«Die kleine Märtyrerin von der A 10»: Fast vierzig Jahre nach dem Fund einer Kindsleiche stehen in Frankreich die Eltern vor Gericht

Jahrzehntelang wusste niemand, wer das tote Mädchen war, das an einer Autobahn abgelegt worden war. Erst eine DNA-Spur führte zur Familie von Inass Touloub. Sie wurde nur vier Jahre alt und musste Schreckliches erleiden.

03.11.2026, 16.36 Uhr

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Das Grab von Inass Touloub auf dem Friedhof von Suèvres in Frankreich

Das Grab von Inass Touloub auf dem Friedhof von Suèvres in Frankreich

Imago

Man nannte sie «die kleine Märtyrerin von der A 10». Jahrzehntelang kannte niemand die Identität des toten Mädchens, das am 11. August 1987 in einem Graben an der Autoroute 10 nahe der zentralfranzösischen Stadt Blois gefunden wurde. Die Leiche war in eine blaue Decke gewickelt und wies Spuren schwerer Misshandlungen auf: Verbrennungen durch ein Bügeleisen, durch Menschen zugefügte Bisswunden, Knochenbrüche. Wer hatte dem Kind nur solche Gewalt angetan?

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Die Ermittler suchten im ganzen Land nach Antworten. Niemand hatte das Mädchen als vermisst gemeldet. Laut der BBC löste der Fall eine der grössten Fahndungen in der Geschichte Frankreichs aus: Rund 65 000 Schulen wurden aufgesucht, 6000 Ärzte und Tagesmütter kontaktiert. Fotos des Kindes hingen in Zehntausenden Schulen und Rathäusern. Doch niemand schien das Mädchen zu kennen.

Cold Case gelöst

Im September 1987 wurde es ohne Namen auf dem Friedhof des nahe gelegenen Dorfes Suèvres begraben. Zehn Jahre später wurden die Ermittlungen eingestellt. Der Fall wurde zu einem der bekanntesten Cold Cases Frankreichs. Erst als ein Mann nach einer Schlägerei erkennungsdienstlich erfasst wurde, kam Bewegung in die Sache. Im April 2017 meldete die französische DNA-Datenbank eine Übereinstimmung mit einer Spur auf der blauen Decke. Weitere Analysen ergaben, dass der Mann ein Bruder des toten Mädchens war. Endlich hatte die Unbekannte einen Namen: Inass Touloub. Sie war nur vier Jahre alt geworden.

Seit Montag stehen in Blois die aus Marokko stammenden Eltern von Inass vor Gericht. Die heute 72-jährige Mutter Halima al-Bakhti muss sich wegen Folter und barbarischer Handlungen mit Todesfolge ohne Tötungsabsicht verantworten. Der 74-jährige Vater Ahmed Touloub ist wegen Beihilfe angeklagt. Bereits 2018 waren beide festgenommen worden, doch kamen sie nach der Untersuchungshaft unter Auflagen frei. Dass der Prozess erst jetzt stattfindet, liegt unter anderem an jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen über die Anklage. Kinderschutzorganisationen hatten gegen die Verzögerung immer wieder scharf protestiert.

Wie die französische Presse berichtete, erschienen die mittlerweile geschiedenen Angeklagten in einem gesundheitlich angeschlagenen Zustand vor dem Schwurgericht. Ahmed Touloub bewegte sich mühsam mit einem Gehstock, seine frühere Frau verbarg ihr Gesicht hinter einem Schal. Im Gerichtssaal sassen sie nebeneinander, ohne sich anzusehen. Die Vorsitzende Richterin Audrey Debeugny musste sich laut «Le Monde» mehrmals vergewissern, dass die beiden Rentner ihren Ausführungen überhaupt folgen konnten.

Die Vorwürfe bestreiten beide. «Ich habe keines meiner Kinder je angerührt», erklärte der Vater. Er selbst sei von seiner Frau geschlagen worden. Bakhti wiederum beschuldigte ihren früheren Mann und ihre Töchter, über sie gelogen zu haben. Auf die Frage, ob sie ihre Tochter gefoltert habe, antwortete sie: «Nein. Es ist meine Tochter.»

Inass wurde 1983 in Casablanca geboren und lebte zunächst bei ihren Grosseltern in Marokko. Mit anderthalb Jahren kam sie zu ihren Eltern nach Frankreich. Dort soll sie zunehmend zum Opfer der Wutausbrüche ihrer Mutter geworden sein. Tatsächlich hatte Bakhti bei früheren Vernehmungen eingeräumt, ihre Tochter geschlagen zu haben. Die besonders schweren Misshandlungen, darunter die Bisse und Verbrennungen, leugnete sie jedoch. Sie behauptete, Inass sei eine Treppe hinuntergestürzt.

Ahmed Touloub schilderte den Ermittlern, wie er das Mädchen am 10. August 1987 leblos auf einem Sofa gefunden habe. Er habe zunächst die Polizei verständigen wollen, habe sich dann aber umentschieden, weil er befürchtet habe, dass ihm die anderen Kinder weggenommen würden. Stattdessen sei die Familie in der Nacht zu ihrer geplanten Ferienreise nach Marokko aufgebrochen. Im Auto sassen fünf weitere Kinder, das jüngste war erst wenige Tage alt. Die tote Inass lag in eine Decke gewickelt ebenfalls im Wagen. An der A 10 wurde ihre Leiche abgelegt. Die Familie setzte ihre Reise fort und kehrte drei Wochen später nach Frankreich zurück. Über das tote Mädchen wurde fortan geschwiegen.

Kindheit voller Angst und Gewalt

Besonders bedrückend sind die Schilderungen der beiden ältesten Töchter, die damals neun und sechs Jahre alt waren. Wie «Le Monde» schreibt, berichteten sie von einer Kindheit voller Angst und Gewalt. Ihre Mutter habe alle drei Mädchen geschlagen, Inass jedoch besonders häufig. Die ältere Schwester erinnerte sich daran, am Abend vor der Abreise einen lauten Knall gehört zu haben. Anschliessend habe sie Inass regungslos am Fuss einer Treppe liegen sehen.

Die vier Brüder erfuhren dagegen nach eigenen Angaben erst durch die Ermittlungen, dass sie eine Schwester gehabt hatten, die unter so grausamen Umständen gestorben war. Alle sechs Geschwister treten in dem Prozess als Nebenkläger auf.

Für das Gericht dürfte es nach fast vier Jahrzehnten schwierig werden, die Verantwortung für den Tod von Inass zweifelsfrei zu klären. Die Eltern widersprechen sich, die Ereignisse liegen lange zurück. Zudem ist unklar, ob der Vater noch in der Lage ist, dem Prozess zu folgen. Das Gericht ordnete eine weitere Untersuchung seiner geistigen Fähigkeiten an. Das Urteil wird für den 18. November erwartet.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Steinvorth

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