Die Alternative Linke in Zürich verlangt ultimativ, dass «rassifizierte Büsten» abgedeckt werden – andernfalls gebe es kein Geld für den Schulhaus-Umbau

Der Anblick sei unzumutbar für Lehrpersonen und Schüler, findet die Partei. Damit entbrennt der Streit um das sogenannte koloniale Erbe neu.

03.11.2026, 15.37 Uhr

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Eine Studie im Auftrag der Stadt hat aufgezeigt, dass die Holzköpfe nicht rassistisch seien. Dennoch fordert die AL ultimativ ihre Abdeckung.

Eine Studie im Auftrag der Stadt hat aufgezeigt, dass die Holzköpfe nicht rassistisch seien. Dennoch fordert die AL ultimativ ihre Abdeckung.

Michael Buholzer / Keystone

In der Aula der Schule Hirschengraben in der Zürcher Altstadt blicken Holzfiguren von den Dachbalken auf die Schülerinnen und Schüler hinab. Es sind Gesichter mit dicken Lippen, markanten Wangenknochen und wuchtigen Augenbrauen.

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Die rund 130 Jahre alten Figurenpaare, jeweils Mann und Frau, sollen die Völker der Erde darstellen. Der Mann aus dem Afrika südlich der Sahara trägt ein Löwenfell, die Frau aus der Arktis einen Pelzkragen. Der Vertreter «Germaniens» wiederum kombiniert einen wilden Bart mit einem prägnanten Schnauzer.

Geht es nach der drittgrössten linken Partei Zürichs, der Alternativen Linken (AL), ist dieser Anblick den Schülerinnen und Schülern nicht länger zuzumuten. Die Köpfe sollen verhüllt werden.

Die AL stellt im Stadtparlament ein Ultimatum: Entweder komme die Stadt dieser Forderung nach – oder die Partei lehne den Kredit für den Umbau dieser Schule zur Tagesschule ab.

Die AL schreibt in ihrem Vorstoss von «rassifizierten Büsten». Die Stadtparlamentarierin Sophie Blaser sagt: «Es ist unangenehm, diesen Figuren ausgesetzt zu sein. Die Darstellungen suggerieren, dass Menschen in Rassen einzuteilen seien.» Dass eine Untersuchung im Auftrag der Stadt festhält, die geschnitzten Köpfe seien nicht rassistisch, hält die AL nicht von ihrem Vorstoss ab.

Die «Völker» werden gleichwertig dargestellt

Vor rund einem Jahrzehnt hat die Stadt angefangen, sich mit ihrem sogenannten kolonialen Erbe auseinanderzusetzen. 2017 gab sie eine Untersuchung über die wirtschaftliche Verstrickung Zürichs in den kolonialen Handel in Auftrag. Ende 2019 kündigte sie die Umbenennung des städtischen Cafés «Zum Mohrenkopf» an.

Schwarze Aktivisten wurden bei der damaligen Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) vorstellig: Auch Inschriften in der Altstadt mit dem Begriff «Mohr» sollten verschwinden.

In der Folge setzte Mauch eine stadtinterne Kommission ein, in der kein einziger Historiker sass. Sie sollte nach weiteren kolonialen Spuren im Stadtbild suchen. Die Inschriften im Niederdorf wurden abgedeckt. Dies nach einer heftigen Kontroverse darüber, ob die Häuser ihre Namen aus rassistischen Gründen erhalten hatten – was ein Bericht im Auftrag der Stadt nicht zu beweisen vermochte.

Die Büsten in der Hirschengraben-Aula rückten ebenfalls in den Fokus der Verwaltung. Das Schuldepartement beauftragte deshalb die beiden Historiker Joseph Jung und Matthias Frehner mit einer Studie. Jung ist unter anderem als Alfred-Escher-Biograf bekannt geworden.

Die beiden Historiker schreiben im Gutachten von 2025, es handle sich bei den Holzfiguren zwar um stereotypisierende Darstellungen. Dahinter werde das Denken der Zeit des Imperialismus erkennbar, das Menschen in Völker unterteile. Allerdings würden die «Völker» gleichwertig dargestellt. Die Figuren seien deshalb nicht rassistisch.

Im rund dreihundert Seiten starken Bericht kamen viele Stimmen zu Wort, auch solche, die es anders sahen als die Autoren. Ein Mitarbeiter der eidgenössischen Fachstelle für Rassismusbekämpfung empfahl, die Aula nur noch für Erwachsene zugänglich zu machen, um die Kinder zu «schützen». In diesem Geist ist nun auch der AL-Vorstoss verfasst.

Gemäss AL ist der Auslöser dafür, dass bei der Schule Hirschengraben die Tagesschule eingeführt wird. Der Zusammenhang wirkt allerdings konstruiert: Die Tagesschule führt zwar auch zu baulichen Anpassungen, nicht aber in der denkmalgeschützten Aula.

Dass das Stadtparlament den Ausbau zur Tagesschule ablehnen wird, ist unwahrscheinlich. Gut möglich ist hingegen, dass die AL im rot-grün dominierten Rat genügend Gefolgsleute findet für ihren Vorstoss. Bei der SP heisst es auf Anfrage der NZZ, man habe noch keinen Entschluss gefasst. Am Mittwoch fällt der Entscheid.

Der Zeitpunkt für den AL-Vorstoss ist erstaunlich, weil die Stadt gerade dabei ist, eine «Fachstelle Erinnerungskultur» aufzubauen. Gleichzeitig erarbeitet das Schuldepartement ein Konzept, wie es in Sachen Aula Hirschengraben weitergehen soll – und zwar auf der Grundlage des Gutachtens Jung und Frehner.

Die Schüler selbst sehen kein Problem

Allerdings halten die Alternativen ohnehin wenig von dieser Studie, die aus ihrer Sicht ein reines «Gefälligkeitsgutachten» für den damaligen freisinnigen Schulvorsteher Filippo Leutenegger ist, wie die Stadtparlamentarierin Blaser sagt.

Auch der Umstand, dass im Gutachten befragte Schülerinnen und Schüler die Figuren mehrheitlich als unproblematisch befinden, beeindruckt Blaser nicht. «Als Lehrperson weiss ich, dass solche Befragungen anspruchsvoll sind und Fragen sehr tendenziös gestellt werden können.»

Schon gar nicht gangbar sei der Weg, die Figuren zu kontextualisieren. Ein QR-Code zum Beispiel würde die Kindergartenkinder, die ab vier Jahren dort zur Schule gingen und noch nicht lesen könnten, überfordern. «Was sie dort plastisch geschnitzt sehen, schafft eine Realität, die sich durch Erklärungen nicht relativieren lässt.»

Ganz anders sieht dies Stefan Urech, der für die SVP im Stadtparlament sitzt. Er ist Sekundarschullehrer und verfolgt die Diskussion um das sogenannte koloniale Erbe eng. Dass die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler kein Problem mit den Figuren habe, sei doch entscheidend, findet er. Aktionen wie eine künstliche Abdeckung würden erst Probleme schaffen.

Urech kann keinen Missstand erkennen, weil auch Europäer abgebildet seien und keine einzelne Gruppe herausgehoben werde. Und selbst wenn man dies anders sähe, sei das Abdecken der falsche Weg. Man müsse den Kontext erklären. «Geschichte lässt sich nicht einfach ausradieren.»

Womöglich ist es Teil des Kalküls der AL, dass mit dem Grünen Balthasar Glättli seit Mai 2026 ein neuer Vorsteher an der Spitze des Schul- und Sportdepartements steht. Er könnte leicht unter den Druck der linken Parteien geraten, die Causa Hirschengraben anders zu handhaben als sein Vorgänger.

In diesem Sommer sah sich Glättli veranlasst, sich in einer Ratsdebatte zu entschuldigen: Er hatte vom «schwarzen Peter» gesprochen – im linken Milieu ein verfemter Begriff.

Und als es im Stadtparlament vor einigen Monaten um die «Strategie Erinnerungskultur» ging, stand eine SP-Gemeinderätin erbost auf und beklagte sich, dass der Ratspräsident wegen einer Wortmeldung von SVP-Gemeinderat Urech nicht eingeschritten sei. Urechs Vergehen: Er hatte es gewagt, das Wort «Mohreninschriften» in den Mund zu nehmen. Die linken Parteien erachten nur noch das «M-Wort» als politisch korrekt.

All dies zeigt: Den Zürcher Linken ist die Lust am Kulturkampf um das historische Erbe noch lange nicht vergangen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Michael von Ledebur

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