Der Pastor ist plötzlich Politiker: Wer ist Adam Hamilton, dem in Kansas sensationell die Wahl in den Senat gelingt?

Zum ersten Mal seit 1932 vertritt wieder ein Demokrat den erzkonservativen Gliedstaat Kansas im Senat. Dabei ist Hamilton der Partei erst vor kurzem beigetreten. Ein Porträt.

04.11.2026, 13.27 Uhr

4 Leseminuten


Der spontane Demokrat Adam Hamilton bat seine Kongregation, für seine Wahl in den Senat zu beten.

Der spontane Demokrat Adam Hamilton bat seine Kongregation, für seine Wahl in den Senat zu beten.

Charlie Riedel / AP

Adam Hamilton ist in einer Kleinstadt in Kansas aufgewachsen, in Prairie Village, auf Deutsch Prärie-Dorf. Eine Woche nach dem Schulabschluss heiratete er sein «Highschool sweetheart», LaVon Bandy. Sie haben zwei Töchter, eine Enkelin, zwei Hunde. Sie bilden die perfekte Familie für das konservative Amerika, besonders für den Gliedstaat Kansas, das Musterbeispiel für den Mittleren Westen und seine traditionellen Werte.

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Im Alter von 25 Jahren gründeten die Hamiltons in der Stadt Leawood eine Kirche, die «Church of the Resurrection», Auferstehungskirche. Adam Hamilton ist seit 36 Jahren ihr Pastor. Sie hat heute 24 000 Mitglieder, verteilt auf mehrere Ortschaften. Es ist die grösste Gemeinde der evangelisch-methodistischen Kirche in den USA, der United Methodist Church. Hamilton hält Reden, schreibt Bücher und Bibelstudien.

Und jetzt ist Hamilton plötzlich auch Politiker. Bei den Senatswahlen hat er als Demokrat gegen den Amtsinhaber, den Republikaner Roger Marshall, gesiegt. Die Wahl ist eine Sensation. Zum ersten Mal seit 1932 wird Kansas im Senat wieder von einem Demokraten vertreten. Und dies von einem Mann, der erst kürzlich der Partei beigetreten ist und seine Kirchgemeinde nicht zum Wählen, sondern zum Beten aufgerufen hat.

Nicht irgendein Politiker, sondern ein «Mann Gottes»

Hamilton sagt über sich, er bringe Menschen zusammen, während Politiker nur davon redeten. Die Kirche schreibt, seine Gemeinde bestehe zu gleichen Teilen aus Republikanern und Demokraten. Ein dritter Teil identifiziere sich als unabhängige Wähler. Hamilton selbst erwog, als unabhängiger Kandidat anzutreten. Doch als Demokrat hatte er die besseren Chancen auf den Sieg. Im Wahlkampf bezeichnete er sich als «unabhängig denkenden Demokraten». Präsident Donald Trump nannte ihn einen «irren Linksradikalen».

Die Republikaner bezeichnen Hamilton als zu links für Kansas. Für viele Linke sind die religiösen Ansichten Hamiltons in der Gesellschaftspolitik zu konservativ. Bei einem Anlass im Oktober sagte er, es gebe zwei Geschlechter, männlich und weiblich. Er habe eine 12-jährige Enkelin, er wolle nicht, dass sie im Sport gegen biologische Buben antreten müsse. Hamilton unterstützt heute die gleichgeschlechtliche Ehe und nahm dafür in Kauf, dass Tausende Mitglieder die Kirche verliessen.

In den Medienberichten sagten Kirchgänger und Unterstützer Hamiltons, sie sorgten sich, das teilweise radikal konservative Image von Evangelikalen in den USA könnte ihrem Kandidaten die Wahl kosten. Die Bewegung um nationalistische, weisse Evangelikale gehört seit zehn Jahren zu den treusten Unterstützern von Präsident Trump.

Adam Hamilton verfolgte die Midterms mit seiner Familie und seinem Kampagnenleiter in einem Hotelzimmer in Overland Park in Kansas.

Adam Hamilton verfolgte die Midterms mit seiner Familie und seinem Kampagnenleiter in einem Hotelzimmer in Overland Park in Kansas.

Nathan Howard / Reuters

Die evangelisch-methodistische Kirche besetzt ein weites theologisches Spektrum. Hamilton selbst bezeichnet sich als moderat und als «progressiven Evangelikalen». Zur Ausrichtung seines Glaubens äusserte er sich im Wahlkampf jedoch kaum. Er fokussierte auf die für ihn drängendsten Themen der Menschen in Kansas: die hohen Lebenshaltungskosten, die Zukunft der Landwirtschaft, Schutz der Arbeiter und Konsumenten und, wie er es nennt: «das Chaos und die Korruption in Washington».

Der landwirtschaftlich geprägte Gliedstaat Kansas ist von den aktuellen geopolitischen Geschehnissen und Donald Trumps Politik der vergangenen Monate besonders betroffen. Die Bauernbetriebe leiden unter den hohen Preisen für Treibstoff und Dünger. Zudem hat Trump die Zölle auf den Import von Rindfleisch gesenkt. Für Unmut sorgten auch Einsätze der Einwanderungsbehörde ICE in mehreren Fabriken der Fleischindustrie.

Eine Wahl gegen Trump

Das Magazin «New Yorker» hatte Hamilton im Herbst bei Wahlkampfauftritten in Kirchen begleitet. Zu seinem Entscheid, von der Kanzel ins Capitol zu wechseln, sagte er, er habe in den vergangenen eineinhalb Jahren die Nachrichten verfolgt. Dabei habe er gedacht: «Das sieht nicht nach dem Reich Gottes aus, für das ich mein ganzes Leben lang gebetet und gepredigt habe.» Beim Fasten im Frühling hätten er und seine Frau beschlossen, dass er nach Ostern ins Rennen um den Senatssitz einsteige. Sollte er gewählt werden, sagte Hamilton im Herbst, solle Gott ihn dafür einsetzen, «die Dunkelheit in unserem Land» zu bekämpfen.

Hamilton startete seine politische Karriere in diesem Jahr. Das Rennen um den Senatssitz lancierte er vor wenigen Monaten. Und trotzdem zeichnete sich in den Umfragen vor der Wahl bereits ab, dass Adam Hamilton tatsächlich gegen den Republikaner Roger Marshall knapp gewinnen könnte. Nun hat Hamilton sogar die Umfragen übertroffen, sein Sieg stand bereits in der Wahlnacht fest.

Hamilton profitierte bei seiner Wahl auch von einer Kontroverse um seinen Gegner. Die «New York Times» machte Anfang September publik, dass Marshall als Gynäkologe mit eigener Praxis 700 Patientinnen wegen unbezahlter Rechnungen verklagt hatte, 81 von ihnen wurden wegen verpasster Gerichtstermine verhaftet. Marshall wurde zudem von Zivilklägern angezeigt, weil seine Praxis pro Jahr Verzugszinsen von 18 Prozent verlangt hatte. Nun hat er seinen Senatssitz nach einer Amtszeit wieder verloren.

Im berühmten Film «Der Zauberer von Oz» von 1939 sagte Dorothy zu ihrem Hund: «Toto, I have a feeling we are not in Kansas anymore.» Ein Wirbelsturm hatte sie weggefegt, aus dem ländlichen, bodenständigen und vertrauten Kansas in eine neue, phantastische Welt namens Oz. Nun hat der Wirbelsturm auch Adam Hamilton erfasst.

Als sein Sieg in der Nacht auf Mittwoch feststand, sagte Hamilton zu seinen Unterstützern: «This is amazing.» Seine Wahl sei eine Zurechtweisung der Unfreundlichkeit und Grausamkeit in Washington. Immer wieder zitierte er in seiner Siegesrede die Bibel. Der Pastor ist jetzt ein predigender Politiker.

Unterstützer feiern mit Adam Hamilton den überraschenden Sieg des Demokraten um den Senatssitz von Kansas.

Unterstützer feiern mit Adam Hamilton den überraschenden Sieg des Demokraten um den Senatssitz von Kansas.

Nathan Howard / Reuters

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Corina Gall

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