Der andere Blick
von Susanne Gaschke, Berlin
Staatsoberhaupt (m/w/d) gesucht: Die Debatte über den nächsten deutschen Bundespräsidenten wird immer absurder
Die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier ist offen. In Berlin werden die seltsamsten Vorschläge laut.
28.10.2026, 18.00 Uhr
3 Leseminuten
Frank-Walter Steinmeier geht: Wer hält bald Händchen mit dem französischen Präsidenten?
Eric Tschaen / Imago
Sie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Susanne Gaschke, Autorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.
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Was sind die Anforderungen an einen (guten) deutschen Bundespräsidenten? Oder gar an eine Bundespräsidentin? Orientiert man sich am Stil des gegenwärtigen Amtsinhabers Frank-Walter Steinmeier, dann sollte der traditionelle Männerjob demnächst selbst für Frauen zu bewältigen sein. Das künftige Staatsoberhaupt (m/w/d) muss es vor allem hinbekommen, an Weihnachten in angemessenem Timbre von «Mut und Miteinander» zu sprechen, von «Achtung und Ansporn», «Austausch und Auseinandersetzung», «Gemeinsinn und Tatkraft», «Ideenreichtum und Fleiss».
Der Sozialdemokrat und frühere Kanzleramtschef Steinmeier hatte im Laufe seiner Amtszeit ein paar russlandpolitische Fehleinschätzungen (zum Beispiel über die angeblich «säbelrasselnde» Nato oder über allzu ukrainefreundliche deutsche «Kaliberexperten») zurückzunehmen. Was er elegant mit Selbstkritik an anderen Leuten zu verbinden wusste, die sich in Bezug auf Wladimir Putin ja schliesslich ebenso geirrt hätten wie er.
Der politische Spielraum des Bundespräsidenten hält sich in Grenzen: Eine wirklich folgenreiche Entscheidung hat er lediglich zu treffen, wenn die Mehrheitsverhältnisse in Deutschland unklar sind und ein Kanzlerkandidat im dritten parlamentarischen Wahlgang nur mit einfacher Mehrheit gewählt ist. Dann kann der Präsident diesen Gewählten ernennen – oder aber den Bundestag auflösen.
Zähe «Zusammenhalts»-Rhetorik
Im Übrigen beruht der Einfluss des Staatsoberhaupts vor allem auf der Macht des Wortes. Nach Steinmeiers oft zäher «Zusammenhalts»-Rhetorik hätte es also nahegelegen, dass CDU und CSU einen scharfsinnigen Intellektuellen oder eine faszinierende Charismatikerin ins Rennen um die Nachfolge schicken. Doch davon kann keine Rede sein.
Vielmehr wird die Debatte über das protokollarisch höchste deutsche Staatsamt unter absurden Gesichtspunkten geführt: Es geht nicht um eine herausragende Persönlichkeit für das Schloss Bellevue, sondern um Parteitaktik und Proporz. Männer brauchen sich kaum Hoffnungen zu machen, wie klug sie auch sein mögen – denn massgebliche Teile der politisch-medialen Öffentlichkeit haben sich in die Vorstellung verbissen, dass nur eine Bundespräsidentin Deutschlands Rückfall ins genderblinde Mittelalter verhindern könne.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder legte sich deshalb frühzeitig auf seine Parteifreundin Ilse Aigner, die Präsidentin des bayerischen Landtags, als Top-Kandidatin fest. Diese gewiss durch und durch fortschrittlich motivierte Personalentscheidung hat nebenbei den Vorteil, dass ihm die beliebte CSU-Politikerin dann auf keinen Fall mehr im eigenen Bundesland in die Quere kommt.
Die SPD, die im Bund gemeinsam mit der Union regiert, unterstützt die Initiative aus München. Zum einen, weil der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz offenbar noch mit sich ringt und sie ihn so quälen kann. Zum anderen, weil die Sozialdemokraten anscheinend hoffen, auf diese Weise eine Kanzlerkandidatur des populären Bayern Söder verhindern zu können.
Die Zusammenrottung von CSU und SPD ist ein gezielter Affront gegen die Christlichdemokraten. Die grösste der drei schwarz-roten Koalitionsparteien verortet das Vorschlagsrecht für den nächsten Bundespräsidenten nämlich bei sich – und erwartet von ihrem Parteichef, dass er für die Wahl Ende Januar gefälligst jemanden von der CDU durchsetzen möge.
Die Frauenrechtler Merz und Söder
Friedrich Merz dürfte ahnen oder fürchten, dass die CSU-Bewerberin Aigner unter den obwaltenden Bedingungen allenfalls durch eine weitere Frau aus dem Feld zu kegeln ist – wenn überhaupt. Vermutlich deshalb wurde aus Merz’ Umfeld der Name der weitgehend unbekannten hessischen CDU-Fraktionsvorsitzenden Ines Claus ins Spiel gebracht. Ein Testballon, der, wie so viele Aufbrüche und Neustarts des Kanzlers, vor allem Kopfschütteln auslöst.
Mit Feminismus haben all diese Manöver nicht das Geringste zu tun. Um das zu erkennen, müsse man sich nur einmal vorstellen, wie die Frauenrechtler Merz und Söder wohl unter vier Augen über Ines Claus und Ilse Aigner sprächen, spottete die «Frankfurter Allgemeine Zeitung».
Gäbe es in Deutschland eine Frau, die sich durch Intellekt und Strahlkraft gleichsam natürlich für das Bundespräsidialamt empfehlen würde – es wäre aller Ehren wert, sie gegen jede männliche Konkurrenz durchzukämpfen. Aber darum geht es weder Union noch SPD.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Susanne Gaschke
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