Ein Schnäppchen mit Risiken: Autoneum übernimmt angeschlagenen Zulieferer

Der Zukauf der Trèves-Gruppe steigert den Umsatz des Winterthurer Autozulieferers um einen Drittel. Doch die Übernahme wird nur dann zum Erfolg, wenn beide Unternehmen nun kräftig sparen.

02.11.2026, 16.37 Uhr

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Im Werk in Sevelen (SG) produziert Autoneum Lärmschutzverkleidungen für Autos.

Im Werk in Sevelen (SG) produziert Autoneum Lärmschutzverkleidungen für Autos.

Gaëtan Bally / Keystone

Autoneum lässt sich von der Krise in Europas Autoindustrie nicht beirren. Vor drei Jahren übernahm der Winterthurer Autozulieferer einen insolventen deutschen Konkurrenten, 2025 folgten zwei chinesische Zulieferfirmen. Am Montag hat der Konzern nun einen weiteren Kauf angekündigt. Diesmal ist das Übernahmeziel die französische Trèves-Gruppe.

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Der Zulieferer mit Sitz im Grossraum Paris beschäftigt mehr als 4600 Mitarbeiter und erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von rund 720 Millionen Euro. Autoneum seinerseits machte 2025 einen Umsatz von knapp 2,3 Milliarden Franken. Mit dem Zukauf würde der Konzern seinen Jahresumsatz rechnerisch auf einen Schlag um rund einen Drittel steigern. Der Abschluss der Übernahme ist für das erste Quartal 2027 geplant.

Autoneum setzt auf Synergien

Die Trèves-Gruppe hat 26 Produktionsstandorte in 15 Ländern. Sie beliefert zahlreiche internationale Automobilhersteller mit Komponenten für die Schall- und Wärmedämmung. Dazu gehören etwa Bodenbeläge, Verkleidungen und Isolationsmaterialien. Damit ist Trèves weitgehend in denselben Geschäftsfeldern tätig wie Autoneum.

Doch genau in diesem Punkt liegt der Vorteil des Deals, wie der Autoneum-Chef Eelco Spoelder am Montag an einer Telefonkonferenz darlegte. Dank der ähnlichen Ausrichtung ergebe sich ein hohes Synergiepotenzial. Autoneum verspricht ab 2029 jährliche Einsparungen von mehr als 50 Millionen Franken. Um diese zu erreichen, rechnet der Konzern allerdings zunächst mit Restrukturierungskosten von rund 60 Millionen Franken.

Eelco Spoelder, CEO Autoneum

Eelco Spoelder, CEO Autoneum

PD

Die Einsparungen sollen aus mehreren Bereichen stammen. Weil Autoneum nach der Übernahme des französischen Konzerns bei den Lieferanten grössere Mengen bestellen kann, sollen die Materialkosten dank der grösseren Verhandlungsmacht sinken. Trèves kauft zudem viele Vorprodukte extern ein, während Autoneum einen hohen Anteil selber herstellt. Ein Ziel der Übernahme ist es, die entsprechende Produktion bei Autoneum besser auszulasten.

Einsparungen verspricht sich Autoneum schliesslich durch den Abbau von Doppelspurigkeiten in der Verwaltung und durch die Zusammenlegung von Produktionsstandorten. Wie viele Werke und Arbeitsplätze betroffen sein werden, liess Spoelder offen. Für das Autoneum-Werk in Sevelen im St. Galler Rheintal erwartet er keine direkten Auswirkungen.

Bei Trèves steht die Konsultation der Arbeitnehmervertreter allerdings erst noch an. Autoneum scheint sich aber keine allzu grossen Sorgen wegen möglicher Widerstände zu machen. Das Unternehmen hat in den vergangenen drei Jahren bereits Restrukturierungen in Frankreich, Grossbritannien, Deutschland und Tschechien umgesetzt – laut Spoelder weitgehend reibungslos.

Neben Frankreich ist Trèves unter anderem in Spanien, Portugal, Italien, Österreich und Grossbritannien tätig, ebenso in osteuropäischen Ländern wie Tschechien, der Slowakei und Rumänien. Hinzu kommen Werke in den USA, Mexiko und Brasilien sowie in China. Die wichtigsten Absatzmärkte sind Europa und Nordamerika. Zu den Kunden gehören zahlreiche internationale Automobilhersteller, darunter Renault, Peugeot, Volkswagen, BMW, Ford und Toyota.

Preis erscheint tief

Der Kaufpreis beträgt maximal 64 Millionen Euro und erscheint angesichts des Umsatzes der Trèves-Gruppe als tief. Das sorgte an der Telefonkonferenz unter Finanzexperten für Verwunderung. Wo denn der Haken liege, wollte ein Analyst von Autoneum-Chef Spoelder wissen. Es gebe keinen, antwortete dieser.

Laut Spoelder befindet sich Trèves nicht in einer finanziellen Notlage. Das Unternehmen sei vor Zinsen und Finanzierungskosten profitabel und habe seine Finanzierung gesichert. Allerdings liege die Gewinnmarge deutlich unter jener von Autoneum. Spoelder ist überzeugt, dass Trèves dank den geplanten Einsparungen bis 2029 mindestens auf das Rentabilitätsniveau des Winterthurer Konzerns gebracht werden kann.

Ein Blick in die veröffentlichten Geschäftszahlen zeigt allerdings, dass Trèves mit finanziellen Schwierigkeiten kämpft. Laut dem Konzernabschluss entstand 2025 unter dem Strich ein Reinverlust von 12,5 Millionen Euro – eine Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr.

Eine Sprecherin von Autoneum sagt auf Anfrage, das negative Konzernergebnis sei wesentlich durch Restrukturierungsaufwendungen und die Zinsbelastung aus bestehenden Finanzverbindlichkeiten geprägt. «Es spiegelt daher nicht allein die operative Entwicklung wider.» Autoneum habe die Finanzzahlen und die wirtschaftliche Situation des Unternehmens eingehend geprüft.

Die Übernahme ist für beide Unternehmen eine Flucht nach vorne. Laut Autoneum-Chef Spoelder ist eine weitere Konsolidierung in der europäischen Zuliefererbranche ohnehin unausweichlich. Zwar rechnet Autoneum damit, dass die weltweiten Autoverkäufe in den kommenden Jahren nach einer langen Stagnationsphase wieder anziehen und um durchschnittlich ein Prozent jährlich zulegen werden. Doch ein solches Wachstum sei gar nicht nötig, um die Übernahme zum Erfolg zu machen, sagte Spoelder: Die geplanten Einsparungen liessen sich auch erzielen, wenn die Verkäufe entgegen der Prognosen nicht anziehen.

Die Reaktionen der Börse auf den geplanten Zukauf waren am Montag jedenfalls positiv. Der Aktienkurs von Autoneum legte zeitweise um rund sieben Prozent zu. Allerdings notieren die Papiere noch immer 23 Prozent tiefer als zu Anfang Jahr.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jürg Meier

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