Die Aktienmärkte tauchen, Sorgen über einen Crash nehmen zu: Platzt nun die KI-Blase – oder gibt es gar keine?

Anleger haben jüngst Aktien verkauft, die mit dem KI-Boom zu tun haben. Eine Korrektur war überfällig. Aber wie geht es weiter? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

06.11.2026, 16.20 Uhr

7 Leseminuten


Kurzer Kursrutsch oder fundamentale Korrektur? Am Freitag fingen sich die US-Aktienmärkte wieder. Für eine Entwarnung ist es aber noch zu früh.

Kurzer Kursrutsch oder fundamentale Korrektur? Am Freitag fingen sich die US-Aktienmärkte wieder. Für eine Entwarnung ist es aber noch zu früh.

Jeenah Moon / Reuters

Der Kurssturz bei US-Technologieaktien hat die Börsen am Freitag in die Tiefe gezogen. Nach dem Sieg der Demokraten bei den Zwischenwahlen in den USA hatten die Aktienmärkte zunächst positiv reagiert. Hoffnungen auf ein baldiges Ende des Iran-Kriegs erhielten Auftrieb und die Unsicherheit über den Ausgang der Wahl fiel ab.

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Mit etwas Abstand rückten dann aber Sorgen in den Vordergrund, was der Wahlausgang für die weitere Entwicklung von Aktien aus dem Sektor der Künstlichen Intelligenz (KI) bedeuten könnte. Der Boom im KI-Sektor hat die Börsen in den vergangenen Jahren stark nach oben getrieben.

Nach Verlusten an den US-Börsen am Donnerstag gab der japanische Leitindex Nikkei-225 um knapp 6 Prozent nach, der europäische Euro-Stoxx 50 verlor bis zum Nachmittag 1,4 Prozent an Wert. Der Schweizer Leitindex SMI lag am Freitag mit 2,1 Prozent im Minus. Derweil machten die Kurse an den US-Börsen am Freitagnachmittag nach überraschend guten Daten zur Entwicklung des US-Arbeitsmarkts im Oktober eine Kehrtwende. Der Standardwerte-Index S&P 500 gewann 0,9 Prozent, der Technologieindex Nasdaq 1,9 Prozent an Wert.

Am Donnerstag hatte der Nasdaq indessen 5,5 Prozent verloren und auch den S&P 500 in die Tiefe gezogen. Der jüngste Kursrutsch bei den US-Technologieaktien hat viele Anleger verunsichert – dazu stellen sich einige Fragen.

1. Was sind die Gründe für den Einbruch der Tech-Aktien?

Angesichts des steilen Kursanstiegs und des enormen Marktgewichts, das die Tech-Giganten wie Nvidia, Microsoft oder Meta in den letzten Jahren erlangt haben, ist die US-Börse zu einer Tech-Börse geworden. Die Folge: Verkaufen Anleger Tech-Aktien, zieht das die US-Börse in die Tiefe und diese die übrigen Börsen in Asien und Europa.

Finanzexperten sehen mehrere Ursachen für den Einbruch bei Tech-Aktien am Donnerstag. Viele sehen diesen als Beschleunigung einer Korrektur, die bereits im Frühjahr eingesetzt hat, bisher aber in Zeitlupe vor sich ging. KI-Chip-Hersteller wie Nvidia und Micron waren im Juni auf dem Höhepunkt und haben seither verloren, Zulieferer für den KI-Ausbau aus der Chip-Branche, aber auch aus dem Industrie- oder Energiesektor haben ihren Sinkflug ab April begonnen. Nach drei Jahren, in denen Aktien, die «irgendetwas mit KI» zu tun hatten, stiegen, waren die Bewertungen auf einem sehr hohen Niveau, auch wenn die Unternehmen zumeist hohe Gewinne vorwiesen.

Erhoffte zukünftige Gewinne definieren den Aktienpreis, und diese sind abhängig von einem weiteren rasanten Ausbau von Rechenzentren und unvermindert hohen Investitionen. Die Demokraten stellen dieses Ausbau-Tempo infrage, was die Profitabilität der KI-Unternehmen bedroht. Bei steigender Ungewissheit diversifizieren die Anleger weg von Tech-Aktien und trennen sich von risikoreichen Anlagen.

Die Ausgaben der US-Technologiekonzerne für den Ausbau der KI-Infrastruktur hätten als starker Stimulus für die Weltwirtschaft gewirkt, sagt dazu Karsten Junius, Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin. Für das kommende Jahr sei zwar mit einem weiterhin soliden Wachstum zu rechnen, doch die Geschwindigkeit habe zuletzt nachgelassen.

Zudem hätten der KI-Boom und der Kapitalbedarf der US-Tech-Konzerne die Renditen von Anleihen nach oben getrieben. Dies verteuert die Finanzierung der gigantischen Ausgaben der Tech-Konzerne, die für den Ausbau der KI-Infrastruktur nötig sind. «Es gibt zunehmend Gegenwind von der Zinsseite», sagt Junius. Das Investitionstempo könnte sich folglich etwas verlangsamen. Des Weiteren sei nach wie vor fraglich, ob sich die enorm hohen Investitionen der Tech-Konzerne letztlich auszahlen werden.

Der Sieg der Demokraten bei den Zwischenwahlen könnte so als eine Art Katalysator gewirkt haben. «Vielleicht haben viele Marktteilnehmer einen Vorwand gesucht, um Gewinne mitzunehmen», sagt Junius. Schliesslich gehe es auf das Ende des Jahres zu und viele Anleger haben bis dato schöne Renditen erzielt.

2. Platzt nun die KI-Blase?

Die aktuelle Hausse weckt Erinnerungen an den Dotcom-Boom Ende der 1990er Jahre und den anschliessendem Crash. Mit dem Aufkommen des Internets gingen damals viele Tech-Unternehmen an die Börse. Investoren kauften ihre Aktien, ohne dass sie jemals Gewinne ausgewiesen hätten. Mitte 1999 begann die US-Notenbank Fed den Leitzins anzuheben, die Blase am Aktienmarkt platzte.

Ähnlich wie vor 25 Jahren sind die Anleger auch heute wieder enthusiastisch, was das Potenzial von KI betrifft. Techkonzerne machen derzeit einen bedeutenden Teil des amerikanischen Aktienindex S&P 500 aus. Zudem ist die Bewertung des S&P 500 in den vergangenen Jahren gestiegen, was auf überhöhte Aktienpreise hindeutet. Dennoch ist sie nicht so hoch wie vor dem Platzen der Dotcom-Blase im März 2000.

Junius glaubt nicht, dass sich im KI-Sektor eine vergleichbare Blase entwickelt hat. Dafür hätten die Technologiekonzerne zu hohe Gewinne erzielt. «Künstliche Intelligenz ergreift die ganze Gesellschaft und hält überall Einzug», sagt er. Angesichts des rasanten Anstiegs der Kurse von KI-Aktien in den vergangenen Jahren müsse man aber mit Korrekturen rechnen.

Obwohl kurzfristig Verunsicherung nicht auszuschliessen sei, sieht auch Mark Haefele, Investmentchef der Vermögensverwaltung bei der UBS, derzeit keine Gründe für einen lange anhaltenden Rückgang des Aktienmarktes.

Skeptiker befürchten hingegen, dass die hohe Verschuldung und die komplexen Finanzierungsstrukturen in der Branche zum Problem werden könnten. Zudem könnte das Fed die Zinsen anheben, was die Kapitalkosten verteuert und hoch verschuldete Unternehmen zusätzlich unter Druck setzt.

An der US-Technologiebörse Nasdaq standen die Kurse zuletzt deutlich unter Druck.

An der US-Technologiebörse Nasdaq standen die Kurse zuletzt deutlich unter Druck.

Brendan Mcdermid / Reuters

3. Wie sind Kleinanleger betroffen?

Auf den ersten Blick betrifft der Ausverkauf hauptsächlich Technologie- und KI-nahe Aktien. Der Schein trügt. Wegen ihrer enormen Marktkapitalisierung – Nvidia hat auch nach dem Kursrutsch einen Börsenwert von 4,4 Billionen Dollar – machen Tech-Aktien einen bedeutenden Anteil der amerikanischen Börsen-Indizes aus.  Entsprechend stark sind sie in den Portfolios vertreten. Im MSCI World, der als ETF weit verbreitet ist, machen US-Aktien mehr als 70 Prozent aus, die grössten sieben US-Tech-Aktien rund ein Viertel.

Die meisten Privatanleger und Vorsorgenehmer, die in Wertschriften investieren, halten somit direkt oder indirekt Tech-Aktien. Und weil die meisten Börsen weltweit vom weiteren Verlauf des KI-Booms abhängen, spiegelt sich das auch in Vorsorgefonds und in den Anlagen der Pensionskassen. Die umfassen einen grossen Anteil Obligationen. Das hilft, Einbrüche bei den Aktien abzufedern. Zudem haben jene einen Vorteil, die hauptsächlich in Schweizer Aktien investiert sind. Der SMI gilt in turbulenten Zeiten als sicherer Hafen.

4. Welche Folgen hat der Kurseinbruch für die Schweizer Pensionskassen?

Der Einbruch der Tech-Aktien hinterlässt auch bei den Schweizer Pensionskassen seine Spuren. Gründe zur erhöhten Besorgnis bestehen indessen derzeit nicht. Die Vorsorgeeinrichtungen haben von mehreren sehr guten Anlagejahren in Folge profitiert und stehen derzeit im Durchschnitt finanziell sehr gut da.

Per Ende Oktober hatten die privatrechtlichen  Schweizer Pensionskassen im Schnitt einen Deckungsgrad von 123,6 Prozent, wie eine in dieser Woche publizierte Studie der zur Zürcher Kantonalbank (ZKB) gehörenden Investmentgesellschaft Swisscanto zeigt.

Diese Kennzahl sagt aus, wie die künftigen Verpflichtungen einer Vorsorgeeinrichtung durch ihre Vermögen gedeckt sind. Bei einem Deckungsgrad von 100 Prozent ist dies genau der Fall. Liegt er höher, besteht eine Überdeckung, liegt er niedriger, muss die Pensionskasse möglicherweise auf absehbare Zeit saniert werden.

Die jüngsten Kursverluste ändern nichts daran, dass die Schweizer Pensionskassen bisher in diesem Jahr erneut positive Anlagerenditen erzielt haben. Die in der Vorsorge-Branche stark beachteten Pictet BVG-2015-Indizes notieren in diesem Jahr per 5. November im Plus. Das Barometer mit einem Anteil von 25 Prozent Aktien kommt in diesem Zeitraum auf eine Rendite von 3 Prozent und dasjenige mit einem Aktienanteil von 40 Prozent auf 5,2 Prozent.

5. Was sind die sicheren Häfen für Anleger?

Die Verkaufswelle am Freitag zog alle Bereiche des europäischen Aktienmarktes in Mitleidenschaft, da der Bau von KI-Rechenzentren viele andere Wirtschaftssektoren betrifft – etwa Bergbauunternehmen die Kupfer für Stromleitungen fördern. Zudem hat der KI-Ausbau die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in den USA massgeblich gestützt. Entsprechend verzeichneten Versicherungsanbieter, Detailhändler und Firmen im Gesundheitswesen die grössten Verluste.

Auch Gold, in Zeiten von Finanzmarktturbulenzen meist ein sicherer Hafen, blieb vom Ausverkauf nicht verschont. Stattdessen waren deutsche Bundesanleihen und amerikanische Treasuries mit 30-jähriger Laufzeit von Käufern gesucht. Der Trend in Richtung Bonds dürfte allerdings nur von kurzer Dauer sein. Industrieländer wie die USA, Frankreich und Japan sind hoch verschuldet, erst vor einigen Wochen sorgten sich die Investoren noch wegen der prekären fiskalischen Lage ebendieser Länder.

Der Unmut wird wahrscheinlich wieder aufkommen. In Industrieländern seien die Haushaltsdefizite extrem hoch, schrieb die Bank Goldman Sachs. Mit Ausnahme grosser Krisen sei die derzeitige fiskalische Lage auf einem Tiefpunkt, mit einer breit angelegten Konsolidierung rechne die Grossbank nicht.

Hingegen rechnet die UBS mit einem weiteren Anstieg des Goldpreises. Als Treiber sieht sie die Aussicht auf neue KI-Regulierung aus Washington sowie die Pattsituation zwischen Donald Trump und dem von den Demokraten dominierten Kongress.

6. Sollten sich Privatanleger nun von Aktien trennen?

Nein. Im Rahmen einer langfristigen Anlagestrategie ergibt es keinen Sinn, auf kurzfristige Marktbewegungen zu reagieren. Zumal auf Kurseinbrüche oft ebenso heftige Gegenreaktionen folgen. Hat man dann Aktien verkauft, verpasst man die Aufwärtsbewegung und bleibt auf realisierten Verlusten sitzen. Eine Börsenkorrektur ist eine Gelegenheit, um die eigene Risikoneigung zu testen und allenfalls anzupassen.

Bereitet einem ein Kurseinbruch schlaflose Nächte oder schränkt er gar den Alltag finanziell ein, ist das ein Hinweis, dass man zu risikoreich anlegt. Vermögensverwaltungsmandate oder gemischte Anlagefonds gibt es mit unterschiedlich hohem Aktienanteil. Je geringer dieser ist, desto weniger schwankungsanfällig ist das Portfolio in der Regel. Historisch betrachtet führt jedoch kein Weg um Aktien herum. Keine Anlageklasse liefert langfristig eine bessere Rendite.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Catherine Bosley, Michael Ferber, Eflamm Mordrelle

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