Der Linkspopulist Abdul El-Sayed gewinnt in Michigan und stürzt die demokratischen Wahlsieger in einen Richtungsstreit

Der erklärte Israelkritiker ergattert einen Senatssitz für die Demokraten und verleiht der Parteilinken Auftrieb. Die Zentristen in der Partei werden auf ihre eigenen Erfolge verweisen und entgegnen, dass ein moderater Kandidat noch besser abgeschnitten haben.

04.11.2026, 08.42 Uhr

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Abdul El-Sayed gewinnt den Senatssitz in Michigan und lanciert damit ein Seilziehen um die Zukunft der demokratischen Partei.

Abdul El-Sayed gewinnt den Senatssitz in Michigan und lanciert damit ein Seilziehen um die Zukunft der demokratischen Partei.

Brian Snyder/Reuters

In Michigan ist das womöglich folgenreichste Rennen in diesem Wahlkampf zugunsten der Demokraten ausgegangen – und zugunsten des linken Flügels innerhalb der Partei. Abdul El-Sayed besiegt den Republikaner Mike Rogers und verteidigt den demokratischen Senatssitz des zurücktretenden Gary Peters. Rund um die Autostadt Detroit hat der 42-Jährige einen derart grossen Vorsprung herausgeholt, den sein Widersacher auch in den republikanisch geprägten ländlichen Gebieten des Gliedstaats nicht wettmachen konnte.

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El-Sayeds Sieg hilft den Demokraten nicht nur beim Kampf um die Mehrheit im Senat, sondern verschiebt die Gewichte innerhalb der Partei: Der linkspopulistische Flügel hat bewiesen, dass sein Kandidat sich auch in einem «Swing State» gegen die Republikaner durchsetzen kann.

Ein Sieg ausserhalb der Komfortzone

Bisherige Aushängeschilder der Bewegung, allen voran die New Yorker Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez und der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani, haben ihre Erfolge einzig den Wählern des Big Apple zu verdanken, der politisch anders tickt als die Mehrheit des Landes. Michigan ist dagegen ein typischer «Swing State», in welchem die Demokraten bisher meist mit moderaten Kandidaten angetreten sind, um parteiunabhängige Wähler nicht zu verschrecken.

El-Sayed hat sich im Wahlkampf aber nicht einmitten lassen, sondern an einer klar linken Agenda festgehalten. Er will Milliardäre stärker besteuern und «Medicare for All» einführen – eine für die Versicherten unentgeltliche, staatlich betriebene Einheitskasse.

Der Mediziner, der zuletzt im bevölkerungsreichen Wayne County Gesundheitsvorsteher war, ist zudem ein ausgesprochener Israel-Kritiker. Er bezeichnet Regierungschef Benjamin Netanyahu als Kriegsverbrecher und den Gaza-Krieg als Genozid. In einer Debatte mit Rogers Anfang Oktober hatte er sich geweigert zu sagen, ob Iran oder Israel eine grössere Bedrohung für die USA darstelle.

Andere führende Exponenten des linken Parteiflügels wie Ocasio-Cortez und das Urgestein Bernie Sanders wussten um die Signalwirkung von Michigan, und unterstützten El-Sayed finanziell oder mit Wahlkampfauftritten nach Kräften.

Auch die gemässigten Demokraten siegten

Der moderate Flügel der Demokraten – der sich etwa in der zentristischen Denkfabrik «Third Way» organisiert hat – befürchtet, dass die Parteilinke in El-Sayeds Sieg eine Grundlage dafür sieht, auch auf nationaler Ebene mit linkem Wirtschaftspopulismus aufzutreten. Sein Triumph könnte die Startrampe sein für eine pointiert linke Präsidentschaftskandidatur 2028, etwa für Ocasio-Cortez, die von manchen Strategen bereits als Geheimfavoritin für die demokratische Nominierung gehandelt wird.

Das wiederum wäre ein epochaler Bruch: Bisher haben sich die Zentristen bei der Ausmarchung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten praktisch immer durchgesetzt, zuletzt mit Hillary Clinton, Joe Biden und Kamala Harris.

Kampflos werden sie die Macht in der Partei nicht aus den Händen geben. Ihr wichtigstes Argument: Ein moderater Senatskandidat hätte in Michigan noch deutlicher gewonnen. Sie verweisen auf den Erfolg von gemässigten Senatskandidaten in Staaten, die für die Demokraten traditionell ein noch schwierigeres Pflaster waren als Michigan: James Talarico, der in Texas Maga-Politiker Ken Paxton besiegt hat, und Adam Hamilton, der sensationell in Kansas einen Senatssitz erobern könnte - nach fast 90 Jahren republikanischer Dominanz.

Michigan hat an diesem Abend zudem auch eine demokratische Gouverneurin gewählt, Jocelyn Benson, die eher zum moderaten Parteiflügel zählt. Sie bezwingt ihren republikanischen Konkurrenten mit einer deutlich grösseren Marge als El-Sayed.

Die Demokraten sind auf El-Sayed nicht angewiesen

Manche Moderaten dürften auch darauf hoffen, dass El-Sayed in den kommenden zwei Jahren im Senat wenig bewegen kann. Da die Demokraten auf Kurs sind, mindestens 54 Sitze im Senat zu erringen, sind sie nicht auf jede einzelne Stimme angewiesen, um eine Mehrheit zu bilden. Das verringert die Verhandlungsmacht, die mögliche Abweichler am rechten Flügel der Partei haben, wie etwa John Fetterman aus Pennsylvania. Im Umkehrschluss wird aber auch Abdul El-Sayed seinen Kollegen nicht im Alleingang eine linkere Politik aufzwingen können.

Der Wahlkampf in Michigan legte jedenfalls tiefe Gräben innerhalb der demokratischen Partei offen. Erst am Sonntag hat die Abgeordnete Haley Stevens, eine moderate und israelfreundliche Demokratin, die El-Sayed in den Vorwahlen knapp unterlegen war, überraschend eine Wahlempfehlung für Mike Rogers abgegeben. Nicht nur El-Sayed selbst, sondern auch die (eher moderate) demokratische Parteiführung der Demokraten wurde davon überrumpelt; Stevens’ Schritt kam daher auch bei vielen Zentristen schlecht an.

Aber ihr Unbehagen gegenüber El-Sayed wird geteilt von traditionell israelfreundlichen Flügel innerhalb der demokratischen Partei. Dieser befürchtet, dass seine harsche Israelkritik nun auch ausserhalb der linken Blase an der Ost- und Westküste salonfähig wird.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · André Müller

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