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Eine Russische Aktivistengruppen bekennen sich zum Cyberangriff auf Kühlregale in Europa. Doch stimmt das?
In Hunderten Supermärkten sind Lebensmittel verdorben, weil Hacker die Kühlsysteme manipuliert haben. Jetzt gibt es Hinweise auf russische Täter. Das Vorgehen würde zur langsamen Eskalation passen.
05.11.2026, 16.55 Uhr
4 Leseminuten
Hacker haben die Temperatur in Kühlregalen manipuliert, so dass Lebensmittel in grossem Umfang verdorben sind: ein betroffener Supermarkt am Montag in Stockholm.
TT News Agency / Keystone
Ziel des Angriffs waren Dutzende von Supermärkten in Europa. In der Nacht auf Montag stellten Hacker die Steuerung der Kühlregale so ein, dass die Temperatur auf bis zu 50 Grad stieg. Die Lebensmittel mussten entsorgt werden. Ebenfalls betroffen von der Angriffswelle waren drei Standorte des französischen Blutspendedienstes EFS. Die Manipulation wurde aber offenbar rechtzeitig erkannt.
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Nun behaupten angebliche russische Internetaktivisten auf Telegram, für den Cyberangriff verantwortlich zu sein. Die Gruppe NoName057 hat am Dienstagabend ein dramatisches KI-generiertes Video von der «Operation Danfoss» gepostet. Danfoss ist einer der Hersteller von Kühlgeräten, die vom Angriff betroffen sind. NoName057 soll den Angriff zusammen mit der Gruppe Z-Pentest Alliance durchgeführt haben. Beide Gruppen haben mutmasslich Verbindungen zum russischen Staat.
Bereits drei Wochen zuvor gab es eine ähnliche Angriffswelle, von der rund 700 Supermärkte in Frankreich betroffen waren. Damals gab es keine Hinweise auf die mögliche Täterschaft. Auch die Behörden äusserten sich nicht zu möglichen Spuren.
Ob hinter der Angriffswelle auf Kühlregale tatsächlich diese russischen Gruppen stehen, ist allerdings fraglich. Es erscheint unüblich, dass NoName057 das Bekennervideo erst am Dienstagabend auf Telegram publiziert hat. Bei früheren Aktivitäten hat die Gruppe die Angriffe jeweils rasch für sich reklamiert.
Denn NoName057 und Z-Pentest Alliance gehören zum Kreis jener Gruppen, die sich im Internet als patriotische Hacker ausgeben und ihre Aktionen als Teil des russischen Kampfes gegen den Westen inszenieren. Dazu gehören das öffentliche Bekenntnis und die übertriebene Darstellung, um die Angriffe schlimmer erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich waren.
Vermehrt Angriffe auf industrielle Steuerungssysteme
Die Gruppe NoName057 machte lange mit sogenannten DDoS-Attacken in ganz Europa auf sich aufmerksam. Dabei sorgt eine riesige Zahl von Internetanfragen dafür, dass Server ausfallen und Websites vorübergehend nicht erreichbar sind. NoName057 wollte mit diesen eher harmlosen Angriffen, die während des WEF oder der Ukraine-Konferenz auch die Schweiz trafen, Angst verbreiten.
Die Angriffe auf Kühlsysteme funktionieren technisch anders. Trotzdem kommen die beiden Gruppen aufgrund ihrer Fähigkeiten durchaus als Täterschaft infrage. So geht die französische Cybersicherheitsbehörde bei der Angriffswelle vor drei Wochen nicht davon aus, dass Sicherheitslücken in den Systemen entscheidend waren. Vielmehr scheinen die Angreifer etwa mittels schwacher Passwörter auf die Steuerungsplattform zugegriffen zu haben, die direkt mit dem Internet verbunden war.
IT-Systeme zur Steuerung von industriellen Anlagen, zu denen solche Kühlsysteme gehören, sind gar das bevorzugte Ziel der Gruppe Z-Pentest Alliance. Das Vorgehen ist dabei ähnlich wie bei NoName057: Die Gruppe publiziert ebenfalls Bildschirmaufnahmen von ihren Angriffen, um damit Angst und Unsicherheit zu schüren. Allerdings sind die Angriffe deutlich gefährlicher, weil sie zu Ausfällen etwa bei der Strom- oder der Wasserversorgung führen können.
Beide angeblichen Aktivistengruppen scheinen ihre Ziele eher opportunistisch auszuwählen und nur jene Systeme anzugreifen, die schlecht geschützt sind. Dieses Vorgehen würde auf die zweite Angriffswelle in Europa zutreffen, die anscheinend wahllos Supermärkte in verschiedensten Ländern getroffen hat.
Das war bei den Angriffen in Frankreich nicht der Fall. Dort scheinen die Täter bewusst die grossen Supermarktketten ins Visier genommen zu haben. Zudem gab es in den Tagen danach keinerlei öffentliche Bekennermitteilungen, was gegen die beiden Gruppen spricht. Es könnte sich auch um verschiedene Täterschaften gehandelt haben.
Der Kreml könnte die Tat abstreiten wollen
Kühlregale sind nicht das erste Mal Ziel von Hackerangriffen. Bereits von 2022 sind Fälle dokumentiert. Damals wurden mindestens sechzehn Supermärkte in Russland angegriffen, möglicherweise von proukrainischen Hackern. In Israel wurden die Kühlregale von mindestens vierzig Läden gehackt, wobei eine Verbindung zu iranischen Gruppen nicht auszuschliessen ist.
In den USA hat die Gruppe Cyber Army of Russia Reborn, die wiederum Verbindungen zur Z-Pentest Alliance hat, Ende 2024 einen Fleischverarbeitungsbetrieb in Los Angeles angegriffen. In der Folge trat das schädliche Gas Ammoniak aus, worauf Fleisch verdarb.
Die Beispiele zeigen, dass verschiedene Akteure bereits Kühlsysteme angegriffen haben. Für die Angriffswellen in Europa bedeutet dies, dass auch weitere Gruppen, zum Beispiel mit Verbindungen zu Iran, nicht auszuschliessen sind. Allerdings stehen politische Motive im Vordergrund. Denn wie diese Cyberangriffe kriminellen Banden einen finanziellen Vorteil bringen sollten, ist nicht ersichtlich.
Dass Russland hinter den Angriffswellen in Europa steht, erscheint grundsätzlich plausibel. Die Attacken passen zur Charakteristik der hybriden Kriegsführung, die der Kreml gegen den Westen anwendet. In den vergangenen Monaten hat sich die Eskalation verschärft. Bereits Ende 2025 zeigte das russische Regime mit dem Angriff auf das polnische Stromnetz, dass es vor disruptiven Aktionen nicht mehr zurückschreckt.
Doch die Erklärung mit den prorussischen Internetaktivisten bleibt rätselhaft. Wenn es nicht diese Gruppen waren, könnte das bedeuten, dass der russische Militärgeheimdienst GRU direkt dahintersteht. Das Bekennerschreiben der Gruppen wäre dann nur vorgeschoben, um die Tat abstreiten zu können. Das ist insofern möglich, als die amerikanischen Behörden und IT-Sicherheitsfirmen direkte Verbindungen der Z-Pentest Alliance zum GRU sehen. Das würde bedeuten, dass es künftig vermehrt Cyberangriffe geben könnte, die Störungen im Alltag verursachen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Lukas Mäder
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