Die Methode Gülsha bringt sogar Self-Checkouts mit KI an den Anschlag: «Die Differenz zahlen die ehrlichen Kunden mit höheren Preisen»
Die Schweizer Podcasterin gibt zu, Produkte bewusst falsch einzuscannen. Dagegen rüsten die Supermärkte mit KI-Technologie auf. Denn Ladendiebstähle nehmen zu – und kosten sie Milliarden.
08.11.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
KI-Kameras kommen an ihre Grenzen: Die Detailhändler rüsten auf.
Getty
Zunächst geht es um Schals häkeln, später um das passende Halloween-Kostüm. Zwischen diesen harmlosen Smalltalk-Themen legt Gülsha Adilji ein explosives Bekenntnis ab. In der aktuellen Folge ihres Podcasts «Extrem Therapie» offenbart die Schweizer Entertainerin, dass sie im Supermarkt regelmässig Bio-Produkte mitnimmt, aber nicht dafür bezahlt.
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Stattdessen scanne sie an der Kasse den Preis für die konventionelle Version des Produkts ein, bezahle diesen auch – und spart sich die Differenz. Adilji erklärt, dass ihr Bio zwar wichtig, die Preise in der Schweiz dafür aber zu hoch seien.
Zwar rudert sie nach der fassungslosen Reaktion ihrer Gesprächspartnerin mit einem «manchmal aus Versehen» zurück. Aufgrund des unüberhörbar ironischen Untertons kann man aber davon ausgehen, dass sie diese Methode durchaus regelmässig angewendet hat.
Gülsha Adilji.
Das erstaunliche an diesem medial vieldiskutierten Geständnis ist die Nonchalance, mit welcher Adilji von ihrem Gebaren berichtet. Denn immerhin handelt es sich um einen Straftatbestand. Der «Tages-Anzeiger» ging auf Nummer sicher und hat einen Wirtschaftsethiker befragt, ob es moralische Gründe für einen Ladendiebstahl gebe. Die Antwort: «Wirklich keinen».
Tatsächlich ist Ladendiebstahl kein Kavaliersdelikt. Er richtet im Detailhandel einen gigantischen Schaden an. Im Einzelfall mag es ein kleiner Betrag sein, welche dem Handel entgeht. In der Summe werden aber riesige Summen entwendet. Laut Schätzungen der Kantonspolizei Basel-Stadt werden in Schweizer Geschäften pro Jahr Waren im Wert von über einer Milliarde Franken gestohlen. Tendenz steigend. Der Umsatzschwund betrage mehr als ein Prozent.
Diese Schätzung ist gemäss dem Ladensicherheitsexperten Erich Glarner aber noch zu tief. Er berät mit seiner Firma G+H Trade namhafte Schweizer Detailhändler, wie sie sich gegen Ladendiebstahl schützen können.
Technologie hat Grenzen
Im Lebensmittelbereich rechne man mit zwischen zwei und fünf Prozent Inventurverlust, wobei nicht alles auf Diebstahl zurück zu führen sei, sagt er. Aber würde nicht mehr geklaut, könnten die Produkte in den Läden rund zwei Prozent günstiger angeboten werden. «Die Differenz zahlen die ehrlichen Kunden mit höheren Preisen», sagt Glarner. Es sei ein gesellschaftlicher Missstand, dass viele Leute das Gefühl hätten, Diebstahl würde sich lohnen.
Insbesondere Selfscanning-Kassen sehen viele Kundinnen und Kunden offenbar als Einladung, sich einen Teil der Rechnung zu sparen. In den letzten Jahren haben die Detailhändler deshalb aufgerüstet. Über vielen Kassen in der Schweiz prangt eine kleine Kamera, oftmals kommt zudem KI-Technologie zur Anwendung.
Erich Glarner hilft dabei, solche Systeme einzubauen. «KI-Kameras an Self-Checkout-Kassen lernen ständig hinzu. Sie haben Tausende Produkte hinterlegt. Wenn zum Beispiel jemand ein teures Steak klauen will und den Barcode mit dem Preis für Bananen drauf klebt, können sie das erkennen.»
Doch Glarner räumt ein, dass die Technologie Grenzen hat. «Wenn jemand absichtlich Bio-Äpfel stehlen will und dafür den Preis für konventionelle Äpfel zahlt, dann wird das sehr schwer für die Maschinen zu erkennen.» Gülsha Adiljis Trick bringt die Systeme also an den Anschlag, auch wenn Glarner nicht ausschliesst, dass es künftig technologisch möglich sein wird, solche Fälle zu verhindern.
Doch muss sich Adilji, nachdem sie sich quasi öffentlich selbst überführt hat, Sorgen machen, dass sie künftig an den Self-Checkouts strenger überwacht wird? Das verhindern Datenschutz-Gesetze.
Zwar wären die Kameras imstande, eine Gesichtserkennung zu machen, sagt Glarner. «Aus rechtlichen Gründen ist das in der Schweiz leider nicht erlaubt. Denn man könnte die Diebe auch innerhalb des Geschäfts viel besser verfolgen, wenn man die Gesichter speichern dürfte.»
«Nicht lügen oder klauen»
Gemäss der Schweizerischen Kriminalstatistik ist die Anzahl Fälle im 2025 mit 25 434 leicht zurückgegangen. Allerdings ist es ein sich Einpendeln auf einem hohen Niveau. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der registrierten Ladendiebstähle in der Schweiz um 51 Prozent angestiegen.
Wobei man von einer enormen Dunkelziffer ausgehen muss. Die meisten Fälle kommen gar nie zur Anzeige, weil sich für die Händler der Aufwand nicht lohnt. Sie sind eher darum bemüht, den Diebstahl von leicht zu transportierender, wertvoller Ware zu verhindern - darunter Parfüms, Sonnenbrillen oder Fleisch. Diese werden meist von organisierten Banden ausgeführt.
Laut einem Artikel im «Migros Magazin« vom letzten Jahr nehmen Ladendiebstähle in den Supermärkten vor allem gegen Ende Monat, bevor der Lohn auf dem Konto liegt, zu. Ein Filialleiter sagt: «Immer mal wieder verschwindet aus unserer Filiale Ware, die nicht bezahlt wurde. Das ist sehr ärgerlich und für das ganze Team unangenehm. Und vor allem: Es verursacht Kosten.»
Der kurze Text ist bemerkenswert, weil Detailhändler sonst extrem widerwillig Auskunft zu dem Thema geben. Denn sie wollen vermeiden, dass die Kundschaft auf falsche Gedanken kommt. Doch hier erfährt man, dass vor allem Fleisch und Kosmetika – also nicht unbedingt Bio-Produkte – im Visier der Diebe sind. Die Migros schaltet laut dem Artikel auch nur im Wiederholungsfall die Polizei ein und spricht Hausverbote aus.
Gülsha Adilji hat auf zweimalige Anfrage bei ihrem Management nicht reagiert. In welchem Laden sie genau zugegriffen hat, bleibt ihr Geheimnis. Pikanterweise hatte sie jedoch vor kurzem prominente Auftritte in den Hausmedien beider grossen Schweizer Supermarktbetreiber. Im «Migros Magazin» philosophierte sie über das Älter werden. Und im Podcast «Coopchind» erzählt sie, dass ihre Mutter ihr als «grosser Wert» mitgegeben habe, dass nichts peinlich sei «ausser lügen und klauen».
Auf Anfrage wollen sich Migros und Coop weder im Detail zum Thema Ladendiebstahl noch zu den Aussagen Adiljis äussern. Die Migros schreibt, dass Diebstahl Kosten verursache und Betrugsversuche nicht toleriert würden. Aber: «Die grosse Mehrheit unserer Kundinnen und Kunden bezahlt ihre Einkäufe korrekt.»
Coop wiederum hält fest, dass man zu sicherheitsrelevanten Aspekten keine Auskunft geben könne. Betrügerisches Verhalten werde nicht toleriert.
Der Verband Bio Suisse teilt mit, dass man keinen Einfluss auf die Margenpolitik der Grossverteiler habe. Bio-Produkte hätten aus verschiedenen Gründen jedoch einen höheren Preis. Da sie umweltschonend und tiergerecht hergestellt werden, seien sie arbeitsintensiver bei gleichzeitig kleineren Erträgen. Wer Bio kaufe, würdige das.
Adilji sah das das offenbar pragmatischer.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Moritz Kaufmann
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