Die linke Heilsbringerin: Isabella Weber will mit Preiskontrollen gegen Rechtsextreme ankämpfen
Mit ihrem Buch «Antifaschistische Wirtschaftspolitik» hat die deutsche Ökonomin einen Bestseller gelandet. Ihr Plan für tiefere Lebenshaltungskosten trifft den Nerv der Zeit. Er droht aber genau in den Autoritarismus zu führen, den sie verhindern will.
28.10.2026, 05.31 Uhr
7 Leseminuten
Isabella Weber misstraut dem Markt und propagiert eine staatliche Lenkung der Wirtschaft.
Mike Schmidt / Imago
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Sie ist die linke Galionsfigur der Stunde. In urbanen Milieus, wo der Neoliberalismus – oder was darunter verstanden wird – als Sündenbock für fast jedes Übel herhalten muss, führt derzeit kein Weg an Isabella Weber vorbei. Die aus Deutschland stammende und in den USA forschende Ökonomin hat mit «Antifaschistische Wirtschaftspolitik» ein ebenso ambitioniertes wie streitbares Buch vorgelegt. Es skizziert ein Programm, das soziale Ungleichheit und Rechtsextremismus gleichermassen bekämpft. Oder in den Worten der Autorin: «Demokratie braucht eine Wirtschaftspolitik des ‹Nie wieder›.»
Staatliche Kontrolle über essenzielle Güter
Das Pathos solcher – und ähnlicher – Sätze ist nicht der grösste Schwachpunkt des Buches. Gravierender ist, dass die von Weber propagierten Rezepte bei konsequenter Anwendung schnurstracks in den Autoritarismus und somit ebenfalls zu Extremismus führen würden. Denn was vordergründig gefällig klingt – Solidarität statt Imperialismus, Demokratie statt Defaitismus, Fürsorge statt Konkurrenz –, läuft stets auf staatliche Lenkung hinaus. So macht sich Isabella Weber stark für den «Aufbau öffentlicher Macht über die Grundlagen von Leben und Produktion».
Die These des knapp 400 Seiten umfassenden Buchs ist schnell zusammengefasst: Der Neoliberalismus und der damit angeblich verbundene Marktfundamentalismus begünstigen den Aufstieg des Faschismus. Denn während die Konzerne gigantische Übergewinne kassieren, können sich die meisten Menschen «essenzielle Güter» wie Wohnraum, Nahrung, Energie oder Mobilität kaum noch leisten. Die daraus erwachsende Ohnmacht stärkt die extreme Rechte und gefährdet die Demokratie. Um diesen Prozess aufzuhalten, muss der Staat die Kontrolle über die lebensnotwendigen Güter zurückerobern.
Weber liegt nicht überall falsch. Vor allem in einem Punkt ist ihr zuzustimmen: Unter steigenden Lebenshaltungskosten leiden Arme weit mehr als Reiche, zumal sie einen grösseren Teil ihres Einkommens für Grundbedürfnisse ausgeben müssen. Zutreffend ist auch, dass stark steigende Preise zu politischer Radikalisierung führen können. Das wusste schon Stefan Zweig, der in seinem 1942 postum veröffentlichten Buch «Die Welt von gestern» schrieb: «Nichts hat das deutsche Volk – dies muss immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden – so erbittert, so hasswütig, so hitlerreif gemacht wie die Inflation.»
Ein globaler Shitstorm als Karrieresprung
Fragwürdig ist somit nicht Webers Problemdiagnose an sich. Zweifelhaft ist ihre Therapie. Denn um Produkte des täglichen Grundbedarfs erschwinglich zu machen, setzt die 39-Jährige praktisch ausschliesslich auf staatliche Preispolitik. Die bittere historische Pointe hinter dieser «antifaschistischen Wirtschaftspolitik»: Es war vor allem das NS-Regime, das ab der zweiten Hälfte der 1930er Jahre über den «Reichskommissar für die Preisbildung» dieses Instrument rigoros anwandte. Webers Antifaschismus fand seinen Vorläufer somit bei den Faschisten – les extrêmes se touchent.
Ein wichtiger und geradezu mythischer Ort für die Nazis war Nürnberg – die Stadt der Reichsparteitage. Es ist auch die Geburtsstadt von Isabella Weber. Mit dieser Herkunft begründet die Ökonomin, weshalb der Kampf gegen den Faschismus für sie oberste bürgerliche Pflicht ist. Die Menschen sehnten sich nach einer Alternative zum Status quo. Der Neoliberalismus jedoch beteuere, es gebe keine Alternative. So heisse es zwar stets, die Demokratie sei die beste Staatsform. Doch wenn es um die Wirtschaft gehe, könne die Politik nicht mehr tun, als ihre Wähler den Marktgesetzen zu unterwerfen.
Weber wehrt sich gegen diese Alternativlosigkeit. Sie ist Professorin an der amerikanischen University of Massachusetts Amherst und wurde Ende 2021 erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In einem Artikel für den britischen «Guardian» regte sie damals an, die Inflation durch «massgeschneiderte Kontrollen sorgfältig ausgewählter Preise» zu bekämpfen. Die Reaktion war ein globaler Shitstorm. Selbst Paul Krugman, gegenüber linken Ideen durchaus aufgeschlossen, wählte heftige Worte und bezeichnete den Vorschlag als Dummheit. «Der Hass des ganzen Fachgebietes ergoss sich über mich», schreibt Weber im Buch mit Blick auf diese Zäsur.
Erschwinglichkeit – ein Nerv der Zeit
Ihrer Karriere war die Empörungswelle nicht hinderlich. In Berlin, wo fast zeitgleich die rot-grün dominierte Ampelkoalition ihre Arbeit aufnahm, wurde man auf die Querdenkerin aufmerksam – und berief sie in die Gaspreiskommission, wo sie sich entsprechend ihren Ideen für einen Preisdeckel einsetzte. Weil die Unterdrückung von Marktsignalen meist viel Geld kostet, wurde Weber zudem in die Expertenkommission für eine «Modernisierung» – will heissen: Lockerung – der Schuldenbremse geholt. Doch nicht nur in der SPD, auch bei den amerikanischen Demokraten kann Weber auf zahlreiche Fürsprecher zählen.
Mit der Affordability (Erschwinglichkeit) des Lebensunterhalts trifft die Autorin einen Nerv der Zeit. Kaum ein Thema beschäftigt die Amerikaner kurz vor den Zwischenwahlen so stark. Und auch in Europa haben die jüngsten Ausschreitungen in Frankreich oder Italien teilweise damit zu tun, dass die Lebenskosten steigen und die Mieten immer unerschwinglicher scheinen. Vor allem junge Leute fragen sich, was ihnen der Kapitalismus eigentlich zu bieten habe. Der Ruf nach staatlicher Korrektur liegt da nahe – und ist ein wichtiger Grund für die Breitenwirkung von Webers antikapitalistischem Gegenentwurf.
Damit die Einkäufe von Lebensmitteln verbilligt werden, geht die Autorin rigoros zur Sache. So sollten sich Supermärkte gegenüber dem Staat dazu verpflichten, einen Warenkorb mit Grundnahrungsmitteln zu einem Fixpreis zu verkaufen, was heute in Mexiko schon teilweise der Fall sei. Wer sich an die Preisobergrenze hält, erhält Steuervergünstigungen oder Subventionen. Wer zu viel verlangt, wird von der Regierung öffentlich an den Pranger gestellt. Auch soll der Staat grosse Lager an wichtigen Produkten halten. Diese sollen als Puffer dienen, um ein volatiles Auf und Ab der Preise zu verhindern und die Lieferketten zu stabilisieren.
Sozialpolitik mit der Giesskanne
Dass eine aufgeklärte Gesellschaft all jene Mitmenschen unterstützt, die sich unverschuldet nicht genügend Lebensmittel kaufen können, ist eine Selbstverständlichkeit. Eine liberale Form der Hilfe wäre indes, dass der Staat den Menschen direkt Geld zukommen lässt. Solche Transfers hätten erstens den Vorteil, dass die Empfänger das Geld so ausgeben können, wie es ihren Präferenzen entspricht. Zweitens würden teure Mitnahmeeffekte vermieden, zumal Millionäre beim Einkauf im Supermarkt nicht auf Preisobergrenzen angewiesen sind.
Von Geldzahlungen an Bedürftige hält Weber jedoch nichts. Für sie ist dies würdelos, führt bei den Bittstellern zu Scham und gefährdet den sozialen Zusammenhalt. Statt zielgenau jene zu unterstützen, die es nötig haben, empfiehlt sie den Griff zur Giesskanne. Niemand soll seine Bedürftigkeit beweisen müssen. Vielmehr sollen alle, ob arm oder reich, von staatlichen Preisdeckeln, die selbstverständlich auch für Mieten gelten sollen, profitieren. Weber bezeichnet diesen freihändigen Umgang mit öffentlichen Mitteln als Prinzip der Universalität. Es soll dazu beitragen, eine gesellschaftliche Spaltung zu verhindern.
Wer es eine gute Idee findet, vor der Auszahlung staatlicher Hilfe zuerst die Bedürftigkeit abzuklären, ist für Weber schon fast Faschist. So schreibt sie: «Während die Faschisten uns spalten und jede Identitätsdifferenz, die sie finden können, instrumentalisieren, schafft der Zusammenschluss um gemeinsame Bedürfnisse und geteilte Würde herum jene Einheit, mit der wir Oligarchie und Demagogie die Stirn bieten können.» Die absurde Folge solcher Gleichmacherei: Weil alle Menschen essen, sollen auch Milliardäre, deren «obszöner» Reichtum im Buch vielerorts gegeisselt wird, von Preisdeckeln profitieren.
Eine Welt ohne ökonomische Knappheiten
Es ist nicht die einzige Unstimmigkeit in Webers Argumentation. So stützt sich ihr Ruf nach Preisdeckeln massgeblich auf die Prämisse, dass Unternehmen sogenannte Übergewinne abschöpfen und Notlagen stets dazu missbrauchen, um ihre Profitmargen auszuweiten. Für eine solche «Gierflation» fehlen empirisch aber weitgehend die Belege. Und selbst wenn es aufgrund geballter Marktmacht zu solcher Preistreiberei käme, bestünde die effiziente Antwort in einer schärferen Wettbewerbspolitik und einer Entflechtung allfälliger Kartelle – nicht aber in willkürlich verordneten Preisgrenzen.
Weber propagiert eine Nirwana-Ökonomie. Neben niedrigen Preisen für essenzielle Güter gehören dazu genügend gute Arbeitsplätze, stabile Einkommen, Vollbeschäftigung und vieles mehr. Niemand soll sich um die Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse sorgen müssen. Diese gilt es vielmehr aus den Klauen des Marktes und des Gewinnstrebens zu befreien. Das bedeutet beispielsweise, dass Mieten nicht nur gedeckelt werden. Mieter sollen auch das Recht erhalten, von ihren Vermietern energetische Sanierungen einzufordern, damit die Fixierung der Preise auch gleich mit grüner Industriepolitik verbunden wird.
Es ist natürlich ein verlockender Gedanke, dass man sich alles leisten kann und dass die Besteuerung von Superreichen und Konzernen ein nie versiegendes Füllhorn ist, das alle Finanzierungsfragen erübrigt. Doch die Welt ist kein Nirwana, sondern von Knappheit geprägt. Sie erzwingt Prioritäten: Wer Geld in die Verbilligung von Mieten steckt, dem fehlt es für energetische Sanierungen. Günstig und zugleich modern ist daher schwierig – ausser in Webers Welt vermeintlicher Gratisleistungen. Ein Beispiel ist ihre Forderung nach «kostenlosen Bussen» – als kosteten Herstellung und Betrieb nichts und arbeiteten die Fahrer ohne Lohn.
Miserable Erfolgsbilanz von Preiskontrollen
Irreführend ist auch das Wehklagen über das angebliche Kaputtsparen des Staates, die Austeritätspolitik oder die Verdrängung der Öffentlichkeit durch das Diktat des Marktes. Denn Tatsache ist, dass die Staatsquoten der Industriestaaten stark steigen. In Deutschland liegt sie bereits bei über fünfzig Prozent. Parallel klettert auch die Verschuldung in die Höhe. Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass die Staatsschulden 2029 das weltweite Bruttoinlandprodukt übersteigen werden. Von einem Marktfundamentalismus kann angesichts der Dominanz semisozialistischer Volkswirtschaften kaum die Rede sein.
Dazu kommt, dass Preiskontrollen in der Vergangenheit höchstens vorübergehend funktioniert haben. In Notsituationen wie Kriegen gibt es für solche Eingriffe, die oft mit Rationierungen einhergehen, zwar durchaus Gründe. Zur Bändigung einer herkömmlichen Inflation taugen sie aber nicht. Das zeigte sich etwa in der Nixon-Ära der 1970er Jahre, als das Einfrieren von Preisen und Löhnen nur zu einem kurzzeitigen Aufstauen der Inflation führte. Viele Firmen drosselten damals auch die Produktion, weil sie ihre Kosten nicht mehr decken konnten. Entsprechend verschärften sich die Versorgungsengpässe zusätzlich.
Zu einem würdevollen Leben und zur Besänftigung tatsächlicher oder potenzieller Faschisten dürften Webers Ideen daher kaum beitragen. Die Kontrolle zahlreicher Preise überfordert jeden Staat, denn es fehlt ihm die Signalfunktion des Marktes zur «richtigen» Preisfindung. Im real existierenden Kommunismus führte diese Ohnmacht zumeist dazu, dass die Planer noch mehr Macht an sich rissen und individuelle Freiheiten weiter einschränkten. Dass ein Werk, das diesen «Weg zur Knechtschaft» (Hayek) erneut propagiert, heute auf so grosses Echo stösst, zeugt von erstaunlicher historischer Vergesslichkeit.
Isabella M. Weber: Antifaschistische Wirtschaftspolitik. Edition Suhrkamp, Berlin 2026. 399 Seiten.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Thomas Fuster
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