Der andere Blick

Nach dem Erfolg der Linken in Berlin: Die moralische Panik der Mitte versperrt den Blick auf ihr eigenes Versagen

Die Linkspartei hat erfolgreich die Wohnungsfrage politisch besetzt. Dass ihr das gelang, hat mit einem Webfehler der Mitte-Parteien zu tun: Sie denken, man könne Populisten wegverwalten.

22.10.2026, 18.00 Uhr

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Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp: Ihr Sieg in Berlin war möglich, weil die Mitte auf Technokratie setzte.

Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp: Ihr Sieg in Berlin war möglich, weil die Mitte auf Technokratie setzte.

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Sie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Len Sander, Redaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.

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Seit die Linkspartei die Wahl zum Berliner Landesparlament gewonnen hat, ist das bürgerliche Lager in heller Aufregung.

Der Bundeskanzler Friedrich Merz nannte die Sondierungen mit Grünen und SPD einen «beispiellosen Vorgang». Der FDP-Chef Wolfgang Kubicki schrieb von «schierem Wahnsinn». Markus Söder, CSU-Vorsitzender, will Berlin gleich vom Länderfinanzausgleich ausschliessen lassen. Auch in der SPD machen die pragmatischen Kräfte gegen eine mögliche rot-grün-rote Landesregierung mobil.

Nun sind die Sorgen der Kritiker der Linkspartei in vielerlei Hinsicht berechtigt. Die Berliner Filiale der Linken ist gewiss eine Partei, die den antisemitischen Zeitgeist befeuert, keine Berührungsängste mit der organisierten Kriminalität hat und eine zum Teil radikale Agenda vertritt.

Aber es fällt auf, wie wenig selbstkritisch und zerknirscht sich eben diese Bürgerlichen im Falle Berlins zeigen – obwohl mittlerweile mehr als ein Monat seit der Wahl vergangen ist.

Das Gespür der Linkspartei

Nach dem Schock des Wahlsiegs der AfD in Sachsen-Anhalt Anfang September war das noch anders. Da setzte zumindest in Ansätzen ein lange überfälliger Erkenntnisprozess ein. Plötzlich fragte man landauf, landab: Was treibt die Wähler in die Arme der Rechtspartei? Welche Verantwortung tragen die etablierten Parteien? Was sollten sie ändern?

Dass solche Fragen im Falle Berlins bislang kaum eine Rolle spielen, ist besorgniserregend. Die moralische Panik der Mitte versperrt den Blick auf das eigene Versagen. Schliesslich gründet der Erfolg der Linkspartei nicht zuletzt auf dem Gespür der Partei für das drängendste Problem der Stadt: die Situation auf dem Wohnungsmarkt.

Es ist nicht so, als wäre das geheimes Wissen gewesen. Selbst die Problemdiagnose des CDU-Manns Merz klang wie die eines Linken. Noch 2025 sagte er, der Mangel an bezahlbarem Wohnraum sei «wahrscheinlich eine der grössten sozialen Fragen» der Gegenwart. Viele Politiker aus Union und SPD wählten in den vergangenen Jahren ähnliche Formulierungen.

Die Lage in der deutschen Hauptstadt ist so angespannt, dass man ohne Kontakte oder exorbitante Geldsummen an Vormieter oder Verwalter schwer an eine neue Mietwohnung gelangt. Beim Verband der Berliner Wohnungsunternehmen ist die Leerstandsquote mit 1,6 Prozent extrem niedrig. Und so machte die Partei um die Spitzenkandidatin Elif Eralp die Wohnungspolitik zu ihrem zentralen Wahlkampfthema.

Auch die emotionale Dimension des Themas hat nur sie ernsthaft zu bespielen versucht. Das Bedürfnis nach einem sicheren Zuhause berührt schliesslich eine Tiefenschicht des Menschseins. Und so füllte Eralps kitschige Rede von «einer Stadt, die uns auch liebt» eine Lücke, die die Parteien der Mitte gerissen hatten. In Verbindung mit einem populistischen Machbarkeitsgestus («wenn wir grosse Konzerne enteignen, sinken die Mieten») verhalf das der Partei zum Sieg.

Mit der Bauordnung kommt man Populisten nicht bei

Im krassen Gegensatz dazu stand die technokratische Ansprache von CDU und SPD. Sie haben keine Vision vorzuweisen, wie die Stadt aussehen könnte. Bei ihnen ist bis heute mehr von Fristen, Bauordnungen und Genehmigungszahlen die Rede als vom mutig vorgebrachten Versprechen eines sicheren, bezahlbaren Zuhauses. Dabei sollte doch genau das Grundlage jeglicher bürgerlicher Politik sein.

In Teilen erinnert die erfolgreiche Repolitisierung der Wohnungsfrage durch die Linke an das Vorgehen der AfD bei der Migration. Über viele Jahre hiess es von CDU und SPD, Zuwanderung sei ohnehin kaum steuerbar und die Rechtslage lasse keinen Kurswechsel zu. Die AfD widersprach diesem Konsens und erklärte eine strikte Migrationspolitik für durchsetzbar. Seither fährt sie bei einer Wahl nach der anderen Erfolge ein.

Die Kritikverweigerung der Bürgerlichen nach der Berlin-Wahl lässt jedenfalls nichts Gutes erwarten. Noch immer scheint nicht zu ihnen durchgedrungen zu sein, dass man Populisten niemals mit reibungsloserem Verwalten beikommen kann.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Len Sander

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