Drachentöten leicht gemacht: ein unkonventioneller «Siegfried» in München
Tobias Kratzer erzählt den dritten Teil von Wagners «Ring» an der Bayerischen Staatsoper als Coming-of-Age-Story mit Elementen eines Mafia-Thrillers. Eine erfrischende Herangehensweise – wie so oft bei diesem Theatermacher.
Marco Frei, München02.11.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen: Für Tobias Kratzers «Siegfried»-Inszenierung in München hat der Maler Andi Fischer einen kunterbunten, aber nur scheinbar naiven Vorhang entworfen.
Monika Rittershaus
Er hat sich viel vorgenommen. Die gerade angelaufene Opernsaison 2026/27 wird für den Regisseur Tobias Kratzer ein Kraftakt. In Hamburg begann unlängst seine zweite Spielzeit als Intendant der Staatsoper, nebenbei ist er beratend in die dortigen Planungen für einen Neubau des Opernhauses involviert, und an der Bayerischen Staatsoper steht obendrein die Komplettierung des neuen «Ring»-Zyklus an. Bei den Münchner Opernfestspielen soll im Sommer die «Götterdämmerung», der letzte Teil von Wagners Tetralogie, über die Bühne gehen; am Donnerstag hatte der «Siegfried» Premiere.
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Als Kratzer für das «Ring»-Projekt in München zusagte, war er noch freischaffend tätig – und als Regisseur bereits bestens im Geschäft. Hätte er gewusst, welche zusätzlichen Aufgaben die Intendanz in Hamburg mit sich bringen würde: Vielleicht hätte sich München einen anderen Regisseur für das «Ring»-Abenteuer suchen müssen. Immerhin gilt eine Gesamtdeutung des Zyklus immer noch als die grösste Herausforderung im Opernbereich. Doch bis anhin meistert Kratzer die Doppelbelastung erstaunlich souverän.
Furioses Handwerk
Der Regisseur und Intendant Tobias Kratzer.
Hamburgische Staatsoper
Seine erste Spielzeit in Hamburg war ein veritabler Coup. In Windeseile hat der 46 Jahre alte Bayer die dortige Oper aus dem Tiefschlaf erweckt, in den sie während der Amtszeit von Georges Delnon verfallen war. Kratzer konnte die Auslastung steigern und das Publikum verjüngen. Unter dem frechen Motto «No risk, no fun» wurden spartenübergreifende Programme geschnürt und neue Vermittlungsformate etabliert. Für diesen furiosen Start sind Kratzer und sein Haus umgehend für den «Opera Award 2026» nominiert worden.
Wie furios Kratzer sein Regiehandwerk beherrscht, weiss die Opernwelt schon länger. Seinen internationalen Durchbruch hatte er 2019 mit einem aufsehenerregenden «Tannhäuser» bei den Bayreuther Festspielen; die Produktion geniesst unterdessen Kultstatus. In der Schweiz hatte er sich acht Jahre zuvor bereits mit einer immens erfolgreichen Inszenierung der Donizetti-Oper «Anna Bolena» am Luzerner Theater vorgestellt.
Das Geheimnis hinter diesen Erfolgen hat der Regie-Altmeister Peter Konwitschny hellsichtig auf den Punkt gebracht. In einer Laudatio auf Kratzer nach dem Gewinn aller Haupt- und Sonderpreise beim Ring Award in Graz hob Konwitschny schon 2008 den kreativen und zugleich werktreuen Umgang Kratzers mit Stoffen hervor und lobte die intelligente Verzahnung von Musik und Szene in dessen Produktionen.
Genau dies sah man im Bayreuther «Tannhäuser» wie auch in den ersten beiden «Ring»-Teilen in München. Hier wie dort gelang ihm zudem der Spagat, einerseits selbst eingefleischte Wagner-Kenner zu überraschen und andererseits auch ein breiteres und jüngeres Publikum anzusprechen. Von diesem Ansatz, der spielerisch Komik und Ernst, Erhabenes und Niederschwelliges zusammenführt, profitiert jetzt auch die «Siegfried»-Premiere in München.
Ein klassischer Pflegevater-Kind-Konflikt: In München wird der junge Siegfried stellenweise von einem Knaben verkörpert. Der muss sich auch seines alleinerziehenden Pflegevaters Mime (Matthias Klink) erwehren.
Monika Rittershaus
Coming-of-Age-Thriller
Schon im ersten Aufzug entwickelt Kratzer ein spannendes Psychogramm, das zu erklären versucht, wie und warum der junge Siegfried eigentlich zum furchtlosen Drachentöter wird. Kratzer verdoppelt hierfür die Titelrolle: Während Benjamin Bruns den Siegfried singt, agiert ein Knabe stumm auf der Bühne. So wird unmittelbar anschaulich, wie sehr das Waisenkind von seinem alleinerziehenden Pflegevater, dem hinterhältigen Mime (Matthias Klink), indoktriniert und instrumentalisiert wird.
Als Rahmen für dieses häusliche Drama hat der Ausstatter Rainer Sellmaier eine scheinbar alltägliche Wohnung entworfen. Hier entwickelt sich ein klassischer Pflegevater-Kind-Konflikt. Der Bär, den Siegfried bei seinem Auftritt mitbringt, ist bei Kratzer ein Stoffhamster. Er landet alsbald in der Mikrowelle und explodiert. Mitten in dem Tohuwabohu dieser Männerbehausung schmiedet der junge Siegfried auch das zerbrochene Schwert seines verstorbenen Vaters.
Selbst wenn die Verdoppelung der Siegfried-Figur auf die Dauer etwas bemüht wirkt: Sie hilft dem Ansatz Kratzers, den «Siegfried» als Coming-of-Age-Story zu erzählen, die obendrein zum Thriller wird. Im Vorspiel zum zweiten Aufzug zeigt eine Videoeinblendung die ebenso opulenten wie fragwürdigen Vergnügungen des jungen Erwachsenen. Bis man sich zu später Stunde in einem heruntergekommenen Rotlichtquartier mit dunklen Gestalten und einem Nachtkiosk wiederfindet. Hier tötet Siegfried den von Timo Riihonen verkörperten Fafner und befreit sich auch von seinem Ziehvater Mime mit Gewalt – was einen Polizeieinsatz auslöst.
Der schon etwas erwachsen gewordene Siegfried (Benjamin Bruns, links) hat sich offensichtlich mit den falschen Leuten eingelassen.
Monika Rittershaus
Eine der dunklen Gestalten ist der starke Alberich von Georg Nigl. Mit seiner Bande verfolgt er Siegfried zum Walkürenfelsen. Bei Kratzer ist das eine Matratze im nachgebauten Königssaal des Münchner Nationaltheaters. Hier erweckt Siegfried die schlafende Brünnhilde (Simone Schneider). Als Alberich mit seiner Gang den Ort stürmt, hat sich das Paar bereits verdrückt. Fortsetzung folgt – Cliffhanger bis zum Sommer.
Grossartiges Rollendebüt
Auch musikalisch entfacht dieser «Siegfried» einen unerhörten Drive. Im dritten Aufzug agiert das Bayerische Staatsorchester bisweilen dynamisch übersteuert. Sonst aber gelingt Vladimir Jurowski am Pult eine überaus dichte, agile Ausgestaltung der Musik, die die Handlung konzis miterzählt. Wohltuend fliessend die Wahl der Tempi, kein lärmender Bombast weit und breit. Überdies ist diese Aufführung ein Fest der Stimmen. Das gilt namentlich für den Wanderer alias Wotan von Nicholas Brownlee und für die Erda von Wiebke Lehmkuhl. Der Höhepunkt ist jedoch das Debüt von Benjamin Bruns in der Titelpartie. Sein Siegfried hat, von omnipräsenter Strahlkraft bis zum zart-naiven Lyrismus, wahrlich alles.
Für die finale «Götterdämmerung» hat Kratzer bereits eine politische Deutung mit Gegenwartsbezügen angekündigt. Vielleicht kommt dabei ein «Grusical» heraus, wie in seiner grellbunten Inszenierung der Trump-Persiflage «Monster’s Paradise» von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, die im Frühjahr in Hamburg uraufgeführt und danach in Zürich gezeigt wurde. Eines steht fest: «No risk, no fun» – das könnte über allen Arbeiten Kratzers wie ein Leitmotiv stehen.
Beim Kampf mit den Ungeheuern seines Lebens geht einiges zu Bruch: Jung-Siegfried (Benjamin Bruns) zerlegt sogar ein Foyer der Bayerischen Staatsoper samt Mozart- und Wagner-Büsten. Jedenfalls behauptet das ein Video in der Aufführung.
Bayerische Staatsoper
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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