Die Fahrt muss weitergehen – aber in Spanien steigen selbst Mitarbeiter nur noch mit mulmigem Gefühl in den Zug
Das Land trauert um die mindestens 69 Toten des zweiten schweren Unglücks in einem Jahr. Die Fehler im System werden immer offenkundiger.
Florian Haupt, Barcelona29.10.2026, 16.36 Uhr
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Die Bergungsarbeiten bei Urda gingen am Donnerstag weiter. In den am Mittwoch verunglückten Waggons werden noch die letzten Opfer vermutet.
Diego Radames / Getty
Das übliche Rauschen des Bahnhofs tönt nur von weitem, als in der Abfahrtshalle von Barcelona-Sants um 12 Uhr ein runder Kreis gebildet wird. Hunderte Menschen gedenken in fünf Schweigeminuten der Todesopfer des Zugunglücks von Urda. Es sind Passagiere und Bahnangestellte. Ganz vorne stehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahngesellschaft Iryo, manche in ihrer roten Firmenkleidung, manche in Schwarz. Am Ende der kleinen Zeremonie fliessen Tränen. Sie haben am Vortag Kollegen verloren.
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Ähnliche Szenen prägten an diesem Donnerstagmittag ganz Spanien. Mindestens 69 Menschen sind gestorben, nachdem ein Hochgeschwindigkeitszug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe zwischen Madrid und Sevilla am Mittwoch in einen stehenden Express von Iryo krachte. Es ist das Annus horribilis der spanischen Zugfahrt: Bereits im Januar hatte es 46 Todesopfer bei einem Zusammenstoss auf derselben Strecke gegeben, ebenfalls von Zügen von Renfe und Iryo. Damals war ein Gleisschaden für das Unglück verantwortlich, nun wohl ein Ausfall der Überwachungselektronik und menschliches Versagen.
Die verantwortliche Betreiberfirma des spanischen Bahnnetzes heisst Adif, ihre Mitarbeiter im Kundendienst tragen grün-weisse Hemden. «Tristesse» empfinde er, sagt einer von ihnen in Sants. Für weitere Angaben verweist er auf seine Vorgesetzten, doch es wirkt, als habe sein ganzes Berufsleben den Sinn verloren: 44 Jahre habe er für die Bahn gearbeitet, sagt er, ihm blieben noch fünf Monate. Als einer der ersten kondoliert er nach den Schweigeminuten den Kolleginnen von Iryo.
Angestellte einer der betroffenen Bahngesellschaften umarmen sich nach den Schweigeminuten im Bahnhof von Barcelona Sants.
David Zorrakino / Imago
Streiktag der Lokführer wegen mangelnder Sicherheit
Die Trauernden blicken auf eine Anzeigentafel, die von nur ein oder zwei Hochgeschwindigkeitszügen pro Stunde erzählt, wo sonst mindestens ein halbes Dutzend fährt. Spaniens Lokführer streiken an diesem Donnerstag, aus Protest gegen die Sicherheitsmängel im Zugverkehr. Der Ausstand wurde vor zwei Wochen beschlossen, weil versprochene Verbesserungen seit dem Januar-Unfall nicht umgesetzt wurden. Seine Motive sind tragisch aktuell.
In der Halle von Sants stehen zwei Zugbegleiterinnen der Renfe in ihren dunkelblauen Kostümen. Sie kommen gerade von einer Fahrt aus Madrid. Der Zug sei fast leer gewesen, trotz den wenigen Verbindungen wegen des Streiks. «Die Leute nehmen lieber Flugzeug, Auto, Bus, was auch immer», sagt eine der jungen Frauen. Wie haben die Passagiere auf sie gewirkt? Sie sucht nach dem besten Wort. «Beklommen», sagt sie dann. Und das treffe schon auch die eigene Stimmung.
Die beiden Renfe-Begleiterinnen haben wenig zu erzählen, was die Reisenden beruhigen könnte, auch deshalb wollen sie lieber anonym bleiben. Erst vor zwei Wochen habe sie selbst auf einer Fahrt auf der Strecke nach Sevilla eine Havarie erlebt, berichtet die eine. Plötzlich habe der Zug gebremst, sei dann lange gestanden, und habe erst nach komplizierten Manövern über das Gegengleis die Fahrt wieder aufnehmen können. Was genau passiert war, habe die Besatzung nicht erfahren.
Leere Bahnhöfe gehören am ersten Tag nach der Tragödie von Urda num Bild in Spanien.
Fernando Villar / EPA
Die betroffene Strecke ist die älteste des Netzes
Immer wieder die Strecke Madrid–Sevilla: Sie ist die älteste des spanischen Hochgeschwindigkeitsnetzes, und eine, die noch mit dem alten elektronischen Leitsystem LZB überwacht wird – das am Mittwochmorgen ausfiel – statt mit dem neuem ERTMS wie auf anderen Strecken. Eigentlich sollte das ERTMS seit diesem Jahr auch Richtung Sevilla funktionieren, aber es gab Verzögerungen.
Unter Fachleuten ist umstritten, ob es das Unglück hätte verhindern können. Die Kommission zur Untersuchung von Eisenbahnunfällen berichtete voriges Jahr von einem Zwischenfall auf einer mit ERTMS überwachten Strecke am Bahnhof Cuenca, der ähnlich hätte enden können wie der vom Mittwoch. Bereits in den Jahren zuvor sei es zu 15 Elektronikausfällen gekommen. «Das wiederholte Auftreten deutet darauf hin, dass es sich um einen wiederkehrenden systemischen Fehler handelt», schlussfolgerte die Untersuchungskommission und forderte, den «menschlichen Faktor» beim Notfallmanagement so weit wie möglich zu verringern.
System und Mensch – um diese Pole dreht sich auch die beginnende Ursachendebatte in Spanien. Während drei Tage Staatstrauer ausgerufen wurde, fragt sich das Land, ob es sich überhaupt noch auf irgendwelche Garantien im Zugverkehr verlassen kann. Es ist natürlich auch eine Debatte um Verantwortung und damit eine politische.
Am Mittwoch führte der menschliche Faktor ins Verderben – so jedenfalls die Darstellung von Verkehrsminister Óscar Puente. Aus seinen Ausführungen und den Gesprächsprotokollen zwischen der Adif-Kommandozentrale in Madrid-Atocha und den Lokführern von Iryo und Renfe geht hervor, dass um 8 Uhr 30 die Elektronik ausfiel und sechs Züge auf dem betroffenen Teilstück angehalten wurden.
Für solche Fälle gilt eigentlich die Massgabe, dass dann nur noch mit einer Geschwindigkeit von maximal 40 km/h gefahren werden dürfe. Darauf habe ein anderer Zugführer den Lotsen in Madrid auch noch einmal explizit hingewiesen. Dennoch gab dieser um 8 Uhr 36 sechs Zügen wieder das grüne Licht zu voller Fahrt.
A man cries at the end of the minute of silence at Atocha station for the victims of the collision of two high-speed trains, in Madrid, Spain. October 29, 2026. REUTERS/Juan Barbosa
Juan Barbosa / Reuters
Der Regierung wird nicht mehr vertraut
Der Lotse in Atocha, der seit dem Unfall unter juristischer und psychologischer Betreuung steht, wurde von einem Assistenten begleitet und einem Vorgesetzten beaufsichtigt. Puente nannte die im Kontrollzentrum getroffenen Entscheidungen «unverständlich». Allerdings wird der Regierung im Land nicht mehr viel Glaubwürdigkeit geschenkt, sie steht nach diversen Fehlern und Skandalen vor der Abwahl. Puente selbst ist besonders umstritten, zu lustvoll gibt er normalerweise den Agitator auf X, immer mit dem Daumen auf der Sendetaste und dabei alles andere als zimperlich. Sein Auftritt wirkte deshalb nicht nur wie ein Versuch, eine besorgte Öffentlichkeit aufzuklären, sondern auch wie der Versuch, möglichst rasch jede Schuld von sich zu weisen.
Gewerkschafter berichten unterdessen von zum Teil völlig veralteten technologischen Arbeitsbedingungen in der Kommandozentrale und verweisen erneut auf die Unterfinanzierung der Bahninfrastruktur, die schon nach dem Unfall vom Januar in den Fokus rückte. Im Ausbauwahn hat Spanien das längste Hochgeschwindigkeitsnetz Europas, gab aber nach Zahlen der EU-Kommission nur halb so viel Budget für Wartung aus wie andere Länder. Während das Passagieraufkommen seit der Öffnung des Marktes für private Anbieter 2019 um das Doppelte wuchs, nahm die Zahl der Adif-Mitarbeiter nur minimal zu.
Barcelona ist ein schillerndes Beispiel für die Prioritäten. Der Bahnhof Sants ist derzeit von einer riesigen Baustelle umgeben, weil der Bereich für Hochgeschwindigkeitszüge um fast das Doppelte vergrössert werden soll.
Im Bahnhof Barcelona-Sants derweil geht nach der Schweigeminute eine Iryo-Mitarbeiterin zurück zum Kundenzentrum ihrer Firma. Sie hängt das Schloss ab, sperrt auf und stellt sich hinter den Schalter. Es seien schwere Tage, aber was solle sie schon machen, sagt sie. «Hay que seguir»: Die Fahrt muss weitergehen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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