Der Schokoladenkönig Ernst Tanner spricht erstmals über die Krise von Lindt: «Es tut mir weh, unsere Produkte im Ausverkauf zu sehen»

Kaufstreik der Konsumenten, Kurseinbruch an der Börse und ein CEO-Rausschmiss: Lindt & Sprüngli durchlebt die grössten Turbulenzen seit Jahrzehnten. Jetzt erklärt sich der Langzeitpräsident Ernst Tanner.

24.10.2026, 21.45 Uhr

8 Leseminuten


Ernst Tanner im «Lindt Home of Chocolate» in Kilchberg: Der 80-Jährige denkt nicht daran, als Präsident von Lindt & Sprüngli zurückzutreten.

Ernst Tanner im «Lindt Home of Chocolate» in Kilchberg: Der 80-Jährige denkt nicht daran, als Präsident von Lindt & Sprüngli zurückzutreten.

Vera Hartmann für NZZ

Ernst Tanner hat wenig Erfahrung mit Krisen. Seit er vor mehr als dreissig Jahren die Leitung bei Lindt & Sprüngli übernahm, kannte der Schokoladenhersteller nur den Erfolg – bis jetzt. In den vergangenen Monaten geriet der weltweite Siegeszug der Premium-Schokolade aus Kilchberg gewaltig ins Stocken. Die Führung des Konzerns übertrieb es mit Preiserhöhungen und wurde von den Konsumenten wie auch an der Börse brutal abgestraft. Diese Woche musste der CEO Adalbert Lechner deshalb den Hut nehmen. Der Verwaltungsratspräsident Ernst Tanner dagegen sitzt weiterhin fest im Sattel. Er sieht aber offensichtlich Gesprächsbedarf: Zum ersten Mal seit längerer Zeit empfing er die «NZZ am Sonntag» zu einem Interview.

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Frage: Herr Tanner, Lindt & Sprüngli steckt in der grössten Krise seit Ihrem Unternehmenseintritt 1993. Die Schokolade hat an Beliebtheit verloren, die Aktie 40 Prozent an Wert. Was läuft schief?

Antwort: Wir haben falsch eingeschätzt, wie die Kunden auf Preiserhöhungen reagieren. Nachdem der Kakaopreis ab 2024 historische Höchststände erreicht hatte, wollten wir diese Zusatzkosten weitergeben. Dabei haben wir überschätzt, wie stark wir die Preise erhöhen können, ohne dass die Nachfrage nachlässt – besonders im DACH-Raum mit Deutschland, Österreich und der Schweiz. Für einige Konsumenten wurden unsere Produkte in den vergangenen Monaten offensichtlich zu teuer.

Frage: Sie haben ein sehr erfahrenes Management. Wie konnte man die Zahlungsbereitschaft der Kunden derart falsch einschätzen?

Antwort: Diese Frage kann ich nicht abschliessend beantworten. Wir führen weltweit 25 selbständige Ländergesellschaften. Jeder Länderchef leitet das Geschäft eigenverantwortlich – auch bei der Preisgestaltung. Die beispiellosen Sprünge beim Kakaopreis waren für alle Neuland. Die Länderchefs präsentierten dem Verwaltungsrat im Budgetprozess für 2026 ihre Pläne. Preiserhöhungen waren dabei ein zentrales Thema. Uns wurden Markttests vorgelegt, die belegen sollten, dass die Kunden bereit sind, für eine Packung Lindor-Kugeln statt 9.95 auch 12.95 Euro zu bezahlen. Das stellte sich in einigen Ländern als Fehleinschätzung heraus.

Frage: Haben Sie das Gespür für die Kunden verloren?

Antwort: Die Probleme beschränken sich im Wesentlichen auf Deutschland, unseren zweitwichtigsten Markt. Der dortige Länderchef hat die Marktsituation falsch beurteilt. Deshalb haben wir den Führungswechsel vorgenommen. Lindt & Sprüngli als Ganzes befindet sich jedoch nicht in der Krise. In Amerika und im Fernen Osten werden wir unsere Wachstumsziele von 6 bis 8 Prozent auch dieses Jahr erreichen.

Frage: Nicht nur der Deutschland-Chef musste gehen. Auch der CEO Adalbert Lechner wurde nach 33 Jahren im Konzern Knall auf Fall entlassen. Warum?

Antwort: Herr Lechner wäre in etwa zwölf Monaten in Pension gegangen, nun geht er etwas früher. Das hätten wir uns alle anders gewünscht. Uns war es jedoch wichtig, rasch wieder Planungssicherheit zu erlangen. Dafür eignet sich niemand besser als Dieter Weisskopf, der als Interim-CEO übernimmt. Die Budgetpräsentationen für das kommende Jahr beginnen im November, deshalb haben wir schnell gehandelt. Herr Weisskopf war viele Jahre CEO und stellt einen einwandfreien Ablauf sicher. Gleichzeitig gewinnen wir Zeit, um einen definitiven Nachfolger zu finden.

Frage: Sie sind als exekutiver Verwaltungsratspräsident eng ins operative Geschäft eingebunden und mitverantwortlich für die Preiserhöhungen. Müssten Sie konsequenterweise nicht ebenfalls Platz machen?

Antwort: Der Verwaltungsrat ist in erster Linie für die Strategie verantwortlich. Zwar waren die Preise im Rahmen der Budgetdiskussionen im Verwaltungsrat ein Thema. Die operative Umsetzung in den einzelnen Ländern liegt jedoch beim lokalen Management. Die Führung in Deutschland war aufgrund ihrer Berechnungen überzeugt, dass die Marke diese Preiserhöhungen verträgt. Darauf muss sich der Verwaltungsrat stützen können. Die Verantwortung tragen die jeweiligen Länderchefs. Dieses Modell praktizieren wir seit über dreissig Jahren – und bis vor wenigen Monaten war es eine Erfolgsgeschichte. Ich sehe deshalb keinen Grund, wieso ich als Verwaltungsratspräsident zurücktreten sollte.

Frage: Adalbert Lechner war an dieser Erfolgsgeschichte massgeblich beteiligt. Er galt als Urgestein und wurde intern «Bertl» genannt. Sie selbst holten ihn 1993 von Johnson & Johnson zu Lindt. Wie schwer fiel Ihnen die Trennung?

Antwort: Ich habe diesen Schritt nicht mit Freude vollzogen. «Bertl» und ich sind gute Freunde und haben viele Jahre erfolgreich zusammengearbeitet. Nach reiflicher Überlegung gelangten wir zu dem Schluss, dass ein Wechsel nötig ist. Für ihn kam diese Entscheidung weniger überraschend als für die Öffentlichkeit.

Frage: War die Absetzung von Herrn Lechner im Verwaltungsrat umstritten?

Antwort: Nein.

Frage: Wurden Alternativen diskutiert? Auffällig ist, dass keine dauerhafte Nachfolge, sondern nur eine Übergangslösung präsentiert wurde.

Antwort: Das stand durchaus zur Diskussion. Wir wollten jedoch keinen Schnellschuss tätigen und die Suche nach einem neuen CEO bewusst auf externe Kandidaten ausweiten. Ein solches Vorgehen lässt sich nicht hinter dem Rücken des amtierenden Konzernchefs durchführen. Hätten wir einen Interim-CEO aus der bestehenden Geschäftsleitung ernannt, wäre das heikel gewesen, weil sich eine solche Person dann bereits als Dauerlösung sieht. Daher die Entscheidung für Herrn Weisskopf.

Frage: Gab es intern keine geeigneten Kandidaten für die dauerhafte Leitung?

Antwort: Wir verfügen intern über hervorragende Leute. Wir haben uns jedoch entschieden, auch extern zu suchen. Eine offene Suche liegt auch im Interesse der internen Kandidaten: Wer sich durchsetzt, hat sich gegen den gesamten Markt behauptet.

Frage: Sie sind seit 33 Jahren Verwaltungsratspräsident und jüngst 80 Jahre alt geworden. Wurde auch darüber diskutiert, dass Sie das Präsidium abgeben?

Antwort: Ich kenne diese Diskussionen. Da heisst es rasch: Er ist jetzt 80 und sollte zurücktreten. Ich halte es für falsch, jemanden allein aufgrund seines Alters abzustempeln. Es gibt 65-Jährige, die wie 90 wirken, und 80-Jährige, die geistig und körperlich topfit sind. Zu diesen zähle ich mich. Wenn der Verwaltungsrat zu dem Schluss käme, dass ich keinen Mehrwert mehr leiste, würde ich sofort gehen – aber nicht bloss wegen meines Alters.

Das Museum von Lindt & Sprüngli zählt mehr als 800 000 Besucher pro Jahr – und Ernst Tanner hat grosse Pläne für einen Ausbau.

Das Museum von Lindt & Sprüngli zählt mehr als 800 000 Besucher pro Jahr – und Ernst Tanner hat grosse Pläne für einen Ausbau.

Vera Hartmann für NZZ

Frage: Viele Mitglieder des Verwaltungsrats sind seit langem im Amt und wurden unter Ihrer Leitung berufen. Wagt Ihnen da überhaupt jemand zu widersprechen?

Antwort: Selbstverständlich wird mir widersprochen. Wir haben aktive, unabhängige Persönlichkeiten im Verwaltungsrat. Wir diskutieren intensiv, bevor wir Entscheide fällen.

Frage: Mancher verdiente Konzernlenker verpasste den rechtzeitigen Abgang – etwa Paul Bulcke bei Nestlé. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen dasselbe passieren könnte?

Antwort: Nein. Ich kann gut einschätzen, wie lange ich noch einen konstruktiven Beitrag leisten kann.

Frage: Ein Rücktritt ist für Sie also kein Thema?

Antwort: Nein, in einer derart schwierigen Lage trete ich nicht zurück. Ich bin überzeugt, dass ich einen wesentlichen Beitrag leisten kann, um das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Wenn das gelungen ist, wende ich mich gerne dem nächsten Lebensabschnitt zu.

Frage: Die Krise von Lindt ist unübersehbar: In den Supermärkten wird Ihre Schokolade auffallend oft mit Rabatten angeboten. Das kratzt an Ihrem Image als Premiummarke.

Antwort: Es tut mir weh, unsere Produkte im Ausverkauf zu sehen. Derzeit kommen wir aber nicht um Aktionen herum, um die Kundinnen und Kunden auf unsere Preissenkungen aufmerksam zu machen. Gleichzeitig wollen wir die Konsumenten daran erinnern, dass wir nach wie vor die beste Schokolade bieten. Im Gegensatz zu einigen Konkurrenten haben wir unsere Rezeptur nie verändert. Das Rabattproblem betrifft zudem vor allem die Schweiz und Deutschland, in anderen Ländern spielt es eine kleinere Rolle.

Frage: Das bedeutet aber auch, dass Lindt dauerhaft günstiger werden muss.

Antwort: Ja. Das wird aber auch möglich sein, sobald sich der Kakaopreis auf normalem Niveau einpendelt. Die extreme Verteuerung hat uns Hunderte Millionen Franken gekostet; inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt. Wir standen mit diesem Problem im Übrigen nicht alleine da: Andere Schokoladenhersteller mussten Stellen abbauen und kämpfen ums Überleben. Lindt wächst trotz den Verwerfungen in vielen Märkten und ist hochprofitabel. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Kunden zurückgewinnen – auch in Deutschland und der Schweiz.

Frage: Sie betonen, dass sich die Probleme auf den deutschsprachigen Raum beschränken. An der Börse haben die Lindt-Titel seit Februar jedoch rund 40 Prozent eingebüsst. Wie erklären Sie diesen Kurssturz?

Antwort: Diese Entwicklung erfreut uns nicht. Man muss jedoch sehen, woher wir kommen: In den vergangenen dreissig Jahren ging es beim Aktienkurs stetig aufwärts. Zeitweise war die Bewertung der Lindt-Aktien an der Börse womöglich zu hoch. Jetzt ist sie zu tief. Aber wir orientieren uns, im Gegensatz zu vielen Investoren heutzutage, nicht an kurzfristigen Börsenbewegungen.

Frage: Ihr persönliches Vermögen in Lindt-Aktien ist schätzungsweise um rund 165 Millionen Franken geschrumpft. Schmerzt Sie das?

Antwort: Nein. Ich denke langfristig und führe das Unternehmen nicht anhand des Aktienkurses. Ich bin überzeugt, dass die Firma einen höheren Wert besitzt und der Kurs wieder steigen wird. Deshalb verkaufe ich keine Aktien.

Frage: Manche Grossinvestoren schreckt womöglich auch der geringe Einfluss der Aktionäre bei Lindt & Sprüngli ab. Sie sind einer der grössten Einzelaktionäre und kontrollieren über zwei Vorsorgeeinrichtungen weitere 15 Prozent der Stimmen. Sie sind de facto Alleinherrscher.

Antwort: Ich bin kein Alleinherrscher, davon kann keine Rede sein. Die Anträge des Verwaltungsrates wurden von den Aktionären stets mit grosser Mehrheit getragen. Es gab in den vergangenen Jahren an der Generalversammlung kein einziges Resultat, bei dem die von mir persönlich oder über Stiftungen gehaltenen Stimmen den Ausschlag gegeben hätten.

Frage: Dennoch müssen Sie das Vertrauen der Aktionäre zurückgewinnen. Wie wollen Sie das tun?

Antwort: Das Entscheidende ist, dass das Absatzvolumen im kommenden Jahr wieder wächst. Wenn wir Marktanteile gewinnen, sinken die Stückkosten, und das spielt auch Mittel frei, etwa für mehr Werbung. Wir wollen da künftig wieder stärker auf unsere klassische Maître-Chocolatier-Kampagne setzen.

Frage: Um Marktanteile zu gewinnen, müssen Sie Preise senken. Wie fangen Sie das finanziell ab – über Kostensenkungen?

Antwort: Wir haben die Preise zum Teil schon gesenkt. Dabei hilft uns, dass die Kosten für den Rohstoff Kakao jüngst wieder gesunken sind. Wir haben zudem schon seit einigen Jahren Programme, um unsere Effizienz zu erhöhen, etwa bei der Abfallvermeidung oder durch den Einsatz künstlicher Intelligenz im Marketing und in der Produktion.

Frage: Wird es zu einem Stellenabbau kommen?

Antwort: Ein konzernweites Abbauprogramm wird es nicht geben, denn wir wollen weiter wachsen. In ein bis zwei Jahren werden wir eher mehr Mitarbeitende beschäftigen als die derzeit rund 15 000.

Frage: In der Schweiz wurde das Weihnachtsessen für die Mitarbeitenden gestrichen. Solche Schritte setzt man gewöhnlich nur in grösster Not um.

Antwort: Dabei handelt es sich primär um ein Signal und weniger um eine Sparmassnahme. Es ist wichtig, der Organisation zu verdeutlichen, dass Sparsamkeit geboten ist. Das jährliche Mittagessen mit den Pensionierten haben wir hingegen nicht gestrichen, das hat für ehemalige Mitarbeiter einen hohen Stellenwert.

Frage: Wie sieht es mit Einsparungen im Management aus? Die Gehälter der Führungsebene bei Lindt & Sprüngli gelten als vergleichsweise hoch.

Antwort: Die Vergütung der Führungskräfte setzt sich aus Fixlohn und Bonus zusammen. Gerade in der DACH-Region haben wir dieses Jahr die Ziele verfehlt, was sich auf die Boni der jeweiligen Länderverantwortlichen auswirken wird. Insofern sind dort alle betroffen.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Matthias Benz, Thomas Schlittler

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