Die Proteste in Frankreich halten an – doch auf einen Generalstreik hat das Land keine Lust

Gewerkschaften, Schüler und Gelbwesten demonstrierten am Donnerstag gemeinsam gegen die Regierung. Erneut kam es in mehreren Städten zu Krawallen. Doch der von der radikalen Linken erhoffte landesweite Stillstand blieb aus.

05.11.2026, 18.00 Uhr

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Schüler blockieren am 5. November das Lycée Montaigne in Bordeaux.

Schüler blockieren am 5. November das Lycée Montaigne in Bordeaux.

Guillaume Bonnaud / Imago

«Der Regierung droht am 5. November der Generalstreik. Die breite Masse des Volkes wird sich in Bewegung setzen», hatte Jean-Luc Mélenchon Ende Oktober prophezeit. Der Frontmann der linksradikalen Partei La France insoumise (LFI) träumt von einem neuen Mai 1968, als Studenten und Arbeiter Frankreich weitgehend lahmlegten. Am Donnerstag gingen tatsächlich wieder Hunderttausende auf die Strasse. Zum Generalstreik kam es allerdings nicht.

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Zwar fielen mehrere Regionalzüge aus, und etliche Schulen blieben geschlossen. Doch die Pariser Metro verkehrte weitgehend normal, und auch in der Privatwirtschaft blieb der grosse Ausstand aus. Bei den Staatsbediensteten legte nach Regierungsangaben nur etwa jeder zehnte Beschäftigte die Arbeit nieder.

Gewaltsam verliefen dagegen wieder Teile der Demonstrationen. In Paris hatten Geschäftsinhaber aus Angst vor Plünderungen ihre Schaufenster mit Holzplatten vernagelt. Landesweit waren 70 000 Polizisten und Gendarmen im Einsatz. Besonders heftig waren die Zusammenstösse in Lyon: Dort wurden nach Angaben der Präfektur 40 Personen verletzt, darunter 34 Sicherheitskräfte.

Quelle: Reuters

Gewerkschaften hoffen auf neuen Einfluss

Mit ihrem Streikaufruf wollten die Gewerkschaften die seit Wochen protestierenden Schüler, Studenten und Anhänger der Gelbwestenbewegung mit den Arbeitnehmern zusammenbringen. Die «convergence des luttes», der Zusammenschluss unterschiedlicher sozialer Kämpfe, ist ein altes Ziel der französischen Linken. Der LFI-Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko, hoffte am Donnerstag bereits auf eine «Blockade des Landes».

Für den Politikwissenschafter Baptiste Giraud von der Universität Aix-Marseille sind die Proteste eine Gelegenheit für die geschwächten Gewerkschaften, wieder Einfluss zu gewinnen. In Frankreich ist heute nur noch etwa jeder zehnte Beschäftigte gewerkschaftlich organisiert. Während Macrons Präsidentschaft seien die Verbände bei wichtigen Entscheidungen weitgehend übergangen worden, sagt Giraud. Selbst die Massenproteste gegen die Rentenreform von 2023 konnten deren Verabschiedung nicht verhindern.

Ob sie genügend Arbeitnehmer für einen längeren Streik gewinnen können, ist allerdings fraglich. Gerade Geringverdiener können sich wiederholte Lohnausfälle kaum leisten. Zudem verfolgen die Gewerkschaften unterschiedliche Strategien: Die kapitalismuskritische CGT setzt auf Arbeitsniederlegungen, die eher sozialdemokratische CFDT stärker auf Verhandlungen. Einig sind sie sich allein in der Forderung nach höheren Einkommen.

Begonnen hatten die Proteste Ende September an französischen Gymnasien. Die Jugendlichen blockierten aus Wut gegen überfüllte Klassen, fehlende Lehrer, marode Gebäude und das umstrittene Hochschulzulassungsverfahren Parcoursup ihre Schulen. Studenten schlossen sich ihnen an. Mitte Oktober gesellten sich schliesslich auch die Gelbwesten dazu, um gegen die hohen Lebenshaltungskosten und steigenden Energiepreise zu demonstrieren.

Premierminister Sébastien Lecornu ist den Jugendlichen und den Gelbwesten bereits in mehreren Punkten entgegengekommen: So soll Parcoursup bis 2028 ersetzt werden, es soll 500 zusätzliche Lehrerstellen geben sowie 15 000 weitere Studienplätze und eine Begrenzung der Klassengrössen auf 28 Schüler. Für die Sanierung von Schulen will die Regierung zudem vier Milliarden Euro bereitstellen. Die Rentner wiederum sollen ihre bisherigen Steuervergünstigungen behalten. Und Autofahrer sollen von niedrigeren Spritpreisen profitieren, für die die Regierung Diesel aus staatlichen Reserven freigegeben hat.

Viele Zugeständnisse, wenig Geld

Doch den Demonstranten reicht das nicht. Viele der angekündigten Verbesserungen werden frühestens 2027 oder 2028 wirksam – dann, wenn Macron längst weg ist. Zudem ist unklar, wie Lecornu seine Zusagen finanzieren will. Frankreich ist bereits mit mehr als 110 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet und muss immer mehr Geld für Zinsen aufbringen. Für zusätzliche Ausgaben bleibt kaum Spielraum.

Erschwerend kommt hinzu, dass Lecornu ohnehin keine verlässliche Mehrheit im Parlament hat. Am Mittwochabend lehnten die Abgeordneten einstimmig den Teil des Haushaltsentwurfs für 2027 ab, in dem die Regierung ihre geplanten Einnahmen festgelegt hatte. Die jüngsten Zusagen an Schüler und Studenten waren darin noch gar nicht berücksichtigt.

Für Mélenchon und seine Bewegung der «unbeugsamen Franzosen» scheint mit den anhaltenden Protesten die Zeit für einen linken Machtwechsel näher gekommen zu sein. Allerdings ist die politische Linke insgesamt weit davon entfernt, vor den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr geschlossen aufzutreten. Das musste am Donnerstag auch der sozialdemokratische Kandidat Raphaël Glucksmann erfahren: In Paris wurde er von LFI-Anhängern bedrängt und verliess die Demonstration unter Pfiffen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Steinvorth

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