Wegen seines ausschweifenden Liebeslebens und seiner Bewunderung für Mozarts «Don Giovanni» trug der Komponist Jean Baptiste Édouard Dupuy den Beinamen «Don Juan des Nordens». Nun wird die Musik des freigeistigen Westschweizers wiederentdeckt.

Michael Stallknecht31.10.2026, 05.30 Uhr

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Jean Baptiste Édouard Dupuy (1770–1822) auf einem 1866 gedruckten Stich.

Jean Baptiste Édouard Dupuy (1770–1822) auf einem 1866 gedruckten Stich.

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Majestätisch und düster hebt das Flötenkonzert an, in d-Moll, der prägenden Tonart von Mozarts «Don Giovanni». Doch bald beginnen die Rhythmen zu federn, kokette Vorschläge mischen sich ein, als könne da jemand nicht anders, als doch noch heiter zu werden. Die Flöte lässt die Läufe perlen, im abschliessenden Rondo schiessen sie über zwei Oktaven auf wie Champagnerfontänen.

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Die Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer hat dieses Konzert im Mai zur Aufführung gebracht, bei ihrer Tournee «Verführung Schweizer Klassik» in Andermatt, Zürich und Bern mit dem Swiss Orchestra. Das Solo spielte der Genfer Flötist Emmanuel Pahud. Vergessene Musik von Schweizer Komponisten der Klassik und Romantik wiederzuentdecken, das ist schon länger ein Herzensanliegen von Wüstendörfer. Dafür durchforstet sie Bibliotheken und Archive und hat 2019 das Swiss Orchestra ins Leben gerufen; seit 2022 verfügt sie als Intendantin von «Andermatt Music» praktischerweise über einen eigenen Konzertsaal.

Ein Lebenswandel wie Casanova

Der Autor des Flötenkonzerts ist «einer der unbekannteren Schweizer Komponisten», wie Wüstendörfer selbst im Gespräch sagt. Wohl aber der, der die faszinierendste Lebensgeschichte hatte. Sie böte Stoff für mehr als nur einen Roman: Jean Baptiste Édouard Louis Camille Du Puy. Édouard Dupuy? Oder schlicht Dupuis? So hiess seine Mutter, eine Küchenhilfe, deren Namen das uneheliche Kind trug, weil der Vater, vermutlich ein reicher Grundbesitzer, die Vaterschaft nicht anerkannte. Aber Du Puy oder mindestens Dupuy, das klang vornehmer für die Karriere, fast aristokratisch.

Ebenso unsicher sind der Geburtsort – wahrscheinlich irgendwo am Neuenburgersee – und das Geburtsjahr um 1770. Mit vier Jahren, so viel ist sicher, gab man den Jungen zu Gaspard Fritz nach Genf, der seine Begabung feststellte. Zehn Jahre später schickte ihn der Geiger und Komponist nach Paris, ins musikalische Herz Europas, zur Vervollkommnung an Violine und Klavier. Mit etwa neunzehn war Dupuy zum Konzertmeister am Rheinsberger Musenhof des preussischen Prinzen Heinrich aufgestiegen, eines Bruders von Friedrich dem Grossen.

Der Musikmarkt war schon damals international, Dupuys französische Muttersprache ohnehin die europäische Lingua franca. Ihn zog es gen Norden, ab 1793 gehörte er zur Hofkapelle in Stockholm und trat dort auch als Sänger am Königlichen Theater auf, 1802 wechselte er ans Königliche Theater in Kopenhagen, ging dann wieder nach Paris, bevor er endgültig nach Schweden zurückkehrte.

Die vielen Wechsel waren keineswegs freiwilliger Natur. Sie erinnern an den Lebenswandel von Giacomo Casanova ein halbes Jahrhundert zuvor: begabt in vielem, nicht zuletzt als Liebhaber, definitiv ein Homme à Femmes, kritisch und spottlustig gegenüber allen Autoritäten und immer bedingungslos risikobereit.

«Ein eher atypischer Schweizer», sagt Wüstendörfer mit einiger Ironie und bekennt, dass sie ihn gern kennengelernt hätte, «wenn auch nur zum Kaffeetrinken». Dass er in Rheinsberg hoch zu Ross in einen Gottesdienst sprengte, nahm man noch mit zähneknirschendem Humor, seine Beziehungen mit Schauspielerinnen ebenfalls. Nicht allerdings die mit Damen des preussischen Adels. Stockholm musste er später verlassen, weil er bei einem Fest ein Lied auf die Französische Revolution angestimmt hatte. In Kopenhagen gab man ihm zwei Stunden, die Koffer zu packen, nachdem ihn sich die Gemahlin des Kronprinzen als Musiklehrer gewünscht hatte, bald darauf aber im Bett mit ihm angetroffen wurde.

«Das Kunststück ist, dass er immer wieder auf die Füsse gefallen ist», sagt Wüstendörfer. In Zeiten, da die Cancel-Culture noch internationaler ist als der Musikmarkt und deutlich nachtragender dazu, würde vermutlich keiner seiner Auftritte heute ohne Gegendemonstration stattfinden, wenn überhaupt. Anfang des 19. Jahrhunderts dagegen konnte Dupuy noch aus Paris nach Stockholm zurückkehren, nachdem dort mit Jean-Baptiste Bernadotte ein General aus Napoleons Armee zum Thronfolger berufen worden war, der die französische Kultur in Schweden fördern wollte.

Dirigentin und Wiederentdeckerin von Schweizer Musik: Lena-Lisa Wüstendörfer.

Dirigentin und Wiederentdeckerin von Schweizer Musik: Lena-Lisa Wüstendörfer.

Valentin Luthiger

«Don Juan des Nordens» wird Dupuy in der skandinavischen Literatur gern genannt. Auch wegen der Titelfigur in Mozarts «Don Giovanni», die er immer wieder verkörperte, eine Lebensrolle in doppeltem Sinn. Neben seinen Fähigkeiten als Geiger, Dirigent und Komponist muss Dupuy folglich ein hervorragender Sänger gewesen sein. Als französischer Baryton-Martin mit mühelosem Übergang bis ins Falsett konnte er sogar Tenorrollen abdecken. Mozart war sein musikalischer Fixstern, für die Rezeption des Wiener Klassikers in Skandinavien hat er viel geleistet. Sogar über das eigene Leben hinaus: Die Aufführung von Mozarts Requiem an Dupuys Beerdigung im Jahr 1822 gilt als die erste in Schweden überhaupt.

Die Ouvertüre zu «Don Giovanni» hat Lena-Lisa Wüstendörfer bei der Tournee im Mai denn auch dem Flötenkonzert vorangestellt. Musik von Dupuy ist gewissermassen in der DNA des Swiss Orchestra verankert: Beim allerersten Konzert, 2019 in der Zürcher Tonhalle, eröffnete die Ouvertüre zu «Ungdom og Galskab» das Programm, einem dänischen Singspiel von Dupuy, das in Dänemark noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts viel gespielt wurde. Als eines von wenigen Werken liegt es auch vollständig in einer Einspielung vor, mit dem Collegium Musicum Copenhagen unter Michael Schønwandt.

Die Geschichte ist ein zeittypischer Generationenkonflikt zwischen einem jungen Liebespaar und dem Vormund des Mädchens, der Titel wirkt erneut symbolisch, zu Deutsch: «Jugend und Leichtsinn». Oder auch «Jugend und Torheit». Selbst wer des Dänischen nicht mächtig ist, spürt Dupuys sichere Beherrschung aller komischen Topoi, seinen Sinn für Timing und Drive und die Ausgestaltung von Rollen mit unmittelbarer Publikumswirkung.

Abenteurer und Tausendsassa

Dabei wird man Dupuy wahrscheinlich sogar gerechter, wenn man ihn nicht in einem modernen Sinn als Komponist betrachtet. Eher lohnt ein Seitenblick auf Louis Ferdinand von Preussen, den Dupuy in Rheinsberg kennengelernt haben dürfte. Der gleichaltrige Hohenzollernprinz stand in engem Austausch mit Johann Ladislaus Dussek, Dupuys Klavierlehrer aus Pariser Tagen. Berühmt bis berüchtigt war Louis Ferdinand für sein gutes Aussehen, seine Masslosigkeit nicht nur beim Trinken und seine Sympathien für revolutionäre Ideale; aber auch für seine kühnen, in die Romantik vorausweisenden Kompositionen und sein ausgezeichnetes Klavierspiel, mit dem er sogar Beethoven beeindruckte.

1806 fiel «der preussische Apoll» mit nur 35 Jahren im Gefecht bei Saalfeld, nachdem er sich todesmutig bis todeslustig in die Schlacht gestürzt hatte. Der Krieg war die ultimative Talentprobe für männliche Risikofreude. Auch Dupuy zögerte keine Minute, als ein Jahr später Kopenhagen von englischen Truppen belagert wurde. Er schloss sich einem Freiwilligenkorps an und kämpfte so entschlossen, dass man ihn zum Leutnant beförderte. Auch wenn ihn das vorerst einen wichtigen Teil seiner musikalischen Karriere kostete – weil Offiziere nicht als Sänger auf Bühnen auftreten durften. Dafür komponierte er Militärmärsche und Trinklieder, die in Dänemark lange volkstümlich blieben.

Berufe waren um 1800 noch deutlich weniger spezialisiert als in der Gegenwart, der des Musikers ohnehin. Die Fähigkeit zur Niederschrift eigener Kompositionen war ein Handwerk, das viele beherrschten, Adlige, Bürgerliche – und eher «Unbürgerliche» wie Dupuy, nur auf unterschiedlichem Niveau. Das strenge Handwerk des Kontrapunkts hatte Dupuy bei Carl Friedrich Christian Fasch gelernt, dem Gründer der Berliner Singakademie.

Die schwedische Hofkapelle muss er gegen Ende seines Lebens auf ein zuvor nie gehörtes Niveau gehoben haben. Der spätere schwedische Nationalkomponist Franz Berwald gehörte dort zu seinen Musikern und vermutlich auch Schülern. Für den Nachwuchs richtete Dupuy eine eigene Orchesterakademie ein – und für alternde Musiker eine erste Pensionskasse. 1814 ernannte ihn die Königlich Schwedische Musikakademie zum Professor, auch wenn der Titel nach wie vor wenig zum Lebensstil passte.

Alle seine Werke, soweit überhaupt schon in Aufnahmen greifbar, verraten ein hohes Mass an handwerklicher Klarheit und formaler Disziplin, was sie erst recht leicht und elegant wirken lässt. Natürlich verfasste er bei Bedarf für das Königshaus auch liturgische und zeremonielle Grosskaliber wie Krönungs- und Trauermusiken. Seine Domänen waren wohl aber doch die Bühne und das Instrumentalkonzert, in dem das Orchester dem Solisten eine andere Art Bühne bietet: zur Demonstration von tollkühnem Virtuosenmut. Galant sind seine Konzerte, aber voller mitreissendem Feuer, was melancholische Trübung nicht ausschliesst.

Lena-Lisa Wüstendörfer schätzt nach eigener Aussage besonders «das Lebendige, Abenteuerliche, Schalkhafte» daran, in dem sie auch einen Spiegel von Dupuys eigener Abenteuerlust sieht, dabei «so eingängig wie Rossini». Die Wende zur Romantik hat er nicht mehr mitvollzogen, Mozart blieb sein Vorbild, nicht die Zeitgenossen Beethoven und Schubert, auf dem Feld des Musiktheaters die französische Opéra-comique. Möglicherweise tut sich die Gegenwart leichter mit solchen Komponisten, nachdem Musikgeschichte heute weniger als eine der unablässigen Innovationen erzählt wird, sondern eher als Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Musikalische und uneheliche Kinder

Bliebe nur die Frage, inwiefern man Dupuy überhaupt dezidiert als Schweizer Komponisten betrachten kann. In Genf verbrachte er seine Jugendjahre, schweizerische Themen finden sich nicht in seinem Werk. Es falle «noch nicht in die Zeit der Nationalstil-Bildung», lautet Wüstendörfers Antwort. Will heissen: Für das spätere 19. Jahrhundert, in dem der Bezug auf Heimat auch musikalisch zum Thema wird, liesse sich eine solche Frage leichter beantworten. Etwa für die romantischen Sinfoniker, die Wüstendörfer mit ihrem Orchester wiederentdeckt hat.

In der klassischen Epoche, deren Idealen Dupuy folgte, war Komponieren dagegen von Lissabon bis St. Petersburg eine gesamteuropäische Angelegenheit, mit regionalen Schwerpunkten und Tendenzen. So gibt es bei ihm keinerlei folkloristische Anklänge, obwohl er ausgesprochen populär schreiben konnte, etwa in «Agander, Pagander och Winberg», einem bei Youtube hörbaren schwedischen Trink-Terzett für den geselligen Männerbund «Par Bricole». Mit «Föreningen» steuerte er Musik zu einem patriotischen Festspiel anlässlich der Union von Schweden und Norwegen bei.

Die grosse Oper «Björn Jernsida», geplant zur Krönung von Karl XIV. Johan, dem ehemaligen französischen General, blieb indes unvollendet. Ein mythenschweres Werk über den legendären Wikinger Björn Eisenseite, das hätte ganz dem neuen Geist der Romantik entsprochen, anscheinend aber nicht dem Dupuys. Seine Legenden blieben konkreter und frecher.

Er starb, wie es sich für Menschen mit exzessivem Lebenswandel gehört: um die fünfzig an einem nicht auskurierten Schlaganfall und über einem Berg von Schulden für seine junge Witwe und die beiden Kinder. Die ehelichen, versteht sich; die Anzahl der ausserehelichen ist umstritten. Von seinen musikalischen Kindern aber wird man in den kommenden Jahren möglicherweise noch mehr kennenlernen, es liege noch einiges Interessante in den Archiven, verspricht Lena-Lisa Wüstendörfer.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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