Ein Rechtsextremer schiesst in Trappes auf Passanten, die er für Afrikaner hält. Kurz darauf steht Frankreich unter Anklage

Islamisten missbrauchen ein rassistisches Attentat, um gegen den französischen Staat und die Regierung von Präsident Emmanuel Macron zu hetzen.

Nora Bussigny02.11.2026, 05.30 Uhr

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Präsident Emmanuel Macron mit dem Bürgermeister von Trappes, Ali Rabeh, am Abend des Anschlags.

Präsident Emmanuel Macron mit dem Bürgermeister von Trappes, Ali Rabeh, am Abend des Anschlags.

Hannah McKay / Reuters

Am 23. Oktober feuerte ein Mann in Trappes und La Verrière aus dem Auto heraus auf Passanten. Er tötete den 26-jährigen Pengo Bossio Wangi, einen dunkelhäutigen Franzosen, dazu verletzte er sieben Personen zum Teil schwer, unter ihnen ein zwölfjähriges Mädchen. Das Attentat in den Vororten von Paris hat in Frankreich Massenproteste gegen Rassismus und das Rassemblement national von Marine Le Pen ausgelöst.

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Denn der Täter, der 39-jährige Kévin T., hat nach seiner Verhaftung zugegeben, er habe gezielt auf Leute geschossen, die er für Menschen afrikanischer und maghrebinischer Herkunft hielt. In seinem Haus fanden Ermittler Aufkleber des Rassemblement national sowie ein Exemplar von Adolf Hitlers «Mein Kampf». Auch wenn Pengo Bossio Wangi nach Angaben seiner Familie Christ ist, bestehen wenig Zweifel, dass Kévin T. auch Muslime töten wollte.

Verurteilt wegen «Anstiftung zum Hass»

Der französische Staat hat rund 1300 bis 1400 Rechtsextreme als Gefährder registriert, 2025, 2022 und 2019 gab es rassistisch motivierte Angriffe mit Schusswaffen, darunter eine Attacke auf eine Moschee. In Trappes erklärte Emmanuel Macron am Abend des Anschlags, es sei «das erste Mal», dass ein Attentäter Landsleute aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion töte.

Eine Falschaussage, die ihm politische Gegner prompt vorhielten, zumal Terror in den letzten Jahren mehrheitlich von Islamisten ausging, die seit 2015 rund 300 Menschen getötet haben, unter ihnen Juden und Christen.

Linksradikale und Islamisten, die nach islamistischen Attentaten stets über politische «Instrumentalisierung» klagen, haben derzeit keinerlei Hemmungen, den Tod von Pengo Bossio Wangi für ihre Zwecke zu missbrauchen. Da in Frankreich ohnehin schon Tausende Randalierer ihrer Wut gegen den Staat und ihren Gewaltphantasien freien Lauf lassen, kommt ihnen die Tat von Kévin T. umso gelegener.

Das wurde unmittelbar nach dem Attentat deutlich, als der Bürgermeister der Stadt, Ali Rabeh, im Beisein zweier Minister eine Pressekonferenz abhielt. Vor Ort war auch der islamistische Prediger Elias d’Imzalène. Der Agitator, der mit bürgerlichem Namen El Yess Zareli heisst, ist einschlägig bekannt. 2011 gründete er die islamistische Website Islam & Info, 2021 übernahm er die Leitung von Perspectives Musulmanes – einem Kollektiv, das staatliche Massnahmen gegen Islamismus bekämpft. Allen voran ein Gesetz gegen «Separatismus», das Emmanuel Macron nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty durch einen Islamisten erliess.

Die Behörden stufen Elias d’Imzalène als Gefährder ein, kürzlich ist er in einem Berufungsprozess wegen «Anstiftung zum Hass» verurteilt worden, weil er 2024 an einer Gaza-Demonstration zu einer «Intifada in Paris und in unseren Vororten» aufgerufen hat. Bereits die Schülerproteste, die am 17. Oktober in eine Gewalt- und Zerstörungsorgie ausarteten, versuchte d’Imzalène für seinen Kampf gegen den Staat zu nutzen.

Während der Pressekonferenz zum Mordanschlag hielt er dem Innenminister und der Ministerin für Gleichstellung vor, sie hätten das Wort «Islamophobie» in ihren Reden vermieden. Der Begriff «Islamophobie» wird von Islamisten seit langem dazu missbraucht, jegliche Kritik am Islam, am Kopftuch oder am Islamismus als rassistische Diskriminierung von Muslimen darzustellen – und so auf Umwegen den Tatbestand der Gotteslästerung wiedereinzuführen.

Kundgebung gegen rassistischen Hass in Paris, 26. Oktober 2026.

Kundgebung gegen rassistischen Hass in Paris, 26. Oktober 2026.

Pedro Nunes / Reuters

Anschuldigungen gegen Macron und die «extreme Mitte»

Es ist eine Strategie, die linksrepublikanische Publizisten wie Caroline Fourest und der 2015 ermordete «Charlie Hebdo»-Autor Stéphane Charbonnier schon früh kritisiert haben, aber heute vor allem innerhalb der Linken verfängt. Vertreter der Partei La France insoumise haben mit Elias d’Imzalène an Demonstrationen teilgenommen, sie teilen seinen Hass auf Israel und die angeblich «islamophobe» Regierung.

Unter dem Vorwand, der Opfer zu gedenken, forderte d’Imzalène an der Pressekonferenz die «Aufhebung der islamophoben Gesetze» in Frankreich. Sprich, der staatliche Laizismus, der etwa das Tragen von Kopftüchern an Schulen verbietet, soll ebenso verschwinden wie die Massnahmen der Regierung gegen Umtriebe von Islamisten, die zum Teil ganze Quartiere zu No-go-Areas für Homosexuelle, Juden und emanzipierte Frauen gemacht haben.

D’Imzalène war nicht die einzige fragwürdige Figur, die bei Kundgebungen zum Gedenken an die Opfer von Trappes zu sehen war. Unter anderem trat in Trappes Assa Traoré auf, eine Anti-Polizei-Aktivistin, deren Familie über Jahre behauptete, Polizisten hätten einen ihrer Angehörigen ermordet, was kürzlich in letzter Gerichtsinstanz als Legende eingestuft worden ist.

An Traorés Seite hielt ein gewisser Ayoub B. eine Rede, die sich schnell im Netz verbreitete. «Man spricht über die extreme Rechte», sagte er, «aber man muss auch über die Regierung sprechen!» Wer, so fragte er, habe denn den «islamophoben» Justizminister Darmanin und den ebenso «islamophoben» Innenminister Laurent Nuñez in die Regierung geholt? Antwort: «Das war Macron! Das ist die extreme Mitte! Es ist die extreme Mitte, die diese rassistischen und islamophoben Medien unterstützt und uns heute eine Zielscheibe auf den Rücken malt.»

Die Rede des jungen Aktivisten, Mitglied von Perspectives Musulmanes und Urgence Palestine – einem Unterstützerkollektiv der Hamas, das auf Geheiss der Regierung aufgelöst werden soll –, wurde vom Publikum bejubelt. Sein Mentor Elias d’Imzalène verbreitete ähnliche Botschaften. Am 26. Oktober redete er sich in der Bourse du Travail in Paris in Rage: «Sie sind die Verantwortlichen, nicht nur die extreme Rechte, es ist die Regierung, die extreme Mitte! Alle, die die Islamophobie unterstützen!», rief er unter dem Applaus der Anwesenden.

Gedenkmarsch für den 26-jährigen Pengo Bossio Wangi, der beim Anschlag vom 23. Oktober getötet wurde.

Gedenkmarsch für den 26-jährigen Pengo Bossio Wangi, der beim Anschlag vom 23. Oktober getötet wurde.

Pedro Nunes / Reuters

«Mein Kampf» bei Hausdurchsuchung gefunden

Die Anschuldigungen gegen Macron und andere Zentrumspolitiker sind umso interessanter, als Elias d’Imzalène denkbar schlecht geeignet ist, sich als Kämpfer gegen die extreme Rechte aufzuspielen. Bei einer Hausdurchsuchung nach den islamistischen Bataclan-Anschlägen 2015 fanden Ermittler bei ihm eine Ausgabe von «Mein Kampf», wie bei Kévin T. Ausserdem bewegte er sich jahrelang im Umfeld von Antisemiten und Holocaust-Relativierern wie Alain Soral und Dieudonné. D’Imzalènes eigentliche Gegner sind deshalb nicht so sehr die Erben der extremen Rechten, sondern die Laizisten und Universalisten.

Jene Politiker also, die nach grausamen islamistischen Anschlägen mit rund 300 Toten seit 2015 versuchen, die islamistische Unterwanderung der Gesellschaft zu bekämpfen. In ihrem Eifer, Frankreich als strukturell islamophobes Land darzustellen, werden d’Imzalène und Konsorten international unterstützt. Etwa vom mächtigen katarischen Sender al-Jazeera, der Muslime als verfolgte Minderheit darstellt und die Vertreter der Partei La France insoumise als Anwälte der Verfolgten feiert.

Zu nennen wären auch die Macher des «European Islamophobia Report», die von Erdogan-Kreisen in der Türkei finanziert werden und Präsident Emmanuel Macron auch schon als eine Art Weltführer aller Islamophoben dargestellt haben. In der gegenwärtigen Kampagne von d’Imzalène und anderen Islamisten mischt auch die britische NGO Cage mit, die 2015 unter anderem den IS-Mörder «Jihadi John» als «schönen jungen Mann» bezeichnete und den britischen Behörden die Schuld an dessen Radikalisierung gab.

Cage und das Prinzip der Schuldumkehr

Nach demselben Prinzip der Schuldumkehr agitiert Cage in Frankreich. 2022 griff die NGO den ermordeten Lehrer Samuel Paty an und verteidigte Abdelhakim Sefrioui, einen der Anstifter der Hetzkampagne gegen den Pädagogen. Sefrioui ist wie Cage ein Unterstützer der rassistischen Hamas, die am 7. Oktober 2023 auch Schwarze getötet hat. Wegen seiner Verwicklung in den Mord an Paty wurde er zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Cage behauptet bis heute, Sefrioui habe sich im Fall Paty lediglich «gegen Islamophobie» gewehrt.

Laut einem Bericht von Vigirep, einer Präventionsstelle des französischen Innenministeriums, pflegte ein Cage-Führer Kontakte zu al-Kaida und zum IS und war der Ansicht, jeder Muslim müsse den bewaffneten Jihad unterstützen.

Seit dem Anschlag von Trappes treten Cage und ihr Exponent Rayan Freschi als Multiplikatoren einer Online-Instrumentalisierungskampagne auf. Rayan Freschi sprach in der Bourse du Travail an der Seite von Elias d’Imzalène und behauptete, «Negrophobie und Islamophobie» seien in Frankreich «staatlich und systemisch», deshalb würden sie «zu Verbrechen motivieren».

Nicht die Tat eines Rechtsextremen, sondern der Staat soll verantwortlich sein für das Verbrechen von Trappes. Gegen einen solchen Staat, so lautet die kaum verhohlene Botschaft der Islamisten, sei Gewalt legitim.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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