Die Schweiz ringt um ihre Sicherheit: Ausgerechnet jetzt streiten ihre Offiziere

Einige Sektionen kritisieren die passive Führung um den Präsidenten Michele Moor, der wiederum öffentlich mit dem Ex-Armeechef Süssli abrechnet. Statt die sicherheitspolitische Debatte zu prägen, beschäftigen sich die Offiziere mit sich selbst.

24.10.2026, 21.45 Uhr

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Wer gibt der Armee eine Stimme? Die Offiziersgesellschaft derzeit nicht, sagen Kritiker.

Wer gibt der Armee eine Stimme? Die Offiziersgesellschaft derzeit nicht, sagen Kritiker.

Pascal Gertschen / VBS / Admin

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Den Bundesrat Martin Pfister verschlug es diese Woche nach Basel. Genauer: zur statistisch-volkswirtschaftlichen Gesellschaft. Wo immer Pfister derzeit auftaucht, seine Reden laufen meist darauf hinaus, wie wichtig es doch sei, die Verteidigungsfähigkeit zu stärken. «Eine kleine Statistik der Unsicherheit», überschrieb Pfister seinen Basler Auftritt sinnigerweise. Um diese Unsicherheit zumindest einigermassen zu beseitigen, will der Bundesrat die Armee wieder aufrichten. Über die Finanzierung streiten sich Parlament, Parteien und Verbände mit Hingabe.

Eine Organisation, die prädestiniert wäre, diese Debatte zu prägen und zu trommeln für zusätzliche Milliarden fürs Militär, erscheint gerade merkwürdig passiv: die Schweizerische Offiziersgesellschaft (SOG). 1833 gegründet, ist die ehrwürdige SOG ein lebendiges Stück Geschichte und verkörpert wie kaum ein anderer Verband den Milizgedanken. 18 000 Offiziere sind in den Sektionen zusammengeschlossen. Doch ein eigentlicher politischer Faktor ist sie derzeit nicht. Das ist nicht das Urteil bösartiger Kritiker von aussen. So lautet das bittere Fazit verschiedener Personen, die sich für die Belange der Offiziere engagieren.

«Was macht die Offiziersgesellschaft eigentlich»

Zu ihnen gehört etwa Adrian Bangerter, der die Offiziersgesellschaft von Zürich und Umgebung präsidiert. Der nationale Dachverband sei zu wenig präsent in der politischen Diskussion, sagt er im Gespräch. Obwohl die Expertise der Offiziere derzeit gefragt sei. «Gegen aussen wird zu wenig unternommen. Und nach innen stelle ich fest, dass es nicht gelingt, etliche der motivierten Mitglieder abzuholen, die bereit wären, sich zu engagieren.»

Immer wieder werde er von Mitgliedern angesprochen, die fragen, was die SOG eigentlich mache. «Ehrlich gesagt, frage ich mich das auch», so Bangerter.

SOG-Präsident Michele Moor

SOG-Präsident Michele Moor

Keystone

Eine gewisse Unübersichtlichkeit ist in der Struktur der SOG angelegt. Sie ist ein vielgliedriges Ungetüm. Zu den 24 kantonalen Sektionen kommt ein gutes Dutzend Fachsektionen, in denen sich zum Beispiel die Angehörigen der Luftwaffe oder der Artillerie organisieren. An der nationalen Spitze amtet ein zehnköpfiger Vorstand um den Präsidenten Michele Moor. Am kommenden Samstag treffen sich die Sektionsspitzen mit dem Vorstand in Luzern. Oder besser: aufeinander. Einige Sektionspräsidenten wollen die Gelegenheit nutzen, um ihrer Kritik Luft zu verschaffen. «Die SOG muss die sicherheitspolitische Diskussion prägen und die politischen Entscheide mitgestalten», wie Erich Muff, Präsident der Panzeroffiziere, betont. «Dazu ist die aktuelle SOG-Spitze nicht in der Lage», sagt er. Ein Kurswechsel sei angezeigt, und zwar dringend. Wer sich denn sonst für eine einsatzbereite Armee einsetzen solle. Muff fährt fort: «Die SOG verfügt weder über eine erkennbare sicherheitspolitische Agenda noch über klar formulierte politische Kernforderungen. Der Dachverband schaut zu, statt durch Positionspapiere, mediale Stellungnahmen und Kampagnen die Debatte inhaltlich zu prägen.» Aber genau das müsste der Anspruch der SOG sein.

Muff formuliert pointiert. Andere Sektionspräsidenten teilen seine Analyse. Yves Blöchlinger steht der Aargauer Offiziersgesellschaft vor. Im Gespräch betont er die Wichtigkeit eines geeinten Auftritts der SOG, um «der Stimme der Armee» Nachdruck zu verschaffen. Aber auch Blöchlinger sagt, dass dazu ein klarer Plan vonnöten sei, wie das zu erreichen sei. «Derzeit vermisse ich diese Strategie. Als Dachverband müssen wir kampagnenfähig werden», so der Präsident der aargauischen Offiziersgesellschaft.

Strategie, Kampagne – das sind militärische Begriffe, die ihren Weg ins politische Vokabular gefunden haben. Unterschätzt ausgerechnet die SOG deren Bedeutung? Die Verbandsspitze ist da entschieden anderer Meinung. Er sei nun seit anderthalb Jahren Präsident der SOG und habe sich in dieser Funktion nichts vorzuwerfen, sagt Michele Moor am Telefon. Zwar sei ihm bewusst, dass vielleicht nicht alle Sektionen zufrieden seien. Aber: «Das ist kaum je der Fall.»

Moor gegen Süssli

Seine erste Priorität sei die Stabilisierung der Organisation und ihrer Finanzen gewesen, sagt Moor. Das sei gelungen. Eine mangelnde öffentliche Wahrnehmung und fehlendes politisches Gewicht mag er nicht ausmachen. Die SOG sei ausreichend präsent, ist er überzeugt. «Denn Präsenz misst sich für mich nicht an schnellen Statements für die Presse oder wöchentlichen Medienmitteilungen.» Den Grossteil der politischen Arbeit sehe man selten. Bei den Parlamentariern in Bern finde man Gehör, die Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsdepartement und der Armeeführung sei sehr gut.

Erich Muff, Präsident der Offiziersgesellschaft der Panzertruppen.

Erich Muff, Präsident der Offiziersgesellschaft der Panzertruppen.

PD

Doch ausgerechnet jetzt liefern sich zwei bekannte Aushängeschilder der Armee eine öffentliche Schlammschlacht. Mitte September widmete Moor seine Kolumne in der «Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift» den zahlreichen Rücktritten aus dem Verteidigungsdepartement, die 2025 kurz aufeinander folgten. In seinem Text warf der SOG-Präsident die Frage auf, ob vielleicht der Abgang des damaligen Armeechefs Thomas Süssli mit dem nicht fixen Fixpreis des F-35-Kampfjets in Verbindung gestanden habe. In einer öffentlichen Stellungnahme verwahrte sich Süssli entschieden gegen diese Darstellung.

Für einmal war Moor die öffentliche Aufmerksamkeit sicher: «Ex-Armeechef unter Beschuss: Präsident der Offiziersgesellschaft greift Süssli wegen Fixpreis-Debakel an», titelte «Schweiz heute». Die Reaktionen lassen Moor kalt. Er würde seinen Text genauso noch einmal formulieren, sagt der SOG-Präsident. Er unterstelle Süssli weder eine Pflichtverletzung noch die alleinige persönliche Verantwortung für die ungenügende Kommunikation über den angeblichen Fixpreis. Aber aufgrund seiner damaligen Funktion müsse es erlaubt sein, auch Süsslis Rolle kritisch zu hinterfragen. Das sehen nicht alle Offiziere so. «Man muss es so sagen: Die Anschuldigungen von Michele Moor gegen Thomas Süssli sind haltlos», sagt Erich Muff. Er habe absolut kein Verständnis dafür.

Wenn sich die SOG kommende Woche versammelt, dürfte auch diese Episode zur Sprache kommen. Es sei sogar möglich, dass die Vertrauensfrage gestellt werde und man auf die Ablösung der gegenwärtigen SOG-Spitze dränge, heisst es bei manchen Sektionen hinter vorgehaltener Hand.

Dabei verbietet die eng getaktete politische Agenda eigentlich jede Nabelschau. Bereits im November steht die Abstimmung über die Lockerung des Kriegsmaterialgesetzes an, parallel geht das Ringen um die Armeefinanzen unvermindert weiter. Ob die Milizoffiziere Bundesrat Pfister bald laut und geeint zur Seite springen? Derzeit ist das, wie so vieles, ziemlich unsicher.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Simon Marti

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