Der Milliardär Nick Hanauer redet den Superreichen ins Gewissen: Wirtschaftliche Ungleichheit ist schlecht fürs Geschäft
Mit Investitionen ins Tech-Business hat Nick Hanauer viel Geld gemacht. Und mahnt: Die Reichen verdankten ihren Reichtum denen, die ihre Produkte kauften. Wenn diese Leute verarmten, stürze das System zusammen.
Simon Ingold06.11.2026, 09.09 Uhr
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Nick Hanauer appelliert an die ökonomische Vernunft der Superreichen.
Jeffery Salter / Redux / Laif
Der soziale Frieden in unseren Nachbarländern erlebt gerade seine grösste Zerreissprobe seit der Euro-Krise. Während randalierende Mobs in Frankreich, Italien und Spanien Strassen und Rathäuser in Brand setzen, planen die linken Wahlgewinner in Berlin die Enteignung grosser Immobilienkonzerne. Auch jenseits des Atlantiks kracht es im Solidaritätsgebälk. In Kalifornien ist die Niederlage für die geplante Milliardärssteuer nach der Auszählung von gut 61 Prozent der Stimmen (Stand: Donnerstagabend) nahezu sicher. Der Wahlkampf zu «Proposition 40», wie der Gesetzesentwurf heisst, wurde mit harten Bandagen, scharfer Rhetorik und, aufseiten der Gegner, mit einer gewaltigen Kriegskasse geführt.
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Die Symptome variieren, aber die Ursache ist überall die gleiche: Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit leeren Staatskassen, serbelnder Infrastruktur, steigenden Lebenshaltungskosten und stagnierenden Löhnen, verbunden mit einem Gefühl der Benachteiligung gegenüber dem sehr vermögenden «one percent». Klassenkampf ist wieder in und hat Wokeness als das primäre gesellschaftspolitische Anliegen progressiver Kreise abgelöst.
Einer, der diese Entwicklung schon lange vorausgesehen und eindringlich vor ihr gewarnt hat, entzieht sich dem Stereotyp des Revoluzzers vollkommen. Der amerikanische Unternehmer und Investor Nick Hanauer ist Milliardär und bezeichnet sich selbst als Plutokrat und Teil der «0,01 Prozent». Damit bedient er das klassische Feindbild jener, die den Superreichen getreu dem Slogan «Eat the rich» öffentlichkeitswirksam an den Kragen wollen – an vorderster Front Alexandria Ocasio-Cortez, Darling des äussersten linken Flügels der Demokratischen Partei und mögliche Präsidentschaftskandidatin im Jahr 2028.
Unnötig leicht macht es Hanauer einer Ocasio-Cortez allerdings nicht. Vielmehr profiliert er sich genüsslich als Klassenverräter, der seinen Mitplutokraten den Spiegel vorhält und ihnen ins Gewissen redet. Er tut dies über eine Reihe von Think-Tanks, Non-Profit-Organisationen und den Podcast «Pitchfork Economics». Die Rolle des Moralapostels vermeidet er bewusst – stattdessen appelliert er an die ökonomische Vernunft der Superreichen.
Alexandria Ocasio-Cortez ist mögliche Präsidentschaftskandidatin im Jahr 2028.
Tom Williams / CQ-Roll Call / Getty
Aufstand oder Polizeistaat?
Sein Argument: Die stetige Aushöhlung kaufkräftiger Mittelschichten bremse die Konsumnachfrage und damit das Wirtschaftswachstum in den USA. Die Konzentration von immer grösseren Vermögen in wenigen Händen sei volkswirtschaftlich kontraproduktiv. Hanauer widerspricht damit dem neoliberalen Mantra der «trickle-down economics», das besagt, dass Entlastungen für die grössten Steuerzahler via Wachstumsimpulse allen zugutekämen. Wenig überraschend hat ihm sein Engagement einen Paria-Status unter den Milliardären eingetragen.
Kurz zusammengefasst, lautet Hanauers Zeitdiagnose: Die Mistgabeln sind im Anmarsch. Der metaphorische Vergleich mit dem vorrevolutionären Frankreich ist nicht zufällig gewählt. Hanauer sieht die USA seit 1980 schleichend und unweigerlich in neofeudalistische Strukturen abgleiten. Die dadurch beschleunigte Verschärfung der wirtschaftlichen Ungleichheit zwischen den sozialen Schichten hat in seinen Augen ein Ausmass erreicht, das ohne Korrekturmassnahmen nur im Aufstand oder im Polizeistaat enden kann.
Eine dieser Massnahmen ist laut Hanauer die Anhebung des Mindestlohns. In Seattle, seiner Heimatstadt, wurde dieser mit Hanauers Unterstützung auf fünfzehn Dollar pro Stunde erhöht, ein landesweiter Spitzenwert. Das andere offensichtliche Instrument ist die Steuerpolitik, wobei Hanauer bezüglich ihrer Ausgestaltung eine differenzierte Sicht vertritt. Er befürwortet die Besteuerung von sehr hohen Einkommen, Kapital- und Unternehmensgewinnen, nicht aber jene von Vermögen.
Als reflektierter und selbstkritischer Milliardär war Hanauer ein Pionier, als er 2012 erstmals als zivilgesellschaftlicher Aktivist auf den Plan trat. Seither haben sich Organisationen wie die «Patriotic Millionaires» und «Millionaires for Humanity» formiert, die ähnlich motiviert sind und seine Positionen teilen. Zu ihren Unterstützerinnen gehören die Disney-Erbin Abigail und die im deutschsprachigen Raum bekannte Marlene Engelhorn, die mit der Ankündigung, 90 Prozent ihres Erbes verschenken zu wollen, viel Medienpräsenz erhielt. Ob sich die öffentliche Meinung wegen dieser «Nestbeschmutzer» zu ihren Gunsten entwickelt hat, ist fraglich.
Erhielt Medienpräsenz mit der Ankündigung, 90 Prozent ihres Erbes verschenken zu wollen: Marlene Engelhorn.
Lisa Leutner / Reuters
Bunker und goldene Pässe
Wer hat Angst vor den Mistgabeln? Die Milliardäre jedenfalls nicht. Sie haben längst vorgesorgt: Mit Doomsday-Bunkern, goldenen Pässen und multiplen Staatsbürgerschaften oder ganz einfach mit Wegzug. Ihr bester Schutzschild und gleichzeitig ihre stärkste Waffe ist die Mobilität. Das gilt im nationalen und internationalen Steuerwettbewerb ganz besonders.
Sergey Brin, Mitgründer von Google und prominenter Gegner der «Proposition 40», verlegte seinen Wohnsitz kürzlich von Kalifornien nach Nevada, um auf Nummer sicher zu gehen. New York City muss seit der Wahl von Zohran Mamdani zum Bürgermeister einen regelrechten Exodus von Superreichen verkraften. Städte im Süden der USA, wie Miami und Nashville, profitieren von diesem Herdentrieb, den sie mit grosszügigen Anreizen aktiv begünstigen. Hierzulande brachte der Unternehmer Peter Spuhler die Erbschaftsinitiative praktisch eigenhändig zu Fall, indem er ankündigte, bei einer Annahme nach Mailand zu ziehen.
Der Unternehmer Peter Spuhler brachte die Erbschaftsinitiative zu Fall.
Arthur Gamsa / CH Media
Der amerikanische Ökonom Albert Hirschman interpretierte das Phänomen des freiwilligen Abgangs als politischen Entscheid. Wenn die Rahmenbedingungen für uns Bürger nicht mehr stimmen, haben wir zwei Alternativen: Wir engagieren uns, um daran etwas zu ändern, oder wir weichen aus und suchen uns anderswo einen neuen Lebensmittelpunkt. Hirschman sprach von «voice» und «exit». Im Gegensatz zu den meisten Milliardären haben sich Nick Hanauer und seine Nachahmer der «voice» verpflichtet. Sie glauben, mit der offenen Problematisierung der Ungleichheit das Schlimmste verhindern zu können. Weil sich die abschreckende Wirkung des Mistgabel-Szenarios aber als unwirksam erweist, verpuffen ihre Bemühungen wie die Kondensstreifen eines Privatjets im Himmel.
Der österreichische Altphilologe Walter Scheidel, Professor in Stanford, ist davon nicht überrascht. Er hält Hanauers evolutionäre, demokratische Reformvorschläge für naiv und illusorisch. In seinem Buch «The Great Leveller: Violence and the History of Inequality» zeigt er auf, dass es immer schwere Krisen historischen Ausmasses gebraucht habe, um Fälle krasser gesellschaftlicher Ungleichheit wieder ins Lot zu bringen – Krieg, Staatszerfall, Naturkatastrophen. Wenn dem so ist, dann braucht die Welt keine Robin Hoods. Das Problem wird sich früher oder später von selbst lösen. Doch als politisches Wesen, das immer zwischen Gerechtigkeitssinn und Neid schwankt, will der Mensch dem nicht tatenlos zusehen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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