Einen Absacker auf Europa: Timothy Garton Ash ist besorgt wie noch nie – und erinnert uns an die eigene Geschichte
Der britische Starhistoriker widmet dem alten Kontinent eine populäre Erbauungsschrift. Sie kommt zum richtigen Zeitpunkt.
02.11.2026, 05.30 Uhr
7 Leseminuten
Kosmopolit, perfekt mehrsprachig, aber immer «very british»: Timothy Garton Ash.
Urs Bucher / CH Media
Was ist Europa? Nicht einmal geografisch lässt sich das genau sagen. Für den französischen Philosophen Paul Valéry war es nur «ein kleines Kap des asiatischen Kontinents», für Friedrich Nietzsche sogar nur ein Felsvorsprung. Dazu noch schwer zu erreichen: «Welche Telefonnummer hat Europa?», so spöttelte einst der amerikanische Aussenminister Henry Kissinger. Auch heute steht es wieder schlecht um das Selbstbewusstsein im Raum zwischen Lettland und Portugal, zwischen Finnland und Griechenland, gerade in dieser turbulenten Zeit, in der die alte Weltordnung zerbricht.
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Das weiss auch Timothy Garton Ash, der Mann, der über sich schon sagte: «Ich bin der europäischste Brite, den es gibt.»
Und dieser selbsternannte Supereuropäer und seit Jahrzehnten gefragte Grossintellektuelle bilanziert nun im Alter von 71 Jahren: «Ich habe mein Leben damit verbracht, Europa zu studieren, durch Europa zu reisen, seine enorme Vielfalt zu geniessen, an seinen Debatten teilzunehmen, über Europa zu schreiben und mir um Europa Sorgen zu machen. Aber noch nie war ich so besorgt wie jetzt.» Glaubt man Garton Ash, dann steht nicht weniger auf dem Spiel als die eigene Zukunft.
«Das Europa, das wir seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufgebaut haben, ist trotz seinen vielen Mängeln einer der attraktivsten Orte der Welt.» Doch jetzt sei «alles, was wir seit 1945 aufgebaut haben, existenziell bedroht». Von innen, aber auch von aussen: militärisch durch Russland, wirtschaftlich durch China, politisch durch Trumps Amerika.
Der Brite, in Akademia kurz «TGA» genannt, hat nun eine populäre wie kluge Einordnung der Geschichte, Kultur und Politik Europas geschrieben, adressiert besonders an die jüngere Generation, mitunter im Plauderton des Reisebegleiters: «Wie wär’s mit einem gemeinsamen Mittagessen?», fragt er den Leser gleich zu Beginn.
Es ist eine Art politische Erbauungsliteratur in schweren Zeiten, eine Liebeserklärung an Europa, ein Antidot gegen geschichtsvergessene EU-Verdrossene – aber sehr wohl mit kritischen Untertönen. «Es ist das Buch, das ich seit fünfzig Jahren schreiben wollte», sagte Timothy Garton Ash kürzlich in einem Interview. Was man wirklich über Europa wissen muss, auf weniger als 200 Seiten. Tatsächlich ist «Europa in 7½ Kapiteln» eine Synthese seines Schaffens – und zugleich der eigenen Lebensgeschichte.
Berater von Thatcher und Bush
1955 wurde er in London in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren, die schon viel von Europas zwiespältiger Vergangenheit erzählt: Die Mutter war in der britischen Kronkolonie Indien aufgewachsen, der Vater am D-Day mit der ersten Welle alliierter Truppen am Strand der Normandie gelandet, um gegen die Nazis zu kämpfen. Timothy Garton Ash studierte in Oxford Geschichte, begeisterte sich wegen Thomas Mann für Deutschland, ging 1978 für einige Jahre nach Berlin, um seine Doktorarbeit zu schreiben, verbrachte mehrere Monate auch im Osten der geteilten Stadt. Das Thema: der kommunistische Widerstand gegen Hitler.
Bald schien ihm aber der Fokus auf das Berlin unter Honecker dringlicher. Die Stasi verdächtigte ihn als britischen Spion, beschattete ihn – Deckname «Romeo» (weil er im blauen Alfa Romeo von West- nach Ostberlin übersiedelte) – und beschrieb ihn zutreffend als «bürgerlichen Liberalen».
Es war der Anfang von Garton Ashs Aufstieg zum berühmten «historian of the present» – dem Historiker der Gegenwart. Seither bewegt er sich geschmeidig zwischen Geschichtswissenschaft und Journalismus, kombiniert den neugierigen Blick des Reporters mit der Langzeitperspektive des Historikers. Was seit Thukydides und Tacitus als Königsweg galt, bis im 19. Jahrhundert die Augenzeugenschaft gegenüber der Archivarbeit an wissenschaftlichem Wert verlor.
Hinter dem Eisernen Vorhang knüpfte Garton Ash früh Kontakte mit Dissidenten und verfolgte die Umwälzungen in Mitteleuropa 1989 schliesslich an vorderster Front. Gelebte Zeitgeschichte: Bei ihm fand Wissenschaft nie im Elfenbeinturm statt. Mit dem Buch «Ein Jahrhundert wird abgewählt» wurde er zum Chronisten der Revolutionen im Ostblock, zu einem der international einflussreichsten Publizisten, zum Professor für europäische Studien in Oxford. Als ihn das Magazin «Time» 2005 zu einer der hundert wichtigsten Persönlichkeiten des Planeten kürte, schrieb der Historiker Niall Ferguson: «Die meisten historischen Werke verbringen ihr Leben in den Regalen. Doch die Art von Geschichte, die Garton Ash schreibt, findet sich auf den Tischen der Entscheidungsträger dieser Welt.»
Garton Ash sprach mit Kohl und Gorbatschow. Margaret Thatcher suchte seinen Rat zum wiedervereinigten Deutschland, George W. Bush liess sich von ihm vor einer Europareise den alten Kontinent erklären. Viktor Orban lernte er als feurigen Studentenführer kennen, der später bei ihm studierte – und sich nach der Wandlung zum illiberalen Demokraten persönlich bei ihm über seine öffentliche Kritik beschwerte.
Garton Ash ist ein Kosmopolit, perfekt mehrsprachig, aber immer «very british»: fein gewandet, ausnehmend höflich, mit trockenem Humor; Fakten sind ihm heilig, Kontroversen geht er kühl an. Selbstkritik ist ihm selbstverständlich: «Das zu sehen, was vor der eigenen Nase liegt, erfordert einen ständigen Kampf», so zitiert er gerne George Orwell, eines seiner Vorbilder. «Ich bemühe mich stets darum, genau, wahrhaftig und fair zu sein, erhebe aber nicht den Anspruch, erschöpfend, unparteiisch oder objektiv zu sein», heisst es in «Europa», seiner vor wenigen Jahren erschienenen persönlichen Geschichte des Kontinents vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum russischen Überfall auf die Ukraine.
Und nun kondensiert er Europa didaktisch in siebeneinhalb Kapitel. Oder wie es im englischen Original im Untertitel heisst: «Die kürzeste Einführung in den ältesten und neuesten Kontinent der Welt». Kann das gut gehen?
Prometheus der Welt
Timothy Garton Ash spannt auf originelle Weise die grossen Bögen, nicht ohne ab und zu Klischees und Kitsch des aufgeklärt-liberalen Milieus zu bemühen. Er zeigt, wie wenig selbstverständlich das vermeintlich Selbstverständliche ist: Das europäische Einigungs- und Friedensprojekt ist eine Geschichte des Unmöglichen, das dann doch geschehen ist. Aber sie ist auch nicht unumkehrbar.
Das Buch beginnt wie eine klassische Länderkunde mit der Geografie. Wer gehört wann überhaupt dazu? «Europa, der Gestaltwandler»: schon immer bestimmt durch die Vielfalt, die womöglich dazu geführt hat, dass die Europäer als Erste die anderen Kontinente erreichten und ausbeuteten. «Europa war der Prometheus der Welt», so Garton Ash, «im Guten wie im Schlechten».
Anhand von zehn wichtigen Elementen beschreibt er das historische Europa, in einer Art Periodensystem der Geschichte: angefangen mit «Ro» – für Rom und dessen Bedeutung für das Selbstverständnis des Kontinents – bis «In», das Individuum, das die Welt verändert, nicht nur in der Gestalt der «grossen Männer». Natürlich kommen auch die Ambivalenz der Kriege («Kr»), die Rolle des Christentums («Ch») sowie die Migration («Mi») zur Sprache. Die Perspektive der «longue durée», mit der Garton Ash auf Europa blickt, relativiert einiges, über das heute erbittert gestritten wird. Ohne dass er damit den rasanten Wandel kleinreden würde, der die Gesellschaften in den vergangenen Dekaden durchgeschüttelt hat, etwa durch die Einwanderung.
«Wie sollen wir Europäer mit dieser Geschichte umgehen, in der Zivilisation und Barbarei so eng miteinander verflochten sind?», fragt er im Kapitel über die «Kultur» des Kontinents. Und zitiert den Schweizer Literaturwissenschafter Jean Starobinski, der unmittelbar nach dem Grauen des Zweiten Weltkriegs schrieb, früher hätten die Europäer die Zivilisation am Massstab Europas gemessen, doch «heute ist es unabdingbar, Europa am Massstab der Zivilisation zu messen».
Mit Witz nähert sich Garton Ash dem imaginären Europa: Wieso beruft sich das Eliteeuropa so gern auf die Antike? Und warum wird in den Reden von Spitzenpolitikern wie auf den Euro-Banknoten auf eine mythische Prinzessin verwiesen, die von Zeus verschleppt und zur Sexarbeit gezwungen wurde? Bedenkenswert ist auch die Feststellung, dass nicht nur liberale Demokraten eine Idee von der europäischen Einigung gehabt hätten – sondern auch etwa die Nazis. Es kam zum Glück anders. «Die beiden wichtigsten historischen Katalysatoren dieses Prozesses waren Adolf Hitler und Josef Stalin», pointiert der Brite. Es folgte die «grosse Konvergenz» bis zur heutigen EU, beschleunigt nach 1989 und begleitet von Beethovens «Ode an die Freude» oder Toto Cutugnos Eurovisions-Siegersong von 1990: «Insieme, unite, unite, Europe!»
Doch Ende der nuller Jahre kamen die Krisen – Finanzkrise, Euro-Krise, Migrationskrise, Krieg in der Ukraine. Wohin geht die Reise?
Die neue Verheissung
Differenziert setzt sich Timothy Garton Ash mit Europa als «real existierendem politischem Gebilde» auseinander – und der Kritik daran: Bürokratisch, bürgerfern, langweilig sei Brüssel. Doch Gespräche seien immer besser als Kriege: «Wenn das bedeutet, dass Bürokraten unzählige Stunden lang in rauchfreien Räumen über winzige Details obskurer Vorschriften streiten, dann sei es so.» Vom finnischen Präsidenten Alexander Stubb stammt das EU-Bonmot: «Zuerst gibt es eine Krise, dann herrscht Chaos. Und am Ende kommt man zu einer suboptimalen Lösung.» Das sei eine seltsame Art, einen Kontinent zu regieren, kommentiert Garton Ash. «Aber noch hat niemand eine bessere gefunden.»
Optimisten betonen, die Europäer seien reicher, sicherer und freier als je zuvor. Das lässt sich mit allerlei statistischen Daten untermauern. Aber die Pessimisten haben starke Bilder: Europa als Mischung aus Freilichtmuseum und Altersheim, wirtschaftlich im Niedergang, ungeeignet und unfähig, sich zu verteidigen. Garton Ash führt diese negative Sicht auf den «Erinnerungsmotor» zurück, der ins Stottern geraten ist.
Jahrzehntelang war Europa eine Verheissung für die von Krieg, Faschismus und Kommunismus gebeutelten Menschen: «Wir waren an einem schlechten Ort. Wir wollen an einem besseren Ort sein. Und der heisst Europa», schreibt er. Doch diese Erinnerungskurve habe sich umgekehrt: «Es ging uns schon einmal besser. Heute geht es uns schlechter. Und wer ist schuld? Na ja, vielleicht Europa.» Der konkurrenzlose Liberalismus hat uns faul, selbstverliebt und übermütig gemacht.
Der Brite, der sich vehement gegen den Brexit eingesetzt hat, befürchtet, dass «das Europa des Antiliberalismus, des Nationalismus und der Desintegration» vermutlich die Oberhand gewinne. Doch als guter Historiker hält er sich mit Prognosen zurück, weiss, dass in der Geschichte alles möglich ist, ausser dem Tod zu entgehen.
Er sieht in Europa ein «riesiges ungenutztes Potenzial». Ein Wunder habe Europa nicht nötig, aber Entschlossenheit – und Hoffnung, wie es sein Freund Vaclav Havel einmal ausgedrückt hat: «Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.» Dafür muss der Erinnerungsmotor wieder angeworfen werden. Auch mit diesem Buch.
Timothy Garton Ash. Europa in 7½ Kapiteln. Hanser-Verlag, München 2026. 192 S., Fr. 28.90.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Marc Tribelhorn
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