Der Preis des Meistertitels: Der FC Thun saniert mit Transfers die Finanzen, verliert aber den Glanz des Ausserordentlichen
Die klammen Berner Oberländer nehmen dank Spielerverkäufen netto über 10 Millionen Franken ein. Doch die Erneuerung kostet sie Niederlagen und emotionale Substanz. Und sie steht für eine belastende Zerreissprobe.
23.10.2026, 16.00 Uhr
5 Leseminuten
Thun findet sich in einem neuen Leben wieder: Nach der Meistersaison kommt der Klub sportlich nicht auf Touren.
Anthony Anex / Keystone
Der Gedanke liegt nahe: Vor einem Jahr hätte der FC Thun den Match gegen Hajduk Split zumindest nicht verloren. Vor einem Jahr, als sich in einer einmaligen Konstellation das meisterliche Märchen anbahnte, begleitet auch von Wettkampfglück, das vom Himmel zu fallen schien. Doch diesen Herbst verlieren die Thuner das Conference-League-Spiel gegen die Kroaten 0:1.
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Das Stadion ist mit 10 000 Personen gefüllt, in lautstarker Monotonie zu hören ist vor allem die kroatische Mehrheit. Der Thuner Trainer Gian-Luca Privitelli hat keine 0:7- oder 0:6-Niederlage zu erklären («Man lernt in der Niederlage»), wie es in den letzten Wochen vorgekommen ist. Aber er muss sich vor seinen Stürmer Noah Christofferson stellen, der den Ausgleich vergeben hat. Wäre der Schwede vor einem Jahr zugegen gewesen, hätte er vermutlich getroffen.
Viele Thuner Meister jubelten – und verreisten
Thun findet sich in einem neuen Leben wieder. Die Meistersaison setzte Zentrifugalkräfte frei, die nicht mehr zu bändigen waren. Der Trainer Mauro Lustrinelli wurde von Union Berlin und der Bundesliga angezogen und vollzog den Schritt voller Ungeduld unmittelbar nach der Meisterfeier. Jubeln – und nichts wie weg.
Der Sog war unabwendbar. Und versuchte die Klubführung allenfalls, jemanden zurückzuhalten, wurde auf jene Spieler hingewiesen, die weitergehen durften. So brach ein Stück nach dem anderen aus dem meisterlichen Mosaik.
Franz-Ethan Meichtry wechselt nach Genua in die Serie A und Elmin Rastoder zu Panathinaikos Athen. Beide sind im Moment froh, wenn sie dort eingesetzt werden. Valmir Matoshi wählte Sturm Graz und Österreich. Er gehört dort ebenso zu den Stammspielern wie Michael Heule, der von Heidenheim und der 2. Bundesliga verführt wurde. Auch der Leihspieler Kastriot Imeri ist weg, er ging zu YB zurück und von dort zu seinem Förderer Lustrinelli nach Berlin.
Kastriot Imeri (links) folgte dem Trainer Mauro Lustrinelli nach der Thuner Meistersaison zu Union Berlin.
Matthias Koch / Imago
Das alles wirkt in der Summe so, als hätte in Thun eine einzigartige Geschichte beendet werden müssen, die sich im Schweizer Fussball so schnell nicht repetieren wird. Das wundersame Märchen eines vergessenen Aufsteigers, der kontinuierlich arbeitet, die Schwäche der Konkurrenz nutzt und die Tabelle der Super League auf den Kopf stellt.
Das gab Energie, war aber so intensiv, dass im Klub von «Sättigung» gesprochen wird. Alle wussten: So kann’s nicht weitergehen.
Für Bertone war der FC Luzern Lockstoff genug
Der Effort raubte auch Energie, weil sich Spieler und Teamführung umgehend in ermüdenden Transfergesprächen wiederfanden. Zeit für einen Abgang. Das dachte zum Beispiel selbst der 32-jährige Leonardo Bertone, der ausgerechnet den FC Luzern als neue Herausforderung wählte. In Thun verdiente er fix keine 15 000 Franken im Monat, nur dank den Meisterprämien kam er auf gegen 20 000. In Luzern sind es fix um die 25 000. Das ist Lockstoff genug.
Fussball fördert Ich-AGs. Und wenn die Chefetage, die nicht das ganze Team verlieren will, den Lohn eines wichtigen Spielers zu erhöhen gewillt ist, fragt der nächste umgehend: «Und wie viel mehr kriege ich?»
Heule gehörte zu den meisterlichen Überfliegern. Doch irgendwann hatte der 25-jährige Spätzünder nur noch das Ausland im Kopf. Das war einer der Gründe für seine miserable Performance im Europa-League-Play-off in Poznan. So etwas belastet die Atmosphäre. Kurz nach dem 0:7 in Polen wurde der Transfer publik. Jetzt spielt er jedes Wochenende mit Heidenheim, 2. Bundesliga, mit deutlich mehr Lohn und vor doppelt so viel Publikum wie in Thun.
Im Titelrausch müssen Begehrlichkeiten eingedämmt werden. Aber wie? Plötzlich kommt das Gefühl auf, dass im bergigen Berner Oberland das Geld direkt vom Eiger Richtung Thunersee fliesst. Und es heisst schnell: «Ihr seid doch Meister, ihr habt doch jetzt Geld.»
Die Meistersaison schenkt erst jetzt ein
Der ausgeblutete FC Thun sucht emotional angeschlagen ein neues Fundament. Aber immerhin hat er sich mit der Meistersaison saniert, zumindest vorübergehend. Der Satz mutet seltsam an, nachdem der Klub einen Verlust von gegen 7 Millionen Franken vermeldet hat. Die Verbindlichkeiten sind auf über 15 Millionen gestiegen.
Alarm? Nein. Zum einen umfasst die Rechnungsperiode anderthalb Jahre, schliesst ein halbes Jahr Challenge League ein, den Aufstieg in die Super League und die Meistersaison, die Prämien kostet. Zum anderen hinkt der ökonomische Meister-Erfolg dem emotionalen hinterher. Es wirkt so, als wären in der Buchhaltung alle Altlasten in die Vergangenheit gepackt worden, damit die Zukunft umso heller werden möge. Nur: Wie nachhaltig ist das?
2027 wird’s keinen (Transfer-)Reibach mehr geben. Und womöglich auch keinen Europacup mehr.
Der Kleinklub bringt sich demnächst in die Balance, weil die Transfers in der Summe einen tiefen zweistelligen Nettobetrag abwerfen. Zudem schenkt das Startgeld der Conference League knapp 3 Millionen ein, jeder Sieg gäbe 0,4 Millionen dazu. Bekanntgeworden ist auch, dass der in Herrliberg wohnhafte Bündner Finanzfachmann Alexander Lühr die Mehrheit des Klubs übernommen hat. Per Telefon tut Lühr freundlich kund, dass er sich nicht öffentlich äussern möge. In einem Interview im klubeigenen Medienkanal sagt Lühr, dass er kein Mäzen sei.
Vor der Generalversammlung am Montag verlinkte der Klub die Kommunikation der beunruhigenden Ist-Zahlen geschickt mit der Rückkehr des früheren Sportchefs Dominik Albrecht. Dem hatte das Transfergezänk arg zugesetzt. Nach einer Auszeit wird er übergeordnet Geschäftsleiter Sport. Der vorübergehende Abgang Albrechts hat das Thuner Karussell ebenfalls nicht beruhigt.
Nicht alle Thuner Geldgeber sind bekannt
Nicht alles ist klar, wenn es darum geht, die Geldgeber des FC Thun zu eruieren. Der inzwischen ausgeschiedene IT-Unternehmer Beat Fahrni hat auf dem Weg zum Titel Mittel in Millionenhöhe eingeschossen, ein unbekannter Geldgeber tat es Fahrni gleich. Und sonst?
Der Allbranchenversicherer Visana ist omnipräsent, direkt, aber auch indirekt. Es kann sein, dass er schon gegen 20 Millionen aufgeworfen hat. Jedenfalls ist er zur Thuner Lebensversicherung geworden – via Stadionerwerb, Sponsoring und Darlehen. Das ist bemerkenswert für ein Unternehmen, dessen Basis nach wie vor die Krankenversicherung ist.
Der FC Thun sucht generell Halt. Gegen Hajduk Split sind zu Beginn erstaunlicherweise nur zwei neue Spieler zu sehen, unter ihnen der ungestüme, erst 17-jährige YB-Leihspieler Olivier Mambwa, der einen Penalty verschuldet. Der 33-jährige Marco Bürki und der 28-jährige Jan Bamert bilden vor dem Torhüter Niklas Steffen die zentrale Abwehr. Alles hat sich nicht verändert.
Doch vor allem Bürki kam als Captain wegen Platzverweisen und vieler Spielsperren ins Gerede, auch Bamert wurde jüngst des Feldes verwiesen. Das sind gestandene Spieler, die zuweilen ihre Verträge schier selbst aushandeln und in der Kabine wegen des nicht enden wollenden Wechselbrimboriums aufgerieben wurden. Die Folge: emotionale Ausbrüche, Aussetzer, Sperren und Infragestellung der Leaderrolle.
Solches zu moderieren, ist nicht einfach. Wie die in Thun ungewohnte Mehrbelastung durch den Europacup. Wer spielt? Inwiefern rotieren? Der 48-jährige Lustrinelli-Nachfolger Gian-Luca Privitelli hat auf Super-League-Niveau keine Erfahrung. Auch er muss lernen. Auch das ist ein Kapitel im neuen, unruhigen, nicht mehr meisterlichen Thuner Leben.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Peter B. Birrer
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