Ein schmutziger Wahlkampf eskaliert weiter: In Ohio hält Vivek Ramaswamy an einem kontroversen TV-Spot fest
Der republikanische Gouverneurskandidat und Trump-Vertraute spannt die Mutter seiner Gegnerin Amy Acton ein, um die Demokratin der notorischen Lüge zu überführen. Die attackierte Acton weist die Vorwürfe zurück. Hinter allem steckt eine tragische Familiengeschichte.
Renzo Ruf, Washington23.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Der Republikaner Vivek Ramaswamy greift seine demokratische Konkurrentin Amy Acton mit einem umstrittenen Fernsehspot an.
Mark Schiefelbein / AP
Mit einem negativen Fernsehspot bringt der republikanische Gouverneurskandidat Vivek Ramaswamy im Gliedstaat Ohio sogar seine Parteifreunde gegen sich auf. Zuletzt sagte am Donnerstag der abtretende Gouverneur Mike DeWine: «Es ist falsch, diese Werbesendung zu schalten.» Zuvor war auch der republikanische Senator Jon Husted, der am 3. November wiedergewählt werden möchte, auf Distanz zu Ramaswamys Attacke gegangen.
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Der entsprechende Spot ist 60 Sekunden lang und wurde am Montag veröffentlicht. Er zeigt Donna Arthur — die Mutter von Amy Acton, der demokratischen Anwärterin für den Gouverneursposten. Die Frau sagt, ihren Blick direkt in die Kamera gerichtet: «Amy hat ein ernsthaftes Problem. Sie ist eine Lügnerin, und sie lügt über ihre Vergangenheit.» So stimme es nicht, dass ihre Tochter jemals obdachlos war.
Amy brauche Hilfe, sagt ihre Mutter. Wenn Amy Acton aber selbst Unterstützung benötige, könne sie der Bevölkerung von Ohio nicht beistehen. Unterlegt ist der Spot mit wenig schmeichelhaften Bildern von Acton, einer Ärztin, die in der Regierung von DeWine von 2019 bis 2020 als Gesundheitsdirektorin gewirkt hatte.
#OHPol: "My name is Donna Arthur, and I am Amy Acton's mother ... I love my daughter, but when I saw her lying about her opponent, it's not easy for a mother to say this, but Amy has a serious problem. She is a liar."
Vivek Ramaswamy and Rob McColley are up with this new #OHGov… pic.twitter.com/HhSDzwagpW
— AdImpact Politics (@AdImpact_Pol) October 22, 2026
Mutter von Amy Acton liess sie in Ohio zurück
Auf den ersten Blick sind das niederschmetternde Aussagen, die einem Wahlkampf den Todesstoss versetzen können. Acton allerdings war vorbereitet. Sie nannte den Werbespot in einer ersten Reaktion «ekelhaft» und veröffentlichte umgehend ein Video ihres Bruders Philip Stearns. Darin wies er die Vorwürfe der gemeinsamen Mutter scharf zurück. Er und seine Schwester hätten jahrelang in unstabilen Familienverhältnissen gelebt und seien missbraucht worden, sagte Stearns.
Auch publizierten Actons politische Verbündete Gerichtsakten, die Einblick in eine tragische Familiengeschichte geben. Laut diesen Unterlagen soll Amy Acton im Alter von neun bis zwölf Jahren von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht worden sein. Als sich die Behörden endlich einschalteten und den (inzwischen verstorbenen) Mann im September 1978 anklagten, flüchtete er zusammen mit seiner Gattin Donna Arthur in den benachbarten Gliedstaat Pennsylvania. Die beiden Kinder, Amy und Philip, liess das Paar in Ohio zurück.
Amy Acton sagte vor einigen Jahren, dass sie den Kontakt mit ihrer Mutter im Herbst 1978 abgebrochen habe. Das letzte Mal habe sie ihr während einer Anhörung vor Gericht einen Kuss geben wollen, aber Donna Arthur habe ihre Wange abgedreht.
Das war alles bereits bekannt, weil Acton nach ihrer überraschenden Berufung zur Gesundheitsdirektorin auch über ihre Biografie sprach. Schon damals widerlegten lokale Medien die Behauptungen von Donna Arthur, ihre Tochter sei eine Lügnerin. Dennoch entschied sich Ramaswamy in den vergangenen Tagen, Actons Mutter nochmals eine Plattform zu geben.
Dies hat wohl auch damit zu tun, dass frühere «attack ads» gegen Acton ihr Ziel nicht erreichten. In den Meinungsumfragen liegt die Demokratin derzeit vor Ramaswamy, obwohl er die 60-Jährige in den vergangenen Wochen mit einer gewissen Regelmässigkeit als gewalttätige Alkoholikerin beschimpfte. Acton wiederum bezeichnete den 41 Jahre alten Biotech-Unternehmer, der sich 2024 erfolglos um die Nomination zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten beworben hatte, als Scharlatan. Die «New York Times» stufte die Kampagne in Ohio wegen dieser gegenseitigen Angriffe vor einigen Wochen als «die schmutzigste» im ganzen Land ein.
Die Einschätzung der Zeitung mag übertrieben klingen. Es stimmt aber, dass Sachthemen in diesem Wahlkampf keine allzu grosse Rolle spielen. Ebenso stimmt es, dass Ramaswamy mit schlechten Sympathiewerten kämpft. Dem Multimilliardär scheint es schwerzufallen, den Vorwurf zu entkräften, er habe keine Ahnung von den Alltagsproblemen der Menschen in seinem Heimatstaat. Zudem sieht sich der gläubige Hindu, dessen Eltern in Indien geboren wurden, gemäss Medienberichten mit rassistisch motivierten Vorbehalten konfrontiert.
Vance verteidigt Ramaswamy
Unabhängige Beobachter sehen die Ursachen für die vergleichsweise schlechten Umfragewerte Ramaswamys allerdings woanders. Ihrer Ansicht nach sind die Probleme des Republikaners hausgemacht. «Er ist schlicht kein guter Kandidat», sagte kürzlich der Politologe Kyle Kondik von der University of Virginia an einer Veranstaltung.
Bereits vor der Veröffentlichung des TV-Spots mit der Mutter von Acton gab Kondik deshalb der Demokratin die leicht besseren Chancen, das Rennen zu gewinnen — obwohl der einstige «Swing State» Ohio in den vergangenen Jahren nach rechts gerückt ist. In einem Newsletter schreibt der Politologe aus Ohio nun: «Damit die Demokraten in Ohio gewinnen können, muss für sie vieles richtig laufen. Und es scheint, als liefe tatsächlich vieles richtig.»
Andere Stimmen äusserten sich weniger diplomatisch. So sagte der ehemalige republikanische Senatskandidat Jim Renacci: «Jeder Republikaner, der es versäumt, sich von diesem TV-Spot zu distanzieren, läuft Gefahr, ebenfalls in Bedrängnis zu geraten.»
Gelassen zeigte sich hingegen der amerikanische Vizepräsident. «Politik ist ein hartes Geschäft», sagte J. D. Vance am Mittwoch, als er in Ohio zu Besuch war. Und seinen republikanischen Parteikollegen, die Ramaswamys Werbespot kritisierten, rief er zu: «Hört auf zu jammern!»
Auch der Präsident selbst wies die Kritik an der Reklame zurück. Im Weissen Haus warf Donald Trump den Medien vor, sie versuchten Amy Acton zu helfen, die Wahl gegen den Republikaner zu gewinnen. Ramaswamy geniesse weiterhin sein Vertrauen, schrieb er zudem auf seinem Kurznachrichtendienst Truth Social, weil er brillant sei und ein «herausragender Mensch».
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Renzo Ruf
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