Die Entseelung des Subjekts: wie die künstliche Intelligenz uns den Spiegel vorhält

Hinter dem Unbehagen gegenüber der KI steckt nicht die Angst vor intelligenten Computern, sondern diejenige vor dem kulturellen Verlust des Persönlichen. Es ist das Erschrecken darüber, dass wir den Menschen längst auf eine fehlerhafte Daseinsmaschine reduziert haben.

Giuseppe Gracia04.11.2026, 05.30 Uhr

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Der Roboter als idealer Mensch: Es geht zunehmend nur noch darum, Funktionen zu erfüllen und sich so zu optimieren.

Der Roboter als idealer Mensch: Es geht zunehmend nur noch darum, Funktionen zu erfüllen und sich so zu optimieren.

Johannes Simon / Getty

Immanuel Kant hat gesagt, man solle den Menschen «zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel» brauchen. Nach dieser Devise darf man weder andere noch sich selbst zum reinen Objekt degradieren. In einer humanen Zivilisation muss der Mensch einen Eigenwert besitzen («Zweck an sich»).

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Angewendet auf den Bildungsbereich bedeutet das, dass Studierende nicht einfach als Humankapital betrachtet werden sollen, als Träger einer ökonomisch-gesellschaftlichen Funktion. Auch darf man Bildungsinhalte nicht nur anhand ihrer praktischen Verwertbarkeit beurteilen. Bildung soll den Menschen auch geistig reifen lassen, durch Wissen und selbständiges Denken.

Trotzdem funktionieren heute viele Hochschulen und Gymnasien wie Trainingslager für die Marktgesellschaft. Den jungen Menschen wird beigebracht, sich zu optimieren, für ihre Rolle als Leistungsträger und Marktteilnehmer. Das ist nicht Bildung im humanistischen Sinn, sondern Anleitung zur Selbstfunktionalisierung, innerhalb der Grenzen messbarer Kriterien. Fachkompetenz bedeutet nicht mehr gesammelte Erfahrung mit dem Ziel der Horizonterweiterung, sondern sie bedeutet Speichern, Auswerten und Anwenden systemrelevanter Informationen.

Das berechenbare Ich

Ist es erstaunlich, wenn die Betroffenen nun mit KI ihre Optimierung beschleunigen? Warum soll sich jemand in einem solchen System bemühen, persönlich zu reifen? Warum soll er sich tiefere Gedanken machen und dabei vielleicht auf verworrene Nebenwege gelangen, ins Halbdunkel gedanklicher Hinterzimmer?

In geistigen Tiefenschichten mag Unentdecktes und Originelles warten, aber es lässt sich nicht messen, nicht objektiv benoten und auch nicht für die Karriere nutzen. Wozu also die Anstrengung? Wenn es nur noch darum geht, Funktionen zu erfüllen, geht das mit KI besser. Nicht weil die Maschine ein besserer Schüler oder Lehrer wäre, sondern weil beide, Schüler wie Lehrer, sich schon längst wie Maschinen behandeln lassen. Sie lassen sich von der Schulleitung an ihrem Output messen und machen ihr Selbstwertgefühl oft genug von diesem Output abhängig.

Auch in der Arbeitswelt werden Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden zunehmend auf Funktionen reduziert. Überall dort, wo die KI diese Funktionen kostengünstiger erfüllt, werden Menschen überflüssig. Nicht weil die KI tatsächlich das Menschliche ersetzen könnte, sondern weil in der Arbeitswelt eine Kultur der Totalverwertung herrscht.

Was lohnt sich, was lohnt sich nicht?

Heute versucht man nicht nur die Arbeitswelt, sondern das ganze Leben durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen zu meistern. Was bringt oder kostet es, wenn man ein Buch liest oder eine neue Sprache lernt? Was kostet eine bestimmte Lebensform gegenüber einer anderen? Wird sich diese oder jene Partnerwahl unter dem Strich lohnen? Rechnet sich das gewählte Leben? Führt Tinder schneller zum Ziel als das Kennenlernen bei einem Anlass?

Umgeben von digitalen Maschinen, die sich dem rechnenden Denken verdanken, betrachtet man auch sich selbst als Teil einer Daseinsmaschine. Diese soll optimal laufen, mit der idealen Pendelbewegung zwischen Leistung und Konsum bei grösstmöglicher Leidvermeidung. Wenn die Rechnung eines Tages nicht mehr aufgeht, wegen Unfall, Krankheit oder Alter, wird es Zeit, die defekte Maschine abzustellen. Diese Logik erklärt viele heutige Debatten um Sterbehilfe und «selbstbestimmtes Sterben».

Je mehr eine Gesellschaft dem rechnenden Denken verfällt, desto weniger versteht man offenbar, was klassische Begriffe wie Bedürftigkeit, Melancholie, Seele, Sinn oder Transzendenz bedeuten. Es entsteht eine soziale Kälte, in der alles nach Aufwand und Ertrag beurteilt wird, in der es nur noch nützliche Objekte gibt, aber keine Subjekte mit Eigenwert, keine Personen als «Zweck an sich». Der wesentliche Unterschied zwischen Mensch und Maschine verschwimmt.

So erscheint die KI nicht nur vergleichbar mit dem menschlichen Hirn, sondern als überlegene Alternative. Nicht weil Computer dem Menschen tatsächlich überlegen wären, sondern weil sich der Mensch selber wie eine mittelmässige, biologisch mangelhafte Maschine versteht.

Der Mensch als Produkt seiner Zeit

Im Buch «Das Ende der Neuzeit» (Würzburg 1950) hat der Theologe Romano Guardini diese Entwicklung vorausgesehen. Für Guardini ist die Vorstellung einer menschlichen Person, die über ihre gesellschaftlich-biologische Funktion hinaus einen Eigenwert hat, nicht denkbar ohne die biblische Idee der Gottesebenbildlichkeit. Die jüdisch-christliche Überlieferung einer göttlich garantierten Menschenwürde hat zu den heutigen Menschenrechten geführt. Wird diese geistige Verbindung aufgelöst, weil man mit Religion oder christlicher Tradition nichts mehr anfangen kann, dann verschwindet gemäss Guardini auch die Idee der Person als «Zweck an sich». Dann wird der Mensch zum Objekt und Produkt seiner Zeit.

Symptome dieses Niedergangs sind für Guardini die modernen «Wertedebatten». Diese zeichnen sich dadurch aus, dass Werte anhand ihres gesamtgesellschaftlichen Nutzens und ihrer Konsensfähigkeit gegeneinander abgewogen werden: zum Beispiel der Wert des Selbstbestimmungsrechts der Mutter gegenüber dem Lebensrecht des Ungeborenen oder während eines Krieges der Wert des Lebens Unschuldiger gegenüber dem Recht auf militärische Verteidigung eines angegriffenen Landes.

Solche ethischen Güterabwägungen lösen den klassischen Würdebegriff ab. Würde ist etwas Absolutes, Unantastbares. Werte sind relativ und konkurrenzieren sich. Wenn es aber nur noch darum geht, im Sinn des gesellschaftlichen Gesamtnutzens eine ideale Wertehierarchie auszurechnen, dann leistet die KI mit globalen Datensätzen und Parametern gewiss beste Dienste.

Der Computer ist ein passendes Werkzeug für eine Kultur der Kosten-Nutzen-Moral. So entpuppt sich das Unbehagen gegenüber der KI, das viele verspüren, am Ende als ein Erschrecken darüber, was es bedeutet, wenn sich der Mensch nur noch auswertet. Ja, wenn sich der Mensch nicht mehr menschlich vorkommt – weil er sich nicht mehr zutraut, mit einer Technik so umzugehen, dass diese nicht zur Versklavung führt, sondern dem Leben dient.

Rückbesinnung auf menschliche Würde

Dieses Unbehagen könnte aber auch zum Weckruf werden. Die KI kann nicht wissen, wohin der Weg gehen soll, aber sie zeigt, wofür wir uns halten. Hält sich der Mensch für eine störungsanfällige Maschine? Dann wird er sich von der KI übertreffen lassen. Hält sich der Mensch für eine Person? Dann bleibt der Computer ein Werkzeug oder, wie Steve Jobs es einmal formulierte, ein «Fahrrad für den Geist».

Eine digitale Zivilisation, die sich wieder auf den klassischen Würdebegriff zurückbesinnt, wäre jedenfalls weniger in Gefahr, sich von der Maschine beherrschen zu lassen, dafür könnte sie sich mit einer Mischung aus technischer Potenz und Menschlichkeit als grosse Zivilisation erweisen. Ob es dazu kommt, das entscheidet aber nicht die KI, sondern das entscheiden wir.

Giuseppe Gracia ist Herausgeber des Magazins «Schweizer Monat».

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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