Der Rheinfall führt so wenig Wasser wie selten – er könnte darum ein Geheimnis offenbaren, das seit über hundert Jahren verborgen ist
Europas grösster Wasserfall bietet derzeit ein ungewohntes Bild. Das ist für manche Besucher enttäuschend, könnte ihm aber auch neuen Zulauf bescheren.
22.10.2026, 05.00 Uhr
5 Leseminuten
Auf der Zürcher Seite des Rheins kommt man dem Rheinfall ganz nah. Doch wegen des Niedrigwassers ist das Tosen zu einem Rauschen geworden.
Claudio Thoma / Keystone
Es ist kühl an diesem Morgen im Oktober. Das Thermometer zeigt elf Grad an, der Himmel ist bewölkt. In dicke Jacken eingepackt, sitzt ein Paar um die dreissig zusammen mit einem jungen Mann an einem Tisch, vor sich Gipfeli und Kaffee.
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Die beiden wollen ihrem Besuch aus Dubai den Rheinfall zeigen. Sie haben sich auf der Schaffhauser Seite des Flusses einen Platz mit direktem Blick auf das Naturschauspiel gesucht. Doch der Gast ist nur mässig begeistert. Er war schon einmal hier und hat den Rheinfall so in Erinnerung: riesige Wassermassen, die tosend in die Tiefe stürzen. Derart laut, dass man auf der Aussichtsplattform sein eigenes Wort kaum mehr versteht. Der Sprühnebel, der einen Wasserfilm auf dem Gesicht hinterlässt.
Nun aber präsentiert sich ein ganz anderes Bild. Wegen des Hitzesommers und der langanhaltenden Trockenheit führt der grösste Wasserfall Europas so wenig Wasser wie selten. Die durchschnittliche Abflussmenge im Oktober liegt derzeit bei 109 Kubikmetern pro Sekunde. Das ist weniger als ein Drittel des langjährigen Monatsmittels.
So sieht man den Rheinfall selten: Für gewöhnlich sind die Felsformationen rechts von der Aussichtsplattform mit Wasser überspült.
Claudio Thoma / Keystone
Das Niedrigwasser des Rheins hat insbesondere für die Wirtschaft dramatische Auswirkungen. Der Gütertransport per Frachtschiff nach Basel ist schwer beeinträchtigt. Im August lag der Güterumschlag fast 70 Prozent tiefer als im Vorjahresmonat. Weil über den Rhein zu wenig Treibstoff befördert werden kann und der Bahntransport wegen Baustellen eingeschränkt ist, hat der Bund die Kerosinpflichtlager geöffnet.
Beeinträchtigt ist auch die touristische Schifffahrt. Die Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein (URh) musste den Betrieb schon wenige Wochen nach Saisonstart im April einschränken, der Spezialfahrplan blieb den ganzen Sommer lang bestehen. Für das Unternehmen dürften die finanziellen Folgen einschneidend sein. Bei einer Streckensperrung fehlen der URh und der Bordgastronomie nach eigenen Angaben zwischen 800 und 1000 Passagiere pro Tag. Das entspricht einem täglichen Umsatzverlust von bis zu 20 000 Franken.
Zehn Prozent weniger verkaufte Tickets
Am Rheinfall ist die Situation eine andere. Das Kraftwerk flussabwärts in Rheinau reguliert den Wasserstand. Deshalb können die Boote von Rhyfall Mändli ungehindert verkehren. Doch der Geschäftsführer Thomas Mändli hat beim Anblick des Wasserfalls trotzdem ein ungutes Gefühl. Er sagt: «So habe ich den Rheinfall noch nie gesehen.»
Mändli führt die Schifffahrt am Rheinfall zusammen mit seiner Frau Claudia in fünfter Generation. Schon sein Grossvater war Schiffer, er selbst arbeitet seit 35 Jahren im Unternehmen. Mändli kennt jede Ecke am Rheinfallbecken, kann wie auf Knopfdruck die Geschichte des Areals wiedergeben, weiss, an welchem Datum die Schwäne im Nest wenige Meter von seinen Booten entfernt geschlüpft sind.
Nun macht er die Leinen des Motorboots Nummer eins los. Es ist gelb mit schwarzen Streifen und fährt traditionell zum 200 Meter entfernten Mittelfelsen. Bis Ende Oktober noch dauert die Saison, dann gehen die Boote in den Winterbetrieb, und es verkehren nur noch Charterfahrten.
Zwei Millionen Menschen besuchen den Rheinfall jedes Jahr. Dieses Jahr seien es wegen der Hitze und des Nahostkriegs wohl weniger, sagt Mändli. Sein Unternehmen habe etwa 10 Prozent weniger Tickets als üblich verkauft.
Auf der Überfahrt zum Felsen deutet er auf die Schaumkronen, die grünlich gefärbt sind. Grund dafür ist der Flutende Hahnenfuss, eine Pflanze, die auf dem Flussgrund wächst und seifige Inhaltsstoffe abgibt. Im Hitzesommer habe sie sich stärker entwickelt als üblich, sagt Mändli.
Mühelos lenkt Mändli das Boot zum Felsen, der Wasserwiderstand ist gering. Er legt an und geht die enge Treppe hinauf zur Aussichtsplattform in 30 Metern Höhe. Diese Attraktion macht den Rheinfall zu etwas Besonderem.
Es gibt viel höhere und breitere Wasserfälle auf der Welt. Aber nur der Rheinfall hat eine begehbare Mittelinsel. Der Platz ist knapp, aus Sicherheitsgründen dürfen sich hier maximal 80 Personen gleichzeitig aufhalten. Wer ganz oben steht und 23 Meter in die Tiefe schaut, sollte schwindelfrei sein.
Auch im Jahr 1921 führte der Rheinfall sehr wenig Wasser.
Schweizerisches Sozialarchiv
Normalerweise ist der Felsen, auf dem sich die Aussichtsplattform befindet, von Wasser umspült. Nun hat der tiefe Wasserstand schon vor Monaten Felsen freigelegt, auf denen Pflanzen wachsen. Vögel picken auf den Steinen nach Nahrung. Statt eines Tosens ist eher ein Rauschen zu hören. «Man muss sich einmal vorstellen, wie viel Wasser fehlt, dass so etwas passiert», sagt Mändli. «Es ist unglaublich.»
Etwas weiter vorne auf einem Felsen steht eine Metalltafel mit zwei Jahreszahlen: 1880 und 1963. Es sind Erinnerungen an Extremwetter früherer Jahre. Im Winter 1963 war der Rhein vom Ufer auf der Schaffhauser Seite bis zur Tafel und darüber hinaus gefroren. Und 1880 führte er so wenig Wasser, dass man trockenen Fusses bis zum Standort der Tafel gehen konnte.
Niedrigwasser ist auf diesem Abschnitt des Rheins keine Seltenheit, das Phänomen gab es auch früher. 1921 kam unter dem stellenweise versiegten Rheinfall sogar eine Karsthöhle mit sechs Metern Durchmesser zum Vorschein, die man betreten konnte.
Die Höhle, die 1921 auf der Zürcher Seite des Wasserfalls zum Vorschein kam.
Stadtarchiv Schaffhausen
Noch ist die Erinnerungstafel unerreichbar und die Höhle nicht sichtbar. Aber die Abflussmenge am Rheinfall nähert sich dem historischen Tiefstwert vom März 1909, als 104 Kubikmeter Wasser pro Sekunde gemessen wurden. So hält es die Statistik des Bundesamts für Umwelt fest.
Der Regen der nächsten Tage wird am Pegel kaum etwas ändern. Im Winter ist die Abflussmenge ohnehin am tiefsten. «Es wird Monate dauern, bis sich der Wasserstand erholt», sagt Mändli.
Der Unternehmer kennt auch das andere Gesicht des Rheins. Im Sommer 2024 herrschte Hochwasser, das die Ufer überspülte und den Fluss grün färbte, weil er so viele Sedimente mitführte. Für sein Unternehmen sind grosse Wassermengen eher ein Problem als Trockenheit. Acht Wochen lang konnten die Boote damals die Mittelinsel nicht anfahren.
Mändli sagt: «Die Extreme machen den Rheinfall aus.» Aber was ist, wenn die Extreme häufiger vorkommen? Wird dereinst das Hochwasser zur grossen Attraktion – oder die Höhle, sollte das Niedrigwasser sie wieder einmal freigeben?
Für die Touristen, die den Rheinfall zum ersten Mal sehen, ist er auch im gegenwärtigen Zustand beeindruckend. Eine Kanadierin ist mit ihrer Familie eigens von Toronto in die Schweiz gereist, weil sie den Rheinfall auf Tiktok gesehen hat. Auf dem Video habe er zwar mehr Wasser geführt, räumt sie ein.
Aber: «It’s still amazing!»
Für Touristen, die Europas grössten Wasserfall noch nie gesehen haben, ist er auch mit Niedrigwasser imposant.
Claudio Thoma / Keystone
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Isabel Heusser
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