Doch eine Art «assoziiertes Mitglied»: Der Gipfel EU-Kanada endet mit einer Überraschung

Die EU hat sich lange gestritten, wie ihr Verhältnis zu Kanada aussehen solle. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich mit ihrer Vision durchgesetzt. Das könnte gerade auch die Schweiz und die EWR-Länder befremden.

30.10.2026, 19.17 Uhr

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Der EU-Ratspräsident António Costa, Kanadas Ministerpräsident Mark Carney und EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen: eine Partnerschaft ganz nahe an der EU-Mitgliedschaft.

Der EU-Ratspräsident António Costa, Kanadas Ministerpräsident Mark Carney und EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen: eine Partnerschaft ganz nahe an der EU-Mitgliedschaft.

Christopher Katsarov / AP

Besonders die EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen hatte den EU-Kanada-Gipfel, der am Donnerstag und Freitag in Montreal stattgefunden hat, mit viel Bedeutung aufgeladen. Sie hielt gar an ihrer Vision fest, dass der nordamerikanische Staat das «erste assoziierte EU-Mitglied» werden solle, obwohl sie damit bei gewissen EU-Ländern auf Widerspruch gestossen war. Auch Kanadas Ministerpräsident Mark Carney schien diese Vision zu weit zu gehen.

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Kanadas Ministerpräsident mit überraschender Wortwahl

Umso überraschender war, was Carney und von der Leyen am Schluss des Gipfels sagten. Erstaunlicherweise verwendete Kanadas Ministerpräsident den Begriff des «assoziierten EU-Mitglieds» ebenfalls. Von der Leyen meinte gar, Kanada und die EU strebten eine Verbindung an, die einer EU-Mitgliedschaft so nahe wie möglich komme («ever-closer association short of full membership»). Das stand so auch in einer gemeinsamen Erklärung der beiden Mächte.

Konkret bedeutet das etwa, dass künftig kanadische Studenten auch in Europa im Rahmen von «Erasmus» studieren sollen. Angedacht ist ferner die Teilnahme kanadischer Wissenschafter am Forschungsprogramm «Horizon». Dann soll die Europäische Investitionsbank EIB Rohstoffprojekte in Kanada finanzieren, um Europa in diesem Bereich unabhängiger von China zu machen.

Kanada wird auch an den europäischen Satelliten-Programmen Galileo und Iris2 teilnehmen. Wirklich handfest war schliesslich ein Versprechen, das Carney zur Ukraine gab: Sein Land wird sich mit 500 Millionen Euro am 90-Milliarden-Kredit der EU an das kriegsgeplagte Land beteiligen. Das Geld deckt Waffenkäufe, aber auch Verwaltungsausgaben der Ukraine in diesem und im kommenden Jahr.

Kanada beteiligt sich am Ukraine-Kredite

Der Begriff der assoziierten Mitgliedschaft dürfte noch zu reden geben – nicht nur in Brüssel. Befremdet könnten auch die EWR-Staaten Norwegen, Island und Liechtenstein sein sowie die Schweiz, die mit der EU über bilaterale Verträge eng verbunden ist. Sie sehen sich eigentlich als die engsten Partner der EU. Und sie können sich dabei auf detaillierte Abkommen berufen, während es die «assoziierte Mitgliedschaft» in der EU gar nicht gibt.

Warum beharrt von der Leyen trotzdem auf diesem Konzept? Eine wohlwollende Interpretation lautet: Nur wenn sich die EU ambitionierte, ja unrealistisch scheinende Ziele setzt, macht sie Fortschritte.

Daneben gibt es eine weniger wohlgesinnte Sicht auf von der Leyens Vorstoss. Demnach ist sie wieder einmal ihrem Hang erlegen, visionäre Ankündigungen zu machen, und die Mitgliedsländer müssen nun zähneknirschend mitziehen.

Besonders Deutschland und Kanzler Friedrich Merz waren ungehalten über von der Leyens Vorpreschen. Den Status, den die Kommissionspräsidentin für Kanada und allenfalls andere nicht-europäische Staaten reservieren möchte, sieht er eher für den Beitrittskandidaten Ukraine als angebracht an.

Aus heutiger Sicht ist es nämlich schwer vorstellbar, dass ein so grosses Land wie die Ukraine aus dem Stand heraus der EU beitritt. Eine Aufnahme in Etappen, etwa über den Status des assoziierten Mitglieds, scheint daher eine bedenkenswerte Variante zu sein.

Zumal die Ansicht, wie «europäisch» Kanada überhaupt ist, wohl etwas naiv ist. Zeitungen des Landes haben in den vergangenen Tagen jedenfalls betont, dass Kanada den USA nach wie vor viel näher stehe als Europa – Donald Trumps Drohungen hätten daran nicht viel geändert.

So leben zum Beispiel zwei Drittel der Kanadier nur höchstens 100 Kilometer von der amerikanischen Grenze entfernt. Und rund zwei Drittel der Exportgüter gehen in den Nachbarstaat. Auch kulturell, etwa im Filmwesen oder der Literatur, dominieren die USA Kanada fast komplett.

Kanadas wirtschaftliche und kulturelle Verflechtung mit den USA ist daher mindestens so eng, wie die Beziehung der Schweiz zu den südlichen Bundesländern Deutschlands.

Gemeinsame Sorgen wegen der USA

All das ging ob der Euphorie, dass Kanada ein sehr enger Partner der EU werden könnte, etwas vergessen. Der Grund dafür ist ein Problem, das beide Staaten plagt: die grosse Abhängigkeit von den USA, die unter Präsident Trump ein unberechenbarer Partner geworden sind.

Kanada und die EU wollen und müssen zwar wirtschaftlich diversifizieren, und da liegt es nahe, gemeinsame Interessen auszuloten. Die EU hätte das Ganze aber einfach auch «Gespräche über Vertiefungsmöglichkeiten in ausgesuchten Wirtschafts- und Politikfeldern» nennen können.

Doch so trocken-bürokratisch wollten die beiden Mächte in angespannten Zeiten offenbar nicht sein, obwohl es eigentlich darum geht. Von der Leyen sagte daher lieber: Kanada und die EU hätten denselben Blick auf die Welt. Und Carney sprach von einem «historischen Tag». Was die assoziierte Mitgliedschaft genau bedeutet, wollen sie an einem Gipfel in einem Jahr näher definieren.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Imwinkelried

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