Die Natur des Wolfs «Abschüsse fördern die Fortpflanzung der Tiere»
Der Wildtierökologe Raphaël Arlettaz erforscht in den Alpen das komplexe Zusammenspiel zwischen Wölfen, Luchsen und ihren Beutetieren. Die Grossraubtiere zu regulieren, hält er für unnötig und kontraproduktiv.
29.10.2026, 15:53
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Das Derborence-Tal südlich von Sion ist eine eindrucksvolle Landschaft, geprägt von steilen Kalkwänden, urtümlichen Wäldern und schroffen Gipfeln. Viele Wildtiere leben hier. Steinböcke, Bartgeier und Steinadler, Gämsen – und Raubtiere. Das heisst: Wölfe und Luchse.
Ökologie wird zu wenig beachtet
Es ist auch das Terrain von Raphaël Arlettaz, Co-Direktor des Instituts für Ökologie und Evolution an der Universität Bern und einer der renommiertesten Wildtierökologen der Schweiz. Arlettaz, geboren in Sion, untersucht im Wallis die Wechselwirkung von Räubern und ihren Beutetieren. Konkret: Er will herausfinden, wie sich die Populationen von Gämsen, Hirschen oder Rehen in bestimmten Gebieten entwickeln, wenn sich da auch Wolf und Luchs aufhalten – und umgekehrt.
Im Rahmen ihres Forschungsprojekts haben Raphaël Arlettaz und sein Team im ganzen Kanton Wallis mehr als 100 Fotofallen platziert. Die Kameras sind an strategischen Orten platziert, die von Wild- und Raubtieren regelmässig frequentiert werden; Wildwechsel zum Beispiel oder enge Übergänge von einem Tal zum anderen.
Die Fotofallen hängen jeweils von November bis März, jedes Jahr an denselben Stellen seit 2011. «Das bedeutet, wir haben eine lange Zeitserie über Präsenz und Bewegungen aller Arten von Wildtieren und Grossraubtieren», sagt Naturschutzbiologe Raphaël Arlettaz.
Raphaël Arlettaz hat aufgrund seiner Studien eine klare Haltung zur Wolfsregulierung des Bundes. Und als einer von ganz wenigen Wissenschaftlern hierzulande macht er daraus keinen Hehl: «Eine Wolfspopulation wächst nie exponentiell, sondern wird sich mittelfristig selbst regulieren», sagt er. Es sei eine Illusion zu meinen, ein Ökosystem werde besser, wenn der Mensch eingreife. Arlettaz sagt: «Es braucht theoretisch keine Regulierung.»
Theoretisch Platz für 60 Rudel
Aus biologischer Sicht sei die Wolfsregulierung sogar kontraproduktiv: «Man kurbelt damit nur die Fortpflanzungsrate an», sagt er. Das heisst: Ein Rudel kompensiert die Abschüsse, indem es sich viel stärker reproduziert. Ähnlich, wie man es von den Füchsen kenne.
Wölfe können die Abschüsse teilweise durch eine höhere Fortpflanzungsrate kompensieren. Dabei spielen mehrere biologische und soziale Mechanismen zusammen:
- Mehr Nahrung: Werden Tiere aus einem Rudel entfernt, müssen sich weniger Wölfe die Beute teilen. Die verbleibenden Tiere sind dadurch fitter und haben grössere Würfe.
- Mehr Welpen: In einem Rudel pflanzt sich meist nur das dominante Paar fort. Wird dieses getötet, kann die soziale Struktur aufbrechen. Es können sich zusätzliche Weibchen fortpflanzen oder jüngere Tiere früher reproduzieren.
- Bessere Überlebenschancen: Wenn die Konkurrenz um Nahrung und Reviere sinkt, können mehr Welpen das erste Lebensjahr überstehen.
Zurzeit leben in der Schweiz rund 40 Wolfsrudel. Platz, aufgrund ökologischer Kriterien wie Reviere und Nahrungsangebot, hätte es für mehr als 60 Rudel beziehungsweise rund 1000 Wölfe, hat Raphaël Arlettaz in einer Studie berechnet; man spricht dabei von der «ökologischen Tragfähigkeit».
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Bild 1 von 4. Raphaël Arlettaz (links) und Feldtechniker Valentin Debons nutzen ihre Exkursionen jeweils für ausgiebiges Beobachten. In der wilden Landschaft des Derborence-Tals tummeln sich allerlei Wildtiere, Prädatoren und Vögel. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Das Derborence-Tal südlich von Sion im Kanton Wallis. Es gilt als Naturdenkmal von nationaler Bedeutung. Die markanten Berge bestehen überwiegend aus Kalkstein, dessen helle Felswände und schroffe Formationen die Landschaft prägen. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Die Bestandteile der Fotofalle, bevor diese an einem Baumstamm befestigt wird. Im ganzen Wallis hängen mehr als 100 solcher Fotofallen. Die Kamera ist selbstauslösend und funktioniert mit Batterien, die den ganzen Winter halten. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Ein Merkblatt informiert Passanten, dass sie normalerweise nicht fotografiert werden. Für SRF macht die Kamera eine «Ausnahme»: von links Feldtechniker Valentin Debons, Reporterin Irène Dietschi und Wildtierökologe Raphaël Arlettaz. Bildquelle: Universität Bern.
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Allerdings ist eine solche Anzahl Wölfe politisch chancenlos und auch gesellschaftlich nicht akzeptiert. Aber ökologisch könnte es durchaus von Vorteil sein, wenn man den Wolf – und andere Raubtiere – vermehrt zuliesse. Zum Beispiel für den krisengebeutelten Wald: «Laut den Förstern haben Prädatoren wie die Wölfe einen positiven Einfluss auf das Wachstum und die Regeneration des Waldes», sagt Raphaël Arlettaz.
Wölfe könnten beim Waldumbau helfen
Der Grund: Schalenwild – Rehe, Gämsen, Hirsche – ernährt sich von jungen Bäumen, mit Vorliebe von trockenheitstoleranten Arten wie Weisstanne, Eiche und Ahorn. Dort aber, wo Wolf und Luchs das Schalenwild in Schach halten, haben junge Baumtriebe eher eine Chance als bei dichten Wildbeständen.
In die Fotofalle getappt
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Bild 1 von 7. Wölfe sind in ihren Revieren häufig gemeinsam unterwegs. Bildquelle: Fotofalle Universität Bern.
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Bild 2 von 7. Der Luchs – ein territorialer Einzelgänger. Bildquelle: Fotofalle Universität Bern.
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Bild 3 von 7. Auch der Dachs ist in den Alpen anzutreffen, hauptsächlich in tieferen und mittleren Höhenlagen. Bildquelle: Fotofalle Universität Bern.
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Bild 4 von 7. Eine Gämse. Sie gehört zum Beutespektrum des Wolfs. Bildquelle: Fotofalle Universität Bern.
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Bild 5 von 7. Ein Reh im Schnee – ebenfalls ein Beutetier von Luchs und Wolf. Bildquelle: Fotofalle Universität Bern.
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Bild 6 von 7. Ein durchschnittliches Wolfsrudel in Europa besteht aus 5 Tieren. Bildquelle: Fotofalle Universität Bern.
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Bild 7 von 7. Luchse sind hauptsächlich nachtaktiv. Bildquelle: Fotofalle Universität Bern.
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Das zeigen etwa Untersuchungen der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. Viele Vertreterinnen und Vertreter der Forstwissenschaft sind überzeugt: Wenn man den Wald umbauen und an den Klimawandel anpassen will, dann sind Wolf und Luchs unverzichtbar.
Raphaël Arlettaz will den «Nutzen» des Wolfs nicht auf diese Weise werten. «Die Ökologie ist, wie sie ist», sagt er dazu, «und diese Systeme haben während Jahrmillionen funktioniert – ohne Präsenz und die Interessen des Menschen.»
Wäre es nach ihm gegangen, hätte man die Ausbreitung des Wolfs in der Schweiz einfach laufen lassen, um zu schauen, wie sich die Rudel in der Landschaft verteilen. Dann, so Raphaël Arlettaz, wäre der Wolfsbestand schon heute stabil.
Der Wolf polarisiert seit Jahren. Während er für Wissenschaftler wie Raphaël Arlettaz Teil der Natur ist, sehen Andere in ihm eine Bedrohung. Denn er reisst nicht nur Wildtiere, sondern auch Schafe und Ziegen – zum Ärger von Bäuerinnen und Bauern. Er macht einem Teil der Bevölkerung auch Angst.
Der Bund will grundsätzlich das friedliche Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf ermöglichen, dabei setzt er auf Herdenschutzmassnahmen sowie auf präventive Abschüsse, um Schäden an Nutztieren möglichst tief zu halten. Was das neue Wolfsmanagement bringt, und wie die Gesellschaft über den Wolf denkt und debattiert. Hier streamen: Der Wolf in der Schweiz – Wie viele Wölfe verträgt das Land?
Echo der Zeit, 26.10.2026, 18:00 Uhr
Source: SRF · Irène Dietschi
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