allianz zur Feindschaft: die Ära Perón

Juan Domingo Perón ist die prägende Figur Argentiniens im 20. Jahrhundert. Als er 1946 an die Macht kommt, ist Argentinien ein tief katholisches Land. Bereits im zweiten Absatz der Verfassung steht (bis heute), dass die Regierung den katholischen Glauben unterstützt. Die Militärdiktatur, die Peróns Präsidentschaft voranging, hat den Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen wieder eingeführt.

Anfänglich stützt sich auch Perón bei seinem Kampf für bessere Löhne der Arbeiter und einen Ausbau des Sozialstaats auf die Soziallehre der Kirche ab. Er teilt deren Auffassung, dass die Familie und traditionelle Werte das Fundament der Gesellschaft bildeten. Wie der Vatikan plädiert Perón für einen Mittelweg zwischen einem entfesselten Kapitalismus und dem Kommunismus. Seine schillernde Frau Evita erhält auf ihrer Europareise 1947 eine Privataudienz bei Papst Pius XII.

Evita Perón besucht 1947 auf ihrer Europareise auch den Vatikan.

Evita Perón besucht 1947 auf ihrer Europareise auch den Vatikan.

Bettmann/Getty

Doch in den folgenden Jahren verschlechtern sich die Beziehungen. Die Kirchenoberen beginnen die peronistische Massenbewegung als Konkurrenz wahrzunehmen. Der Personenkult um Perón und Evita, die fast religiös verehrt werden, stört den Klerus ebenso wie die staatliche Fürsorge oder die peronistische Jugendorganisation, die beide in traditionell kirchliche Bereiche vorstossen.

Der Konflikt eskaliert 1954, zwei Jahre nach dem Tod Evitas mit nur 33 Jahren. Perón hat sich spiritistischen Praktiken zugewandt, es zirkulieren Gerüchte, der Präsident praktiziere okkulte Rituale. Auch politisch ist Perón in einer Krise. Die Wirtschaft schwächelt, und Teile der Elite haben sich von ihm abgewandt. Da greift Perón öffentlich Bischöfe und Priester an und wirft ihnen vor, gegen seine Regierung zu intrigieren.

Er führt das Recht auf zivile Scheidung ein und schafft den Religionsunterricht an staatlichen Schulen wieder ab – ein Affront für die Kirche. Im Juni 1955 kommt es zu einem Putschversuch, der scheitert, bei dem aber mehrere hundert Zivilisten getötet werden. Peróns Anhänger machen dafür den Klerus verantwortlich und zünden mehrere Kirchen in Buenos Aires an. Wenige Monate später ist ein Coup gegen den Präsidenten erfolgreich. Sein Sturz ist auch eine Folge davon, dass er die Loyalität katholischer Offiziere verloren hat.

2. Militärdiktatur: Die Kirche macht sich mitschuldig

Das Zweite Vatikanische Konzil in den sechziger Jahren bedeutet für die Weltkirche einen Aufbrauch, und dieser neue Geist weht auch in Argentinien. Es ist die Zeit der Befreiungstheologie, linke Priester wie Carlos Mugica kämpfen für die Rechte der Armen. Er wird 1974 von einer rechtsextremen Terrorgruppe umgebracht.

Der Priester und linke Aktivist Carlos Mugica (stehend am Tisch) geriet ins Visier rechtsextremer Milizen.

Der Priester und linke Aktivist Carlos Mugica (stehend am Tisch) geriet ins Visier rechtsextremer Milizen.

Archive Photos/Getty

Doch gleichzeitig sehen grosse Teile der Kirchenhierarchie im Kommunismus die grösste Bedrohung für Argentinien als christliche Nation – und gehen darin einig mit antimarxistischen Offizieren. Als diese 1976 putschen und eine Militärdiktatur errichten, können sie auf den Support vieler Bischöfe zählen.

Manche von ihnen rechtfertigen das harte Vorgehen gegen «Subversive» als nötig, um nach Jahren schwerer gesellschaftlicher Konflikte wieder stabile Verhältnisse herzustellen. Ein Bischof erklärt, Gott erlöse mittels der Armee die argentinische Nation. Den Präsidenten der argentinischen Bischofskonferenz, Adolfo Tortolo, weihen die Generäle wohl sogar in ihre Putschpläne ein.

So wehrt sich die Kirche kaum gegen die schweren Menschenrechtsverletzungen, die die Militärs in den sieben Jahren ihrer Diktatur verüben. Tausende tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner werden ermordet, unter ihnen auch manche Geistliche wie der sozial engagierte Bischof Enrique Angelelli. 1983 kehrt Argentinien zur Demokratie zurück – doch erst siebzehn Jahre später entschuldigt sich die Bischofskonferenz für die «Sünden», die die Kirche während der Juntazeit begangen hat.

3. Argentinien säkularisiert sich und bekommt einen Papst

Wie in vielen lateinamerikanischen Staaten verliert die katholische Kirche seit den achtziger Jahren auch in Argentinien an Einfluss. Der Anteil der Katholiken, der um 1900 noch bei nahezu 100 Prozent lag, sinkt kontinuierlich. Es gibt immer mehr Konfessionslose, und auch die evangelikalen Gemeinden legen zu.

Daran kann auch Johannes Paul II. nichts ändern, der 1987 Argentinien besucht und in Buenos Aires am Palmsonntag eine Messe mit über einer Million Menschen zelebriert. Viele Argentinier bekreuzigen sich immer noch, wenn sie an einer Kirche vorbeikommen. Doch kaum jemand geht mehr jeden Sonntag in den Gottesdienst.

Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Buenos Aires im Jahr 1987.

Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Buenos Aires im Jahr 1987.

Imago

Dass die Säkularisierung voranschreitet, zeigt sich 2010, als Argentinien die gleichgeschlechtliche Ehe einführt. Dies gegen den vehementen Widerstand der Kirche, ein prominenter Kleriker sieht in der Reform einen «Schachzug des Teufels». Sein Name: Jorge Mario Bergoglio. Ihn wählen die Kardinalskollegen drei Jahre später zum neuen Papst.

Franziskus ist der erste Lateinamerikaner auf dem Stuhl Petri, und er ist Argentinier durch und durch. Er liebt Mate, Tango und Fussball (sein Lieblingsklub ist San Lorenzo aus Buenos Aires). Doch in seiner Heimat sind nicht alle von seinem Pontifikat begeistert. Die Progressiven stossen sich an Franziskus’ konservativen Ansichten zu Familienfragen und zur Sexualmoral. Den Rechten ist er mit seinem Engagement für die soziale Gerechtigkeit und seinen kapitalismuskritischen Aussagen suspekt.

Die grösste Enttäuschung für viele Gläubige jedoch ist, dass Franziskus kein einziges Mal nach Argentinien zurückkehrt, obwohl er zahlreiche andere lateinamerikanische Länder bereist. Vatikanisten erklären dies mit der starken politischen Polarisierung in Argentinien: Der Papst wolle sich nicht von der einen oder der anderen Seite instrumentalisieren lassen. Er kritisiert auch immer wieder die argentinischen Regierungen.

4. Mileis ambivalente Beziehung zu den Päpsten

Besonders feindselig ist zeitweise Franziskus’ Verhältnis zu Javier Milei. Bevor der selbsternannte Anarchokapitalist 2023 Präsident wird, beschimpft er den Papst als «Hurensohn» und «Stellvertreter des Bösen auf Erden». Doch nach Mileis Wahl versöhnen sich die beiden rasch und umarmen sich bei verschiedenen Treffen demonstrativ.

In manchen Fragen sind sie gleicher Meinung, etwa in ihrer Ablehnung der Abtreibung. Doch wirtschafts- und sozialpolitisch haben sie völlig unterschiedliche Ansichten. Der Papst hält wenig von den massiven Einschnitten Mileis beim Sozialstaat und mahnt, es drohten Ausgrenzung der Armen und gesellschaftliche Konflikte.

Für seine Verhältnisse reagiert Milei auf solchen Tadel jedoch sehr gelassen. Man respektiere die Meinung des Papstes, müsse sie aber nicht teilen, lässt er seinen Sprecher ausrichten. Als Franziskus am 21. April 2025 stirbt, würdigt ihn Milei als «wichtigsten Argentinier in der Geschichte unseres Landes».

Eine freundliche Beziehung: Javier Milei besuchte den neuen Papst Leo XIV. schon kurz nach dessen Wahl im Jahr 2025.

Eine freundliche Beziehung: Javier Milei besuchte den neuen Papst Leo XIV. schon kurz nach dessen Wahl im Jahr 2025.

Mario Tomassetti / Vatican Media via Reuters

Mit dem Amerikaner Leo XIV. hat der argentinische Präsident bis jetzt ebenfalls einen freundlichen Umgang. Doch der ideologische Gegensatz bleibt, zumal auch Leo auf mehr soziale Gerechtigkeit pocht. Die argentinischen Bischöfe sind sogar zu wichtigen Exponenten der Opposition gegen Mileis Kahlschlagpolitik geworden.

Sie sprechen sich gegen die Kürzung von Sozialleistungen und Altersrenten aus und prangern Mileis harte Migrations- und Umweltpolitik an, ebenso seine verbalen Attacken auf Andersdenkende. Oft sind es die Kirchen, die mit ihren Sozialprogrammen den Ärmsten der Armen helfen, die vom Staat weniger Unterstützung bekommen.

So sind viele gespannt, ob Leo diesbezüglich klare Worte an Milei richten wird. Eine Entfremdung zwischen Kirche und Staat wäre in Argentinien jedenfalls nichts Neues, sondern die Fortschreibung einer wechselhaften Geschichte von Konflikten und Allianzen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Simon Hehli

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