Der britische Premierminister wagt bei der Frage nach Reparationszahlungen für die  Sklaverei eine Flucht nach vorn

Am jährlichen Treffen der Commonwealth-Staaten spricht der britische König sein tiefes Bedauern über den Sklavenhandel aus. Es ist aber Andy Burnham, der zum ersten Mal in der britischen Geschichte eine offizielle Entschuldigung ankündigt.

03.11.2026, 16.53 Uhr

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König Charles III. (links) und Premierminister Andy Burnham am 2. November in Osbourne im Karibikstaat Antigua und Barbuda.

König Charles III. (links) und Premierminister Andy Burnham am 2. November in Osbourne im Karibikstaat Antigua und Barbuda.

WPA Pool/Getty Images

Wie schon seit einigen Jahren befeuert das Treffen der Commonwealth-Nationen auch dieses Mal die Diskussion um Sklaverei und Reparationszahlungen. Nebst Vertretern aus allen 56 Mitgliedstaaten nehmen auch der britische König Charles III. und Premierminister Andy Burnham am diesjährigen Treffen in St. John’s teil, der Hauptstadt von Antigua und Barbuda. Der König steht nicht nur an der Spitze des Commonwealth, das als Überbleibsel des alten Empire rund einen Drittel der Menschheit umfasst, sondern ist auch formelles Staatsoberhaupt von 15 Mitgliedsländern.

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An der feierlichen Eröffnung des Jahrestreffens am Dienstag hielt Charles III. die traditionelle Ansprache. Gleich zu Anfang kam er auf das heikle Thema zu sprechen. Er sagte, dass man sich den dunklen Aspekten der Vergangenheit stellen müsse, statt ihnen auszuweichen. «Der transatlantische Sklavenhandel wirft immer noch einen Schatten auf die karibischen Inseln», sagte er. «Dieses beschämende Kapitel der Geschichte erfüllt mein Herz mit Schrecken und meine Seele mit dem tiefsten persönlichen Kummer.» Später sprach er von der «ungeheuerlichsten Ungerechtigkeit».

Britische Rolle in der Sklaverei wie auch in deren Abschaffung

In seiner Rede unterstützte der britische König den offenen Austausch der Anwesenden über das koloniale Erbe und Wege zur Wiedergutmachung und zu historischer Gerechtigkeit. Die Kommentatoren waren sich einig, dass sich der Monarch noch nie so deutlich und persönlich zur Sklaverei geäussert hatte. Aber wie erwartet vermied er auch dieses Mal ein explizites Schuldeingeständnis. Er betonte, dass er seine Rolle darin sieht, Menschen zusammenzubringen und zu inspirieren. Als konstitutioneller Monarch ist er zur politischen Neutralität verpflichtet. Der zweite Teil seiner Rede war denn auch Anliegen gewidmet, die ihm persönlich besonders am Herz liegen. So etwa der Biodiversität und dem Klimawandel, von dem kleine Inselstaaten in der Karibik besonders betroffen sind.

Die heiklen Fragen der formellen Entschuldigung und allfälliger britischer Reparationszahlungen überliess König Charles III. Regierungschef Burnham.

Der Premierminister hatte schon im Vorfeld des Gipfels angekündigt, dass er eine formelle Entschuldigung plant. Am vergangenen Freitag veröffentlichte er in der britischen Zeitung «The Guardian» einen Artikel mit dem Titel «Die britische Bevölkerung muss nicht für das Unrecht der Sklaverei bezahlen – aber wir müssen uns unserer komplizierten Geschichte stellen».

Er beschrieb im Text die Grausamkeit des transatlantischen Sklavenhandels, bei dem von 1500 bis 1860 etwa 13 Millionen Menschen von Afrika nach Amerika und in die Karibik verschleppt wurden, wobei mindestens 2 Millionen noch auf der Überfahrt ums Leben kamen. Burnham räumte ein, dass Grossbritannien einer der grössten Profiteure des Menschenhandels war, betonte aber auch die wichtige Rolle des Landes bei der Abschaffung der Sklaverei.

Entschuldigung und Entschuldung

Er wandte sich gegen Reparationszahlungen. «Die Briten der Gegenwart können nicht haftbar gemacht werden für historische Fehler, die, so furchtbar sie waren, in einer anderen Zeit und unter anderen Gesetzen begangen wurden und bei denen sie keine persönliche Rolle spielten», schrieb er. Aber er erklärte sich bereit, den ärmsten Ländern des Commonwealth bei der Bewältigung ihrer Verschuldung zu helfen; zudem sicherte er ihnen Unterstützung im Gesundheitswesen sowie bei der nachhaltigen Energieversorgung im Umfang von 40 Millionen Pfund zu.

Er stellte auch einen «strukturierten Dialog» mit den betroffenen Ländern in Aussicht und erklärte, er werde zusammen mit ihnen eine Entschuldigung ausarbeiten. Es wäre zum ersten Mal, dass sich ein britischer Premierminister offiziell für den Sklavenhandel entschuldigt. Im Jahr 2006 und dann nochmals 2007 hatte der damalige Premierminister Tony Blair bereits sein «tiefes Bedauern» ausgedrückt, wich einer vollumfänglichen juristischen Entschuldigung jedoch aus. Diese wäre einem Schuldeingeständnis gleichgekommen und hätte völkerrechtliche Schadenersatzforderungen nach sich ziehen können.

Entschuldigung könnte Debatte anheizen statt entschärfen

Kemi Badenoch, die Vorsitzende der Konservativen, wandte sich in einer Replik sowohl gegen finanzielle Wiedergutmachungen wie auch Entschuldigungen. Sie bezeichnete die Diskussion als Nabelschau, die von den wichtigen Problemen im eigenen Land ablenke. Ihrer Ansicht nach geht es den politischen Eliten in einigen Commonwealth-Staaten vor allem darum, mit der Schuldzuweisung an Grossbritannien vom eigenen Versagen abzulenken. Sie wies auch darauf hin, dass an der Sklaverei Menschen aus allen Kontinenten beteiligt gewesen seien. Sie fragte, warum nicht auch Forderungen an die Nachfahren von afrikanischen Königen und Händlern gestellt würden, die Menschen gefangen nahmen und verkauften. Sie befürchtete, dass eine Entschuldigung die Reparationsforderungen nicht entkräften, sondern im Gegenteil noch intensivieren werde. Sie forderte, vorwärts anstatt zurück zu schauen.

Beim letzten Commonwealth-Gipfel, der vor zwei Jahren in Samoa stattfand, hatte der damalige Premierminister Keir Starmer mit allen Mitteln versucht, dem Thema Sklaverei und Reparationen aus dem Weg zu gehen. Es gelang ihm nicht und sein Verhalten wurde allgemein als diplomatische Niederlage wahrgenommen. Offenbar entschied sich Burnham nun im Gegensatz zu seinem defensiven Vorgänger für eine Flucht nach vorn.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · David Signer

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