Die Einheitsgenossenschaft als Verzweiflungstat: Wie die unmögliche Revolution bei der Migros möglich wurde

Alarmierende Zahlen erzwangen den radikalen Umbau beim Detailhändler. Dieser geht noch weiter als bisher bekannt: Ein Teil des Gewinns wird künftig an die Genossenschafter ausgeschüttet.

31.10.2026, 21.45 Uhr

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Die Migros musste in sich gehen: Um zu überleben, reformiert sie sich radikal.

Die Migros musste in sich gehen: Um zu überleben, reformiert sie sich radikal.

Illustration Hans-Jörg Walter / NZZaS

Geschichtsbücher erzählen nicht immer die ganze Wahrheit. Historische Bilder erst recht nicht. Das gilt auch für das Foto, das diese Woche die Migros inszenierte: Schulter an Schulter erklärten die Präsidenten aller zehn Regionalgenossenschaften am Montag, wieso sie sich selbst abschaffen und eine Einheitsgenossenschaft gründen wollen.

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Dabei umringten die berühmt-berüchtigten «Regionalfürsten» fast liebevoll die beiden mächtigsten Köpfe der Zürcher Konzernzentrale: Ursula Nold und Mario Irminger, die Präsidentin und der CEO des Migros-Genossenschafts-Bunds (MGB). Harmonie pur. Keine Spur davon, dass bis vor kurzem teilweise heftige Grabenkämpfe getobt hatten.

Noch vor wenigen Jahren bekriegten sich die Zentrale in Zürich und die Regionen regelrecht. Im Streit darum, wer das Sagen hat, deckten sie sich teilweise gar mit juristischen Gutachten ein. 2023 sagte Irminger im Interview mit der NZZ: «Die Fusion aller zehn Regionalgenossenschaften findet in der stark föderalistisch organisierten Migros keine Mehrheit.» Sein Vorgänger Fabrice Zumbrunnen war deswegen sogar von den Regionalfürsten aus dem Unternehmen gedrängt worden.

Selbst im Frühling dieses Jahres war für Direktbeteiligte noch nicht absehbar, dass die unmögliche Migros-Revolution eine echte Chance erhalten könnte. Um das plötzliche Umdenken zu ergründen, hat die «NZZ am Sonntag» mit knapp einem Dutzend Migros-Kadermitgliedern gesprochen – bis hin zu Geschäftsleitern und Regionalpräsidenten.

Diese Gespräche zeigen, wie die spektakuläre Kehrtwende möglich wurde, wer im Hintergrund – abseits der Kameras – eine zentrale Rolle spielte und mit welchen verlockenden Versprechungen die Migros-Bosse die 2,3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschafter von der Einheitsgenossenschaft zu überzeugen versuchten.

Wirkungslose Sparprogramme

November 2025. Die Delegierten der Migros treffen sich in Zürich, um die «Vision 2035» zu verabschieden. Nach dem Jubiläumsjahr will die Genossenschaft den Blick nach vorn richten. Die Lage ist ernst. Zwischen 2024 und 2025 hat jede einzelne Regionalgenossenschaft Umsatz verloren, manche massiv. Die Migros Ticino, seit längerem eine Problemgenossenschaft, verzeichnet ein Minus von fast zehn Prozent.

Der Detailhandelsriese steckt in einer Sackgasse. Seine komplizierte Struktur macht ihn schwerfällig. Gegen Coop, Lidl und Aldi kann er sich immer weniger behaupten. Im Kerngeschäft, den Supermärkten, verliert die Migros seit Jahren Marktanteile.

Idylle pur: Die Migros-Spitzen verkünden die Einheitsgenossenschaft.

Idylle pur: Die Migros-Spitzen verkünden die Einheitsgenossenschaft.

Peter Klaunzer / Keystone

Angesichts des finanziellen Polsters, das sich der von Gottlieb Duttweiler gegründete Konzern in seiner hundertjährigen Firmengeschichte erarbeitet hat, wäre die Migros zwar in der Lage, noch viele Jahre weiter vor sich hinzuwursteln. Die Marktanteilsverluste zeigen aber immer deutlicher, wohin diese Reise führen würde: auf direktem Weg in die Bedeutungslosigkeit.

Dies ist umso bemerkenswerter, weil die Genossenschaft in den vergangenen Jahren einiges unternommen hat, um wieder in Fahrt zu kommen. 2023 wurde die Supermarkt AG gegründet. Sie sollte das Kerngeschäft zentral steuern und den Konzern effizienter machen. Der MGB-Chef Irminger verordnete dem Unternehmen zudem ein Sparprogramm. Und die Regionalgenossenschaften stiessen zahlreiche Beteiligungen ab, die sie daran gehindert hatten, sich auf ihre Hauptaufgabe zu konzentrieren: die erfolgreiche Führung der Supermärkte in ihrem Territorium.

Der gescheiterte Kompromiss

Doch all das nützte nichts. Die Regionalfürsten mussten zusehen, wie die Konkurrenz aufholte oder gar an ihnen vorbeizog. Der deutsche Discounter Lidl betreibt zwar nur 193 Filialen in der Schweiz – gegenüber rund 660 der Migros –, gewinnt aber laufend Marktanteile. Der Erzrivale Coop wiederum steht kurz davor, die Migros zu überholen. Nach Jahrzehnten an der Spitze des Schweizer Detailhandels könnte die Migros bald auf den zweiten Platz verwiesen werden.

Das Migros-Kader ist sich dieser Gefahr bewusst. Doch in den Arbeitsgruppen zur Umsetzung der «Vision 2035» war die Stimmung am Anfang fast feindselig, wie sich Teilnehmer erinnern. Noch im Frühling 2026 standen laut Informationen der «NZZ am Sonntag» drei Optionen zur Diskussion: den Status quo beibehalten, eine Einheitsgenossenschaft gründen oder einen Mittelweg einschlagen und die Zahl der Regionalgenossenschaften von zehn auf drei, vier oder fünf reduzieren.

Der Kompromissvorschlag stösst zunächst auf viel Sympathie. Im Frühsommer 2026 verwirft man aber die Idee. Laut Quellen hatten sich die grossen, erfolgreichen Genossenschaften dagegen gewehrt, die kleinen, teilweise defizitären zu übernehmen. Hätte sich beispielsweise die erfolgreiche Migros Luzern die geografisch nahe gelegene, finanziell jedoch schwache Migros Ticino einverleibt, hätte sich ihre Erfolgsrechnung massiv verschlechtert.

Da angesichts der Marktanteilsverluste auch der Status quo keine Option mehr war, kam es zu einem Akt der Verzweiflung: Die Einheitsgenossenschaft rückte als Antwort auf die Misere plötzlich in den Vordergrund.

Neue Köpfe und ein geschickter «Tätschmeister»

Massgeblich dazu beigetragen hat auch, dass die Migros 2024 einen Chief Transformation Officer engagiert hat. Von Valora holte sie Thomas Eisele. Dieser sei, so schildern es Quellen, ein wichtiger «Tätschmeister» gewesen bei der Operation Einheitsgenossenschaft. Er sei in die Regionen gereist und habe massgeblich dazu beigetragen, die Fürstentümer zusammenzubringen.

Thomas Eisele

Thomas Eisele

PD

In der Öffentlichkeit wurde Eisele kaum wahrgenommen. Hinter den Kulissen hat er sich jedoch in kurzer Zeit die nötige Glaubwürdigkeit erarbeitet. Nun gilt er als potenzieller Nachfolger des MGB-Chefs Irminger, der nächsten Sommer gehen wird.

Eisele arbeitete eng mit Irminger zusammen, während die Präsidentin Ursula Nold im Stile einer Politikerin die Fäden zog. Die drei hatten im Gegensatz zu früheren Migros-Managern wie Fabrice Zumbrunnen, der ebenfalls von einer Fusion träumte, einen wichtigen Vorteil: In vielen Regionen waren neue Leute an die Macht gekommen, insbesondere in den Verwaltungsräten.

Acht der zehn Regionalpräsidenten haben ihr Amt zwischen 2023 und 2026 übernommen. Und viele von ihnen sind beruflich ausserhalb der Migros gross geworden. Dazu gehört etwa der Migros-Aare-Präsident Jürg Stöckli (seit 2025), der lange das Immobiliengeschäft der SBB geleitet hat. Die Genf-Präsidentin Sophie Dubuis (seit 2024) war jahrelang in der Tourismus-, Event- und Luxusbranche tätig. Der Basel-Präsident Miguel Serrano (seit 2023) arbeitete früher bei Nestlé, Kambly und Ricola. Gianni Roberto Rossi (seit 2024) leitet neben der Migros-Tessin hauptberuflich eine Rehaklinik. Der Wallis-Präsident Andreas Biner (seit 2023) ist gleichzeitig Chef der Gastro-Gruppe Zermatt Hospitality.

Sie alle haben die jahrzehntelangen Rivalitäten und Streits mit der Zentrale nicht miterlebt. Und sie sahen ein, dass ein Unternehmen, das Marktanteile verliert und mit immer dünneren Margen kalkuliert, langfristig nicht überlebensfähig ist.

Der verwandelte Regionalfürst

Zum Durchbruch verhalf der Einheitsgenossenschaft laut Insidern ausgerechnet das Scheitern von Irmingers eigenem Reformversuch: Die Anfang 2024 operativ gewordene Migros Supermarkt AG sollte Einkauf, Marketing und weitere zentrale Aufgaben bündeln und den Detailhändler schlagkräftiger machen. Doch der erhoffte Erfolg blieb aus.

Das musste auch Peter Diethelm erkennen, der Chef der Supermarkt AG. Noch vor wenigen Jahren gehörte er als Direktor der Migros Ostschweiz zum Kreis der notorischen MGB-Kritiker. «Die Regionalität, die Nähe zur Kundschaft, das ist für diese ein grosser Mehrwert», sagte er 2022 zum «St. Galler Tagblatt». Gemäss Insidern scheute er keinen Machtkampf mit der Zentrale. Leisten konnte er sich das, weil er seine Regionalgenossenschaft straff führte und sie zu einer Musterschülerin machte.

Peter Diethelm

Peter Diethelm

Keystone

2024 verlagerte Diethelm sein Wirken von St. Gallen nach Zürich. An der Spitze der Supermarkt AG wollte er dem MGB zeigen, wie das Geschäft läuft. Damals wurde dieser Schritt als Sieg der Regionen über die Zentrale interpretiert.

Mit der Zeit musste Diethelm jedoch feststellen, so berichten mehrere Quellen, dass seine Aufgabe schwieriger war als gedacht. Zwar hatte er alle Fäden in der Hand, aber dennoch zehn verschiedene Ansprechpartner. Und obwohl die Zusammenarbeit verstärkt wurde, blieb die Migros immer einen Schritt hinter der Konkurrenz zurück.

Die Medienstelle der Migros relativiert diesen Wandel. Diethelm, der das Unternehmen wie der CEO Irminger im kommenden Sommer verlässt, sei schon immer ein Befürworter einer stärkeren Zusammenarbeit gewesen, schreibt ein Sprecher. Auch die Bilanz der Supermarkt AG interpretiert man am Limmatplatz deutlich positiver: «Die Migros Supermarkt AG war der erste Schritt zu einer näheren Zusammenarbeit unter den Genossenschaften.»

Die Geheimwaffe

In trockenen Tüchern ist die Fusion allerdings noch lange nicht. Bei der Urabstimmung im Sommer 2027 müssen die Genossenschafterinnen und Genossenschafter in jeder der zehn Migros-Regionen mit einer Zweidrittelmehrheit zustimmen. Damit das Abstimmungsresultat gültig ist, muss zudem ein Viertel aller registrierten Mitglieder teilnehmen.

Das bereitet den Verantwortlichen Sorgen. Besonders in der Westschweiz und im Tessin befürchten die Migros-Chefs Widerstand. In der lateinischen Schweiz seien die Menschen besonders sensibel, wenn es darum gehe, etwas an die deutschschweizerische Mehrheitsbevölkerung zu verlieren, sagt ein Migros-Kadermitglied. Entsprechend rechne man mit einem kontroversen und emotionalen Abstimmungskampf.

Als Geheimwaffe setzen die Verantwortlichen insbesondere auf die Genfer Präsidentin Sophie Dubuis. Die 52-Jährige, die in ihrer Funktion als Tourismusdirektorin von «Le Temps» als «Botschafterin für alle Facetten Genfs» beschrieben wurde, gilt als eingeschworene Befürworterin der Fusion und soll die Romands von einem «Oui» überzeugen.

Sophie Dubuis

Sophie Dubuis

Marie Gala De Tena

Eine verlockende Belohnung

Ein Nein ist für die Migros keine Option. «Wir haben keinen Plan B», sagte Irminger diese Woche in mehreren Interviews. Recherchen der «NZZ am Sonntag» zeigen nun, dass die Migros-Manager deshalb einen neuen Ansatz verfolgen, mit dem sie ihre Mitglieder für ihre Zukunftsvision gewinnen wollen: Die Migros wird künftig einen Teil ihres Gewinns direkt an ihre Genossenschafterinnen und Genossenschafter ausschütten.

Anders als gewinnorientierte Unternehmen hat die Genossenschaft keine Aktionäre, die Dividenden erwarten. Bisher floss das verdiente Geld deshalb ins Migros-Kulturprozent, in die Erneuerung des Geschäfts und – viel zu oft – in abenteuerliche Investments im In- und Ausland, die teilweise mit grossen Verlusten endeten.

Das Projekt Gewinnbeteiligung, das erstmals in der «Vision 2035» angedeutet wurde, geht deutlich über das heutige Treueprogramm Cumulus hinaus. Dieses gilt nur für den Migros-Supermarkt. Künftig will die Migros jedoch alle belohnen, die sich in ihrem Universum bewegen und bei der Migros Bank ein Konto führen, im Activ Fitness schwitzen, bei Medbase zur Physiotherapie gehen, sich bei zahnarztzentrum.ch behandeln lassen, bei Digitec das neue iPhone bestellen oder bei Denner den Wein kaufen. Ziel ist es, die Menschen möglichst in der Migros-Welt zu halten – und die Treue entsprechend zu honorieren.

Eine Arbeitsgruppe arbeitet derzeit die Details aus, wie die Medienstelle auf Anfrage bestätigt: «Der Grundsatz ist entschieden, die Ausgestaltung noch nicht.» Als Vorbild dient gemäss hohen Migros-Kadermitgliedern eine andere Genossenschaft, nämlich die Berner Versicherung Mobiliar. Auch sie beteiligt ihre Kunden am Unternehmenserfolg, meist in Form von Prämienrabatten.

Für die Kunden könnte das Programm durchaus lukrativ sein, wie ein Kadermitglied vorrechnet. Bei einem Gewinn von 600 Millionen Franken, von dem beispielsweise 30 Prozent ausgeschüttet würden, stünden 180 Millionen Franken zur Verteilung. Das entspräche immerhin 80 Franken pro Genossenschaftsmitglied.

Unklar ist, ob das Projekt bereits spruchreif ist, wenn die Genossenschafter der Migros im kommenden Sommer zur grossen Urabstimmung schreiten. Die Gewinnbeteiligung könnte ein schlagendes Argument für ein Ja sein. Deshalb drängen einige Kräfte im Konzern darauf, die Neuerung bald vorzustellen, auch wenn noch nicht alle Details geklärt sind.

Wohl wissend, dass für die Migros alles auf dem Spiel steht.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Moritz Kaufmann, Thomas Schlittler

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