Die Moral wird brüchig, das Bild vom Bösen verblasst: Der Westen hat seine Nachkriegswerte verloren

Über Jahrhunderte war Jesus der moralische Kompass. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten wir das Gegenteil von Hitler sein. Mit dem Aufstieg der extremen Rechten scheine auch das zu Ende zu gehen, befürchtet der Schriftsteller Arnon Grünberg.

Arnon Grünberg01.11.2026, 05.30 Uhr

13 Leseminuten


Wie kann man ein guter Mensch sein? Und wie weiss man, was das Böse ist?

Wie kann man ein guter Mensch sein? Und wie weiss man, was das Böse ist?

Benjamin Manser / CH Media

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die grosse Erzählung von Jesus durch die von Hitler ersetzt. Hitler war unser moralischer Anti-Kompass: alles, was wir nicht sein wollten. Auch diese Erzählung neigt sich nun dem Ende zu, was wir nicht unbedingt betrauern müssen.

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Das ist das zentrale Argument des schmalen Buches des britischen Historikers Alec Ryrie, «The Age of Hitler and How We Will Survive It». Ryrie ist spezialisiert auf die Geschichte des Protestantismus im England und im Schottland des 16. und 17. Jahrhunderts. Hitler muss für ihn so etwas wie ein Umweg gewesen sein, und nicht einmal ein besonders seltsamer. Der wahre Protestant weiss, was Sündhaftigkeit ist und wo sie zu finden ist – im Protestanten selbst –, und schon allein aus diesem Grund kommt er täglich mit dem Antichrist in Berührung.

Ryries Diagnose – Hitler als Antichrist und die Erinnerungskultur als eine andere Art von Religion – ist nicht neu. Doch die von ihm aufgezeigten Probleme verdienen es, reflektiert zu werden, schon allein deshalb, weil praktisch jede gesellschaftliche Debatte und fast jeder noch so kleine Kulturkampf direkt oder indirekt mit dieser Frage verbunden ist: Wie beständig sind die Ideale, die nach dem Gemetzel des vergangenen Jahrhunderts formuliert wurden?

Was genau ist Menschlichkeit, wenn praktisch kein Mensch der Menschheit angehören möchte, aber nur allzu bereit ist, allen möglichen Untergruppen anzugehören, so dass von der Menschlichkeit selbst nur wenig übrig bleibt? Man ist Deutscher, Mitglied der LGBTQ-Gemeinschaft, Jude, weisser Mann oder Schwarzer. Mensch? Am liebsten nicht.

Was sollen wir mit dem Ideal des Universalismus anfangen, nachdem sich erneut gezeigt hat, dass grosse Wählergruppen – nicht nur rechte Wähler – den Universalismus als Verrat betrachten und sagen: unser eigenes Volk, unser eigenes Land, unsere eigene Gruppe zuerst? Und was genau bedeutet «Nie wieder Auschwitz», abgesehen von der Feststellung, dass es für jeden etwas leicht anderes bedeutet und dass viele Menschen es unerträglich finden, dass es keine einzige, eindeutige Interpretation des Slogans gibt?

Christliche Sehnsüchte

Um die Zeit Hitlers von anderen Epochen abzugrenzen, skizziert Ryrie eine Vergangenheit, in der das Christentum als selbstverständliche Grundlage der Moral angesehen wurde, auf der die europäische Kultur beruhte. Wenn sich ein Europäer fragte, wie man ein guter Europäer sei – und das gilt natürlich auch für den Amerikaner –, dann fragte er sich: Was hätte Jesus getan?

Selbst die europäischen Denker, die begannen, an Jesu Status als Sohn Gottes zu zweifeln, betrachteten den Menschensohn weiterhin als moralischen Leuchtturm. Ryrie zitiert den Philosophen Bertrand Russell (1872–1970), der das Buch «Warum ich kein Christ bin» verfasste, es jedoch nicht unterlassen konnte, gerade in diesem Buch mehrere Lehren Jesu zu loben. Auch die Französische Revolution war in all ihren säkularen Ausprägungen voller christlicher Sehnsüchte und Wünsche.

Dann kam der Bruch in der Zivilisation, den wir Zweiten Weltkrieg, Shoah oder Holocaust nennen können. Gott und sein Sohn starben in den Gaskammern von Auschwitz. Ihre Asche weht noch immer über die Welt. Wenn sich der Westler fragte, was Jesus getan hätte, wusste er, dass er zwangsläufig enttäuscht werden würde: Letztlich hatte die Antwort auf diese Frage nach Auschwitz geführt. Das Reich der Liebe hatte sich als ein Reich der industriellen Zerstörung und beispiellosen Sadismus erwiesen, im Vergleich zu dem der Tod Christi durch Folter ein Kinderspiel war.

Ryrie skizziert daraufhin eine westliche Nachkriegswelt, in der Christen zwar weiterhin an christlichen Idealen festhielten, sich aber ihres Christentums schämten und diese Ideale deshalb ohne biblische Bezüge propagierten. Ich möchte hinzufügen, dass das Christentum, anders als das Judentum, aus dem es hervorgegangen ist, universelle Ambitionen hat. Jeder kann und jeder muss gerettet werden. Das Christentum wollte ein grosses Zelt für die gesamte Menschheit sein.

Die Erfindung der jüdisch-christlichen Zivilisation, die nach 1945 entstand, passt in dieses Muster: Wir werden auch die Juden mit einbeziehen. Der alte kirchliche Antisemitismus war nun kein Zeichen von Frömmigkeit mehr, sondern ein Schandfleck und musste eilig in Philosemitismus umgewandelt werden.

Besessen vom Bösen

Tatsächlich geht Ryrie fast so weit, zu behaupten, dass die Shoah die Säkularisierung im Westen beschleunigt und vielleicht sogar vollendet habe. Er glaubt auch – nicht ganz ohne Grund –, dass die Ära Hitlers, mit anderen Worten die Erinnerungskultur, eine Besessenheit vom Bösen hervorgebracht habe, die nicht immer als gänzlich gesund bezeichnet werden könne.

Das Gute war nun, in bester liberaler Tradition, dem Einzelnen übertragen worden. Religionsfreiheit bedeutete, dass von jedem erwartet wurde, sein Heil auf eigene Faust zu suchen, vielleicht mithilfe einiger Gleichgesinnter, ohne jedoch die Nachbarn damit zu belästigen. Das Böse behielt jedoch unvermindert seine metaphysischen – um nicht zu sagen: religiösen – Dimensionen und war alles andere als eine individuelle Angelegenheit: Es betraf die Gesellschaft, und der Einzelne war verpflichtet, sich dazu zu äussern. Schweigen ist eine Form von Komplizenschaft. Wegschauen ist die Grundlage des Bösen.

Adolf Hitler: Der Inbegriff des Bösen war über Jahrzehnte auch eine negative moralische Instanz. Das kommt ins Wanken.

Adolf Hitler: Der Inbegriff des Bösen war über Jahrzehnte auch eine negative moralische Instanz. Das kommt ins Wanken.

Ullstein/Getty

Ryrie ist der Ansicht, dass die Besessenheit vom gesellschaftlichen Bösen – die natürlich eine Form der Faszination darstellt – zuweilen zu merkwürdigen Entscheidungen geführt habe. Er argumentiert beispielsweise, dass das Apartheid-Regime in Südafrika weitaus weniger Opfer gefordert habe als Mao Zedongs Kulturrevolution in China – und dennoch sei Südafrika «mehrere Jahrzehnte lang» «das grosse moralische Anliegen des Westens» gewesen.

Ryrie erklärt dies damit, dass im Zeitalter Hitlers (sprich: in der Erinnerungskultur) die Shoah allmählich als Hitlers wichtigstes Vermächtnis und der antisemitische Aspekt des Nationalsozialismus (sprich: sein rassistischer Aspekt) als das Wesen des «Dritten Reiches» angesehen wurden. Deshalb konnte Mao, der meines Wissens kein Rassist, aber zweifellos ein Massenmörder war, ignoriert werden und hatte eine Zeitlang sogar Sympathisanten im Westen, die glaubten, der Weg zum Fortschritt sei der maoistische Weg.

Persönlich fällt es mir etwas schwer, mich in die Rolle des Buchhalters des Henkers zu versetzen, der in der linken Hand ein Übel gegen ein anderes in der rechten abwägt. Nehmen wir an, dass die moralischen Anliegen von Individuen und Gesellschaften nicht immer ganz logisch sind, dass diese Anliegen aber dennoch nicht einfach mit einer Bemerkung wie «Warum schweigst du zum Sudan?» abgetan werden können. Menschliche Emotionen sind nicht ganz logisch. Wären sie es, wären Menschen Maschinen.

Das Gute wird Privatsache

Um kurz zusammenzufassen: Das Zeitalter Hitlers ist dadurch gekennzeichnet, dass Jesus zu kaum mehr als einer verherrlichten Nebenfigur verkommen ist. Der Mensch – oder besser gesagt: der Westler, der danach strebt, Gutes zu tun – stellte sich nur eine Frage: Was hätte Hitler getan, gedacht, gesagt? Und tat dann das Gegenteil. Hitler wurde zum negativen moralischen Massstab, und dieser Massstab steht nun kurz vor dem Aus.

Die jüngste Kontroverse um Ongehoord Nederland, einen niederländischen öffentlichrechtlichen Sender, ist bezeichnend. In einer seiner Online-Sendungen wurde über eine Rede Hitlers im Zusammenhang mit seinem Widerstand gegen den Globalismus diskutiert, wobei der Chefredaktor des Senders anmerkte, Hitler habe bestimmte Dinge «sehr gut» gesagt und es gebe Aspekte seines Denkens, denen er – abgesehen von seinem Antisemitismus – zustimme.

Hitler wurde somit immer noch als moralischer Massstab behandelt, jedoch nicht mehr als ein absolut negativer. Zugegebenermassen gab es einige Reaktionen darauf, doch die Tatsache, dass ein öffentlichrechtlicher Sender dies ausstrahlen konnte, unterstreicht Ryries These, dass das Zeitalter Hitlers sich schleppend dem Ende zuneigt.

Während das Gute zur Privatsache wurde, blieb der Kampf gegen das Böse ein Anliegen aller; dieser Kampf verwandelte sich in eine säkularisierte Religion namens Antinazismus oder Antifaschismus. Er versprach zwar keine sofortige Erlösung, bot seinen Anhängern jedoch einen klar definierten Feind und eine Reihe von Werten wie Menschenrechte und Gleichheit.

Ryrie wendet sich nicht gegen die nach 1945 gegründeten internationalen Institutionen, die heute nicht mehr von jedem Imperium respektiert werden. Doch er stellt die berechtigte Frage: Was ist die Grundlage für diese Menschenrechte, diese universellen Ideale, diese Institutionen? Ist es Immanuel Kant, der Philosoph, der als Frauenfeind und Rassist entlarvt wurde? Oder doch Jesus, wenn auch nicht als Sohn Gottes, sondern als fröhlicher Prophet, der den Menschen im Römischen Reich ein wenig inspirierenden Inhalt lieferte? Oder Platon? Sokrates?

Das Fundament gibt nach

Für Ryrie ist die Antwort klar: Das Fundament des tatsächlich existierenden westlichen Universalismus ist Hitler, und dieses Fundament gibt langsam nach. Man denke an die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt im September, bei denen die AfD knapp daran war, die absolute Mehrheit zu erringen. Die AfD propagiert eine Art «Blut und Boden light», Russischunterricht inklusive. Die Meinungen mögen darüber auseinandergehen, wie anständig oder unanständig das ist, aber auf jeden Fall ist es zu spät, die Partei zu verbieten, so dass solche Diskussionen einen höchst theoretischen Charakter haben.

Sicher ist, dass die weitverbreitete Ideologie des Antinazismus demontiert wurde – genau wie einst die Lehren Jesu eine weitverbreitete Ideologie waren, mit all der Heuchelei, die damit einherging. Die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sind lediglich vorläufige Höhepunkte – oder Tiefpunkte, wenn man so will – dieser Demontage, und ich vermute, dass weitere Tiefpunkte folgen werden.

Die Aufhebung des Tabus nähert sich ihrem Abschluss. Und daran ist nicht nur die Rechte schuld, sondern auch das dem Antinazismus selbst innewohnende Paradoxon, das das Böse nur bekämpfen kann, indem es dieses immer wieder heraufbeschwört und an den unterschiedlichsten Orten aufspürt. Als Reaktion auf den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt argumentiert der deutsche Soziologe Hartmut Rosa, dass es unklug und wirkungslos sei, AfD-Wähler als Nazis zu bezeichnen. Rosa geht sogar so weit, die Bezeichnung dieser Wähler als Nazis als eine Form von Othering zu betrachten.

Theo van Gogh, der niederländische Filmemacher und Kolumnist, der 2004 in Amsterdam von einem islamistischen Extremisten ermordet wurde, war Anfang dieses Jahrhunderts etwas auf der Spur, als er bemerkte, dass die Niederländer während des Krieges nicht besonders erfolgreich darin gewesen waren, gut zu sein, und sich deshalb nach dem Krieg umso mehr anstrengten, gut zu sein.

Das Zeitalter Hitlers könnte kaum treffender beschrieben werden. All diese fortschrittlichen Menschen, die ständig über den Zweiten Weltkrieg nachdachten – oder über andere Formen des Bösen, die, wie Ryrie argumentiert, immer indirekt auf diesen Krieg zurückgeführt werden könnten. Was haben uns all diese Gedanken gebracht? Zu wenig.

Andachtsliteratur

In sehr zurückhaltenden Worten plädiert Ryrie für eine Rückkehr zu einer Form von Religion, um moralischen Gefühlen wieder eine Grundlage zu geben. Er nennt es eine Rückkehr zu unseren Wurzeln, und diese Wurzeln müssen sicherlich nicht christlich sein. Ich habe meine Zweifel. «Blut und Boden light» ist ebenfalls eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln, sie ist das Gegenteil dessen, wofür die EU einst gegründet wurde. Und es ist bezeichnend, dass Machthaber wie Putin und Trump Parteien wie die AfD in Deutschland und den Rassemblement national in Frankreich befürworten.

Putin und Trump erkennen zu Recht, dass Nationalismus – ob «Blut und Boden» in abgemilderter Form oder nicht – in den EU-Mitgliedstaaten die EU schwächen wird, und das begrüssen sie sehr. Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Entwurzelung muss auf keinen Fall verherrlicht werden, aber wenn es in der Gesellschaft keinen Platz mehr für die Entwurzelten gibt, ist diese Gesellschaft in Gefahr.

Es gibt einen Aspekt der Hitler-Ära, über den Ryrie weitgehend schweigt: die Verherrlichung von Opfern als moderne Heilige und, daraus folgend, die Verherrlichung des Opferdaseins an sich. In den Niederlanden war es der Soziologe Abram de Swaan, der bereits in den achtziger Jahren vor einem Publikum aus Psychiatern, Psychologen und anderen Fachkräften des Gesundheitswesens bemerkte, dass «Konzentrationslagerliteratur eine moderne Fortsetzung der Tradition der Andachtsliteratur» sei. Die Verfolgung der Juden sei zu «einer modernen Version der Passionsgeschichte» geworden.

Nun gibt es in den Werken von Lagerüberlebenden wie Tadeusz Borowski, Filip Müller, Jean Améry und sogar Primo Levi nicht besonders viel Erbauliches. Man muss Levi schon erhebliche Gewalt antun, um aus seinem Werk eine erbauliche Botschaft zu gewinnen, doch für manche Menschen ist Literatur nur dann akzeptabel, wenn sie auf die eine oder andere Weise aufbauend ist. Schriftsteller und Lagerüberlebende wie Viktor Frankl und Elie Wiesel schrieben Bücher über die Lager, die man als erbaulich bezeichnen könnte, doch sie sind eher die Ausnahme als die Regel.

Leiden mit Happy End

Dennoch erkannte De Swaan bereits vor vier Jahrzehnten, dass das kollektive Gedächtnis an den Mord an den europäischen Juden, sobald es erst einmal richtig an Fahrt gewonnen hatte, religiöse Züge annahm – einschliesslich moderner Heiliger, von denen erwartet wurde, dass sie dem Massenmord einen Sinn und vielleicht sogar ein Happy End verliehen. Der Völkermord musste konsumtauglich gemacht werden. Und ist es nicht das Wesen eines Heiligen, dass er Leiden in ein Happy End verwandelt?

Die Ikonisierung von Anne Frank ist ein Beispiel dafür. Praktisch alle, die ernsthaft über ihr Werk schrieben oder nachdachten, haben ihr literarisches Talent hervorgehoben; für sie war es entscheidend, dass Frank als Schriftstellerin ernst genommen wurde. Doch ihre Ikonisierung versperrt diesen Blick. Anne Frank gehört allen, und deshalb ist sie jeder: ein syrisches Mädchen, ein kurdisches Mädchen, ein palästinensisches Mädchen, ein ukrainisches Mädchen, ein uigurisches Mädchen. Auf diese Weise wurde die Schriftstellerin zu einem Buchcover. Anne Frank wurde zu einem leeren Gefäss, das jeder nach seinen Bedürfnissen füllen konnte. Im Grossen und Ganzen gilt das Gleiche für die Erinnerungskultur.

Diese Entwicklung – es hätte kaum anders kommen können – brachte viel moralischen und ästhetischen Kitsch hervor, in dem die Realität lediglich als Kulisse für die Schaffung vermeintlich tiefgründiger Erlebnisse diente. Der Schrecken wurde zu einem Geisterhaus auf einem Jahrmarkt, inklusive Triggerwarnungen.

Und je weiter der Krieg aus dem Gedächtnis rückte, desto reizvoller wurde es, in Romanen und Filmen ein paar SS-Männer über die Bühne zu führen. Niemand, absolut niemand, konnte Anstoss daran nehmen. Selbst diejenigen, die beispielsweise gewaltsam gegen Asylunterkünfte protestieren und vielleicht sogar geneigt wären, diese in Brand zu setzen, werden sich in den meisten Fällen nicht mit der SS identifizieren. Die Nazi-Uniform gewann für fast jeden einen beruhigenden Charakter. Sie sind die Bösen, wir sind die Guten – ganz gleich, was wir in unserer heutigen Welt tun oder sagen.

All dies soll nicht heissen, dass wir ohne Erinnerungskultur besser dran wären, sondern dass erfolgreiche Erinnerungskultur Massenkultur ist – und Massenkultur ist immer auch Ablenkung.

Jeder ist ein Opfer

In seinem Buch «A Strange Happiness: The Public Religion Surrounding Auschwitz» (2003) spricht der Literaturwissenschafter und Gärtner Jan Oegema von einer «anhaltenden Sakralisierung». Dem Opfer wurde eine heilige Aura verliehen, woraufhin jeder, der sich als Opfer sah, Privilegien beanspruchen konnte. Der Begriff «woke» passt perfekt zur Ära Hitlers, auch wenn jemand wie Ryrie darin wahrscheinlich die letzten Zuckungen dieser Ära sehen würde. Ungerechtigkeit muss korrigiert oder kompensiert werden. Doch wo immer das Opfer sakrale Dimensionen annimmt, wird sich das Opferdasein früher oder später verallgemeinern, bis schliesslich jeder ein Opfer ist. In einer solchen Welt muss dann die KI als Täter herhalten.

Der Historiker Alon Confino prägte den Begriff «grundlegende Vergangenheit» für die Art und Weise, wie die Shoah eine Grundlage für das Bedürfnis des Westens nach Sinn, Deutung und moralischer Orientierung bildete – und im weiteren Sinne auch für das der ganzen Welt. Diese grundlegende Vergangenheit hatte auch weitreichende politische Konsequenzen. Im Jahr 1949 erklärte der amerikanische Präsident Harry S. Truman, dass sich Amerika der Linderung von Leid und Elend auf der ganzen Welt verschreiben müsse. Gott war tot, aber das Imperium führte sein Werk fort.

Ryrie verhehlt auch nicht, dass es in dieser Geschichte von Anfang an Widersprüche gab. Zunächst kooperierte man mit dem Massenmörder Stalin, der entscheidend zur Niederlage Hitlers beigetragen hatte. Dann stellte man sich ihm strategisch entgegen. Nach heutigen Massstäben müssen die Bombenangriffe auf Städte wie Hamburg und Dresden als Kriegsverbrechen bezeichnet werden, es sei denn, man vertritt die Auffassung, dass die gesamte deutsche Bevölkerung schuldig gewesen sei und daher kein Unterschied zwischen Zivilisten und Soldaten gemacht werden könne. Und von Hiroshima und Nagasaki ist noch gar nicht die Rede gewesen. Der Kampf gegen das Böse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gipfelte schliesslich im Abwurf von Napalm auf Vietnam. Amerika rechtfertigte diesen Krieg mit der Dominotheorie: Wenn Vietnam fällt und kommunistisch wird, dann fallen wir alle.

Beschwichtigung ist langsamer Selbstmord. Für Ryrie ist dies eines der bestimmenden Merkmale der Hitler-Ära. Das historische Beispiel: Chamberlain, München 1938. Hinzu kommt, dass Amerika (der Westen) seit 1945 nicht mehr in der Lage ist, seine Kriege zu gewinnen: Vietnam, Afghanistan, Irak und in diesem Jahr Iran. Auch George W. Bush rechtfertigte seinen Einmarsch im Irak mit Verweisen auf München und Chamberlain: Wir haben aus der Vergangenheit gelernt, keine Beschwichtigung. Massenvernichtungswaffen dürfen nicht in die Hände von Saddam Hussein fallen, der natürlich mit Hitler verglichen wurde – also ziehen wir in den Krieg. Das Zeitalter Hitlers erlebte 2003 noch immer seine Blütezeit.

Oegema schliesst sein Buch mit Albert Camus, der sich laut fragt, warum der Westen so besessen von der Kreuzigung sei, und seine eigene Frage dann mit den Worten «un étrange bonheur» beantwortet, «ein seltsames Glück». Weil Gott sich den allzu menschlichen «Schmerzen, Qualen und Ängsten» hingibt, wird jeder Einzelne auf der Welt in ein «grosses und furchterregendes Geheimnis» verwickelt. Eine Zeitlang erfüllte die Shoah diese Rolle des Geheimnisses.

Absurdismus

Camus’ Absurdismus war nur kurzzeitig populär. Die Vorstellung, dass jeder Versuch, in der Welt Sinn und Ordnung zu schaffen, eine Fiktion sei und allein aus diesem Grund niemals wirklich jemandem Frieden schenken könne – diese Vorstellung ist den Menschen zu viel. Mit dem Absurdismus konnte man nur so lange leben, als die Schrecken noch keine Kultur des Gedenkens geworden waren, sondern noch Erinnerung waren.

Im Gegensatz zu vielen anderen versucht Oegema, Hitler als Christen ernst zu nehmen, zumindest als Produkt der christlichen Kultur. Erst 1934, nachdem er Ernst Röhm, «den einzigen Freund, den er in seiner politischen Laufbahn besass», hatte ermorden lassen, brach Hitler mit dem Christentum. Als er «Mein Kampf» schrieb, war er noch Christ.

Oegema legt nahe, dass Hitler zu jener Zeit den Gott des Alten Testaments noch sehr ernst nahm. Er glaubte, Gott habe das falsche Volk als sein auserwähltes Volk gewählt. Denn welchen Nutzen könnte ein Gott von einem Volk haben, das über alle Länder verstreut ist? «Die Diaspora ist der eigentliche Beweis für von Natur aus entartete Instinkte, für einen Mangel an echtem Willen zur Macht», schreibt Oegema, während er versucht, sich Hitlers Einwand gegen Gottes Wahl vorzustellen. Der Führer wollte den Fehler des Ewigen korrigieren.

Die Frage, was uns ein Fundament für die universellen Ideale und Korrekturen bieten wird, die eine Zeitlang so selbstverständlich schienen, lässt Ryrie weitgehend unbeantwortet. Hinter dieser Frage verbirgt sich ein noch grösseres Dilemma. Wird das Ende des Zeitalters Hitlers auch das Ende der Opferkultur sein? Werden die Menschen bereit sein, sich selbst als potenzielle Täter statt als potenzielle Opfer zu sehen, unabhängig von ihrer Identität? Der perverse Nebeneffekt der Opferkultur war, dass Identität zu einem Argument wurde. Doch es gibt keine Identität, die als Impfschutz dagegen dienen kann, zum Täter zu werden.

Arnon Grünberg ist ein niederländischer Schriftsteller und Journalist. Er lebt und arbeitet in New York. – Übersetzt aus dem Englischen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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