Einst beschimpften die Basler die Chefs der «Grosschemie» als Mörder – heute bezahlen sie der Pharma Hunderte Millionen an Steuerfranken zurück
Nach dem Brand in Schweizerhalle brandete der chemischen Industrie jahrelang Ablehnung entgegen. Dann drehte der Wind. Ein Ereignis in der Grenzregion fuhr den Baslern in die Knochen.
31.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Die beiden Roche-Türme dominieren die Basler Skyline – egal, woher man sich der Stadt nähert.
KEYSTONE
Die beiden rund 200 Meter hohen Roche-Türme haben das Münster als prägnantestes Bauwerk der Basler Skyline schon vor Jahren verdrängt. Sie sind das Erste, das von Basel zu sehen ist, egal, aus welcher Himmelsrichtung man sich der Stadt nähert. Kein anderes Bauwerk verkörpert den Wandel der letzten vierzig Jahre augenscheinlicher: von einer Stadt, die die Industrie kritisch bis ablehnend sah, hin zu einer, die sich mit der Pharmabranche über das Wirtschaftliche hinaus identifiziert.
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Vor vierzig Jahren brandeten der «Grosschemie» in Basel offene Ablehnung und Wut entgegen. Am 1. November 1986 wurde die Bevölkerung durch Alarmsirenen aus dem Schlaf gerissen, nachdem in der Nacht ein randvoll mit Chemikalien gefülltes Sandoz-Lager bei Schweizerhalle Feuer gefangen hatte. Am Morgen liegt stechender Geruch über der Stadt, aus dem vergifteten und grellrot verfärbten Rhein werden tonnenweise tote Fische gezogen.
Die Abscheu kennt keine Grenzen. So gross ist der Druck, dass die Regierungen der beiden Basel und Sandoz Tage später ein Bürgerforum einberufen. Hunderte von Bürgerinnen und Bürgern versammeln sich. Doch nur wenige Tage nach dem Brand entlädt sich die Wut: Die Sandoz-Verantwortlichen werden mit «Mörder»-Rufen empfangen, nach anderthalb Stunden muss die Veranstaltung wegen tumultartiger Szenen abgebrochen werden.
Die Ciba-Geigy flieht nach Frankreich
Tatsächlich scheint der Brand von Schweizerhalle die Bestätigung dafür, dass Basel seinen Reichtum mit der Gefährdung seiner Existenz bezahlt. Die Katastrophe von Tschernobyl liegt nur Monate zurück, der Kampf gegen das AKW Kaiseraugst ist noch nicht abgeschlossen, und bereits zeichnet sich der nächste von Technologiekritik getriebene Konflikt ab. Die ablehnende Haltung herrscht keineswegs nur in radikalen Gruppen vor, sie beeinflusst jahrelang die Basler Politik.
So wird hier 1988 der «Basler Appell gegen Gentechnologie» gegründet, der sich direkt gegen die Pharma richtet. Gleichzeitig verzögern die Behörden ein Bewilligungsgesuch der Ciba-Geigy für ein Biotechnikum. Entnervt über die anhaltende Opposition beschliesst die Firma 1991 kurzerhand, das Werk auf französischem Boden zu errichten. Dass das Unternehmen sein umstrittenes Projekt nicht abbricht, sondern ins grenznahe Elsass ausweicht, führt zu neuer Empörung über die angebliche Arroganz der chemischen Industrie.
Doch gleichzeitig löst es einen gewaltigen Schock aus. Sofort wird klar, wie abhängig Basel von der Branche ist. Es ist ein Wendepunkt zu Beginn der Globalisierung. 1994 baut Roche nach der Übernahme der amerikanischen Syntex in Basel erstmals Hunderte Stellen ab. 1996 werden Ciba-Geigy und Sandoz zum globalen Giganten Novartis fusioniert. 1997 geht der Basler Bankverein in der UBS auf, womit Basel noch stärker auf Life-Sciences angewiesen ist.
Die SP sucht das Gespräch mit der Pharma
In dieser Phase sucht die Führung der SP nach Jahren der Eiszeit hinter den Kulissen zaghaft das Gespräch mit der «Chemischen». Das Klima beginnt sich zu bessern, der Blick auf die Branche verändert sich: Die Basler Regierung bezeichnet die Biotechnologie nun als «eine der weltweit bedeutendsten Zukunftstechnologien». 1994 fordert Mathias Feldges, der sozialdemokratische Wirtschaftsminister, Bundesrätin Ruth Dreifuss auf, die Anwendung der Gentechnologie in der Schweiz nach dem Vorbild des künftigen EU-Rechts zu erleichtern.
2004 erhält Basel-Stadt zum ersten Mal seit den 1950er Jahren eine rot-grüne Regierungsmehrheit. Auch sie pflegt die Zusammenarbeit intensiv: Die Bewilligungsverfahren werden angepasst, so dass ein Baugesuch von Roche für ein neues Biotech-Zentrum innert elf Wochen bewilligt werden kann. Mit Unterstützung des Kantons realisiert Novartis in Basels Westen den riesigen Campus, der rasch zum Vorzeigeprojekt der Architekturstadt wird. Und beim Bau des ersten Roche-Turms sorgt der sozialdemokratische Baudirektor Hans-Peter Wessels persönlich dafür, Widerstände zu überwinden.
Unter den SP-Finanzdirektorinnen Eva Herzog und Tanja Soland senkt Basel-Stadt ab 2008 schrittweise die Unternehmenssteuern. Nach der Annahme der Vorlage über die OECD-Mindeststeuer fliessen heute jedes Jahr mehrere hundert Millionen Franken zurück an die Unternehmen. Die SP ist der Pharmaindustrie inzwischen so freundlich gesinnt, dass sich Herzog von den Genossen aus der Berner Parteizentrale als Mediensprecherin von Roche und Novartis beschimpfen lassen musste.
Aus einer Chemiebrache wird ein neues Stadtquartier
Rund 80 Prozent der Einnahmen aus den Unternehmenssteuern und knapp 60 Prozent der kantonalen Wirtschaftsleistung sind heute im Kanton Basel-Stadt auf die grossen internationalen Unternehmen zurückzuführen. Ein grosser Teil der Arbeitsplätze ist von der Pharma abhängig. Der Kanton prosperiert, profitiert in Form eines attraktiven Stadt- und Kulturlebens und ist im Land zu einem der wenigen Geberkantone im Rahmen des Finanzausgleiches aufgestiegen.
So dominiert heute nicht mehr die Angst vor den Folgen einer mit Gefahren verbundenen Branche, sondern vor deren Verlagerung in andere Teile der Welt. Die USA setzen die Firmen mit ihrer Zollpolitik und mit ihrem Druck auf die Medikamentenpreise unter grossen Zugzwang. Die Basler Unternehmen bauen ihre Präsenz auf anderen Kontinenten mit gewaltigen Summen aus. 2025 erklärten Roche und Novartis, insgesamt 58 Milliarden Franken in den USA zu investieren.
Und doch hat die Angst vor einer neuen Chemiekatastrophe in Basel Spuren hinterlassen, die bis heute sichtbar geblieben sind. Als Folge des Brandes und im Zug der Globalisierung ist die Industrieproduktion aus Basel sukzessive verschwunden. Heute dominiert die Forschung. In der ganzen Stadt sind Fabrikgelände frei geworden.
Im Klybeck-Areal, wo die Herstellung von Farbstoffen, Medikamenten oder Düngemitteln bis vor wenigen Jahren regelmässig für Gestank sorgte, steht heute eine der grössten Industriebrachen im Land. Ein neuer Stadtteil ist hier auf der Fläche geplant, die fast viermal so gross ist wie die gesamte Europaallee. Bis 2050 sollen hier bis zu 16 000 Menschen wohnen und arbeiten.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Gerny
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