Die neuesten Entwicklungen
Lage im Gazastreifen: Israel bereitet die Abriegelung des Westjordanland vor
Die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas ist instabil, die humanitäre Not im Gazastreifen ist gross. Der Friedensplan der USA wurde bisher nur teilweise umgesetzt. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
NZZ-Redaktion23.10.2026, 10.38 Uhr
6 Leseminuten
AktualisiertPalästinensische Kinder laufen durch ein Flüchtlingslager im nördlichen Gazastreifen zwischen zerstörten Gebäuden, am 3. September 2026.
Bilal Osama / Imago
Die neuesten Entwicklungen:
- Nach einem Angriff im Westjordanland mit mehreren Verletzten hat Ministerpräsident Benjamin Netanyahu am Freitag (23. 10.) eine Abriegelung des Palästinensergebiets in Aussicht gestellt. Netanyahu habe Israels Sicherheitskräfte angewiesen, sich auf die Abriegelung des gesamten Westjordanlands vorzubereiten, hiess es in einer Mitteilung seines Büros. Am Morgen war es zu einem Angriff mit Schusswaffen in der Nähe von Hebron im Westjordanland gekommen. Dabei wurden mehrere Israelis teils lebensgefährlich verletzt, die zwei mutmasslich palästinensischen Täter wurden getötet.
- Das Welternährungsprogramm (WFP) der Uno kürzt seine Ernährungshilfe für die Bevölkerung im Gazastreifen wegen Finanzierungslücken um rund ein Drittel. Damit erhalten rund eine halbe Million Palästinenser keine Unterstützung mehr, teilten die Vereinten Nationen am Montag (19. 10.) mit. Künftig versorgt das WFP nur noch 1,1 Millionen Menschen mit Lebensmitteln und Bargeld. Seit Beginn der Waffenruhe im Oktober 2025 waren es monatlich rund 1,6 Millionen gewesen.
- Bei einem neuen israelischen Angriff in der Stadt Gaza ist laut palästinensischen Berichten eine Frau getötet worden. Weitere Personen seien verletzt worden, als ein Gebäude getroffen worden sei, meldete die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa am Mittwoch (14. 10.). Eine israelische Armeesprecherin sagte gegenüber der deutschen Presseagentur, in der Gegend habe es am Morgen einen Angriff auf ein Hamas-Mitglied gegeben. Das Ergebnis werde noch geprüft. Weiter teilte das Militär mit, am Dienstag (13. 10.) in der Stadt Gaza einen Kommandanten der Terrororganisation bei einem Luftangriff getötet zu haben, der Geiseln aus Israel entführt haben soll.
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Inhaltsverzeichnis
- Wie ist die gegenwärtige Lage im Konflikt zwischen Israel und der Hamas?
- Wie ist die humanitäre Lage in Gaza?
- Wie kam es zum Waffenstillstand?
- Wie aussichtsreich ist der Friedensplan?
- Warum ist der Konflikt im Nahen Osten wieder eskaliert?
Wie ist die gegenwärtige Lage im Konflikt zwischen Israel und der Hamas?
Formell gilt im Gazastreifen noch immer die im Oktober 2025 vereinbarte Waffenruhe. Die Lage ist jedoch fragil. Die Waffenruhe hat eine instabile Zwischenordnung geschaffen, vor allem entlang der sogenannten «Gelben Linie», eine De-facto-Grenze zwischen israelisch kontrollierten und von der Hamas beherrschten Gebieten. Die Linie sollte eine provisorische militärische Markierung sein, nun hat sie sich zu einer faktischen Realität herausgebildet. Satellitenbilder zeigen kilometerlange Erdwälle, neue Militärposten und systematische Geländeumformungen.
Immer wieder kommt es zu Feuergefechten. Israel fliegt weiterhin Luftangriffe als Reaktion auf Verstösse gegen die Waffenruhe in Gaza. Zudem hält Israel weiterhin an den gezielten Tötungen von Beteiligten am Hamas-Massaker vor knapp drei Jahren in Israel fest. Der von den USA geführte Gaza-Friedensrat, das «Board of Peace», forderte im Frühjahr in einem veröffentlichtem Plan die Einstellung gezielter Angriffe. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu lehnte diesen aber ab. Laut der von der Terrormiliz Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen werden auch immer wieder Zivilisten getötet. Die Angaben lassen sich jedoch nicht unabhängig überprüfen.
Israel kontrolliert inzwischen mehr als die Hälfte des Gazastreifens. Es entstehen Strukturen, die auf eine längerfristige strategische Neuordnung und Besetzung hindeuten. Der Krieg mit Iran hat diese Entwicklung beschleunigt: Während die internationale Aufmerksamkeit gebunden war, konnte Israel seine Positionen vor Ort ausbauen, weitgehend unbeachtet und ohne nennenswerten diplomatischen Gegendruck.
Wie ist die humanitäre Lage in Gaza?
Die Versorgung durch Hilfsgüter ist unzureichend, die humanitäre Lage desolat. Die Zahl der Hilfslieferungen liegt unter dem Niveau, das die Bedingungen der Waffenruhe vorsehen. Grenzübergänge werden nur eingeschränkt geöffnet, Bewegungen streng kontrolliert. Die Mangelernährung, die Verbreitung von Krankheiten und das Ausmass der landwirtschaftlichen Zerstörung sind laut NGOs alarmierend hoch. Die Folge ist ein Zustand permanenter Knappheit, der die gesellschaftliche Stabilität weiter untergräbt.
Die Infrastruktur im Gazastreifen ist durch die israelischen Militärschläge weitestgehend zerstört, das Gebiet liegt in Trümmern. Kein Ort im Küstengebiet ist vom Krieg verschont geblieben. Laut der deutschen Analysefirma Vertical52, die Satellitendaten auswertet, wurden in den vergangenen zwei Jahren 78 Prozent aller Gebäude im Gazastreifen zerstört oder beschädigt. Ein grosser Teil der Bevölkerung lebt in provisorischen Unterkünften. Ein Wiederaufbau wird eine gigantische Herausforderung darstellen, etwa wegen Blindgängern und Tausenden Tonnen von Trümmern.
Vertriebene Palästinenser in Gaza leben in prekären Zuständen, viele wurden in Flüchtlingslager bestehend aus einfachen Zelten umgesiedelt.
Dawoud Abu Alkas / Reuters
Wie kam es zum Waffenstillstand?
Israel und die islamistische Hamas stimmten im Herbst 2025 einem von den USA vorgelegten «Friedensplan» zu. Dessen erste Phase beinhaltete neben dem Ende der Kämpfe die Rückkehr von Geiseln nach Israel und die Freilassung palästinensischer Gefangener sowie den teilweisen Rückzug israelischer Truppen aus dem Gazastreifen. Zudem soll der Zugang für humanitäre Hilfe nach Gaza erleichtert werden. Die israelische Armee zog sich seither hinter vereinbarte Linien zurück, und die Hamas übergab bis Ende Januar 2026 alle lebenden und toten Geiseln. Israel liess zudem palästinensische Gefangene frei.
Davor war der internationale Druck für einen Frieden im Nahen Osten vor allem wegen der katastrophalen humanitären Lage in Gaza gestiegen. Nachdem Israel Anfang September 2025 Hamas-Vertreter in Katar bombardiert hatte, was den Interessen der USA und ihrer Partner in den arabischen Golfstaaten zuwiderlief, wurde der amerikanische Präsident Donald Trump aktiv. Er setzte den Sondergesandten Steve Witkoff und seinen in der Golfregion vernetzten Schwiegersohn Jared Kushner als Chefunterhändler ein. Ihnen gelang es, sowohl Israel als auch mehrere arabische und muslimische Staaten für den 20-Punkte-Plan gewinnen.
Im Januar 2026 hatten die USA angekündigt, dass der Friedensplan in die zweite Phase starten soll. Ebenso wurden die Mitglieder einer Übergangsregierung aus palästinensischen Technokraten bekanntgegeben. Das Komitee soll den Gazastreifen vorübergehend verwalten. Diese Technokratenregierung soll von einem «Friedensrat», dem sogenannten Board of Peace, unter Trumps Leitung beaufsichtigt und unterstützt werden. Ob damit der Übergang zur zweiten Phase gelingt, ist ungewiss. Viele Punkte, etwa die Entwaffnung der Hamas oder der Einsatz einer internationalen Stabilisierungstruppe, sind noch immer ungeklärt. Wann das Technokratenkomitee tatsächlich seine Arbeit aufnimmt, ist unklar.
Wie aussichtsreich ist der Friedensplan?
Donald Trump hat im Herbst 2025 den «ewigen Frieden» im Nahen Osten ausgerufen. Ob seine Pläne aber für eine nachhaltige Ruhe im Gazastreifen sorgen oder gar eine Lösung des jahrzehntealten und komplexen Nahostkonflikt vorantreiben können, ist bisher noch nicht abzusehen.
Das israelische Verteidigungsministerium bekräftigt immer wieder, dass Israel seine Truppen niemals vollständig aus dem Gazastreifen abziehen werde. Die israelische Regierung möchte zudem weiterhin die strategische Kontrolle über Gaza behalten, zum Beispiel durch Sicherheits- und Grenzkontrollen. Einflussreiche Minister der Regierung Netanyahu fordern längst eine Rückkehr zum Krieg, um die Hamas zu vernichten. Manche Vertreter der radikalen Siedlerbewegung sprechen sich auch für eine jüdische Besiedlung des Gazastreifens und die Vertreibung seiner Bewohner aus.
Angehörige der radikalen Siedlerbewegung versammeln sich im Dezember 2025 während einer Veranstaltung zur Unterstützung einer israelischen Übernahme des Gazastreifens auf einem Hügel mit Blick auf den Gazastreifen.
Maya Levin / AP
Die islamistische Hamas fordert den vollständigen Rückzug israelischer Truppen aus dem Gazastreifen und ein Ende der israelischen Blockade. Donald Trump hatte im Juli 2026 eine Einigung des Board of Peace mit der Hamas über deren Entwaffnung verkündet. Israel hat laut Ministerpräsident Netanyahu dem Plan aber nicht zugestimmt, da dieser einen teilweisen Abzug israelischer Truppen aus dem Gaza-Streifen vorsieht.
Von israelischer Seite wird das Angebot der Hamas, ihre Waffen abzugeben, als unglaubwürdig erachtet. Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass die Hamas dabei ist, ihre finanziellen und militärischen Möglichkeiten wiederherzustellen.
Die zweite Phase des Friedensplan ist festgefahren. Um dies zu ändern, ist Jared Kushner, Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, im August 2026 für Gespräche mit Hamas-Vertretern nach Ägypten gereist. Im Anschluss traf er Netanyahu in Jerusalem, dabei ging es offenbar auch um einen möglichen Wiederaufbau des Gazastreifens. Konkrete Lösungen wurden nicht verkündet, die Gespräche sollen in Arbeitsgruppen weitergeführt werden.
Derzeit fehlt der internationale Druck auf die Konfliktparteien, weitreichende politische Entscheidungen zu treffen. Die Hamas nutzt die Phase relativer internationaler Vernachlässigung, um sich zu reorganisieren, Israel baut parallel seine territoriale Kontrolle aus. Dies führt dazu, dass sich der Konflikt weiter verschärft.
Warum ist der Konflikt im Nahen Osten wieder eskaliert?
Der Gaza-Krieg war von einem beispiellosen Massaker der Hamas und anderer extremistischer Organisationen am 7. Oktober 2023 ausgelöst worden. Damals töteten die islamistischen Terroristen in Israel rund 1200 Menschen und verschleppten mehr als 250 Israeli in den Gazastreifen. Unter den Verschleppten waren auch viele Doppelbürger und Arbeiter aus Asien. Die israelische Armee lancierte umgehend Luftangriffe auf Hamas-Ziele und rückte später auch mit Bodentruppen in den Gazastreifen ein.
In zwei verheerenden Kriegsjahren wurden laut Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde mehr als 71 000 Palästinenser im Gazastreifen getötet, darunter zahlreiche Frauen und Kinder. Diese Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Ebenso unklar ist, wie viele Hamas-Kämpfer unter den Getöteten sind.
Auf israelischer Seite wurden zusätzlich zu den Opfern der Massaker vom 7. Oktober 2023 laut Angaben des israelischen Militärs bis Ende 2025 466 israelische Soldaten getötet. Zudem kommt es immer wieder zu tödlichen Anschlägen von Hamas-Terroristen. Weitere Israeli wurden durch Raketenangriffe Irans und der libanesischen Schiitenmiliz Hizbullah getötet, die mit der Hamas verbündet sind.
Mit Agenturmaterial
Source: Neue Zürcher Zeitung · NZZ-Redaktion
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