Der andere Blick

Es ist Zeit für eine Kehrtwende in der deutschen Energiepolitik

Die Bundesregierung will neue Gaskraftwerke bauen. Sie sollen einspringen, wenn Wind und Sonne eine Pause einlegen. Doch die Kosten dafür tragen die Stromverbraucher. Das schadet dem Standort Deutschland.

04.11.2026, 05.30 Uhr

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Energieintensive Branchen wie die Chemieindustrie sind auf niedrige Stromkosten angewiesen.

Energieintensive Branchen wie die Chemieindustrie sind auf niedrige Stromkosten angewiesen.

Sean Gallup / Getty

Sie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Malte Fischer, Wirtschaftsredaktor NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.

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Es gibt viele Wege, einen Standort zu ruinieren. Einer besteht darin, die Energiepreise so weit in die Höhe zu treiben, dass Unternehmen Reissaus nehmen. So wie in Deutschland. In der grössten Volkswirtschaft Europas hat die vor einem Vierteljahrhundert eingeleitete Energiewende Strom zum Luxusgut gemacht.

Private Haushalte zahlen in Deutschland mit durchschnittlich 36,2 Cent je Kilowattstunde nach den Iren den zweithöchsten Preis für Strom in Europa. Auch die Unternehmen müssen für Elektrizität so tief in ihre Taschen greifen wie kaum sonst wo in Europa. Im vergangenen Jahr zahlten Betriebe mit einem hohen Stromverbrauch im Schnitt 15,2 Cent je Kilowattstunde; dies zeigt eine Studie der Ruhr-Universität Bochum für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Nur in Polen war der Strom noch teurer.

Zu den hohen Preisen tragen die Netzentgelte bei, die für die Nutzung der Stromnetze anfallen. Unternehmen, die viel Strom verbrauchen, zahlen in Deutschland 3 Cent je Kilowattstunde, das ist fast doppelt so viel wie im Durchschnitt der EU.

Gaskraftwerke statt Kohlekraftwerke

Demnächst werden die Netzentgelte weiter steigen. Das liegt nicht nur an dem kostentreibenden Ausbau der Stromnetze, die für den Transport des Windstroms aus dem Norden in den Süden Deutschlands verlegt werden müssen.

Es liegt auch daran, dass Deutschland Reservekraftwerke braucht, die einspringen, wenn der Wind und die Sonne Pause machen. Denn es mangelt an ausreichenden Kapazitäten, um den Grünstrom zu speichern. Daran wird sich in den nächsten Jahren nichts ändern.

Bisher haben vor allem Kohlekraftwerke den Job des Lückenbüssers übernommen. Sie werden immer dann hochgefahren, wenn es an Wind und Sonne fehlt. Weil beim Verbrennen von Kohle vergleichsweise viele Treibhausgase freigesetzt werden und Deutschland das Weltklima – notfalls auch im Alleingang – retten will, sollen die Kohlekraftwerke bis spätestens 2038 aus dem Verkehr gezogen werden. An ihre Stelle sollen Gaskraftwerke treten, die weniger Treibhausgase ausstossen. Doch die Gaskraftwerke müssen erst noch gebaut werden.

Neue Umlage auf Strom

Die Bundesregierung hat deshalb Anfang September den Bau von Gaskraftwerken mit einer Leistung von 4,5 Gigawatt ausgeschrieben. Sie sollen ab 2031 ans Netz gehen. Damit sich der Bau von Gaskraftwerken lohnt, hat die Regierung Subventionen für deren Betreiber ins Schaufenster gestellt.

Am gestrigen Dienstag gab sie die Ergebnisse der Ausschreibung bekannt. Die Angebote fielen fast dreimal so hoch aus wie das ausgeschriebene Stromvolumen. Zwar muss die Regierung wegen des intensiven Wettbewerbs der Anbieter weniger Fördermittel zahlen als erwartet.

Dennoch werden künftig Subventionen von 800 Millionen Euro pro Jahr fällig. Die Regierung will den Betrag durch eine Umlage finanzieren, die 2031 in Kraft treten soll. Diese wird den Strompreis weiter steigen lassen.

Während andere Länder durch den Ausbau und den Wiedereinstieg in die Kernenergie ihre Stromkosten senken und damit die Voraussetzungen für die nächste industrielle Revolution (Stichwort: künstliche Intelligenz, Rechenzentren und E-Mobilität) verbessern, hält Deutschland stur an seiner von Ideologie geleiteten Energiewende fest – und unterminiert so weiter seine Standortattraktivität.

Sichere Versorgung durch Fracking und Kernkraft

Dabei wäre gegen den Bau neuer Gaskraftwerke wenig einzuwenden, würden diese mit eigenem Gas befeuert, das mithilfe von Fracking aus dem deutschen Boden herausgepresst wird. Das wäre billiger, als Gas aus dem Ausland zu importieren. Und es wäre weniger klimaschädlich. Zudem verbesserte sich die Versorgungssicherheit, weil Deutschland nicht mehr auf dem Weltmarkt mit anderen Ländern um das knappe Flüssiggas konkurrieren müsste.

Doch die Bundesregierung scheut die Diskussion um Fracking wie der Teufel das Weihwasser, weil sie Grosskonflikte mit Umweltschützern und linken NGO fürchtet. Das gilt auch für die Diskussion um einen Wiedereinstieg in die Kernenergie sowie die weitere Nutzung der Kohlekraftwerke. Dabei wäre es sinnvoll, in die Kernenergie wieder einzusteigen und die Kohlekraftwerke weiterzubetreiben, zumal man die von ihnen freigesetzten Treibhausgase abscheiden und unterirdisch verpressen könnte.

Strom aus Kernenergie, Braunkohle und heimischem Gas könnte die Dunkelflauten überbrücken, die der Flatterstrom aus Wind und Sonne verursacht, ohne dass die Kosten durch die Decke gehen. Deutschland erhielte eine preiswerte, klimafreundliche, stabile und sichere Stromversorgung. Der Standort gewänne international wieder an Attraktivität. Es ist daher höchste Zeit, die Wende von der Energiewende einzuleiten.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Malte Fischer

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