Der neue Roman von Juli Zeh: Das Leben ist kein Ponyhof. Es ist eine Pony-Show

Im Justiz-Thriller «Pony Show» lässt die Bestsellerautorin Menschen nach der Wahrheit suchen und im ideologischen Chaos versinken.

Mia Kilian27.10.2026, 05.30 Uhr

3 Leseminuten


Juli Zeh schreibt regelmässig Bestseller und arbeitet nebenbei als ehrenamtliche Richterin.

Juli Zeh schreibt regelmässig Bestseller und arbeitet nebenbei als ehrenamtliche Richterin.

Maria Sturm für NZZ

Die Schriftstellerin Juli Zeh schreibt «politisch gehaltvolle Literatur». Das hat die brandenburgische Exilantin, Juristin und Autorin von Bestsellern wie «Corpus Delicti» und «Unterleuten» neulich selbstbewusst in einem Podcast-Interview über ihr eigenes Werk gesagt. Doch: Politisch gehaltvolle Literatur, was soll das eigentlich sein?

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Zehs neuer Roman heisst «Pony Show» und könnte bei der Beantwortung dieser Frage helfen. In dem Justiz-Thriller geht es um Betty, Fero und Mark. Die Konstellation ist zunächst einfach: Betty wird des Mordes angeklagt. Fero ist der vermeintlich Ermordete. Und Mark verteidigt Betty vor Gericht.

Genauer: Betty ist eine erfolgreiche Verlagsleiterin in Hamburg. Fero ein junger, talentierter Mann, der neu in ihrem Verlag eingestellt wird. Mit einer hartnäckigen Mischung aus Charme und Expertise schnurrt er während der Arbeit um Betty herum, bis sie auf ihn aufmerksam wird – und ihm wenig später hoffnungslos verfällt. Es entwickelt sich eine Amour fou: leidenschaftlich, manipulativ und letztlich selbstzerstörerisch.

Dann verschwindet Fero plötzlich. Und Betty wird an der österreichisch-ungarischen Grenze verhaftet – mit einer Waffe, an der Feros Blut klebt, und 125 000 Euro Falschgeld in der Tasche. Mark, Medienanwalt und Haupterzähler der Geschichte, entwickelt im Laufe der Verhandlung eine ähnliche Obsession mit Betty wie sie zuvor mit Fero. Gleichzeitig wird der Prozess in den sozialen Netzwerken zum Spektakel und wird medial ausgeschlachtet.

Wenn der Erzähler den Verstand verliert

«Pony Show» lässt sich mit gutem Gewissen als «Page Turner» bezeichnen, und das trotz der teilweise künstlich wirkenden Dramaturgie: Manchmal scheint es, als würde Betty ihre Geschichte Mark nur deshalb häppchenweise erzählen, damit Zeh Cliffhanger in ihren Roman einbauen kann. Auch muss man über die Vulgärsprache hinwegsehen, die so wirkt, als wolle sich die Autorin der «Gen Z» anbiedern: Betty erklärt, was sie «krass abfuckt», Mark findet die Immobilienpreise «ziemlich geisteskrank» und Fero den Service der Deutschen Bahn «mega und auf dekadente Weise geil». Welcher Erwachsene redet so?

Zehs erzählerische Stärke liegt in der Unzuverlässigkeit ihrer Figuren, die sie «Pony Show» erzählen lässt. Mark verliert während der zweiten Hälfte des Romans zunehmend Fassung und Verstand, trinkt zu viel und verknallt sich mit jugendlichem Leichtsinn in Betty, die er seitdem ritterlich zu beschützen und zu retten versucht. Dabei entdeckt er seinen inneren Feministen: In dem Prozess gehe es, so seine weltbewegende Erkenntnis, in Wahrheit darum, dass Frauen noch immer keine volle Selbstbestimmung genössen. Marks Engagement für Betty wirkt fanatisch, seine Politisierung kindlich-naiv und sein Verhalten nahezu slapstickhaft. Kann man seinen Schilderungen noch trauen?

Auch Betty ist eine eher unberechenbare Erzählerin: Ihre Beziehung zu Fero beschreibt sie etwa als eine fast spirituelle, «transzendentale» Verbundenheit, gleichzeitig betont sie immer wieder Feros Distanziertheit und kommunikative Kühle. Auch sie benutzt den Feminismus, um ihr Handeln zu rechtfertigen. Das klingt schnell zurechtgebogen und selbstgerecht: «Ab fünfzig verwandeln wir uns langsam, aber sicher in menschlichen Restmüll. Vor allem wir Frauen.»

Über Zehs Roman liegt ein Schatten der Ungewissheit: Was ist tatsächlich passiert? Wird Betty von Fero manipuliert – oder andersherum? Und vor allem: Was ist dieses seltsame Konstrukt, das wir Wirklichkeit nennen? Literatur und Justiz als Kulisse – beides Orte, an denen um Wahrheit gerungen wird – liefern dem Stück einen gelungenen, metaphorischen Überbau.

Freiheit und Ideologie vor Gericht

Während Mark und Betty um die Deutungshoheit über diese Wirklichkeit ringen, bauscht sich über dem Hamburger Gerichtsgebäude ein Jahrhundertspektakel auf – sowohl auf den Strassen als auch in den sozialen Netzwerken. Der Fall wird einerseits für feministische Demonstrationen instrumentalisiert, andererseits konstruieren Incels und sogenannte «Sigma-Males» einen weiblichen Weinstein.

Die politischen Inhalte des Romans dienen der Charakterisierung der Protagonisten: Sie spiegeln deren subjektive Perspektiven wider, statt normative Botschaften der Autorin zu vermitteln. Diese interessiert sich vielmehr für die Metaebene und damit für die Widersprüche unserer hyperindividualisierten Gesellschaft: Überfordert uns die Freiheit, unsere eigene Identität zu bestimmen? Führt diese Freiheit dazu, dass Gemeinschaften zunehmend auseinanderdriften, Identitäten ideologisch aufgeladen und gesellschaftliche Debatten immer fiebriger geführt werden?

«Pony Show» ist ein Porträt unserer Gegenwart: ein hektisches Wimmelbild voller Menschen, die auf der Suche nach Wahrheit und Sinn wirr durcheinanderrennen. Ja, «Pony Show» ist politisch. Wo ist das Problem? Was «politisch gehaltvolle Literatur» von Aktivismus unterscheidet, beantwortet Juli Zeh im Podcast-Gespräch übrigens gleich selbst: das Erlauben von Ambivalenzen. Genau das gelingt ihr in «Pony Show». Der Roman lässt Widersprüche offen, statt sie aufzulösen, und wirft Fragen auf, ohne sie zu beantworten.

Juli Zeh: Pony Show. Roman. Luchterhand-Literaturverlag 2026. 502 S., Fr. 37.90

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira