Ein Revolutionär im Dior-Anzug: Der Multimillionär Matthieu Pigasse will Frankreich nach ganz links rücken

Matthieu Pigasse machte sich einen Namen, indem er finanziell angeschlagene Staaten bei der Umschuldung beriet. Nun unterstützt der Investmentbanker ausgerechnet den linksradikalen Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon. Warum?

06.11.2026, 10.39 Uhr

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Der Multimillionär Matthieu Pigasse vor einer Anhörung zum öffentlichrechtlichen Rundfunk in Paris im April.

Der Multimillionär Matthieu Pigasse vor einer Anhörung zum öffentlichrechtlichen Rundfunk in Paris im April.

Sarah Meyssonnier / Reuters

Matthieu Pigasse redet leidenschaftlich über das Geld der anderen. Über die wachsende Ungleichheit in Frankreich, die Gier der Milliardäre und die Ungerechtigkeit eines Wirtschaftssystems, das die Reichen immer reicher mache. Als ihn der Fernsehmoderator Darius Rochebin kürzlich fragte, wie viel er selbst besitze, geriet der Investmentbanker allerdings ins Stocken. Mehr als hundert Millionen Euro, sagte er zunächst. Rochebin liess nicht locker. Hundert Millionen seien schliesslich etwas anderes als zweihundert Millionen. Wie hoch sein Vermögen genau sei, fragte er. «Einige hundert Millionen Euro», räumte Pigasse ein und wechselte dann das Thema.

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Die Szene spielt sich Ende Oktober beim Nachrichtensender LCI ab. Pigasse ist derzeit ein gefragter Gesprächspartner, seit er sich als Unterstützer des linken Präsidentschaftskandidaten und Frontmanns der Partei La France insoumise (LFI), Jean-Luc Mélenchon, zu erkennen gegeben hat. Rochebin wollte wissen, warum sein Studiogast Sympathien für die radikale Linke hege und was er von den jüngsten Ausschreitungen auf französischen Strassen halte.

Ein französisches Kuriosum

Er sei natürlich schockiert gewesen über die Plünderungen, antwortete Pigasse. Doch genauso erschüttere ihn die «soziale Gewalt», unter der viele Franzosen litten. Die Anliegen der Demonstranten seien berechtigt, die Ungleichheit sei eine «Bombe im Herzen der französischen Gesellschaft». Das Land befinde sich in einer «vorrevolutionären Situation». Und Mélenchon? Dem traue er zu, die Krise zu lösen, sagte Pigasse. Voraussetzung für einen Sieg bei der Präsidentschaftswahl sei allerdings, dass es dem LFI-Anführer gelinge, die Linke hinter sich zu vereinen.

Matthieu Pigasse, 58 Jahre alt, ist ein französisches Kuriosum. Als Leiter des Pariser Büros der amerikanischen Investmentbank Centerview berät der Multimillionär Konzerne wie L’Oréal und Thales bei Übernahmen und Beteiligungsgeschäften. International bekannt wurde er bei seinem früheren Arbeitgeber Lazard, wo er unter anderem die Regierungen Argentiniens und Griechenlands bei der Umschuldung ihrer Staatsschulden beriet. Zuletzt sicherte er Centerview einen ähnlichen Auftrag in Venezuela. Mit Delcy Rodríguez, der geschäftsführenden Präsidentin des Landes, ist er seit Jahren persönlich bekannt.

Doch zugleich kokettiert Pigasse mit seinem Image als «roter Banker». Dem Moderator Rochebin erzählte er von seiner Kindheit in Regnéville-sur-Mer, einem Dorf an der normannischen Küste. Sein Vater arbeitete für eine Regionalzeitung und war überzeugter Linker. Als der Sozialist François Mitterrand 1981 die Präsidentschaftswahl gewann, hatte Pigasse selbst Wahlplakate verteilt. Als Jugendlicher bekam er von seiner Schwester eine Platte der britischen Punkband «The Clash» geschenkt. Die Musik habe in ihm den Wunsch geweckt, die Welt zu verändern, sagte er dem «Figaro».

Seine Leidenschaft für Punk hat er sich bewahrt, ebenso den rebellischen Gestus. Bei Interviews spielt er Journalisten gern seine Lieblingsstücke vor. Gegenüber einer Reporterin der Zeitung «Libération» erklärte er in seinem Pariser Büro in der vornehmen Avenue Hoche, am liebsten würde er «den ganzen Laden in Brand setzen». Denn der Kapitalismus, so Pigasse, stehe sowieso kurz vor dem Zusammenbruch.

Dabei ist der Mann, der sich mal im Dior-Anzug, mal im schwarzen Hoodie in der Öffentlichkeit zeigt, selbst ein typisches Produkt der französischen Elite. Er studierte an der Pariser Hochschule Sciences Po und absolvierte anschliessend die Kaderschmiede ENA, wo Frankreichs künftige Politiker und Wirtschaftsführer ihre Netzwerke knüpfen. Seine Karriere begann er im Finanzministerium, wo er zum Vertrauten von Dominique Strauss-Kahn aufstieg. Pigasse verfügte über beste Kontakte innerhalb der Sozialistischen Partei und hoffte auf eine eigene politische Zukunft. Doch nach der Wahlniederlage der Linken 2002 musste er das Ministerium verlassen. Er wechselte zur Investmentbank Lazard und verdiente dort bald ein Vielfaches seines Beamtengehalts.

Alte Rivalität mit Macron

Ehemalige Mitarbeiter erinnern sich an einen brillanten Verhandler, der komplizierte Dossiers studierte, während er nebenbei Videospiele spielte und Gummibärchen ass. Bei Lazard stieg Pigasse zum Frankreich-Chef auf. Daneben investierte er auf eigene Rechnung: 2010 kaufte er gemeinsam mit dem Milliardär Xavier Niel und dem Modeschöpfer Pierre Bergé die Zeitung «Le Monde» (seine Anteile verkaufte er später). Bereits 2009 hatte er das Musikmagazin «Les Inrockuptibles» erworben, 2015 kam Radio Nova hinzu. Beide gehören heute zu seiner Holding Combat. Ein Jahr später gründete er mit Niel und dem Produzenten Pierre-Antoine Capton den Medienkonzern Mediawan, der das französische öffentlichrechtliche Fernsehen mit Programmen beliefert.

Die Finanzwelt verschaffte Pigasse Geld und Einfluss, aber keine politische Karriere. Die machte stattdessen sein langjähriger Rivale Emmanuel Macron. Auch der heutige Staatspräsident absolvierte die ENA, bewegte sich in sozialistischen Netzwerken und arbeitete im Investment Banking – beim Konkurrenten Rothschild. Während des Verkaufs von «Le Monde» gerieten die beiden aneinander. Macron beriet ein konkurrierendes Übernahmeprojekt und verlor den Deal. 2012 veröffentlichte Pigasse ein Buch mit dem Titel «Révolutions». Vier Jahre später brachte Macron sein eigenes mit fast identischem Titel heraus: «Révolution» – ohne s.

Die Kränkung, dass der Jüngere es in den Élysée-Palast schaffte, sitzt beim Älteren tief. Schon zu Beginn von Macrons Präsidentschaft warf Pigasse ihm Narzissmus und Opportunismus vor. Als Xavier Niel die beiden im Oktober 2023 bei einer Ordensverleihung im Élysée wieder versöhnen wollte, erkundigte sich Macron beiläufig, ob Pigasses neue Bank inzwischen Rothschild überholt habe. Selbst bei diesem Wiedersehen ging es noch darum, wer die Nase vorn hatte.

Hat Pigasse sich weiter nach links bewegt, weil Macron ihm den Platz in der politischen Mitte wegnahm? Diese These vertritt ein ehemaliger Studienfreund gegenüber dem «Figaro». Schliesslich habe Pigasse früher dem sozialliberalen Kreis der «Gracques» nahegestanden. Den Sparkurs der Sozialisten kritisierte er allerdings schon unter Präsident François Hollande. Seine Annäherung an Mélenchon dürfte deshalb nicht nur mit der Rivalität mit Macron zusammenhängen, sondern auch mit seinem Wunsch, endlich selbst eine politische Rolle zu spielen.

Jean-Luc Mélenchon ist der Gründer und Präsidentschaftskandidat der Partei LFI («Unbeugsames Frankreich»).

Jean-Luc Mélenchon ist der Gründer und Präsidentschaftskandidat der Partei LFI («Unbeugsames Frankreich»).

Lionel Urman / Imago

Einmaleins der Staatsverschuldung

Der «rote Banker» und der LFI-Chef kennen sich seit der Zeit, als Mélenchon noch Mitglied des Parti socialiste war. Inzwischen treffen sie sich regelmässig in einem diskreten Restaurant im zehnten Pariser Arrondissement. Pigasse sagt, er bewundere Mélenchons Organisationstalent: «Er hat aus dem Nichts eine Massenpartei aufgebaut.» Mélenchon wiederum schätzt den Banker als Kenner der Finanzwelt. Stundenlang soll Pigasse ihm das Einmaleins der Staatsverschuldung erklärt haben.

Ende August trat der Multimillionär sogar bei der Sommeruniversität von LFI auf. Für die jungen Antikapitalisten um Mélenchon war der Investmentbanker ein ungewöhnlicher Gast. Zumal er einer war, der mit den Schulden anderer Länder reich geworden war. Doch Pigasse wusste sein Publikum für sich zu gewinnen. «Was ihr bei LFI fordert, ist wirtschaftlich möglich», rief er und erntete Beifall. Er plädierte für höhere Steuern für Superreiche und eine drastische Besteuerung grosser Erbschaften. Wie Mélenchon forderte er zudem, einen Teil der vom Euro-System gehaltenen Staatsschulden zu verbrennen.

Dass ein solcher Schritt das Vertrauen der Anleger erschüttern und Frankreichs Kreditkosten erhöhen könnte, dürfte Pigasse bewusst gewesen sein. Später räumte er ein, dass sein Vorschlag unter den geltenden europäischen Regeln nicht umsetzbar sei.

Pigasse unterstützt Mélenchon auch mit seinen Medien. Um einen Sieg der Rechtspopulistin Marine Le Pen im kommenden Jahr zu verhindern, will er dem konservativen Milliardär Vincent Bolloré etwas entgegensetzen, dessen Sender CNews und Europe 1 Stimmung für das Rassemblement national machen. Vor allem Radio Nova soll auf der linken Seite mobilisieren.

Dabei überschreitet der Sender immer wieder Grenzen. Ein Satiriker etwa verglich die französische Polizei mit der Terrormiliz IS. Während der jüngsten Proteste riet ein anderer den Demonstranten, statt vor Regierungsgebäuden lieber bei den Milliardären Bolloré und Bernard Arnault vorbeizuziehen. Er nannte deren angebliche Privatadressen und phantasierte davon, Ersterem eine Schlinge um den Hals zu legen. Radio Nova distanzierte sich, verteidigte aber zugleich die Meinungsfreiheit. Pigasse, der «den ganzen Laden in Brand setzen» will, spielt schon bisweilen mit dem Feuer.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Steinvorth

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