Der Gaspreis knackt die 100-Euro-Marke: Europa droht ein ungemütlicher Winter
Um die wenigen Frachten aus Nahost tobt ein harter Konkurrenzkampf, Russland wird als Lieferant geächtet. Europa muss mit einem weiteren Preisschub rechnen.
30.10.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten
Düstere Aussichten für die Industrie: Eine Gasanlage am Hafen von Rotterdam 2026.
Imago
In der Ukraine herrscht weiterhin Krieg, auch am Persischen Golf bleibt die Lage angespannt. Entsprechend knapp ist das Angebot an Erdgas auf dem Weltmarkt. In Europa stieg der Gaspreis diese Woche auf über 100 Euro pro Megawattstunde und erreichte damit den höchsten Stand seit vier Jahren.
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Noch notiert der TTF Terminpreis unter dem Niveau von 300 Euro und mehr, das nach dem russischen Überfall auf die Ukraine erreicht wurde. Mit Einbruch des Winters in Mitteleuropa wird allerdings die Nachfrage nach Gas steigen, womit auch der Preis weiter anziehen dürfte.
Seit Kriegsbeginn im Februar 2022 ist Europa immer wieder mit Versorgungsengpässen konfrontiert. Im Zuge der Sanktionsmassnahmen gegen den Kreml haben EU-Länder die Importe von russischem Erdgas stark zurückgefahren. Ab Januar sind die Einfuhren von russischem Flüssiggas, kurz LNG, ganz verboten.
Katar exportiert nur noch kleine Mengen
Der Iran-Krieg verkompliziert die Lage für Europa weiter. Wegen der Blockade an der Strasse von Hormuz und der iranischen Angriffe auf vorbeifahrende Schiffe kann Erdgas aus Katar, einem der wichtigsten Förderstaaten, nicht mehr in ausreichenden Mengen nach Europa gelangen.
Zum einen, weil ein Teil der katarischen Anlagen im Krieg beschädigt wurde. Zum anderen, weil Katars Exporte fast ausschliesslich auf dem Seeweg erfolgen. Vor dem Transport muss das Gas zuerst auf minus 160 Grad Celsius gekühlt und verflüssigt werden. Im Gegensatz zum Rohöl eignet sich Flüssigerdgas daher nicht zum Verladen zwischen Schiffen auf dem Meer, wie es derzeit mit den vom amerikanischen Militär begleiteten Konvois durch Hormuz geschieht.
Der Datenanbieter Argus Media geht davon aus, dass nur ein Viertel des Vorkriegsvolumens an katarischem LNG derzeit den Weltmarkt erreicht. Hinzu kommt der Effekt reger Nachfrage aus Ländern wie China und Südkorea, erklärt die Argus-Gas-Expertin Isabel Valverde Sala. Dadurch nimmt der Wettbewerb zu, die Ladungen verschieben sich in Richtung Asien, und die Preise ziehen an.
Störung in Norwegen, knappe Speicher in Deutschland
Verstärkt wird die Mangellage durch unerwartete Betriebsausfälle bei der norwegischen Gasproduktion, sagt Warren Patterson, Rohstoffspezialist bei der Bank ING. Darüber hinaus wird mit sinkenden Temperaturen in den kommenden Tagen in Europa gerechnet, womit auch die Nachfrage nach Gas steigen dürfte. In Deutschland heizt die Hälfte aller Haushalte mit Gas.
Angesichts der Gemengelage wäre ein Rückgriff auf die Vorräte durchaus nützlich. Doch die europäischen Gasspeicher sind unterdurchschnittlich gefüllt. In Deutschland beträgt laut Branchenverband INES der Füllstand lediglich 62 Prozent, weit unter dem Mittelwert der letzten fünf Jahre von 88 Prozent.
Dies ist darauf zurückzuführen, dass es für Firmen aufgrund des schon erhöhten Gaspreises im Sommer unattraktiv war, die Vorräte aufzustocken. Viele Unternehmen hofften offenbar auf eine Entspannung der Lage in Nahost, die jedoch bislang nicht eingetreten ist. Schon vor einigen Wochen hatte der Verband INES vor einem Engpass im Winter gewarnt.
Zwar gab das staatliche Energieunternehmen Sefe in Deutschland einen neuen Vertrag mit dem Genfer Rohstoffhändler Trafigura am Donnerstag bekannt, doch werde dieser «keine unmittelbaren Auswirkungen» auf die Füllstände der Speicher haben, teilte ein Sprecher des Sefe der NZZ mit. Die Abmachung mit Trafigura, mit der sich der Händler zu jährlichen Lieferungen in der Höhe von 30 Terawattstunden verpflichtet, ist lediglich eine Erweiterung einer älteren Vereinbarung. Zum Vergleich: Die deutschen Speicher haben einen Gesamtumfang von 247 Terawattstunden.
Die Inflation dürfte noch weiter ansteigen
Wie schon im Jahr 2022 ist aufgrund des steigenden Gaspreises mit einem weiteren Anstieg der Inflation und einem Rückgang der Industrieproduktion zu rechnen. Dafür gibt es bereits Beispiele: Der norwegische Düngemittelhersteller Yara hat als Reaktion auf die hohen Gaspreise die Produktion reduziert.
Im Euro-Raum belief sich die Inflationsrate im September auf 3,8 Prozent, fast doppelt so hoch wie das von der Europäischen Zentralbank angestrebte Niveau von 2 Prozent. Mit einer weiteren Steigerung ist zu rechnen. Trotz rückläufiger Konjunkturstimmung rechnen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen laut einer Umfrage der Europäischen Kommission mit höheren Verkaufspreisen in den kommenden drei Monaten.
Als Reaktion auf das Krisenjahr 2022 begannen europäische Länder, insbesondere Deutschland, auf Gasimporte aus den USA zu setzen. 2025 lieferten die USA sogar mehr Gas nach Europa als Russland. Nach dem von Donald Trump angedrohten Exportstopp bei amerikanischem Diesel gelten die Vereinigten Staaten jedoch als nicht mehr so verlässliche Vertragspartner.
Die Expertin Isabel Valverde Sala rechnet zwar nicht mit einem Versorgungsproblem für Europa im Winter. Doch der Bieterkampf um die verbleibenden Mengen wirke sich auf die Gasrechnungen der Konsumenten aus.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Catherine Bosley
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