Dieser Fluss hat jedes Recht zu klagen
Für die Maori ist der Whanganui ein Vorfahre. Neuseeland hat ihn deshalb zur juristischen Person erklärt. Was das heisst, erfährt man auf einer Reise entlang seines Ufers, von der Mündung bis Jerusalem.
Ulf Lippitz29.10.2026, 05.30 Uhr
8 Leseminuten
Der Whanganui schlängelt sich 290 Kilometer durch die Nordinsel Neuseelands. Seit 2017 hat er vor dem Gesetz die Rechte einer Person.
Oliver Strewe / The Image Bank / Getty
Tracey Marshall atmet tief aus. Sie steht auf dem Aramoana Hill nahe der Westküste Neuseelands, blickt zum schneebedeckten Vulkan Ruapehu in der Ferne und auf ein Familienmitglied zu ihren Füssen. Es ist 290 Kilometer lang, an dieser Stelle etwa 15 Meter breit, schimmert caramelbraun und wird Whanganui genannt. Die Maori sehen in ihm einen Urahnen, die europäischen Siedler einen Fluss. «I am the river, and the river is me», wiederholt Tracey Marshall den Leitspruch, mit dem sie und ihre Stämme seit Jahrhunderten den Whanganui ehren: «Ich bin der Fluss, und der Fluss bin ich.»
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Die Maori kämpften lange, um ihren Vorfahren zurückzugewinnen. Schon Ende des 19. Jahrhunderts zogen sie vor Gericht. 2017 endete der längste Rechtsstreit Neuseelands: Das Parlament erkannte den Fluss als juristische Person an. Nun kann er Verträge schliessen, Schulden machen oder klagen. Zwei Treuhänder, einer von der Regierung ernannt, einer von den Stämmen, wachen über seine Rechte und sprechen in seinem Namen.
Tracey Marshall, 58, gedrungene Figur, erinnert sich an den Tag der Entscheidung. «Ich habe geweint», sagt sie. Seit Jahren fährt sie die Post im Flusstal aus. Die Gemeinde feierte, ein Festmahl fand im Marae statt, dem Versammlungsort des Dorfes.
Über dem Hochplateau der Nordinsel erhebt sich der Tongariro. Seit 1972 zweigt ein Kraftwerk einen Teil des Quellwassers des Whanganui ab.
Ngaire Lawson / Getty
Ein Professor fordert Rechte für Bäume
Was für andere Staaten nach einer skurrilen Fussnote klingt, geht auf eine Idee des amerikanischen Juristen Christopher D. Stone zurück. 1972 veröffentlichte der Professor an der University of Southern California einen Artikel unter dem Titel «Sollten Bäume einen Rechtsanspruch haben?». Er forderte gleiche Rechte für «natürliche Objekte». Ecuador schrieb 2008 die Rechte der Natur in die Verfassung. Neuseeland ging weiter: Es erklärte Naturräume zu juristischen Personen. 2014 erhielt der Urwald Te Urewera diesen Status, 2025 folgte der Berg Taranaki. Beide Orte sind den Maori heilig.
Alle drei liegen auf der Nordinsel Neuseelands, Te Urewera relativ abgelegen auf der Ostseite, der Taranaki an der Westküste, der Whanganui zwei Stunden südlich von ihm. Hier zeigt sich, wie das Gesetz die Menschen und die Umwelt verändert, wie eine alte Naturphilosophie die Zukunft prägt und die Vergangenheit heilt.
Ein Haka auf dem Whanganui begleitet 2006 die Premiere des Films «River Queen». Jedes Jahr paddeln rund 150 Menschen zwei Wochen lang in Kanus von der Quelle bis zur Mündung des Flusses.
Ross Land / Getty
Tracey Marshall verteilt die Post im Tal
Dass der Fluss wieder zu seinem Recht kommt, tröstet Tracey Marshall. Sie hat schottische Vorfahren, ihre Familie hat sie nach maorischen Traditionen erzogen. Zweisprachig, auch wenn das vor fünfzig Jahren als verpönt galt.
Um halb sieben morgens fährt sie im Städtchen Whanganui an der Mündung los, in dem mehrere Art-déco-Gebäude, zwei Museen, einige Cafés und ein kleines Opernhaus Touristen anziehen. Am Vormittag trägt sie Post im Flusstal aus, wirft Rechnungen in eine Mikrowelle ein, die zum Briefkasten umfunktioniert wurde, und erzählt vom Leben mit dem Fluss. Als vor einigen Wochen eine Pelzrobbe den Whanganui hinaufschwamm, waren sich herbeilaufende Kinder sicher: ein Taniwha! Ein Wassergeist zeigte sich den Menschen! Natürlich ergaben Auswertungen von Videos sofort, dass es sich um einen Meeressäuger handelte. Doch Tracey fragt: Warum soll der Geist nicht diese Form gewählt haben?
Zwischendurch sammelt Tracey Radfahrer auf, schnallt deren E-Bikes auf ihren Anhänger, passiert Dörfer, denen christliche Missionare grosse Träume in die Namen gelegt haben – London, Athen, Korinth – und gelangt schliesslich ins 66 Kilometer weit entfernte Jerusalem.
Die Siedler verdrängen die Maori
An einer Flussbiegung steht das Kloster der Sisters of Compassion, gegründet von der französischen Ordensfrau Suzanne Aubert. Tracey Marshall nutzt es für einen Halt, schmiert Scones mit Lemon Curd und erzählt die Geschichte des Ortes. Im 19. Jahrhundert lebten hier Tausende. Doch mit den europäischen Siedlern kamen Krankheiten und eine neue Religion. Land wurde umverteilt, die wirtschaftliche Basis der Maori zerbrach. Heute leben noch etwa 250 von ihnen am Fluss.
Die Maori kamen im 13. Jahrhundert aus Polynesien nach Neuseeland. Ab dem 18. Jahrhundert folgten europäische Siedler, 1840 übernahm die britische Krone per Vertrag die Regierungsgewalt. Seitdem nahm der Einfluss der Maori stetig ab. Heute stellen sie knapp 20 Prozent der Bevölkerung.
Die Radtouristen setzen sich ihre Helme auf und machen sich auf den Weg zurück Richtung Whanganui. Die Strasse steigt mal gemächlich an, mal fällt sie steil ab, der Fluss blitzt in jeder Kurve durch die Baumkronen und hinter elefantengrossen Farnen auf. Tracey Marshall bleibt auf der Bank vor dem Kloster zurück, giesst sich einen Kaffee ein und erzählt, wie der sagenhafte Fluss laut den Maori entstand.
Diese Aufnahme eines befestigten Maori-Dorfs am Whanganui wurde 1902 im Londoner Völkerkundewerk «The Living Races of Mankind» veröffentlicht. Im 19. Jahrhundert lebten Tausende Maori am Fluss, heute sind es noch etwa 250.
Print Collector / Hulton Archive / Getty
Tongariro explodiert vor Eifersucht
Der Legende nach waren die Berge Tongariro und Pihanga ein Paar. Doch Taranaki verliebte sich in Pihanga. Tongariro explodierte vor Eifersucht, überschüttete Taranaki mit Lava und Asche. Taranaki floh nach Westen an die Küste, wo er heute steht. Pihanga weinte, und ihre Tränen füllten die Spur, die er auf seiner Flucht in die Erde gerissen hatte. So entstand der Whanganui. «Traue niemals einem Mann», sagt Tracey und lacht.
Auf der Rückfahrt biegt Tracey Marshall in ihr Marae ab, die Familie hat es kürzlich renovieren lassen. Die drei Holzhäuser sind weiss gestrichen, die spitzen Giebelbalken tiefrot bemalt und mit kunstvollen Schnitzereien verziert. Wer ins Haupthaus möchte, wo die Versammlungen stattfinden, muss die Schuhe ausziehen. «Zentralheizung und Wi-Fi – ein Fünf-Sterne-Marae», sagt Tracey Marshall scherzend. In den Hügeln steigt Nebel auf, der Fluss schickt seine Schwaden hinauf. Es fällt nicht schwer, dahinter eine heilende Naturkraft zu vermuten. Die Gegenwart, so scheint es, hat sich mit dem Whanganui versöhnt.
Die Schule verbietet die eigene Sprache
Im Regionalmuseum von Whanganui führt Eruera Rerekura, Kurator der maorischen Sammlung, durch die Ausstellung. Er weist auf die Schnitzereien an einem bestimmt zehn Meter langen Kanu hin, Figuren mit grossen Augen. Sie hätten für Wohlstand und Gesundheit gestanden, sagt Rerekura, ein Zeichen für ein funktionierendes Sozialsystem.
Zumindest so lange, bis die europäischen Siedler kamen. Die Maori lebten oft vom Fischfang, in ihren schlauchförmigen Reusen fingen sie Aale. Dafür bauten sie Wehre in den Fluss. Der Tourismus entdeckte um 1880 den «Rhein Neuseelands», wie er angepriesen wurde. Dampfschiffe schaukelten Ausflügler den Whanganui hinauf. Die Wehre störten die boomende Schifffahrt, Behörden und Dampfschiffbetreiber liessen sie niederreissen. 1886 reichten die Maori ihre erste Petition gegen die Vereinnahmung des Gewässers ein. Erfolglos.
Alfred Burton fotografierte im Mai 1885 den Kakahi-Wasserfall bei Tawhata am Whanganui. Er reiste als einer der ersten Europäer nach den Kriegen der 1860er Jahre im Kanu den Fluss hinauf.
Sepia Times / Universal Images Group / Getty
«The river is me», sagt auch Eruera Rerekura. Doch bei ihm klingt es schmerzvoll. Er erinnert sich an seine Schulzeit vor vierzig Jahren, als die Sprache der Einheimischen unterdrückt wurde. Lehrer bestraften Kinder, wenn sie keine englischen Begriffe benutzten. Eltern gaben das Wissen ihrer Vorfahren nicht mehr weiter, weil sie fürchteten, es könnte ihnen schaden. Als der kleine Eru eines Tages eine fremdsprachige Familie in der Öffentlichkeit belauschte, fragte er seine Mutter: «Wieso dürfen die in ihrer Sprache reden und wir nicht?»
Er begrüsst die juristische Aufwertung des Whanganui. Mit Genugtuung hat er auf die Ankündigung der Fabriken reagiert, ihre Abwässer nun nicht mehr in den Fluss zu leiten – eine Folge der neuen Gesetzgebung. Etwa der Schlachthof, der das umliegende Wasser an manchen Tagen rot färbte. Erus Eltern schärften ihrem Kind damals ein, dort auf keinen Fall zu fischen oder zu baden. Der Whanganui blutete – das musste doch jeder sehen.
Ein Schnitzer denkt in Generationen
Die Zukunft soll Frieden bringen, für den Fluss und die Maori. Darum kümmert sich Geoffrey Hipango. Er lebt seit sechzig Jahren in Whanganui, sein ganzes Leben lang. Für Tracey Marshalls Familie hat er die Holzschnitzereien im Marae angefertigt. Ausserdem steht er einem Komitee vor, das wirtschaftliche und touristische Entwicklungen der Region im Auge behält.
Geoffrey Hipango ist ein bulliger Kerl. «Der Fluss ist die Lebenskraft unseres Volkes», sagt er. Er diene als Supermarkt wie als Autobahn, für die Ernährung und den Transport – und natürlich als lebendige Geschichte. «Mich freut es, dass sie heute wieder wertgeschätzt wird.» Schon 1987 wurde Maori Amtssprache. Nach der Jahrtausendwende habe in Neuseeland ein Umdenken eingesetzt, was den Umgang der Regierung mit den Ureinwohnern betreffe. Neuseeland heisst heute oft auch Aotearoa, in den Schulen steht maorische Geschichte auf dem Unterrichtsplan, und Premierministerin Jacinda Ardern entschuldigte sich 2022 im Namen der Krone öffentlich beim Stamm der Ngati Maniapoto für Krieg und Landraub.
Hipango denkt langfristig. Wie bleibt der Fluss gesund? Wie viel Tourismus verträgt er? Welche Filter helfen? «Wir sammeln Daten», sagt er. Ziel ist, die Rückkehr von Aalen und Süsswasserkrebsen zu fördern, die die Maori über Generationen ernährt haben.
Das dauert, es gehe eben nicht so schnell. Hipango erzählt von einem grundsätzlich anderen Verständnis, wie man auf das Land blicke. Während die Ureinwohner sich als Wächter sehen, suchen Europäer oft nach Ressourcen. «Die Weltsicht der Maori ist viel holistischer.» Er spricht von langfristigen Strategien, die Generationen umfassen, nicht von raschen Massnahmen, die auf eine Legislaturperiode der jeweiligen Politiker ausgerichtet sind. In den vergangenen Jahren wurden Bäume am Ufer angepflanzt, die Rodung gestoppt, die Einleitung von Abwasser aus Milchfarmen untersagt.
Das Kraftwerk zapft den Fluss an
«Die Wasserzufuhr muss wiederhergestellt werden.» Das heisst konkret, am Oberlauf soll das Tongariro-Kraftwerksprojekt kein Wasser mehr in andere Täler umleiten. Bereits heute sieht man an freiliegenden Uferstreifen, dass der Fluss flacher geworden ist. Demnächst soll der Hafen in Whanganui ausgebaut werden, das geht nur in Abstimmung mit den lokalen Stämmen. Es wird das erste grosse Infrastrukturprojekt der Region, das unter dem neuen Gesetz erfolgt.
Die Alten geben die Geschichten weiter
Für die Maori zählt vor allem die Kultur. Jedes Jahr paddeln etwa 150 Personen zwei Wochen lang in Kanus den Whanganui von der Quelle bis zur Mündung hinunter, Männer wie Frauen, Alte wie Junge. Während dieser Zeit ist es untersagt, mit Motorbooten den Frieden der Zeremonie zu stören.
Auf diesen Reisen erzählen die Alten ihre Geschichten von Halbgöttern und Menschen, von der schönen Pihanga und dem verliebten Taranaki, von den 239 Stromschnellen, von denen jede eine Geschichte habe. Die Maori schreiben sie nie auf, sondern geben sie mündlich von Generation zu Generation weiter. «Wenn wir einen Elder verlieren, verschwindet eine Bibliothek», sagt Geoffrey Hipango. Deshalb sei es so wichtig, Menschen aller Lebensalter mitzunehmen. Die Jungen lernen die Lieder, natürlich alles auf Maori.
Warum bewundern wir Architektur, aber nicht die Natur? Hipango versteht es nicht. Flüsse und Wälder geben uns so viel, «warum behandeln wir sie schlecht?» Immer mehr Länder folgen Neuseelands Beispiel, Indien, Kanada, Spanien. In Indien hat das oberste Gericht das Urteil zu Ganges und Yamuna allerdings ausgesetzt.
Am nächsten Tag geht es aufs Wasser. Nach einer Zeremonie (Mütze absetzen, Hände verschränken, dem hypnotischen Singsang lauschen) pflanzt ein kräftiger Maori ein Pflänzchen in den Bug des Kanus: zum Schutz vor den Elementen. Man denkt an Geoffrey Hipango. Er hat erzählt, wie der Fluss auch bei seelischem Schmerz helfe. Er geht hinunter, spricht mit ihm, findet Frieden. Der Fluss schweigt. Aber, so Hipango, er heilt.
Die Reportage wurde möglich durch die Unterstützung von Tourism New Zealand, www.tourismnewzealand.com.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Ulf Lippitz
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