Ein Festival in Basel lässt die Postkarte auferstehen. Es ist höchste Zeit!

Würdigung eines handgeschriebenen Stücks Karton in einer durchdigitalisierten Welt.

31.10.2026, 08.15 Uhr

4 Leseminuten


Postkarten aus vergangen Zeiten, wo der Gletscher noch direkt am Hotel angrenzte.

Postkarten aus vergangen Zeiten, wo der Gletscher noch direkt am Hotel angrenzte.

Annick Ramp / NZZ

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Wir lassen es uns in Apulien gut gehen. Zwischen Olivenhainen und türkisblauem Meer vergeht die Zeit wie im Flug. Das Essen schmeckt phantastisch, der Espresso ist stark, und das Wetter ist herrlich warm. Wir geniessen das Dolce far niente in vollen Zügen und schicken euch eine kräftige Portion Amore nach Hause.

Liebe Grüsse, Carla

Zeilen wie diese gehören zum kollektiven Feriengedächtnis. Sie sind formelhaft und doch vertraut. Ein Reiseritual, das Generationen miteinander verbindet, eine Form des analogen Aneinanderdenkens.

Und doch fixieren immer weniger Magnete eine bunte Postkarte an der weissen Kühlschrankwand. Instagram sagt: Daran, dass die Freunde weniger Ferien machen, kann es nicht liegen.

Vergilbte Erinnerung aus längst vergangener Zeit

Die scheinbar banale Feriengrusskarte blickt auf eine funktionale Genese zurück. In der Phase der Hochindustrialisierung geben Maschinen den Takt an. Neben den Produktionsabläufen muss sich auch die Kommunikation zwischen den Menschen beschleunigen. Vor 160 Jahren macht in Berlin erstmals die Idee die Runde, statt aufwendiger und teurer Briefe ein standardisiertes, schnelleres Schriftstück ohne Couvert auf den Markt zu bringen. Doch die Preussen fürchten um das Briefgeheimnis. Sie verzichten auf die Innovation.

In Österreich indes stösst die Idee auf Anklang. Am 1. Oktober 1869 versendet die österreichisch-ungarische Post die erste «Correspondenz-Karte». In der in Perg bei Linz aufgegebenen Karte bittet der Absender den Empfänger in Kirchdorf um einen Besuch im Bekanntenkreis.

Ein Jahr später wird das Schriftstück auch in Deutschland und der Schweiz zum Medium für schnelle Korrespondenz. Mit durchschlagendem Erfolg: Allein in Berlin werden am ersten Tag, am 25.  Juni 1870, mehr als 45 000 Exemplare verkauft. In den rasch wachsenden europäischen Metropolen werden die «Correspondenz-Karten» bald bis zu viermal täglich zugestellt. Sie avancieren zum Kurznachrichtensystem der Moderne. Man verabredet sich zum Abendessen, meldet die Ankunft des Zuges oder sendet flüchtige Grüsse. An Ferien denkt dabei anfangs noch keiner.

Die wohl erste Postkarte der Welt: Am 1. Oktober 1869 versendet die österreichisch-ungarische Post die erste «Correspondenz-Karte».

Die wohl erste Postkarte der Welt: Am 1. Oktober 1869 versendet die österreichisch-ungarische Post die erste «Correspondenz-Karte».

Museum für Kommunikation Berlin

Bilderflut dank Schweizer Erfindergeist

Die Industrialisierung führt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jedoch auch zu einem Anstieg der Mobilität, das Konzept der «freien Zeit» kommt auf. Erstmals schwärmen die Menschen zu Ausflügen und Ferien aus. Sie drängen darauf, jedes Reiseerlebnis den Liebsten zu Hause schriftlich zu übermitteln.

Die «Correspondenz-Karten» sind damals deutlich kleiner und kommen ohne Bilder aus. Erst in den 1980er Jahren entwickeln sie sich zu Ansichtskarten – auch dank Schweizer Erfindergeist. Der Zürcher Lithograf Hans Jakob Schmid erfindet bei Orell Füssli das Photochrom-Verfahren: ein lithografisches Druckverfahren, das Schwarzweissfotografien in Farbbilder verwandelt.

Plötzlich leuchten das Matterhorn, die Rigi und venezianische Gondeln auf Karton. Die Schweiz steigt zum weltweiten Umschlagplatz der illustrierten Postkarte auf.

Heute bleibt der Briefkasten leer. Im Zuge der Digitalisierung hat die Postkarte ihre Funktion verloren. Wozu ein kleines Stück Karton kaufen, eine Briefmarke suchen und Tage auf die Zustellung warten, wenn das Ferienfoto vom Strand in Sekundenbruchteilen im Gruppenchat oder auf Instagram aufleuchten kann?

Die Postkarte ist zum Kitschprodukt an verstaubten Drehständern verdammt, eine Pflichtübung in den Ferien, vollgekritzelt mit Plattitüden.

Besucher in Zürich verschickten 2009 nicht selten eine solche Karte, Fotomontage hin oder her.

Besucher in Zürich verschickten 2009 nicht selten eine solche Karte, Fotomontage hin oder her.

T.Hoeck / Photoglob / Keystone

Die Postkarte ist tot – es lebe die Postkarte!

Und doch greift der Griff zum Stift tiefer, als die Ferienfloskeln vermuten lassen. Denn im scheinbaren Niedergang der Postkarte liegt ihre Rettung.

Indem ihr jeder Nutzwert abhandengekommen ist, wandelt sie sich von einem reinen Informationsträger zu einem Instrument aufrichtiger Wertschätzung. Digitale Botschaften leuchten im Minutentakt auf den Bildschirmen auf und verblassen innert Sekunden im Rauschen des Alltags. Die Postkarte hingegen erzwingt Entschleunigung.

Wer eine Postkarte schreibt, nimmt sich Zeit. Sucht sich bewusst ein aussagekräftiges Bildsujet, das zum Sender oder Empfänger passt. Setzt sich hin, ordnet seine Gedanken. Auf zehn mal fünfzehn Zentimetern tilgt keine Löschtaste ein unbedachtes Wort. Der begrenzte Platz verlangt Konzentration auf das Wesentliche.

Dass das vermeintlich verstaubte Relikt eine lebendige Gegenwart besitzt, beweist das Postkarten-Festival in Basel an diesem Wochenende. Während zwei Tagen stellen Künstler und Sammlerinnen ihre Werke und Sammlerstücke aus. An diversen Workshops rund um die Gestaltung und das Schreiben von Postkarten wird die kreative Kraft im Kleinformat spürbar.

Die Postkarte mag ihre ursprüngliche Korrespondenzfunktion und den Wettlauf um die Schnelligkeit verloren haben. Doch als Zeichen echter Wertschätzung in einer hektischen Welt bleibt sie unersetzlich. Sie erinnert daran, dass menschliche Nähe nicht in Megabit pro Sekunde gemessen wird. Sondern in der Sorgfalt, die wir füreinander aufbringen. Deshalb landet eine Postkarte nicht im Altpapier, sondern am Kühlschrank.

Postkarten-Festival Basel: 31. Oktober bis 1. November 2026, «Berrel Metallbau», Feldbergstrasse 99 in Basel.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Laura Sibold

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