Ein Besuch im Medikamentenschrank der Schweiz: «Pflichtlager sind keine Pandemievorräte»

Impfstoffe, Antibiotika und Schmerzmittel sind auf dem Schweizer Markt Mangelware. Daher zapft der Bund die Pflichtreserven regelmässig an. Für die nächste Pandemie fordern Vertreter der Wirtschaftlichen Landesversorgung aber andere Lösungen.

29.10.2026, 05.30 Uhr

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Ein Mitarbeiter transportiert Medikamente mit einem Stapler durch das Medikamentenlager des Pharmalogistikunternehmens Alloga in Burgdorf.

Ein Mitarbeiter transportiert Medikamente mit einem Stapler durch das Medikamentenlager des Pharmalogistikunternehmens Alloga in Burgdorf.

Peter Klaunzer / Keystone

Das Schweizer Pflichtlager für Medikamente befindet sich nicht unter dem Boden in einem Bunker, sondern ganz unscheinbar im bernischen Burgdorf in einem grauen Lagergebäude des Pharmalogistikers Alloga. Wer die Gänge der Lagerhalle abläuft, blickt in tiefe Schluchten aus Regalen, auf denen sich die Kartonschachteln bis hoch zur Decke stapeln.

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Kommt es bei einem lebenswichtigen Medikament zu Lieferverzögerungen, greift die Wirtschaftliche Landesversorgung (WL) ein und gibt einen Teil des Pflichtlagers frei. So war es auch während der Corona-Pandemie. Nur: Die Vorräte waren schnell erschöpft.

Am Mittwoch führen Vertreter der WL, der Pflichtlagerorganisation Helvecura und der Pharmaindustrie durch das Lager in Burgdorf. Sie sind sich einig: «Pflichtlager sind keine Pandemievorräte.» Der Bund müsse sich für die nächste Pandemie wappnen, indem er eigene, staatliche Lager anlege.

Für strategische Reserven ungeeignet

Eigentlich ist ein Pflichtlager für Notfallszenarien gedacht. Für Kriege, Stromausfälle, Naturkatastrophen. Aber eben nicht für Pandemien. Das hat damit zu tun, wie dieses Lager funktioniert. Alloga ist ein ganz normaler Pharmalogistiker: Pharmafirmen liefern Medikamente an, Alloga lagert, kommissioniert und transportiert sie schliesslich zu Spitälern, Apotheken, Grossisten oder Ärzten. Der einzige Unterschied zu einem normalen Lager besteht darin, dass eine bestimmte Menge der lebenswichtigen Medikamente das Lager gar nie verlassen darf.

Der Bund legt fest, welche Medikamente in welchen Mengen auf Vorrat vorhanden sein müssen und wann Pflichtlager freigegeben werden. Um die Ware zu beschaffen, schliesst er Verträge mit Pharmafirmen ab. Sie bleiben Eigentümer der Vorräte und sind für deren Bewirtschaftung verantwortlich.

Weil die gelagerten Waren regelmässig umgeschlagen werden, verderben sie nicht. Das macht das Lager kostengünstig und effizient. Es eignet sich gut, um auf vorübergehende Angebotslücken zu reagieren. Immer in der Annahme, dass die Nachfrage ungefähr gleich bleibt. Einen Nachfrageschock wie bei der Corona-Pandemie kann das Pflichtlager hingegen nicht kompensieren.

Denn die Medikamentenvorräte im Pflichtlager reichen je nach Präparat nur zwei bis vier Monate. Während einer Pandemie kann der Bedarf höher liegen. Riesige Pandemiereserven sind auch schwieriger umzuschlagen. So würden zum Beispiel Schutzmasken ablaufen, bevor sie gebraucht würden.

Peter Huber, Präsident von Helvecura, sagt: «Grosse strategische Reserven für Pandemien können nicht über das bestehende System von rollierenden Pflichtlagern finanziert und bewirtschaftet werden.» Deren Beschaffung und Finanzierung müsse durch den Bund separat sichergestellt werden. Die Pandemievorsorge nach dem Epidemiengesetz falle in den Zuständigkeitsbereich des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Die Pflichtlager seien hingegen in der Kompetenz des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung. Es brauche auch eine klare Trennung zwischen den beiden Lagern.

Die Revision des Schweizer Epidemiengesetzes wird derzeit in der Gesundheitskommission des Nationalrats behandelt. Der Gesetzesentwurf sieht vor, dass der Bundesrat bei Engpässen wichtige medizinische Güter wie Impfstoffe oder Schutzausrüstung selbst beschaffen oder herstellen kann, wenn Kantone oder Private dies nicht sicherstellen können.

Er hoffe, dass in Bundesbern nicht wieder jemand auf die Idee komme, dass die Pflichtlager riesige Mengen halten müssten für den Pandemiefall, sagt Huber.

Kisten mit Medikamenten laufen über Förderbänder durch das Medikamentenlager des Pharmalogistikunternehmens Alloga, in dem auch Medikamente für die Pflichtlager der Genossenschaft Helvecura liegen.

Kisten mit Medikamenten laufen über Förderbänder durch das Medikamentenlager des Pharmalogistikunternehmens Alloga, in dem auch Medikamente für die Pflichtlager der Genossenschaft Helvecura liegen.

Peter Klaunzer / Keystone

Immer mehr Störungen in den Lieferketten

Neben dem Pflichtlager für Medikamente gibt es auch solche für Nahrungsmittel, Treibstoffe und Industrierohstoffe. Sobald der Bund die Pflichtlager für Benzin, Diesel und Kerosin anzapft, sorgt das in der Bevölkerung für Aufsehen. Gerade hat er wieder einen Teil der Dieselreserven für einen Monat freigegeben, Mitte Oktober war das bereits beim Kerosin der Fall. Bei den Medikamenten geschieht das Anzapfen der Vorräte eher im Stillen, dafür regelmässiger. Allein im Jahr 2025 waren es 127 Pflichtlagerfreigaben, vor allem für Impfstoffe und Antibiotika.

Die Gründe dafür sind unterschiedlich: So werden Impfstoffe biologisch hergestellt. Es ist also nicht zum Vornherein klar, wie gross die Ausbeute eines Produktionszyklus ist. Bei den Antibiotika sind hingegen eher Störungen in der Lieferkette das Problem. Schätzungsweise 90 Prozent der Antibiotika-Wirkstoffe stammen mittlerweile aus China. Urs Kientsch, Vizepräsident bei Helvecura und Mitglied der Geschäftsleitung beim Pharmaunternehmen GSK, sagt: «Wir sind absolut abhängig von Fernost.» Es gebe ein Antibiotikum, das stelle eine einzige Firma für die ganze Welt her. Und diese Fabrik habe vor einem Jahr gebrannt.

Die Zeiten, als die Lieferketten einwandfrei funktionierten, sind schon lange vorbei. Roland Pfister, Delegierter der WL, sagt: «Bei den Heilmitteln sind die Lieferketten sehr fragil, weil sich die Produktion auf wenige Standorte auf der Welt konzentriert.» Hinzu kämen der Klimawandel und die geopolitischen Spannungen – beides werde sich akzentuieren. Zudem tauchten immer häufiger mehrere Störungen parallel auf.

Finanzierung nicht einheitlich geregelt

Handlungsbedarf sehen die Pharmaindustrie und Helvecura auch bei der Finanzierung. Anders als zum Beispiel die Detailhändler, die Pflichtlager von Speiseöl oder Zucker halten, können die Pharmafirmen die Kosten für die Lagerung nicht auf die Konsumenten überwälzen. Das liegt daran, dass Medikamentenpreise zwischen dem Bund und den Pharmafirmen verhandelt werden und danach nicht mehr verändert werden können.

«Helvecura fordert deshalb eine Anpassung der Finanzierungsregelung», sagt Huber. Man werde dieses Anliegen beim BAG deponieren. Versorgungssicherheit habe ihren Preis und müsse langfristig wirtschaftlich tragbar organisiert werden.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Isabelle Wachter

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