Eine Hobbysportlerin läuft 80 Kilometer pro Woche. Ihre Periode bleibt jahrelang aus
Sie erholen sich kaum und essen zu wenig: Viele ambitionierte Freizeitsportlerinnen leiden unter Zyklusstörungen. Dennoch ist die Annahme falsch, Frauen seien weniger belastbar.
04.11.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Je mehr man trainiert, desto wichtiger werden die Erholung und die Ernährung. Sonst droht ein Energiedefizit.
Imago
Als ihre Periode ein halbes Jahr lang ausbleibt, beginnt Melanie Weilenmann sich Sorgen zu machen. Im Dezember hat sie die Pille abgesetzt. Seither wartet sie darauf, dass die Blutung wieder einsetzt. Insgeheim fragt sie sich: Liegt es an den vielen Laufkilometern?
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Weilenmann, 28 Jahre alt, ist eine ehrgeizige Hobbyläuferin aus dem Zürcher Weinland. Sie hat Normalgewicht und wirkt gesund. Doch innerlich steht sie unter Stress. Sie trainiert oft und hart, gönnt sich kaum Pausen, studiert nebenbei Pflegewissenschaften.
Sie vereinbart einen Termin bei ihrer Frauenärztin. Dort berichtet sie, dass sie viel laufe: bis zu 80 Kilometer pro Woche. Die Ärztin geht nicht darauf ein. Stattdessen schlägt sie vor, die Periode mit Hormonen auszulösen. Weilenmann lehnt ab.
Das Training geht auf Kosten der Erholung
Melanie Weilenmann
PD
Heute ist Melanie Weilenmann 35 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern. Sie bietet Laufberatungen speziell für Frauen an. Auf ihrem Blog berichtet sie auch über ihre Erfahrungen mit der ausgebliebenen Periode. Sie sagt: «Als ich anfing, offen darüber zu reden, meldeten sich viele Frauen, denen es ähnlich geht.»
Sibylle Matter Brügger kennt Fälle wie den von Weilenmann gut. Die Nidwaldnerin ist ehemalige Profi-Triathletin und Sportärztin. Fast jede Woche kommen Athletinnen in ihre Sprechstunde, deren Periode ausbleibt. Häufig sind es Ausdauersportlerinnen. Aber auch Frauen in Disziplinen wie Eiskunstlauf oder im Judo, also in Sportarten, in denen das Gewicht eine Rolle spielt.
Das Bewusstsein für Zyklusstörungen bei Sportlerinnen sei gewachsen, sagt Matter Brügger. Sie begrüsst das. Ein niedriger Östrogenspiegel schadet unter anderem der Knochendichte. Ermüdungsbrüche und ein erhöhtes Risiko für Osteoporose können die Folge sein.
Bleibt bei Sportlerinnen die Periode aus, steckt oft eine sportassoziierte Amenorrhö dahinter: das Ausbleiben der Periode aufgrund intensiver körperlicher Aktivität. Die Frauen essen im Verhältnis zu ihrem Training zu wenig; der Energieverbrauch übersteigt dauerhaft die Energieaufnahme. Meist kommen hohe Trainingsbelastung und fehlende Erholung hinzu.
Leistungssportlerinnen leiden überdurchschnittlich oft unter ausbleibender Periode, wie zahlreiche Studien belegen. Eine Untersuchung in Deutschland stellte bei acht Prozent der untersuchten Spitzensportlerinnen eine sekundäre Amenorrhö fest. Wie häufig diese im Hobbysport auftritt, ist kaum erforscht. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie weist warnend darauf hin, dass zunehmend auch ambitionierte Freizeitsportlerinnen betroffen seien.
Während Profisportlerinnen gut betreut und überwacht werden, fehlen Hobbysportlerinnen wie Weilenmann die professionelle Unterstützung – und oft auch die Zeit. Einige trainieren gleich viel wie Profis, achten aber kaum auf Ernährung und Erholung.
«Je mehr Hobbysportlerinnen trainieren, desto weniger Zeit für die Erholung haben sie», sagt Matter Brügger. «Dabei müsste es umgekehrt sein.»
Die Pille maskiert das Problem
Weilenmann, die zweimal einen Marathon unter drei Stunden lief, zwängte ihr Training in einen vollen Alltag. Das Bedürfnis nach Regeneration stellte sie hintan. Sie sagt: «Ich habe meinem Körper auf Dauer mehr zugemutet, als ihm guttat.»
Mit achtzehn entdeckte sie ihr Talent und ihre Freude am Ausdauersport. Auf Anhieb lief sie einen Halbmarathon in 1:45 Stunden. Sie trat einem Laufverein bei, wo sie sich mit den schnellsten Männern mass.
Weilenmann folgte den Tipps, die sie im Internet oder in Büchern fand. Zeitweise reduzierte sie Kohlenhydrate, um sie vor Wettkämpfen wieder zuzuführen. Am Wochenende lief sie im Training manchmal 25 Kilometer, ohne vorher zu essen. Pro Woche trainierte sie fünf- bis sechsmal, selbst wenn sie sich erschöpft fühlte. Unter zehn Kilometern lief sie nicht los.
Weilenmann ernährte sich zwar gesund und ausgewogen, unterschätzte aber den Energiebedarf des Trainings. Sibylle Matter Brügger rät, bei Belastungen über einer Stunde stündlich 40 bis 80 Gramm Kohlenhydrate aufzunehmen – «eine sehr hohe Menge», wie sie sagt. Wichtig sei es ausserdem, direkt nach dem Training etwas zu essen. Vom Nüchterntraining rät sie grundsätzlich ab.
Weilenmann schlitterte in ein Energiedefizit. Mit der Zeit fühlte sie sich angespannt, gereizt und nervös. Ihre Haut war trocken, sie hatte Verdauungsprobleme, schlief schlecht. Und verlor die Freude an Wettkämpfen.
Ein anhaltendes Energiedefizit kann im «Relativen Energiedefizit-Syndrom» (RED-S) münden, das Frauen und Männer betrifft. Der Hormonhaushalt gerät aus dem Gleichgewicht, die Verdauung bereitet Probleme, das Verletzungsrisiko steigt, depressive Symptome können auftreten. Der Körper drosselt Funktionen, die er nicht als lebensnotwendig einstuft – darunter auch den Menstruationszyklus.
Weilenmann sagt: «Ich wusste damals durchaus von RED-S, hätte aber nie gedacht, dass es mich betreffen könnte.» Sie war überzeugt, genug zu essen, und hielt ihren Zyklus für gesund, weil die Pille einmal im Monat eine Abbruchblutung auslöste. Doch die Beschwerden traten trotzdem auf – die Hormone der Pille wirken anders als das körpereigene Östrogen. Die Folgen des Energiemangels werden dadurch nicht behoben.
Mit dem Körper arbeiten statt gegen ihn
Als Weilenmann die Pille absetzte und ihre Blutung monatelang ausblieb, wurde ihr klar, dass etwas nicht stimmt. Mit der Pandemie fielen Laufveranstaltungen aus. «Das war mein Glück», sagt sie.
Weilenmann las Studien und Bücher darüber, wie sie ihre Periode zurückbekommt. Sie reduzierte ihr Training, liess harte Einheiten und Nüchternläufe weg und achtete darauf, direkt nach dem Training zu essen. Sie beschäftigte sich mit den Besonderheiten des weiblichen Körpers und dem Menstruationszyklus. Einmal im Monat legte sie eine «Ruhewoche» ein mit weniger Sport, Verabredungen und sozialen Verpflichtungen.
Sie beschreibt die Zeit rückblickend als schmerzhaft: «Ich hatte mich jahrelang darüber identifiziert, eine gute Läuferin zu sein. Es war, als würde alles zusammenbrechen.» Das Aushalten zahlte sich für sie aus. Nach über zwei Jahren setzte im Januar 2021 die Periode wieder ein. Kurz darauf wurde Weilenmann schwanger.
Der Weg zurück zu einem gesunden Zyklus sei individuell und brauche Zeit, sagt Sibylle Matter Brügger. Mehr Erholung und eine angepasste Ernährung seien dabei zentral. Dass Frauen weniger belastbar seien als Männer, sei ein Vorurteil, sagt sie: «Wenn eine Frau ihren Körper kennt, mit ihm arbeitet statt gegen ihn, sind extreme Belastungen möglich.»
In den letzten Jahren hat sich Melanie Weilenmann damit beschäftigt, wie Hormone und die Lebensphasen einer Frau Training, Ernährung und Regeneration beeinflussen. Sie sagt: «Frauen müssen nicht weniger leisten, sondern lernen, ihre Physiologie besser zu verstehen und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen.»
Anfang des Jahres kam ihre zweite Tochter zur Welt. Nach der Rückbildungsphase tastet sie sich nun wieder ans Laufen heran. Mal sind es zwei Kilometer mit der Tochter im Jogging-Kinderwagen, mal fünf. Momentan trainiert sie auf kein Ziel hin. Sie treibt Sport, weil er ihr guttut.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Ines Häfliger
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira