Noch immer gelingt es Teheran, den mit ihm verbündeten Hizbullah mit Waffen und Geld zu versorgen. Der Nachschub kommt oft über Syrien. Eine Reise ins Grenzland zeigt, warum.

21.10.2026, 15.10 Uhr

6 Leseminuten


Die Sonne versinkt hinter den Bergen, der Himmel ist rosafarben. Ein paar Männer fahren auf einem Geländewagen vorbei. Sie tragen Tücher um den Kopf und grüssen mit einer Handbewegung, ehe sie auf einem der ungeteerten Wege wieder verschwinden.

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Im abgelegenen Bergland des Antilibanon – einer schroffen, leeren Gebirgskette zwischen Libanon und Syrien – werden vor allem Kirschen angebaut. Aber viele der Männer mit zerfurchten Gesichtern, die hier ihre uralten Toyotas über Schotterpisten steuern, haben noch eine andere Beschäftigung.

Die Gegend rund um das Dorf Ras al-Maara, nordwestlich von Damaskus, ist ein Paradies für Schmuggler. Seit Jahrzehnten wird hier alles Mögliche über die grüne Grenze von Libanon nach Syrien gebracht und umgekehrt: Gemüse, Autos, Konsumgüter, Baumaterial, Benzin, Flüchtlinge und natürlich auch Drogen.

Eine Front im Kampf gegen Israel

Derzeit hat das Bergland noch eine andere Bedeutung. Durch das Grenzgebiet verläuft Irans wichtigste Nachschubroute ans Mittelmeer. Über die Schmugglerpfade versorgt Teheran den mit ihm verbündeten Hizbullah in Libanon mit Waffen, Sprengstoff und Geld.

Eine Strasse hoch oben im Antilibanon: Seit Jahren werden hier Waffen, Drogen und Geld, aber auch Konsumgüter über die grüne Grenze geschmuggelt.

Eine Strasse hoch oben im Antilibanon: Seit Jahren werden hier Waffen, Drogen und Geld, aber auch Konsumgüter über die grüne Grenze geschmuggelt.

Das Grenzland in der Abenddämmerung. Inzwischen verläuft hier Irans wichtigste Nachschublinie ans Mittelmeer. Teheran versorgt darüber die libanesische Hizbullah-Miliz.

Das Grenzland in der Abenddämmerung. Inzwischen verläuft hier Irans wichtigste Nachschublinie ans Mittelmeer. Teheran versorgt darüber die libanesische Hizbullah-Miliz.

Seit die Schiitenmiliz in den letzten Jahren in ihrem Kampf gegen Israel schwere Rückschläge hinnehmen musste, ist sie erst recht auf Unterstützung angewiesen – und damit auf die Pfade durch die Berge. Immer wieder finden Sicherheitskräfte auf beiden Seiten der Grenze Waffen, Geld und sogar Raketenteile.

Kürzlich beschlagnahmte die libanesische Armee gleich mehrere Sprengstofflieferungen. Einigen Schmugglern war es gelungen, vor den Soldaten nach Syrien zu fliehen. Zurück liessen sie 200 Kilogramm angeblich für den Hizbullah bestimmten C4-Plastiksprengstoff sowie ihr Transportmittel: einen Esel.

In Libanon, wo der Hizbullah wegen seiner Nibelungentreue zu Teheran und des verheerenden Kriegs gegen Israel unter Druck ist, löste der Fund Angst aus. Der Sprengstoff, so spekulierten manche, könne der Ermordung von unliebsamen Politikern dienen. Tatsächlich wurden dem Hizbullah in der Vergangenheit immer wieder politische Morde zur Last gelegt.

Die Grenze lässt sich nur schwer überwachen

Auf der anderen Seite der Grenze wollen die Leute über die jüngsten Vorfälle nicht reden. Ein Student, der oben in den Bergen mit ein paar Freunden am Campen ist, gibt sich etwas offener. Natürlich werde hier geschmuggelt, sagt er. «Ihr müsst bloss in der Nacht wiederkommen.»

Ein Mann macht Feuer in den Bergen des Antilibanon. Viele Dorfbewohner sind Bauern und bauen Kirschen an.

Ein Mann macht Feuer in den Bergen des Antilibanon. Viele Dorfbewohner sind Bauern und bauen Kirschen an.

Blick von Syrien aus auf einen Posten des libanesischen Militärs. Die grüne Grenze lässt sich recht einfach überqueren.

Blick von Syrien aus auf einen Posten des libanesischen Militärs. Die grüne Grenze lässt sich recht einfach überqueren.

Der junge Mann kommt ursprünglich aus Ras al-Maara. Fast jeder könne ohne Probleme hinüber nach Libanon gehen und wieder zurückfahren, sagt er. Und tatsächlich: Nach kurzer Fahrt mit einem Geländewagen über einen Feldweg überquert man die grüne Grenze von Syrien ins Nachbarland, ohne dabei entdeckt zu werden.

Immer wieder versuchen die Syrer, den Transport von Waffen und Munition zu unterbinden. Doch die Grenze, die vom Berg Hermon über den Antilibanon durch die nördliche Bekaa-Ebene bis ans Mittelmeer führt, ist unzugänglich und lässt sich schwer überwachen. Den von Krieg und Sanktionen geplagten Syrern fehlen die Mittel.

Zudem war der Hizbullah hier lange Zeit präsent. Im syrischen Bürgerkrieg kämpfte er für das Regime von Bashar al-Asad, der ebenfalls ein Verbündeter Teherans war. Ganze Lastwagen voller Raketen, Drohnen und Geldkoffer rollten damals fast ungehindert von Iran via den Irak und Syrien an die Levante.

«Wir haben Waffen in einem Tanklaster gefunden»

Als im Dezember 2024 der Rebellenführer Ahmed al-Sharaa in Damaskus einmarschierte und den verhassten Diktator verjagte, mussten sich die Iraner und ihre libanesischen Alliierten zurückziehen. Ihre quasioffiziellen Nachschubwege verloren sie.

Seither herrscht im Grenzgebiet ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen den neuen syrischen Sicherheitskräften und von Teheran und dem Hizbullah bezahlten Schmugglern. Damaskus steht dabei unter grossem Druck. Sowohl Amerikaner als auch Israeli verlangen, dass Sharaa entschieden gegen den Schmuggel vorgeht.

In letzter Zeit konnten die Syrer Erfolge vermelden. So setzten sie in al-Tanf – an der Grenze zum Irak – eine aus Bagdad kommende Wagenladung voller Drohnen und Waffen fest. Sie war angeblich für den Hizbullah bestimmt. «Wir haben die Ware im Innern von Tanklastern gefunden», sagt der zuständige Zolldirektor Khaled Joaib.

Khaled Joaib, der Zollchef des syrisch-irakischen Grenzpostens al-Tanf in der Wüste. Kürzlich fand er grosse Mengen an Drohnen und Waffen, die offenbar für Libanon bestimmt waren.

Khaled Joaib, der Zollchef des syrisch-irakischen Grenzpostens al-Tanf in der Wüste. Kürzlich fand er grosse Mengen an Drohnen und Waffen, die offenbar für Libanon bestimmt waren.

Inzwischen gehen die Grenzer in al-Tanf mit Hundestaffeln gegen den Schmuggel vor. Ausgebildet werden sie von der Türkei.

Inzwischen gehen die Grenzer in al-Tanf mit Hundestaffeln gegen den Schmuggel vor. Ausgebildet werden sie von der Türkei.

Bei einem Besuch auf dem Grenzposten zeigen die Zöllner stolz ihre neu geschaffenen Hundestaffeln, die hier Jagd auf Drogen und Waffen machen. Die Einheiten seien extra von den verbündeten Türken trainiert worden. Ankara unterstützt die neue Regierung in Damaskus militärisch und bildet auch deren neue Sicherheitskräfte aus.

Hier haben mächtige Stämme das Sagen

In Zukunft soll in al-Tanf eine moderne Grenzstation entstehen. Dafür sollen auch Scanner zur Überprüfung von Lastwagen geliefert werden. Doch das reicht nicht. Noch immer sind die syrischen Grenzpolizisten vielerorts auf Informanten angewiesen. Und an der Grenze zu Libanon fehlt moderne Überwachungstechnik fast völlig.

Es sei sowieso unmöglich, alles dichtzumachen, sagt ein syrischer Geheimdienstoffizier in der Nähe von Homs. Der Hizbullah locke mit Geld. Im Grenzland hätten mächtige Stämme das Sagen, die sich von der Regierung nichts vorschreiben liessen. «Wenn wir jemanden verhaften, dann randalieren zweitausend Bewaffnete. Daran hat in Damaskus keiner ein Interesse.»

Ein Offizier der syrischen Sicherheitsdienste. Der Mann aus der Gegend von Homs will unerkannt bleiben.

Immer wieder sterben syrische Polizisten beim Einsatz gegen die Schmuggler – so wie dieser junge Mann.

Der Mann, der anonym bleiben will, hat in seinem Zuständigkeitsbereich alle möglichen Finten aufgedeckt. «Wir fanden sogar Leute, die hatten Raketenteile in der Karosserie ihres Lastwagens versteckt.» Sein Job sei jedoch gefährlich. «Als wir jemanden verhafteten, standen wenig später Bewaffnete vor meiner Tür und schossen mir ins Bein», sagt er.

In seinem Revier südlich von Homs verläuft die Grenze nicht mehr durch die Berge wie in Ras al-Maara, sondern durch die Ausläufer der nördlichen Bekaa-Ebene. Auf den ersten Blick scheint das flache Land besser kontrollierbar. Doch das täuscht. Auch hier ist der Hizbullah verwurzelt. Jahrelang hielt die Schiitenmiliz die syrische Kleinstadt Kusair und ihr Umland besetzt.

«Wir hassen den Hizbullah»

Die lokale Bevölkerung wurde dabei von den Kämpfern zum grossen Teil vertrieben. Nach dem Sturz des Asad-Regimes zog sich der Hizbullah dann unter israelischem Beschuss zurück. Bis heute gibt es aber Tunnel und Verstecke der Miliz. Und bis heute fliessen auch hier Waffen und Drohnen über die Grenze.

Zurückgelassene Helme in einer ehemaligen Hizbullah-Basis in Jusiya. Das syrische Grenzdorf war während des Krieges von der Miliz besetzt.

Der Bauer Ammar Amer stammt aus dem Dorf Jusiya. Manche Leute würden aus Geldnot für den Hizbullah schmuggeln, sagt er.

«Wir hassen den Hizbullah, er hat unsere Häuser, Bäume und Felder zerstört», sagt Ammar Amer, ein syrischer Bauer aus dem Dorf Jusiya direkt an der Grenze. «Trotzdem gibt es ein paar Hunde, die mit ihm zusammenarbeiten.» Die Versuchung in der bettelarmen Region ist gross: Fast zwei Jahre nach dem Fall Asads ist hier kaum Hilfe angekommen.

«Die Regierung sagt, sie müsse erst an anderen Orten helfen. Wir sind vergessen worden», sagt Amer, der gemeinsam mit einem halben Dutzend Brüdern und Cousins vor einem Rohbau aus Beton sitzt. Dahinter liegt ein von Sträuchern und Büschen überwuchertes Feld. Nur ein paar Kilometer entfernt liegt Libanon.

Ein Erdwall markiert die Grenze. Die Schmuggler sind nicht die Einzigen, die sich davon nicht aufhalten lassen. Ein Teil seiner Verwandten lebe immer noch als Flüchtlinge in Libanon, sagt Amer und blickt hinüber aufs Nachbarland. Er fahre deshalb immer wieder hin. Allerdings nicht über den offiziellen Grenzübergang. «Das ist viel zu kompliziert», sagt er. «Es gibt ja andere Wege.»

Der Hizbullah, der syrische Bürgerkrieg und israelische Luftangriffe haben Jusiya in ein Trümmerfeld verwandelt. Im Hintergrund liegt die Grenze zu Libanon.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Böhm, Dominic Nahr

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