Die Golfstaaten bereiten sich auf eine neue Runde des Iran-Kriegs vor

Ein weiterer heftiger Schlagabtausch zwischen Washington und Teheran erscheint immer wahrscheinlicher. Die Golfaraber wären die ersten Leidtragenden eines neuen Krieges – doch können sie die drohende Eskalation nur wenig beeinflussen.

03.11.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Eine brennende Erdölraffinerie in den Vereinigten Arabischen Emiraten nach einem iranischen Angriff. Solche Bilder könnte es bald wieder geben.

Eine brennende Erdölraffinerie in den Vereinigten Arabischen Emiraten nach einem iranischen Angriff. Solche Bilder könnte es bald wieder geben.

Amr Alfiky / Reuters

Noch versucht fast die ganze Welt, den Krieg aufzuhalten: Am Montag telefonierte Irans Sicherheitschef Mohsen Rezai mit Russlands Präsident Wladimir Putin. Gleichzeitig besuchte Rezais Stellvertreter Peking. Drei Tage lang weilte eine iranische Delegation in Katar, bevor sie ebenfalls am Montag wieder nach Teheran flog. Verschiedene Vermittlungsversuche laufen hinter den Kulissen auf Hochtouren – vorerst ergebnislos.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Daher herrscht in den Golfstaaten eine bange Krieg-in-Sicht-Stimmung. Die Petromonarchien fürchten, erneut in einen Waffengang zwischen Amerika und Israel auf der einen und Iran auf der andern Seite hineingezogen zu werden. Spätestens nach den Zwischenwahlen in den USA vom Dienstag (4. November) könnte der amerikanische Präsident Donald Trump wieder losschlagen, wie Politikbeobachter am Golf fürchten.

Denn die Amerikaner wie auch die Iraner rasseln mit dem Säbel. So telefonierte Trump am Wochenende mit Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu. Gleichzeitig haben die USA ihr diplomatisches Personal abgezogen und verlegen Schiffe und Flugzeuge in die Region. Die Iraner wiederum kündigten an, erneut die nahen Golfstaaten beschiessen zu wollen. Noch soll sich Trump nicht entschieden haben. Aber der grösste Knackpunkt bleibt: Washington fordert Zugeständnisse beim Atomprogramm, worauf Teheran sich nicht einlässt.

Untergangsstimmung breitet sich aus

Am Nachthimmel über Riad sind die Vorboten des Unheils bereits sichtbar. Erst ist in der Hauptstadt Saudiarabiens nur ein einziger Knall zu hören. Dann ein zweiter. Und schliesslich noch drei weitere. «Das ist die Flugabwehr, die Patriots, die holen Raketen runter», sagt der saudische Taxifahrer und hält an, um sich eine Zigarette anzuzünden. Oben am stockfinsteren Firmament sind jetzt mehrere Lichtpunkte zu sehen, die aufeinander zufliegen.

Fast jeden Tag schiesst die jemenitische Huthi-Miliz derzeit Raketen und Drohnen auf Saudiarabien ab. Bisher kam das Königreich damit einigermassen zurecht. Zwar liegt der Flughafen in der Hauptstadt Riad weitgehend still, und die Ölanlagen stehen unter Beschuss. Sonst aber geht das Leben in den meisten Städten des riesigen Landes weiter wie bisher. Das könnte sich aber bald ändern, wenn Teheran seinen Verbündeten in Jemen zu Hilfe kommt und weitaus mehr Raketen auf die verwundbaren Golfstaaten abfeuert.

Zwischen Riad, Doha und Abu Dhabi macht sich deshalb Untergangsstimmung breit. «Wir in den Vereinigten Arabischen Emiraten suchen nach einer politischen Lösung», sagte etwa der Präsidentenberater der Vereinigten Arabischen Emirate Anwar Gargash am Sonntag an einer Politikkonferenz in Manama. Bloss um hinzuzufügen, dass sein Land dennoch mit dem Schlimmsten rechne.

Gargashs Appell fasst die finstere Stimmung in der Hauptstadt Bahrains gut zusammen. Normalerweise legen die Golfaraber an Konferenzen – wie dem jährlich im «Ritz-Carlton» stattfindenden Manama-Dialog – ihre Sicht der Dinge dar, verkünden Wachstumspläne oder feiern sich selbst.

Diesmal hingegen werden unter den Palmen von Manama Horrorszenarien skizziert: Sollten die USA ihre Angriffe wieder aufnehmen, flögen wohl noch mehr iranische Raketen und Drohnen auf die Energieinfrastruktur, Rechenzentren, Flughäfen oder Entsalzungsanlagen in den Golfstaaten, heisst es von vielen Konferenzteilnehmern. Ein europäischer Diplomat bezifferte die Kriegswahrscheinlichkeit in den nächsten Wochen sogar auf 90 Prozent.

Ein Angriff auf das Lebensmodell

Im Vergleich zum Frühling, als die Golfstaaten schon einmal unter iranischen Rachebeschuss gerieten, könnten die Gegenangriffe nun noch härter ausfallen, so der Tenor unter den anwesenden Experten der hier teilweise beheimateten Denkfabrik IISS. Es wäre ein weiterer Frontalangriff auf das Modell der Petromonarchien. Sie alle wollen vom Erdöl und Gas loskommen und künftig ihr Geld mit Handel, KI und Tourismus verdienen. Dazu brauchen sie Stabilität.

Iranische Raketen lassen diese Vision platzen. Schon jetzt ist die Lage schlecht: Laut einer kürzlich veröffentlichten Prognose des Internationalen Währungsfonds wird etwa die Wirtschaft des Erdgasemirats Katar in diesem Jahr um 15,6 Prozent einbrechen. Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate schneiden besser ab, wenngleich ihre Wachstumsraten ebenfalls negativ sind.

Viele der Golfmonarchien sind zwar reich genug, um eine steile Talfahrt für ein oder sogar zwei Jahre aussitzen zu können. Sollte der Krieg wieder aufflammen, dürften Investoren und Abnehmer von Erdöl aber dauerhaft verschreckt sein. «Die Verlässlichkeit, die die Golfstaaten verloren haben, wird nicht vollständig zurückkehren», prognostiziert die Energieexpertin Tomisha Bino vom IISS.

Streit und Machtlosigkeit

Besonders schwer wiegt allerdings noch etwas anderes: die Machtlosigkeit. Die Golfaraber sind es gewohnt, die Wirklichkeit nach ihren Vorstellungen zu formen. In Windeseile sind aus den einstigen Fischerstädtchen Doha oder Dubai futuristische Metropolen geworden. Viele Jahre schien es so, als gäbe es kein Problem, welches die steinreichen Stadtstaaten nicht mit Geld lösen können.

Doch in der Konfrontation zwischen Iran und den USA ist der Golf fremdbestimmt. Trotz Milliardeninvestitionen in Rüstungsgüter können sich die meisten Golfstaaten kaum selbst verteidigen. Zudem sind sie uneinig: So liegen etwa die beiden Schwergewichte Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate in Jemen über Kreuz und kooperieren nur begrenzt.

Fast schon verzweifelt prangerte der bahrainische Aussenminister Abdullatif bin Rashid al-Zayani diese fehlende Handlungsfähigkeit am Sonntag an: «Sicherheit ist nicht etwas, was der Region aufgezwungen werden sollte. Sondern etwas, was die Region selbst aufbaut.» Derweil macht sich die Krise in den Hotelbars seines Königreichs bemerkbar: Wegen der Blockade von Hormuz geht ihnen schon jetzt das Bier aus.

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Rewert Hoffer, Daniel Böhm

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira