Die Demokraten können auf eine Mehrheit im US-Kongress hoffen – die Wahlresultate im Überblick
Präsident Trump erweist sich als Ballast für die Republikanische Partei. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Demokraten nach zwei Jahren in der Opposition mindestens in einer Kammer des Kongresses die Macht übernehmen.
Andreas Rüesch, Grafiken: Joana Kelén, Nikolai Thelitz, Franco Gervasi, Leila Epprecht04.11.2026, 03.04 Uhr
7 Leseminuten
Das Wichtigste in Kürze
- Die Republikaner verlieren voraussichtlich die Mehrheit im Repräsentantenhaus. Es endet damit eine zweijährige Phase, in der die Partei Donald Trumps nicht nur das Weisse Haus, sondern auch beide Kongresskammern kontrollierte. Noch ist erst ein kleiner Teil der 435 Wahlkreise ausgezählt. Aber erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Hoffnungen der Demokraten auf eine «blaue Welle» erfüllen könnten. Ein Machtwechsel in der grossen Kammer hätte eine Beschneidung der Macht des republikanischen Präsidenten Donald Trump zur Folge. Die Demokraten könnten künftig alle Gesetzesvorstösse des Weissen Hauses blockieren und Untersuchungen gegen den Präsidenten oder dessen Mitarbeiter lancieren.
- Im Senat zeichnet sich ein knappes Resultat ab. Die bisherige 53:47-Mehrheit der Republikaner wankt, da die Demokraten in mehreren bisherigen republikanischen Hochburgen auf Sitzgewinne hoffen können. Bereits klar ist, dass sie in North Carolina den Republikanern ein Mandat entreissen konnten. Die Aufmerksamkeit richtet sich nun auf die Auszählung in Alaska, Iowa, Maine, Ohio und Texas, wo republikanische Senatssitze auf der Kippe stehen. Mit der Eroberung einer Senatsmehrheit könnten die Demokraten künftig Trumps Kandidaten für Richterstellen und Exekutivämter ablehnen.
- Neu gewählt werden auch 36 der 50 Gouverneure. Die Demokraten haben gute Chancen, zum ersten Mal seit dem Jahr 2010 wieder eine Mehrheit dieser wichtigen Ämter zu besetzen.
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Repräsentantenhaus
Nach vier Jahren unter republikanischer Kontrolle kommt es im Repräsentantenhaus mit grosser Wahrscheinlichkeit zu einem Machtwechsel. In der 435-köpfigen grossen Kammer waren die Demokraten bei den letzten Wahlen mit 215 Sitzen knapp in der Minderheit geblieben. Erste Trends lassen erwarten, dass sie die fehlenden 3 Sitze für eine Mehrheit spielend erobern werden. Bis zur endgültigen Auszählung dürfte allerdings rund eine Woche vergehen.
Die Zahl der Abgeordneten unterscheidet sich je nach Gliedstaat stark: Kalifornien hat mit 52 Sitzen die grösste Delegation in Washington, die sechs bevölkerungsschwächsten Staaten verfügen nur über je 1 Mandat. In der untenstehenden interaktiven Grafik kann das Resultat jedes einzelnen Gliedstaats abgerufen werden.
Senat
Im Senat standen sich bisher 53 Republikaner und 47 Demokraten (einschliesslich zweier mit ihnen verbündeter Parteiloser) gegenüber. Für einen Sieg benötigen die Demokraten mindestens 4 Sitzgewinne. Denn bei einem Gleichstand von 50:50 würde jeweils der Stichentscheid von Vizepräsident J. D. Vance, dem Vorsitzenden der Kammer, den Ausschlag zugunsten der Republikaner geben.
Zum jetzigen Zeitpunkt ist die künftige Mehrheit noch unklar, und sie könnte noch eine Weile unklar bleiben. Bisher steht erst 1 Sitzgewinn der Demokraten fest, in North Carolina. Dort setzte sich der populäre frühere Gouverneur Roy Cooper gegen den Republikaner Michael Whatley durch, einen früheren Leiter der nationalen Parteizentrale der Republikaner. Das Resultat war seit längerem erwartet worden.
Zur Wahl standen am Dienstag 35 der 100 Senatssitze. Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf Rennen in sieben Staaten: Alaska, Iowa, Kansas, Maine, Michigan, Ohio und Texas. Mit Ausnahme von Michigan handelt es sich alles um traditionelle republikanische Senatssitze, die im Wahlkampf stark gefährdet schienen. Für eine Mehrheit in der kleinen Kammer müssen sich die Demokraten in mindestens vier dieser sieben Schlüsselstaaten durchsetzen.
Ein Szenario mit erheblicher Wahrscheinlichkeit ist, dass sich die künftigen Kräfteverhältnisse im Senat nicht bereits in der Wahlnacht klären werden. Bei den letzten Senatswahlen dauerte es jeweils mehrere Tage, bis alle Rennen entschieden waren. Erschwerend kommen dieses Jahr zwei Faktoren hinzu, einerseits das komplizierte, zweistufige Wahlsystem in zwei der sieben Schlüsselstaaten, anderseits ein juristischer Streit um die Kandidatenliste in Alaska.
Die untenstehende interaktive Grafik zeigt, in welchen Gliedstaaten Senatssitze zur Wahl standen. Jeder Staat sendet, unabhängig von seiner Grösse, zwei Senatoren nach Washington. Da der Senat sich jeweils alle zwei Jahre zu einem Drittel erneuert, waren 33 der 100 Sitze zur regulären Neuwahl fällig; zusätzlich fanden in 2 Staaten Nachwahlen statt.
Die Folgen für 2027
Der Verlust der republikanischen Mehrheit im Repräsentantenhaus hätte für Präsident Donald Trump empfindliche Folgen. Trump könnte seine gesetzgeberischen Vorstellungen kaum noch durchsetzen. Eine Blockade in der Haushaltgesetzgebung würde nicht überraschen, bis hin zu einer zeitweiligen Lahmlegung der Bundesverwaltung («government shutdown»). Allerdings hat ein Präsident Machtmittel, um am Kongress vorbei zu regieren, vor allem in der Aussenpolitik. Bei innenpolitischen Fragen dürfte Trump versuchen, sich mithilfe von Verordnungen (Executive Orders) durchzusetzen.
Mit ihrer Mehrheit würden die Demokraten im Januar die Leitung sämtlicher Komitees des Repräsentantenhauses übernehmen. Damit verbunden sind Vollmachten zur Untersuchung von möglichen Missbräuchen in der Exekutive. Naheliegend sind Untersuchungen zum Vorwurf der verbreiteten Korruption im Weissen Haus. Theoretisch möglich wäre auch ein Impeachment im Rahmen eines Amtsenthebungsverfahrens. Führende Demokraten sprechen sich allerdings gegen eine solche Eskalation aus, zumal der Senat Trump wie schon in dessen früheren Impeachment-Verfahren höchstwahrscheinlich freisprechen würde. Eher denkbar sind Impeachment-Verfahren gegen einzelne Untergebene wie den umstrittenen Verteidigungsminister Pete Hegseth.
Kommt es zu Streit um die Wahlresultate?
Präsident Donald Trump behauptet seit Jahren, das amerikanische Wahlsystem sei von verbreitetem Betrug geprägt. Seine eigenen Wahlsiege hat Trump zwar nie angezweifelt, aber seine Niederlage im Jahr 2020 gegen den Demokraten Joe Biden stellte er als Folgen von Wahlfälschungen dar - ohne einen Beweis dafür liefern zu können.
Gerichtliche Auseinandersetzungen über angebliche Manipulationen könnte es auch noch den jetzigen Zwischenwahlen geben. Kurz vor dem Wahltag waren zwei Stossrichtungen der Regierung erkennbar:
- Protest gegen Täuschungsmanöver in Alaska: Weil die Demokraten im Kampf gegen den republikanischen Senator Dan Sullivan einen gleichnamigen Doppelgänger-Kandidaten aufboten, erwägt das amerikanische Jusitzministerium strafrechtliche Ermittlungen wegen möglicher Wählertäuschung. Diese Idee stösst allerdings auch bei der republikanischen Regierung Alaskas auf Ablehnung.
- Verdächtigungen über Wahlteilnahme von Ausländern: Die Regierung Trump erhebt den Vorwurf, dass eine grosse Zahl von Nichtbürgern widerrechtlich an Wahlen teilnimmt. Von den Behörden in Kalifornien forderte sie, 20 000 Wahlzettel sicherzustellen, um sie auf diesen Verdacht hin prüfen zu können. Der Fall ging bis vor den Obersten Gerichtshof, der dieses Ansinnen zurückwies.
Solche juristischen Streitfälle können eine längere Phase der Ungewissheit bewirken. Aber wesentlichen Einfluss auf das Gesamtergebnis sind derzeit nicht zu erwarten.
Die Resultate im historischen Vergleich
In aller Regel verliert die Partei eines Präsidenten in den Zwischenwahlen Sitze im Repräsentantenhaus. Das Wahlvolk nutzt die Gelegenheit jeweils, um dem Präsidenten auf diesem Weg einen Denkzettel zu verpassen.
Dessen Ausmass hängt jedoch stark von der Unpopularität des Amtsinhabers ab. Die untenstehende Grafik zeigt diesen Zusammenhang deutlich: Bei den ersten Zwischenwahlen nach ihrem Einzug ins Weisse Haus verloren die Präsidenten, die unter einer Zustimmungsrate von 45 Prozent blieben, besonders viele Abgeordnetensitze ihrer Partei.
Die einzige Ausnahme war Joe Biden 2022. Angesichts seiner Unpopularität hatten die meisten Wahlexperten viel höhere Verluste erwartet. Heute leidet sein Nachfolger Trump mit einer durchschnittlichen Zustimmungsrate von rund 39 Prozent unter einem noch grösseren Handicap. Wenn die Wahlprognosen zutreffen, verliert seine Partei im Repräsentantenhaus rund 20 Sitze. Dies entspräche dem historischen Muster bei Zwischenwahlen.
Zugewinne gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nur einmal, im Jahr 2002 unter dem Republikaner George W. Bush. Das war wegen der Terroranschläge vom Vorjahr aber eine Sondersituation.
Die folgende Grafik illustriert, welche Machtverhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten herrschten. Dass eine Partei neben dem Weissen Haus auch beide Kongresskammern kontrollierte, wie das unter Trump bisher der Fall war, kam nur relativ selten vor. Mehr als doppelt so häufig teilten sich die Parteien die Macht («divided government»). Voraussichtlich wird dies auch künftig wieder den Alltag in Washington bestimmen.
Frauen sind im Kongress eine Minderheit – und meist Demokratinnen
Bei den Kongresswahlen wird auch das Abschneiden der Frauen genau beobachtet. Mit 28 Prozent ist der Frauenanteil im amerikanischen Kongress eher gering, auch im Vergleich zu Europa (der EU-Durchschnitt beträgt 34 Prozent). Nach einem kräftigen Anstieg um 2020 stagnierte der Anteil bei den letzten Wahlen.
Dieses Bild dürfte sich laut Prognosen mit den jetzigen Zwischenwahlen nicht grundlegend ändern. Wahrscheinlich ist, dass der Frauenanteil etwa gleich bleibt oder geringfügig auf 29 Prozent steigt. Genauen Aufschluss wird erst die Auszählung sämtlicher Rennen geben, was noch mehrere Tage dauern wird. Sicher ist, dass auch künftig fast drei Viertel der Kongresspolitikerinnen aus der Demokratischen Partei stammen werden.
Gouverneurswahlen
In 36 Staaten sowie 3 Überseegebieten wurde auch das Gouverneursamt neu besetzt, das oberste Exekutivamt im Gliedstaat. Bis anhin stellten die Demokraten 24 der 50 Gouverneure, künftig dürften sie auf eine knappe Mehrheit dieser wichtigen Ämter kommen.
Die Gouverneurswahlen stehen weniger im nationalen Fokus, sind aber ebenfalls von grosser Bedeutung. Die Gouverneure nehmen über den Erlass von Verordnungen oder die Ausübung ihres Vetorechts starken Einfluss auf gliedstaatliche Bestimmungen. Nicht selten dient das Gouverneursamt zudem als Sprungbrett für nationale Karrieren. Die Präsidenten George W. Bush, Bill Clinton, Ronald Reagan und Jimmy Carter waren zuvor alle Gouverneure gewesen.
Nationalen Rückenwind durch seine Wiederwahl in Pennsylvania könnte beispielsweise der demokratische Gouverneur Josh Shapiro erhalten. Ihm werden seit langem Ambitionen auf eine Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2028 nachgesagt. Pennsylvania stimmte vor zwei Jahren für den Republikaner Trump als Präsidenten; nun hat Shapiro die Chance, seine Popularität in diesem Swing State zu beweisen.
Volksabstimmungen
Abgesehen von den Wahlen kamen am 3. November insgesamt 145 Volksbegehren und Referenden zur Abstimmung. Einige dieser Vorlagen erhielten auch starke nationale Beachtung:
- Milliardärssteuer: Eine Volksinitiative in Kalifornien verlangte, Personen mit einem Nettovermögen von mindestens einer Milliarde Dollar mit einer einmaligen Abgabe von 5 Prozent zu besteuern. Es wäre die erste gliedstaatliche Milliardärssteuer in den USA. Die Initiative wird vor allem von Gewerkschaften getragen, auf der Gegenseite haben reiche Geldgeber eine Nein-Kampagne mit mehr als 140 Millionen Dollar finanziert. Das Ergebnis der Abstimmung ist noch offen.
- Abtreibung: In mehreren Staaten hatte das Stimmvolk die Möglichkeit, sich zu einer Verschärfung oder einer Liberalisierung des Abtreibungsrechts zu äussern. Nachdem der Oberste Gerichtshof 2022 in einem kontroversen Urteil die bisherige landesweite liberale Regelung aufgehoben, liegt die Frage nun in der Kompetenz der Gliedstaaten.
- Transgender-Rechte: In vier Staaten verlangten Vorlagen, dass Transgender-Athleten bei Schulsport-Wettkämpfen nur in der Kategorie ihres biologischen Geschlechts starten dürfen. Zwei weitere Vorlagen hatten das Ziel, Geschlechtsanpassungen von Minderjährigen zu verbieten. Die Ergebnisse sind noch offen.
- Wahlrecht: In mehreren Staaten konnten sich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zu Änderungen des Wahlrechts äussern, beispielsweise zu einer Ausweispflicht bei der Stimmabgabe. Alaska stimmte zudem über die Abschaffung des 2020 beschlossenen, aber als kompliziert geltenden Präferenz-Wahlsystems ab. Dieses ermöglicht nicht nur eine simple Stimmabgabe, sondern auch, die zur Wahl stehenden Kandidaten in einer bestimmten Rangfolge zu ordnen.
Text und Konzept: Andreas Rüesch
Grafiken und Daten: Joana Kelén, Nikolai Thelitz, Andreas Rüesch
Entwicklung interaktive Grafiken und Karten: Franco Gervasi, Joana Kelén, Leila Epprecht, Nicolas Staub
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Andreas Rüesch, Joana Kelén, Nikolai Thelitz, Franco Gervasi, Leila Epprecht
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