Der andere Blick mit Daten
Deutschland feiert einen Gründerboom – die Zahlen erzählen eine andere Geschichte
Die Politik jubelt über Rekordzahlen bei Startups. Doch eine NZZ-Auswertung zeigt: Insgesamt wird heute weniger gegründet als früher. Wo der Einbruch besonders dramatisch ist.
31.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Wenn Deutschlands Politiker gute Nachrichten über die Wirtschaft verbreiten wollen, dann weisen sie gern auf die vielen Startups hin, die in den vergangenen Jahren gegründet wurden. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wähnt Deutschland bereits in einer «neuen Gründerzeit».
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Ein Gründerboom mitten in der Wirtschaftskrise, kann das sein?
Die NZZ hat das Gründungsgeschehen in Deutschland genauer unter die Lupe genommen und dafür Langzeitdaten des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und der Wirtschaftsauskunftei Creditreform ausgewertet.
Das Ergebnis: In den vergangenen zwanzig Jahren hat die Anzahl der neu gegründeten Startups zwar kräftig zugenommen. Der grosse Schub aber fand zwischen 2005 und 2015 statt. Danach ging es auf und ab, ohne dass sich der Aufwärtstrend fortsetzte. 2025 wurden genauso viele Startups gegründet wie zehn Jahre zuvor – und 13 Prozent weniger als im Rekordjahr 2021.
Dabei sind Startups nur ein kleiner Teil der Neugründungen. Das ZEW definiert sie als Kapitalgesellschaften, die von mehreren Personen gegründet wurden und die in Forschung und Entwicklung aktiv sind. Im vergangenen Jahr machten sie gerade einmal 1,7 Prozent aller Neugründungen aus.
Nimmt man sämtliche Neugründungen in den Blick, so ist von einer neuen Gründerzeit nichts zu sehen. Zwar wurden im vergangenen Jahr 7,7 Prozent mehr Unternehmen gegründet als im Vorjahr. Doch mit etwas mehr als 183 000 lag ihre Anzahl um rund ein Fünftel niedriger als vor zwanzig Jahren.
Unternehmertum auf dem Rückzug
Bei vielen Neugründungen, insbesondere im Bereich des Kleingewerbes, könnte es sich nach Einschätzung des ZEW zudem um Notgründungen von Personen handeln, die ihren Job verloren haben oder die angesichts der schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt keine Beschäftigung finden.
Nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Dun & Bradstreet dienen viele Neugründungen zudem dazu, als Holding Beteiligungen an bestehenden Firmen zu verwalten. Neue Produkte und zusätzliche Arbeitsplätze entstehen dadurch nicht.
Während im vergangenen Jahr rund 183 000 Unternehmen ihren Betrieb erstmals aufnahmen, gaben 188 000 ihr Geschäft auf, davon meldeten 23 900 Insolvenz an. Insgesamt verschwanden damit 5000 Unternehmen mehr, als neue gegründet wurden. Anders als es die Jubelmeldungen aus der Politik nahelegen, befindet sich das Unternehmertum in Deutschland nicht auf dem Vormarsch, sondern auf dem Rückzug.
Gründer meiden die Industrie
In den vergangenen zwei Jahrzehnten ging es insbesondere mit den Neugründungen in der forschungsintensiven Hightech-Industrie bergab. 2025 wurden in diesem Segment 55 Prozent weniger Betriebe gegründet als 2005. Das ist nicht zuletzt deshalb ein Problem, weil die forschungsintensive Industrie die Herzkammer der deutschen Wirtschaft ist. Hier werden die Produkte hergestellt, mit denen die Deutschen die Weltmärkte erobert haben, mit denen sie gut bezahlte Arbeitsplätze geschaffen und ihren Wohlstand begründet haben.
Zur forschungsintensiven Industrie zählen Branchen wie der Maschinenbau, die Chemie- und die Pharmaindustrie, die Autoindustrie, die Mess- und Steuerungstechnik, die Luft- und Raumfahrt sowie die Elektronikbranche. Gerade einmal 603 Neugründungen erblickten in diesen Branchen im vergangenen Jahr das Licht der Welt. Mitte der neunziger Jahre waren es noch mehr als dreimal so viele gewesen.
Der Einbruch bei den Industriegründungen passt zur allgemeinen Schwäche des verarbeitenden Gewerbes. Dessen Produktion schrumpfte laut Eurostat von 2015 bis 2025 um rund 9 Prozent, während die Industrie in der Schweiz (plus 41 Prozent) sowie in allen anderen Nachbarländern ausser Luxemburg kräftig zulegte. Ursächlich für die Diskrepanz dürften neben den hohen Energiekosten infolge der Energiewende auch die hohen Abgaben sowie die wuchernde Bürokratie in Deutschland sein.
Mehr Gründungen in der Gastro
Zugelegt haben hingegen die Gründungen im Segment der konsumnahen Dienstleistungen wie Hotels und Gaststätten, Fitnessstudios, Friseure und Pflegedienste. Im vergangenen Jahr eröffneten mehr als 66 000 Gründer in diesen Branchen ein Unternehmen, das waren 4,2 Prozent mehr als vor zwanzig Jahren. Mit einem Anteil von 36 Prozent an allen Neugründungen waren die konsumnahen Dienstleistungen im vergangenen Jahr der beliebteste Tummelplatz für Gründer.
Das Problem dabei: Anders als die Industrie weisen konsumnahe Dienstleistungen nur geringe Zuwächse beim Output je Beschäftigten auf. Während etwa der Output von Industriearbeitern dank effizienteren Maschinen stetig wächst, kann der Friseur selbst mit neuen Scheren nicht mehr Kunden bedienen als bisher. Das trägt zum schwachen Produktivitätswachstum in der Gesamtwirtschaft bei und schmälert die Einkommensperspektiven der Deutschen.
Ökonomen und Politiker setzen ihre Hoffnungen daher auf Deutschlands Startups. Gelänge es einigen von ihnen, in die Fussstapfen des Walldorfer Softwarekonzerns SAP zu treten – das 1972 gegründete Unternehmen ist bis anhin das letzte deutsche Startup, das es zu einem der wertvollsten Unternehmen der Welt gebracht hat –, könnte dies der deutschen Wirtschaft spürbare Impulse geben.
Derzeit gibt es 40 Einhörner in Deutschland, das sind fast viermal so viele wie im Jahr 2020. Einhörner sind junge, nicht börsennotierte Unternehmen, die von Investoren mit mindestens einer Milliarde Dollar bewertet werden. Viele dieser Hoffnungsträger sind in Bereichen wie der Robotik, der künstlichen Intelligenz, der Verteidigung, der Softwareindustrie sowie in der Energie- und der Raumfahrtindustrie tätig.
Mangel an Wagniskapital
Eine hohe Bewertung durch Investoren ist allerdings noch keine Garantie dafür, dass das Geschäftsmodell der Einhörner langfristig trägt. Um zu wachsen, benötigen sie viel Geld. Das aber ist in Deutschland nur schwer aufzutreiben. Viele Gründer zieht es nach Angaben der Londoner Risikokapitalgesellschaft Atomico daher in die USA, wo finanzkräftige Wagniskapitalgeber bereitstehen, um erfolgversprechende Geschäftsideen zu unterstützen.
Ökonomen fordern daher, die Rahmenbedingungen für Startups in Deutschland zu verbessern, etwa durch einen einfacheren Zugang zur Börse und durch beschleunigte Genehmigungsverfahren. Zudem müsse der Arbeitsmarkt flexibler werden, um Startups bei der Akquise und dem Einsatz von Personal mehr Luft zum Atmen zu verschaffen.
Bis es so weit ist, dürfte die Hoffnung auf eine neue Gründerzeit in Deutschland ebendies bleiben: eine Hoffnung.
Illustration: Sophia Kissling
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Malte Fischer, Simon Off
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