Die neuesten Entwicklungen

Crans-Montana: Nach mutmasslicher Gewalt durch Ehemann soll Jessica Moretti nicht mehr vernehmungsfähig sein 

In der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana im Wallis ist es in der Neujahrsnacht zu einem verheerenden Brand gekommen. 41 Personen sind ums Leben gekommen. Die Ermittlungen laufen. Das sind die neuesten Entwicklungen.

NZZ-Redaktion29.10.2026, 08.00 Uhr

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Aktualisiert


Jacques und Jessica Moretti, die Betreiber der Katastrophenbar «Le Constellation», vor einem Gerichtstermin in Sitten.

Jacques und Jessica Moretti, die Betreiber der Katastrophenbar «Le Constellation», vor einem Gerichtstermin in Sitten.

Jean-Christophe Bott / Keystone

Die neuesten Entwicklungen:

  • Jessica Moretti wird am 2. November im Rahmen der Ermittlungen zur Brandkatastrophe von Crans-Montana nicht einvernommen. Das berichtet der «Blick» am Mittwoch (28. 10.) unter Berufung auf ein psychotherapeutisches Gutachten. Laut dem Bericht ist Moretti derzeit nicht vernehmungsfähig, weil sie eine Begegnung mit ihrem Ehemann Jacques Moretti fürchtet. Dieser sitzt seit August in Untersuchungshaft, nachdem er seine Frau in der Nacht vom 11. auf den 12. August mutmasslich angegriffen und schwer verletzt haben soll. Es gilt die Unschuldsvermutung. Jessica Moretti sei weiterhin bereit, mit den Behörden zusammenzuarbeiten, schreibt der «Blick». Ihre Anwältinnen hätten jedoch eine Verschiebung der Einvernahme beantragt.
  • Jessica Moretti fordert Taggeld von ihrer Unfallversicherung. Dies berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa am 6. Oktober, sie berief sich auf einen Brief der Zurich Versicherung aus den Ermittlungsakten. Moretti macht geltend, wegen gesundheitlicher Folgen des Brandes nicht arbeiten zu können, und meldet die Brandnacht als Berufsunfall. Im Brief ersuchte die Versicherung die Walliser Staatsanwaltschaft, eine mögliche Zahlung freizugeben, weil Jessica Morettis Konten gesperrt sind. Die Staatsanwaltschaft erteilte zwar die Freigabe, es handelt sich jedoch um einen formalen Schritt, der nichts über den Anspruch aussagt. Aus Kreisen der Versicherung hiess es, dass die Zurich nicht zahlen wolle, den Antrag für unbegründet halte und sich mit allen rechtlichen Mitteln dagegen wehren werde.
  • Die ehemalige Gemeinderätin Rose-Marie Clavien wird im Fall Crans-Montana angeklagt. Das teilte der Westschweizer Nachrichtendienst (RTS) am 28. August mit. Sie ist die siebzehnte Person, gegen die ermittelt wird. Clavien war von 2014 bis 2017 für das Bauwesen zuständig. Zuerst war sie von der Polizei in einem hybriden Status zwischen Zeugin und Beschuldigter vernommen worden, doch ihre Befragung sei unterbrochen und ihr Status auf Beschuldigte geändert worden, wie es weiter hiess. Über die Hintergründe ist wenig bekannt. Laut RTS könnte ausschlaggebend gewesen sein, dass die berühmte Zigarrenbar im Untergeschoss des Constellation im Jahr 2017 ohne offizielle Genehmigung eingeweiht wurde.
  • Jacques Moretti befindet sich in Untersuchungshaft. Er wird laut Medienberichten verdächtigt, Gewalt gegen seine Frau Jessica angewendet zu haben. Die Anwälte des Ehepaars hätten einen Vorfall in der Nacht auf den 12. August im Haus der Morettis im Wallis bestätigt. Die jüngsten Vorfälle beträfen ausschliesslich das Privatleben der Morettis und dürften nicht mit der Brandkatastrophe in Crans-Montana verwechselt werden, zitieren verschiedene Medien aus dem Schreiben. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis, wo das Ehepaar mit zwei kleinen Kindern lebt, schreibt auf Anfrage der NZZ, sie kommuniziere bei Fällen von häuslicher Gewalt generell nicht.

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Inhaltsverzeichnis

Was passierte in der Neujahrsnacht in Crans-Montana?

In der Silvesternacht auf den 1. Januar 2026 ist es im Skiort Crans-Montana im Wallis in der Bar «Le Constellation» zu einem verheerenden Brand gekommen. Kurz vor 1 Uhr 30 brach im Untergeschoss der Bar ein Feuer aus. Vierzig Personen kamen noch in der Nacht ums Leben, eine Person erlag Anfang Februar ihren Verletzungen. 115 weitere Personen wurden verletzt, viele von ihnen schwer. Unter den Opfern sind überwiegend junge Menschen aus dem In- und Ausland, zahlreiche von ihnen minderjährig. Es ist eine der schlimmsten Brandkatastrophen der Schweizer Geschichte.

Was ist über die Brandursache bekannt?

Laut Ermittlungen entstand das Feuer durch eine Wunderkerze auf einer Champagnerflasche. Ein Video aus der Nacht zeigt, wie eine Kellnerin auf der Schulter einer Person sitzt und die Flasche in die Luft hält. Die Funken der Wunderkerze berühren dabei fast die mit leicht entflammbarem Kunststoff bekleidete Decke. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Decke deshalb Feuer fing. Nach etwas mehr als einer Minute brannte der ganze Raum; man spricht von einem «Flashover».

In den Wochen nach der Katastrophe wird klar, warum so viele Menschen ums Leben kamen: Zusätzlich zum Flashover war wohl der einzige Notausgang im Untergeschoss versperrt. Der einzige Fluchtweg führte über eine enge Treppe ins Obergeschoss der Bar.

Ende Juni 2026 sagte der Regierungschef des Kantons Wallis, Christophe Darbellay, dass die Bar Le Constellation «nie wieder eine Bar sein» solle. Stattdessen sei ein Jugendzentrum geplant. Zudem solle es ein Denkmal für die Opfer geben.

Was ist aus den Ermittlungen bekannt?

Im Zentrum der Ermittlungen stehen mehrere Fragen: Warum war der Notausgang im Untergeschoss verschlossen? Wer installierte das brennbare Material an der Decke der Bar? Haben die Behörden die Bar ausreichend kontrolliert?

Seit der Katastrophe ermitteln die Behörden gegen das Ehepaar Jacques und Jessica Moretti, das die Bar «Le Constellation» betrieb und mutmasslich Sicherheitsrichtlinien missachtete.

Jacques Moretti stammt aus Korsika, Jessica Moretti von der Côte d’Azur. Die Morettis hatten die Bar 2015 übernommen und eigenständig renoviert. Damals versah Jacques Moretti die Decke mit dem brennbaren Akustikschaumstoff. Dem Material, das am 1. Januar 2026 in Flammen aufging. Moretti gab in einer Anhörung zu, den brennbaren Schaum eigenständig montiert zu haben.

Laut Ermittlungsakten sollen sich Jacques und Jessica Moretti der Gefahr durch die Deckenverkleidung bewusst gewesen sein. In einer Whatsapp-Gruppe mit Mitarbeitenden warnten sie beide vor den Wunderkerzen. Moretti soll das Personal im November 2019 angewiesen haben, keine Wunderkerzen an die Kunden herauszugeben. Ein Gast habe eine Wunderkerze unbeaufsichtigt auf dem Tisch liegen lassen, schrieb er. Wenn sie auf den Boden oder auf die Sofas gefallen wäre, «das Constellation würde brennen». Einen Monat später verfasste Jessica Moretti laut Ermittlungsakten eine ähnliche Nachricht.

Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger schwerer Körperverletzung und fahrlässiger Herbeiführung einer Feuersbrunst ein.

Jacques Moretti wurde im Januar wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft genommen. Zwei Wochen später konnte er das Gefängnis verlassen, jemand hatte eine Kaution in Höhe von 200 000 Franken hinterlegt. Moretti ist vorbestraft: Er war 2008 in Frankreich wegen Zuhälterei zu zwölf Monaten Haft verurteilt worden, davon acht auf Bewährung.

Anfang Juni 2026 sind die Morettis für eine «konfrontative» Befragung in Sitten vor Gericht erschienen. Es war das erste Mal, dass das Ehepaar gemeinsam von der Staatsanwaltschaft befragt worden war. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden Jacques und Jessica Moretti jeweils zweimal einzeln vernommen. Dabei unterschieden sich ihre Aussagen teilweise stark.

Die Region Lombardei hat im Juli angekündigt, als Zivilklägerin im Verfahren um die Brandkatastrophe von Crans-Montana aufzutreten. Beim Feuer in der Bar «Le Constellation» in der Silvesternacht sind mehrere Bürger der Lombardei ums Leben gekommen oder schwer verletzt worden.

Im Verfahren zum Brand gelten für Jacques und Jessica Moretti seit Januar sogenannte Ersatzmassnahmen. Damit ersetzt ein Gericht die Untersuchungshaft durch mildere Auflagen. Das Ehepaar darf die Schweiz nicht verlassen, und Jessica Moretti muss sich täglich bei der Polizei melden. Im August verlängerte das Walliser Zwangsmassnahmengericht diese Auflagen bis zum 9. Oktober. Seit dem Fristablauf liegt noch keine publizierte neue Entscheidung vor.

Wieso sitzt Jacques Moretti erneut in Untersuchungshaft?

Jacques Moretti soll in der Nacht auf den 12. August seine Ehefrau zu Hause angegriffen und so schwer verletzt haben, dass sie ins Spital musste. Anfang Oktober hat die Staatsanwaltschaft ein psychiatrisches Gutachten über Jacques Moretti angeordnet, wie das Westschweizer Fernsehen RTS berichtete. Das Gutachten soll klären, ob er bei der mutmasslichen Tat schuldfähig war und wie gross die Gefahr eines Rückfalls ist. Bis die Ergebnisse vorliegen, dürfte Moretti laut RTS in Haft bleiben. Das Verfahren wegen häuslicher Gewalt läuft getrennt von den Ermittlungen zum Brand.

Warum steht die Gemeinde in der Kritik?

Je länger die Ermittlungen laufen, desto mehr zeigt sich, dass die Katastrophe wohl hätte vermieden werden können, wenn die Behörden besser kontrolliert hätten. Im Februar klagte die Staatsanwaltschaft einen ehemaligen Sicherheitsverantwortlichen der Gemeinde Crans-Montana an sowie jene Person, die das Amt jetzt ausübt.

Die Bar «Le Constellation» wurde gemäss Ermittlungen in den vergangenen sechs Jahren nie auf Brandschutz kontrolliert. Eigentlich müssten solche Kontrollen von den Gemeinden jährlich durchgeführt werden.

In einem Zelt in Crans-Montana legen Trauernde Blumen ab und zünden Kerzen an.

In einem Zelt in Crans-Montana legen Trauernde Blumen ab und zünden Kerzen an.

Jean-Christophe Bott / EPA

Bis 2020 hatten sich in Crans-Montana 1273 ausstehende Brandschutzkontrollen angehäuft. So steht es in Ermittlungsakten, über die «Le Matin Dimanche» am 4. Oktober berichtete. Die Gemeinde hatte bereits im Januar eingeräumt, dass sie «Le Constellation» seit 2019 nicht mehr kontrolliert habe. Nun wird deutlich, wie gross die Lücken waren. Die nächste Kontrolle der Bar war für den Frühling 2026 vorgesehen.

Auch die Kontrollen, die stattfanden, blieben ohne Folgen. 2018 und 2019 fanden die Prüfer unter anderem eine brennbare Holzverkleidung im Treppenhaus und Personal ohne Brandschutzschulung. Die Bar durfte trotzdem weiter betrieben werden. Den Schaumstoff an der Decke beanstandete niemand.

Warum steht die Staatsanwaltschaft in Kritik?

Neben der Gemeinde wird auch die Staatsanwaltschaft kritisiert. Als die Staatsanwältin Beatrice Pilloud Stunden nach dem Unglück zum ersten Mal vor den Medien sitzt, ist sie von Walliser Behördenvertretern umringt. Sie weisen jede Verantwortung für das Unglück von sich. Der Auftritt nährt ein Bild, das in den kommenden Wochen immer stärker werden wird: Das Wallis scheint zu echter Aufklärung nicht in der Lage.

Tatsächlich deutet vieles auf Chaos und Mängel bei der Strafuntersuchung hin. So wurden wichtige Beweismittel wie etwa die Mobiltelefone von Jacques und Jessica Moretti nicht systematisch gesichert; das geschah erst acht Tage nach der Katastrophe. Opferanwälte sowie die Verteidiger der Morettis werfen der Staatsanwaltschaft vor, sie ermittle zu langsam und konzentriere sich zu wenig auf Gemeindevertreter und kantonale Behörden.

Ein weiterer Kritikpunkt gegenüber den Behörden ist die zunächst ausgebliebene Obduktion der Opfer. Offenbar hat die Staatsanwaltschaft dies nicht angeordnet. Weshalb, ist unklar.

Wieso stehen weitere Anwälte in der Kritik?

Im Verfahren streiten nun auch die Anwälte untereinander. Mehrere Verteidiger beschuldigter Gemeindevertreter werfen einem Kollegen aus Crans-Montana einen Interessenkonflikt vor. Der Streit wurde am 6. Oktober durch einen Bericht von «Le Temps» publik. Das Problem: Der Anwalt vertritt Opferfamilien aus Crans-Montana. Laut den Akten hatte er aber schon 2015 mit «Le Constellation» zu tun. Damals vertrat er die Eigentümer, als diese mit den Morettis über die Vermietung verhandelten. Er entwarf einen Vertrag, der auch die anstehenden Arbeiten und die Aufteilung der Renovationskosten regelte.

Diese Renovation beschäftigt heute die Ermittler. Denn bei den Arbeiten wurde jener Schaumstoff eingebaut, der in der Neujahrsnacht Feuer fing.

Seit Beginn der Ermittlungen dringen Details aus den Akten fast in Echtzeit an die Presse. Darunter sensible medizinische Daten, persönliche Angaben zu den Opfern und Protokolle von Einvernahmen, die nicht öffentlich sind. Wegen der ständigen Indiskretionen hat die Staatsanwaltschaft Strafverfahren gegen Anwältinnen und Anwälte sowie Journalistinnen und Journalisten eröffnet, wie «Le Temps» am 8. Oktober schrieb. Wie viele Verfahren es sind, ist nicht bekannt.

Stellt ein Gericht später eine mediale Vorverurteilung fest, kann es die Strafe der Beschuldigten mildern. Die Morettis könnten so von den Indiskretionen profitieren. Bis Ende Jahr stehen ihnen zwei weitere Befragungen bevor.

Wie reagiert das Ausland?

Unter den Todesopfern der Brandkatastrophe sind zahlreiche Ausländer. Neun Opfer stammen aus Frankreich, sechs aus Italien. In den Nachbarländern haben die Katastrophe und auch die Arbeit der Behörden bei den Ermittlungen für viel Unmut gesorgt. Insbesondere Italien setzte die Schweiz unter Druck, zog sogar den italienischen Botschafter in Bern ab. Das Land fordert, eine gemeinsame Ermittlungsgruppe zwischen Italien und der Schweiz zu gründen. Bislang ist nichts dergleichen geschehen.

In den Tagen nach der Katastrophe waren auch zahlreiche internationale Medien in Crans-Montana, um über die Ereignisse zu berichten. Im Rückblick wird klar: Die Kommunikation mit den Medien war unkoordiniert, die Behörden waren stark überfordert.

Wie geht es den Opfern?

Von den 115 Verletzten waren es rund achtzig, die mit schweren oder schwersten Brandverletzungen kämpfen. Sie wurden in Spitälern, die auf Brandverletzungen spezialisiert sind, im In- und Ausland behandelt. Sie haben teilweise lebensrettende Massnahmen, künstliche Beatmung und mehrere Operationen hinter sich. Anfang Februar hatten sich am Universitätsspital Zürich zwei der Verletzten mit einem gefährlichen Bakterium infiziert, einer von ihnen ist gestorben.

Ein Gedenkbild erinnert an Arthur Brodard, eines der Opfer der Brandkatastrophe.

Ein Gedenkbild erinnert an Arthur Brodard, eines der Opfer der Brandkatastrophe.

Umit Bektas / Reuters

Die Heilung ist für die Opfer ein langer und schwerer Weg. Im Februar hat der Bundesrat angekündigt, die Betroffenen der Brandkatastrophe mit zusätzlichen Geldern zu unterstützen: Die Schwerverletzten sowie die Angehörigen der Opfer der Katastrophe von Crans-Montana werden einen Solidaritätsbeitrag von je 50 000 Franken erhalten. Dazu hat er die «Lex Crans-Montana» verabschiedet, ein dringliches Bundesgesetz.

Neben dem Solidaritätsbeitrag sollen durch das Gesetz die Stellen für Opferhilfe in den Kantonen mehr Geld erhalten. Damit will der Bundesrat medizinische, psychologische und soziale Angebote unterstützen. Das dritte und womöglich anspruchsvollste Element des Crans-Montana-Pakets ist ein runder Tisch: ein Mediationsverfahren, das aussergerichtliche Vergleiche ermöglichen soll, indem alle Beteiligten, von den Opfern bis zu Versicherungen und Behörden, auf freiwilliger Basis zusammensitzen und einen Kompromiss aushandeln.

Seit Juli 2026 können die Opfer Unterstützung bei einer eigens dafür gegründeten Stiftung beantragen, heisst es in einer Mitteilung der Fondation Beloved. «Hinter jedem Gesuch stehen eine Geschichte, Trauer, ein Leben, das neu aufgebaut werden muss, und ein erschüttertes Gleichgewicht», wird Doris Leuthard, Präsidentin des Stiftungsrats, in der Mitteilung zitiert.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · NZZ-Redaktion

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