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Der Nobelpreisträger Philippe Aghion kritisiert seinen Freund Emmanuel Macron: «Wenn die Politik nicht zuhört, wird man wütend»
Er hat den französischen Präsidenten beraten. Jetzt aber zeigt Philippe Aghion Verständnis für den Unmut der Jungen. Im Interview sagt der Ökonom, dass die Europäer im KI-Wettbewerb gute Chancen hätten – wenn sie nur die richtigen Entscheidungen träfen.
30.10.2026, 08.25 Uhr
12 Leseminuten
Der Nobelpreisträger Philippe Aghion zu Besuch am Economics Department der Universität Zürich: In Frankreich zählt der Ökonom zu den einflussreichsten wirtschaftspolitischen Beratern.
Annick Ramp / NZZ
Stillsitzen ist nicht sein Ding. Philippe Aghion argumentiert und gestikuliert am Morgen im Interview, läuft am Nachmittag auf der Bühne hin und her, fragt zwischendurch, ob man ihm noch folgen könne, und sprüht auch noch nach dem Abendessen vor Ideen und Elan. Er sei kein Politiker, betont er, nachdem er mit gemischtem Erfolg versucht hat, die letzten beiden französischen Präsidenten von seinen ökonomischen Erkenntnissen zu überzeugen. Aber man müsse als Ökonom doch ein Ziel haben, eine Vorstellung, wohin die Reise gehen müsse.
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Der Sohn eines ägyptischen Vaters und einer Mutter, die in Frankreich das erfolgreiche Modelabel Chloé gegründet hat, erzählt, es gebe in Ägypten Klageweiber; doch Trübsal blasen liege ihm nicht. Er habe Ökonomie studiert, weil es ihn störe, wenn Menschen litten und wenig Chancen hätten. Das wolle er ändern helfen. Aghion studierte zuerst in Paris, machte seinen Ph.D. in Economics aber an der Harvard University in den USA, wo er auch den grössten Teil seiner akademischen Karriere verbrachte.
2020 ist Aghion an das Collège de France sowie an die private Hochschule Insead nach Frankreich zurückgekehrt mit dem Ziel, etwas mehr vom amerikanischen Wettbewerbsspirit und Zukunftsoptimismus in den französischen und europäischen Wissenschaftsbetrieb zu bringen. Vergangenes Jahr hat der heute 70-Jährige für seine Arbeiten zur Wachstumstheorie und zur Rolle der innovativen Firmen und ihrer schöpferischen Zerstörung den Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften erhalten.
Innovative und in hartem Wettbewerb stehende Firmen sind für Aghion der Schlüssel zu mehr Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit, daran lässt er bei seinem Besuch am UBS Center for Economics in Society an der Universität Zürich keinen Zweifel. Zwar mahnt er leicht selbstironisch, es gebe die Nobelpreis-Krankheit, dass man plötzlich zu allem etwas zu sagen habe. Doch im Gespräch zeigt sich schnell, dass der energiegeladene Ökonom mit seinem ansteckenden Optimismus sehr wohl fundierte Ansichten darüber hat, was gerade in Frankreich und Europa schiefläuft und was man jetzt dagegen tun sollte.
«Ich sträube mich dagegen, zu resignieren und nur noch schwarzzumalen», sagt der Nobelpreisträger Philippe Aghion, fotografiert im Interview am Economics Department der Universität Zürich.
Annick Ramp / NZZ
Frage: Herr Aghion, Sie sind ein Wegbegleiter des französischen Präsidenten Emmanuel Macron und zählen zu den Vordenkern seiner wirtschaftspolitischen Agenda. Wie beurteilen Sie die schwere Krise, in der Frankreich gerade steckt?
Antwort: Ich bin zwar befreundet mit Emmanuel Macron und erachte ihn als kluge Person. Dennoch sehe ich seine kritischen Seiten: Das Problem liegt darin, dass Macron nicht gelernt hat, wie er als Präsident mit sozialen Bewegungen umgehen soll. Das hat man auch bei den Schülerprotesten in diesem Herbst gesehen. Die junge Generation macht sich grosse Sorgen um ihre Zukunft. Ihre Anliegen sind legitim. Hätte die Regierung die Forderungen von Beginn weg ernster genommen, hätte sie eine solche Eskalation wohl verhindern können.
Frage: Sehen Sie Parallelen zur Bewegung der Gelbwesten, die vor acht Jahren gegen höhere Steuern auf Benzin und Diesel kämpfte?
Antwort: Absolut, auch damals hatte die Regierung die Anliegen zu wenig ernst genommen. Dadurch gewann die Bewegung an Zulauf. Ein weiteres Beispiel ist die Rentenreform, als Macron ebenfalls zu wenig auf die Gewerkschaften hörte. Mit einem Kompromiss hätte er eine Erhöhung des Rentenalters auf 63 Jahre durchgebracht. Trotzdem beharrte er auf 64 Jahren – was zu Protesten führte und die gesamte Reform zum Scheitern brachte.
Frage: Wie beurteilen Sie die Zukunftsängste der Jungen: Besteht die Gefahr, dass sie weniger Wohlstand erreichen werden als ihre Eltern?
Antwort: Unter den Jungen hat sich viel Frustration aufgestaut, was ich gut verstehen kann. Schon während der Covid-Pandemie mussten sie grosse Opfer erbringen. Auch die steigende Staatsverschuldung geht zu ihren Lasten. Dieses Problem müssen wir in den Griff bekommen. Das bedeutet, dass die öffentlichen Ausgaben höchstens so stark zunehmen dürfen wie das nominale Wachstum der Wirtschaft. Doch solche Veränderungen schaffen wir nur mit einem offenen Dialog und mit Fairness. Nur dann werden sie von der Bevölkerung mitgetragen. Es braucht einen neuen Gesellschaftsvertrag.
Frage: Sie selbst sind in einer Unternehmerfamilie aufgewachsen.
Antwort: Mein Vater war ein Intellektueller. Er wollte Ägypten verändern und scheiterte damit. 1945 emigrierte er zusammen mit meiner Mutter nach Paris. Sie dagegen wollte die Mode verändern. 1952 gründete sie das Modehaus Chloé und hatte Erfolg damit. Ich war in meiner Jugend ein Radikaler, ich wollte die Welt verbessern und die Armut bekämpfen.
Frage: Sie waren einst sogar in der kommunistischen Partei aktiv.
Antwort: Das stimmt, aber ich war nie ein Extremist. Mein Idol war damals der Italiener Enrico Berlinguer. Die italienischen Kommunisten wurden zu Sozialdemokraten, ich ebenfalls, oder vielleicht eher zu einem sozialen Gaullisten.
Frage: Die heutige demonstrierende Jugend wirkt wieder extrem links.
Antwort: Wenn man jung ist, ist man eher radikal. Zumindest in Frankreich ist das so. Die Leute starten extrem und werden dann gute Zentristen. Aber es hat auch mit Frustration zu tun. Wenn die Politik nicht zuhört, keinen Dialog will, wird man wütend.
Frage: Junge fordern gratis öffentlichen Verkehr und wollen die grossen Immobilienfirmen enteignen.
Antwort: Nach der Studentenbewegung von 1968 gab es viele Maoisten, Kommunisten – sie wurden gute vernünftige Bürger. Hat nicht Churchill gesagt: «Wer als Junger nicht links ist, hat kein Herz, und wer nicht rechts wird, wenn er älter ist, hat keinen Verstand»?
Frage: Befürchten Sie, dass Frankreich bald in eine Krise stürzt, wenn es nicht gelingt, den Staatshaushalt zu sanieren?
Antwort: Ich kann es nicht völlig ausschliessen, aber eine Krise wie in Griechenland vor 15 Jahren erwarte ich derzeit nicht. Für das viel grössere Risiko halte ich, dass Europa in einen langsamen Niedergang gerät und sukzessive an Bedeutung verliert. Wenn wir schleichend immer weniger Geld für Innovationen oder Bildung zur Verfügung haben, muss dies nicht zwingend zu einem Knall führen.
Frage: Schmerzt es Sie, dass sich die Lage ausgerechnet unter Emmanuel Macron, den Sie beraten haben, dermassen verschlechtert hat?
Antwort: Es ist bedauerlich, denn zu Beginn seiner Amtszeit konnte er einiges an Positivem erreichen. Er förderte die Startups, initiierte eine Steuerreform und modernisierte den Arbeitsmarkt, was zahlreiche ausländische Investoren anzog. Doch dann beging er die erwähnten Fehler. Trotzdem: Frankreich behält ein grosses Potenzial. Ich bin überzeugt, dass es auch die Verschuldung in den Griff bekommen kann.
Frage: Obwohl die politische Polarisierung in Frankreich derart zugenommen hat?
Antwort: Ich sträube mich dagegen, zu resignieren und nur noch schwarzzumalen. Wir brauchen eine Vision. Ich halte es mit Winston Churchill, von dem der Satz stammt: «Die Geschichte wird uns wohlgesinnt sein, denn wir haben vor, sie selbst zu schreiben.» Zwar erleben wir gerade schwierige Zeiten. Es kann sein, dass Marine Le Pen die nächsten Wahlen gewinnt, das wäre sehr schlecht. Davon dürfen wir uns aber nicht entmutigen lassen. Stattdessen glaube ich daran, dass Frankreich und auch Europa dank ihren Werten wieder innovativ und erfolgreich werden können.
Statt sich in der EU auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen zu müssen, sollte Europa unterschiedliche «Koalitionen der Willigen» vorangehen lassen, fordert Philippe Aghion.
Annick Ramp / NZZ
Frage: Welche Rolle sehen Sie für die Europäische Union? Sie haben ja selbst am Draghi-Bericht mitgearbeitet, der Vorschläge zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit von Europa erstellt hat.
Antwort: Von diesen Vorschlägen wurde bis jetzt nur ein winziger Teil umgesetzt. Die EU funktioniert schwerfällig. Das liegt an der häufigen Erfordernis zur Einstimmigkeit sowie an der Bürokratie. In manchen Fällen ist der institutionelle Rahmen der EU hilfreich, wie etwa bei der Bewältigung der Covid-Pandemie. Wenn es aber um grosse wirtschaftliche Reformen und die Stärkung der Innovationskraft geht, sehe ich die Führung primär bei einer «Koalition der Willigen».
Frage: Das wäre eine Koalition, die über die EU hinausreicht?
Antwort: Ich orientiere mich am Konzept der «Mittelmacht-Strategie», das der kanadische Premierminister Mark Carney dieses Jahr in Davos vorgestellt hat. Kleinere und mittelgrosse Staaten, die ähnliche Werte und Vorstellungen von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit teilen, sollten gemeinsam handeln. Neben verschiedenen EU-Ländern sollten auch Grossbritannien, Kanada oder natürlich die Schweiz dazugehören. Diese Staaten könnten zum Beispiel ein Pendant zur amerikanischen Innovationsagentur Darpa aufbauen, welche einen grossen Beitrag zur technologischen Spitzenstellung der USA geleistet hat.
Frage: Den Nobelpreis haben Sie mit Ihrer Forschung zu Innovation und Wachstum gewonnen. Sie haben nachgewiesen, dass die schöpferische Zerstörung das Wachstum fördert. Was braucht Europa, um den technologischen Wandel zu beschleunigen?
Antwort: Wichtig sind die kulturellen Werte. Das beginnt schon in der Schule: In den USA lernen die Kinder, dass es sich lohnt, Risiken einzugehen im Leben und dass es keine Schande ist, wenn man mit einem eigenen Projekt scheitert. Diese Einstellung sollten wir auch in Europa besser verankern. Zudem sollte Europa die Grundlagenforschung stärken, wie dies in Deutschland über die Max-Planck-Gesellschaft geschieht. Ebenso sollten Startups besseren Zugang zu Risikokapital erhalten. Dringlich ist überdies ein Abbau der Bürokratie. Diese hindert erfolgreiche Unternehmen am Wachstum. Im Zentrum meiner Wachstumstheorie steht die Firma; ohne sie läuft gar nichts. Ohne sie gibt es keine Innovation und keinen Wohlstand. Aber es braucht eine soziale Absicherung, damit die kreative Zerstörung funktionieren kann.
Frage: Jetzt führt die künstliche Intelligenz zu viel kreativer Zerstörung. Aber auch hier fällt Europa zurück.
Antwort: Das stimmt, doch immerhin bilden die Skandinavier eine Ausnahme. Ich halte Dänemark für vorbildlich. Dort gibt es einen flexiblen Arbeitsmarkt und eine grosszügige Arbeitslosenversicherung mit starken Arbeitsanreizen und Weiterbildung für einen neuen Job. Mit KI braucht man das erst recht.
Frage: Hat Europa den Anschluss an die USA verpasst, oder kann es noch aufholen?
Antwort: Wir haben kluge Köpfe und gute Universitäten, das muss ich Ihnen in Zürich nicht sagen. Wir haben zentrale Werte, ich nenne das Soft Power: Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit. Es gibt grosse Ersparnisse; es braucht bloss noch die richtigen Bedingungen, damit sie in Europa investiert werden statt in den USA. Und zumindest in Frankreich haben wir dank der Kernkraft günstige Energie. Die Amerikaner dagegen haben derzeit eine Regierung, die offen korrupt ist, und ein Sozialsystem, das dem sich abzeichnenden Wandel nicht gerecht wird. Ich sehe nicht, wie eine Gesellschaft so längerfristig prosperieren kann. Ich bin überzeugt, die Europäer haben im Wettbewerb gute Karten, sie müssen nur die richtigen Entscheidungen treffen.
Frage: Auf was steuern wir zu? Vor zwei Jahren prognostizierten Sie, dass KI bloss 5 Prozent der Arbeitsplätze obsolet machen werde. Inzwischen warnen viele Fachleute und Ökonomen davor, dass das Ausmass und die Geschwindigkeit des durch KI ausgelösten Strukturwandels einmalig sind und unterschätzt werden. Haben Sie Ihre Meinung geändert?
Antwort: Es geht nicht um Meinung. In meinem Labor haben wir die Wirkungen von KI auf die Beschäftigung in Frankreich untersucht. Übers Ganze gesehen hat es diese bisher nicht reduziert. In manchen Sektoren ist die Beschäftigung gesunken, in anderen gewachsen. Es gibt Tätigkeiten, welche die KI ganz ersetzen kann. Aber wir haben den Produktivitätseffekt unterschätzt: Andere Tätigkeiten werden dank KI rasch produktiver und wettbewerbsfähiger, das erhöht die Beschäftigung. KI schafft viele neue Ideen und damit potenzielle neue Arbeitsplätze. Aber es braucht ein System, das damit umgehen kann.
Frage: Manche propagieren deswegen ein bedingungsloses Grundeinkommen.
Antwort: Damit habe ich ein Problem. Ich möchte nicht, dass die Leute einfach so ein Einkommen erhalten, zu Hause bleiben und fernsehen. Dann werden sie aus der Gesellschaft ausgegrenzt.
Frage: Wie in Frankreich manche wütende Einwanderer?
Antwort: Ja genau, das erklärt den Unmut vor allem von arbeitslosen Einwanderern der zweiten und dritten Generation. Deshalb propagiere ich: entweder sich aus- und weiterbilden oder arbeiten. Oder beides.
Frage: Sie glauben, dass sich diese integrieren lassen und Europa die Arbeit nicht ausgehen wird?
Antwort: Ich sage nicht, dass es keine Probleme geben wird. Aber ich bin überzeugt, dass es Wege gibt, dies zu vermeiden. Manche Leute behaupten, KI werde uns mit Sicherheit überflüssig machen und vernichten. Das glaube ich nicht. Andere erklären, man brauche nichts zu tun, alles werde von selbst gut. Das glaube ich auch nicht. Ich bin überzeugt: Europa muss die Zügel in die Hand nehmen und das Pferd in die richtige Richtung lenken.
Frage: Heute dominieren Superstar-Firmen, die wegen des «Winner takes it all»-Effekts extrem mächtig sind. Der Einfluss konzentriert sich in den Händen einiger weniger Eigentümer aus den USA.
Antwort: KI besteht aus Ideen, Daten und Rechenleistung. In Europa gibt es sehr gute Daten. Wenn es auch genügend Rechenleistung gibt, muss die Tatsache, dass bereits sehr erfolgreiche und mächtige Firmen existieren, den Markteintritt von Wettbewerbern mit neuen Ideen nicht verhindern. Aber es braucht unbedingt eine griffige, moderne Wettbewerbspolitik.
Frage: Was stellen Sie sich darunter vor?
Antwort: Es braucht Open-Source-Programme, die öffentlich zugänglich sind, und eine Digital Market Act, die den Zugang zu den Daten regelt. KI muss reguliert werden, aber nicht zu sehr und nicht so, dass Markteintrittshürden errichtet werden. Es braucht auch eine Industriepolitik, die sicherstellt, dass neue Wettbewerber Zugang zu Rechenleistung haben. Eine smarte Industriepolitik stärkt den Wettbewerb und bremst ihn nicht. Und es braucht möglichst grosse, integrierte Märkte für Hightech. Auch das könnte Europa schaffen. Das ist viel interessanter, als über Konkurrenz zu jammern und zu wehklagen.
Frage: Sie sind optimistisch. Aber führt KI nicht zu einer übermässigen Konzentration von Wohlstand und Macht?
Antwort: Ich habe in Frankreich vorgeschlagen, dass, wer viel Reichtum anhäuft, einen Teil davon in Stiftungen für Bildung und Forschung geben soll. Wer so Vermögen stiftet, soll auf dem Rest weniger Erbschaftssteuern bezahlen müssen. Wer dies nicht tut, dessen Erbschaft würde progressiv besteuert. In den USA stiften Reiche ihr Vermögen freiwillig; in Frankreich braucht es Anreize. Aber das hat nichts zu tun mit der hohen Vermögenssteuer, die der linke französische Ökonom Gabriel Zucman vorschlägt. Von der halte ich nichts. Sie würde nur dazu führen, dass Vermögende ins Ausland abwandern. Und was die politische Macht angeht, gilt es, Korruption strikt zu bekämpfen. In Schweden hat einmal ein Minister seinen Job verloren, weil er auf Staatskosten eine Toblerone gekauft hatte. Zudem sollte die Finanzierung von Parteien und Politikern durch Grossspenden eingeschränkt werden.
Frage: Wie sehen Sie den härter werdenden Wettbewerb durch China?
Antwort: Wissen Sie, was die Chinesen so erfolgreich macht? Sie haben beides: eine Industriepolitik und sehr starken Wettbewerb. Wenn sie eine Industrie unterstützen wollen, dann helfen sie nicht spezifisch einer Firma, sondern fördern den harten Wettbewerb zwischen Unternehmen und auch zwischen Regionen. Das funktioniert ziemlich gut. In Europa hingegen haben wir im Namen der Wettbewerbspolitik eine Industriepolitik verhindert. Das halte ich für einen Fehler.
Frage: Wie sollte Europa mit dem chinesischen Erfolg umgehen?
Antwort: Die Chinesen möchten und brauchen Zugang zu unserem Markt – erst recht, wenn sie weniger Zugang zum amerikanischen haben. Wir sollten sie willkommen heissen und gleichzeitig verlangen, dass sie nach unserem Gusto produzieren und uns ihre Daten geben. Tun sie das nicht, müssen sie hohe Zölle bezahlen.
Frage: Eine Antwort ganz nach chinesischer Art.
Antwort: Wir haben Verhandlungsmacht. Wir müssen einfach selbstsicherer und zuversichtlicher werden. Europa hat etwas zu bieten. Trump wird nicht von ungefähr ganz wild, sobald Kanada sich mit Europa auf etwas einigt. Wann immer sich die europäischen Staaten zusammentun, kommt Hoffnung auf.
Frage: Eine persönliche Frage zum Schluss: Sie sagen, KI erhöhe die Produktivität. Trifft das auch für Sie selbst und Ihre Forschung zu?
Antwort: Wissen Sie was, ich bin eine schizophrene Person. Ich trete absolut überzeugt für Innovation ein, aber ich gehöre immer zu den Letzten, die sie persönlich anwenden. Ich habe immer noch eine Papieragenda. Natürlich brauche ich in meiner Arbeit KI, nutze Chat-GPT, aber es ist lustig: Wenn die schöpferische Zerstörung mich selbst betrifft, macht es mich nervös.
Frage: Wird KI bald die volkswirtschaftliche Forschung übernehmen?
Antwort: Was mich momentan optimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass Intuition und Urteilsfähigkeit in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung besonders wichtig sind. Es braucht den Dialog zwischen Modellierung und Empirie, man muss die passenden Daten finden. Vielleicht kann das künftig KI, aber Ökonomie muss den Menschen und das Soziale einbeziehen. Deshalb schlafe ich wohl ruhiger als manche Mathematiker.
Frage: Sie haben Ökonomie aus sozialer Motivation heraus studiert?
Antwort: Ich wollte Menschen aus der Armut befreien. Und ich begriff nach einer Weile, dass es dazu Unternehmertum braucht. Manche Leute sind geradezu von den Reichen besessen. Ich habe nichts gegen reiche Leute, solange sie ihren Reichtum nicht dazu verwenden, um neue Talente am Erfolg zu hindern. Ich bin besessen von den Armen. Ein armes Kind, das die Möglichkeiten nicht hatte, die ich genoss, das finde ich unfair. Aber dass manche Leute viel reicher sind als ich, das macht mir nichts aus.
Spezialist für Wachstumstheorie
Annick Ramp / NZZ
Philippe Aghion
sal. - Der 70-jährige Ökonom ist Professor am Collège de France sowie an der privaten Hochschule Insead. 2025 gewann er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften «für die Theorie des dauerhaften Wachstums durch schöpferische Zerstörung». Nach seinem Studium in Paris promovierte er in den USA an der Universität Harvard, wo er von 2000 bis 2015 als Professor unterrichtete. Aghion ist bestens vernetzt in der französischen Politik und war für die beiden Präsidenten François Hollande sowie Emmanuel Macron als Berater tätig. Das Gespräch fand aus Anlass seines Besuches am UBS Center for Economics in Society an der Universität Zürich statt.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Peter A. Fischer, Albert Steck, Annick Ramp
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