Die «Grande Nation» implodiert. Sie gleitet schleichend in einen Bürgerkrieg ab
Frankreich bietet das Schauspiel eines Landes im vollen Verfall, das darauf versessen ist, seinen Zustand zu verschlimmern.
Pascal Bruckner27.10.2026, 16.00 Uhr
5 Leseminuten
Streiks und Verwüstungen sind normal geworden: Ein Demonstrant in Lyon, 24. Oktober 2026.
Laurent Cipriani / AP
Im Mai 1848 wohnt Alexis de Tocqueville einem grossen allegorischen Fest zu Ehren der Eintracht auf dem Marsfeld bei. Die Julimonarchie von Louis Philippe ist drei Monate zuvor zusammengebrochen, und die Wahlen im April haben kein eindeutiges Ergebnis gebracht. In den Vorstädten wächst der Unmut: Die Arbeiter, die auf eine soziale und demokratische Republik gehofft haben, begehren gegen die Schliessung der Nationalwerkstätten auf, jener Einrichtungen, die die Arbeitslosigkeit lindern sollten.
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Auf dem Marsfeld sieht Tocqueville 20 000 Bajonette wiegen, «wie ein See aus Stahl». Jedes Lager stellt seine Soldaten zur Schau: Legionen aus den Vorstädten, nach ihnen jene der reichen Viertel und der Vororte. Tocqueville kommentiert in seinen Erinnerungen: «Ich wohnte diesem langen Schauspiel mit von Traurigkeit erfülltem Herzen bei; noch nie zu irgendeiner Zeit waren so viele Waffen auf einmal in der Hand des Volkes (. . .) Ich sah voraus, dass all diese Bajonette, die ich in der Sonne glänzen sah, bald gegeneinander erhoben werden würden, und ich spürte, dass wir soeben die Musterung der zwei Armeen des Bürgerkriegs vollzogen hatten.»
Barrikaden und 2000 Verletzte im Mai 1968
Kaum einen Monat später tritt General Cavaignac an der Spitze einer 50 000 Mann starken Armee, die hauptsächlich aus Bauernsöhnen besteht, den Arbeitern entgegen. Diese haben im Osten von Paris Barrikaden errichtet und zählen etwa 25 000 Mann. Es ist ein Massaker: 5000 Aufständische werden getötet, 1500 ohne Gerichtsverfahren erschossen, 25 000 deportiert, vor allem nach Algerien.
Karl Marx zeigt sich begeistert und sieht in dem Aufstand «das gewaltigste Ereignis» in der Geschichte der europäischen Bürgerkriege. Nochmals 22 Jahre später, im Jahr 1871, erlebt das gerade von Preussen gedemütigte Frankreich den Aufstand der Pariser Kommune. Eine noch brutalere Episode, die von Adolphe Thiers unerbittlich im Blut erstickt wird.
Im 20. Jahrhundert gehen die internen Konflikte weiter. 1961 etwa ist Paris in höchster Alarmbereitschaft, als Generäle in Algerien putschen, um Staatspräsident Charles de Gaulle zu stürzen. Man fürchtet, Fallschirmjäger könnten in der Hauptstadt landen, während die rechtsextreme Organisation Armée Secrète (OAS) mit ihren Anschlägen Terror verbreitet, um einen Aufstand der Kommunisten zu provozieren. Gleichzeitig liefern sich die algerischen Unabhängigkeitsbewegungen FLN und MNA von Messali Hadj einen Bruderkrieg, der fast 4000 Tote fordert.
Im Mai 1968 schrammt Frankreich nur knapp an einem Bürgerkrieg vorbei. General de Gaulle reist nach Deutschland, um sich die Unterstützung von General Massu zu sichern, der einen allfälligen kommunistischen Aufstand mit französischen Truppen aus der BRD niederschlagen soll. Die Umsicht des Polizeipräfekten Maurice Grimaud verhindert das Schlimmste. Trotz heftigen Zusammenstössen und einer Vielzahl von Barrikaden im Quartier Latin und in allen grossen Städten Frankreichs gibt es in den zwei Monaten offiziell «nur» 6 oder 7 Tote, dazu 2000 Verletzte und Schwerverletzte.
Knapp an einem Bürgerkrieg vorbeigeschrammt: Polizisten an einer Demonstration in Paris, 7. Mai 1968.
Reg Lancaster / Hulton / Getty
Strassenszene während der Mai-Krawalle in Paris, 1968.
Reg Lancaster / Hulton / Getty
Gierige Hyperkapitalisten auf Shoppingtour
Zurück in die Gegenwart. Die Krawalle vom 17. Oktober 2026 spielten sich am Ende meiner Strasse ab, den ganzen Tag war das Knallen der Tränengasgranaten und Feuerwerksböller zu hören. Gegen 18 Uhr, als ich zum Einkaufen ging, waren die Strassen verwüstet: brennende Mülltonnen, Mopeds und Bänke, aufgerissener Asphalt, ausgebrannte Autos, demolierte und geplünderte Geschäfte. Dazu Banden von Jugendlichen, die brüllend vor Freude von der Place de la République herbeiströmten.
Die Randalierer waren bester Laune, erzählten sich von ihren Kämpfen mit der Polizei, gratulierten einander und zogen mit ihrer Beute davon, einige von ihnen sassen zusammengedrängt in Lieferwagen. Drei Arten von Demonstranten wechselten sich im Laufe des Tages ab: zuerst Schüler und Studenten, dann die Vertreter der ultralinken Szene, diszipliniert und entschlossen, bereit, alle Symbole des «bourgeoisen Staates» in Brand zu stecken, zuletzt Plünderer aus den Vororten, die zum «Shoppen» gekommen waren.
Diese «Konsumenten» hatten es eilig, aber sie waren nicht in Aufruhr, eher im Rausch. Sie sicherten sich das neueste iPhone, die neusten Sneaker und andere Luxusartikel. Das waren keine «Verdammten dieser Erde», keine Unterdrückten im Sinne von Frantz Fanon, sondern gierige Hyperkapitalisten. Es war ein gigantisches, landesweites Gelage, bei dem sich verängstigte Händler und rasende Randalierer gegenüberstanden. In allen Städten Frankreichs spielten sich dieselben apokalyptischen Szenen ab, aber im Vergleich zu früheren Aufständen gab es einen Unterschied: die Überforderung und faktische Abwesenheit der Polizei.
Dieser Rückzug des Staates, seine gnadenlose Überforderung, hat viele Franzosen entmutigt. Um die Stimmung zu verstehen, die das Land erfasst hat, muss man sich die finanzielle Lage Frankreichs vor Augen führen: Die Staatsverschuldung beläuft sich auf 3640 Milliarden Euro, was 117 Prozent des BIP entspricht. Die Zinslast beträgt jährlich 74 Milliarden Euro – das entspricht den Verteidigungsausgaben. Bei diesem Tempo werden im Jahr 2030 allein die Zinszahlungen höher sein als die Einnahmen aus der Einkommensteuer. Denn der Zinssatz, der bis 2022 nahezu negativ war, ist bis 2026 auf fast 5 Prozent gestiegen.
Kampf der linken und rechten Scharlatane
Frankreich droht die Unterstellung unter die Vormundschaft des Internationalen Währungsfonds. Politisch liegt die Regierung von Emmanuel Macron in den letzten Zügen, sie wirkt verwirrt und verliert sich in leeren Proklamationen. Dabei konnte Emmanuel Macron in seiner ersten fünfjährigen Amtszeit einige Erfolge verbuchen: die Schaffung von fast einer Million Arbeitsplätzen, eine europafreundliche Politik trotz den Protesten der Gelbwesten, die mit Milliardenbeträgen beruhigt wurden, und der Corona-Krise, die ebenfalls sehr kostspielig war. Doch die zweite Amtszeit war desaströs. Die Auflösung der Nationalversammlung und der Verzicht auf die wichtigste Reform, die Anhebung des Rentenalters auf 63 Jahre, vermittelten das Bild eines zögerlichen und schwankenden Präsidenten.
Was die französische Nation betrifft, so fragmentiert und zersetzt sie sich zusehends. Die Krawalle des 17. Oktober haben eine Jugend gezeigt, die panische Angst vor der Zukunft hat, vor einem Krieg in Europa, vor Rechtsextremen, Jihadisten oder dem Verfall des schulischen Niveaus. In dieser Verwirrung wimmelt es von Scharlatanen, egal ob rechts oder links: allen voran Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon, feindliche Geschwister, aber heimliche Komplizen, die die Bevölkerung mit unerfüllbaren Versprechungen einlullen.
Hinzu kommt der Bankrott der Autoritäten, der nicht nur auf einen Mangel an Härte zurückzuführen ist, sondern auch auf ein panisches Schwanken des Staatsoberhauptes: Hatte Emmanuel Macron die Ordnungskräfte nicht aufgefordert, «Empathie» gegenüber den Demonstranten zu zeigen? Obwohl diese Ordnungskräfte mit Steinen beworfen wurden und einige Protestierende versucht hatten, eine Polizeianwärterin zu lynchen, ein Gymnasium niederbrannten und Lehrer misshandelten?
Pariser Bürger verbrennen den Thron von Louis Philippe, Februar 1848 (zeitgenössische Litographie).
Keystone
Die Kluft zwischen der idyllischen Sicht auf Frankreich, die man im Präsidentenpalast pflegt, und der Realität vor Ort ist abgrundtief. Seit Jahren nehmen Angriffe auf Polizisten zu, auch wenn sie nicht im Dienst sind. Man veröffentlicht ihre Adressen im Internet, lockt sie in Fallen, um sie zu verprügeln. Schulleiter erhalten Morddrohungen, und die Polizei beschlagnahmt Tausende von Stichwaffen in Schulen. Die sozialen Spaltungen sind offensichtlich, die Gefahr eines Flächenbrandes in manchen Vororten ebenfalls.
Frankreich bietet das Schauspiel eines Landes im vollen Verfall, das darauf versessen ist, seinen Zustand zu verschlimmern. Man erinnert sich an 1793, 1830, 1848 oder an die Pariser Kommune, um alle gescheiterten Utopien vergangener Jahrhunderte in Moll nachzuspielen. Mangels einer Kultur des Kompromisses und des Dialogs hat sich unser Land mit systematischen Streiks, Verwüstungen und Sachbeschädigungen abgefunden, die im Namen des Volkes begangen werden. Wir sind Zerstörungen, Brände und Arbeitsverweigerung so sehr gewohnt, dass sie zur Norm geworden sind.
Die Norm erscheint zwischen all den Entgleisungen wie eine Ausnahme. Wir gleiten in einen schleichenden Bürgerkrieg ab, der noch nicht offen ausgebrochen ist. Die «Grande Nation» Frankreich implodiert.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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