Die Frau, vor der Rechte und Linke zittern: Christine Lagarde hält Frankreich und das WEF in Atem

Die abtretende EZB-Präsidentin lässt Freund und Feind im Ungewissen.

01.11.2026, 05.30 Uhr

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Gibt sich zugeknöpft über ihre Zukunftspläne: Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde bei ihrer Rücktrittsankündigung am 29. Oktober.

Gibt sich zugeknöpft über ihre Zukunftspläne: Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde bei ihrer Rücktrittsankündigung am 29. Oktober.

Richie Sanders / Imago

Eines hat Christine Lagarde in ihren sieben Jahren an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) gelernt: mit vielen Worten wenig sagen.

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Ihre Rücktrittserklärung diese Woche war ein Musterbeispiel dafür: Als EZB-Präsidentin sei sie strikter Neutralität verpflichtet. In der heutigen Zeit wolle sie sich aber für die Wahrheit einsetzen, die zunehmend durch Falschaussagen beschädigt werde. «Ich kann nicht mehr neutral bleiben, dabei wäre mir nicht wohl.»

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit also. Damit machte Lagarde klar: Sie hat Grosses vor, vielleicht sogar sehr Grosses.

Seither wogen die Spekulationen. Will Lagarde etwa ins Rennen um das französische Staatspräsidium einsteigen? Unter Chirac und Sarkozy bekleidete sie von 2005 bis 2011 Spitzenposten in französischen Regierungen, als Finanzministerin steuerte sie Frankreich durch die Finanzkrise. Sieht sie es nun als ihre Pflicht, ihr Heimatland aus den Fängen der Rechts- und Linksextremen zu retten? Beide Lager haben nervös reagiert auf die Ankündigung Lagardes.

Womöglich können sie sich wieder beruhigen. Eine Kandidatur sei eine Frage von «Vitalität, Energie und Kraft», sagte Lagarde in einem Interview Ende September. Sie sei aber bereits siebzig. Auf der Hand liegt aber, dass Lagarde im Wahlkampf eine aktive Rolle spielen wird, auch ein neuerlicher Ministerposten scheint nicht ausgeschlossen, sollte sich doch noch ein gemässigter Kandidat durchsetzen.

Auch als WEF-Präsidentin müsste sie neutral sein

Dies wirft unweigerlich die Frage auf, ob Lagarde noch den Job antreten wird, für den sie eigentlich prädestiniert ist: das Präsidium des World Economic Forum (WEF). Sie gilt seit Jahren als Wunschkandidatin des Forumsgründers Klaus Schwab. Sein unfreiwilliger Abgang im Frühling 2025 stellte aber die Thronfolge infrage.

Die Spitze des Stiftungsrates wollte eine breite Kandidatensuche einleiten, wurde aber von den Schwab-Getreuen ausgebremst, die an Lagarde als erster Wahl festhielten. Sie liess sich nicht zweimal bitten: Sie sei «ready to serve», sagte sie im August vor dem Gremium.

Was sind diese Worte heute noch wert? Und ist Lagarde überhaupt noch die richtige Frau für den Job? Auch als WEF-Präsidentin wäre sie zu Neutralität verpflichtet. Nur so könnte sie ihre Rolle als Gastgeberin und Vermittlerin wahrnehmen.

Klar scheint einzig: Indem sie ihre konkreten Pläne offenlässt, wird sie zu einem noch grösseren Machtfaktor in der europäischen Politik. Wo immer in den nächsten Monaten ein Topjob zu vergeben ist: Lagarde wird zu den Favoritinnen gehören.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Guido Schätti

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