Der andere Blick

Döllner bei Trump: Ein Audi-CEO muss Autos verkaufen, nicht Haltung zeigen

Der Autohersteller Audi braucht Absatz und Wettbewerbsfähigkeit – auch unter einem erratischen Präsidenten wie Donald Trump. Audi muss weit über dessen Abgang hinaus planen.

26.10.2026, 05.47 Uhr

3 Leseminuten


Audi-CEO Gernot Döllner bei Donald Trumps Wahlkampfveranstaltung am Samstag.

Audi-CEO Gernot Döllner bei Donald Trumps Wahlkampfveranstaltung am Samstag.

Mike Stewart / AP

Sie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Armin Arbeiter, Redaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.

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Die Empörung ist gross. Ausgerechnet Gernot Döllner, Chef eines der traditionsreichsten deutschen Autobauer, lässt sich wenige Tage vor den amerikanischen Zwischenwahlen von Donald Trump auf eine Wahlkampfbühne holen. Er bedankt sich beim Präsidenten für dessen Unterstützung für ein neues Audi-Werk im Bundesstaat Georgia – und liefert ihm damit die perfekte Kulisse für dessen Botschaft: Seht her, meine Zölle holen die Industrie zurück nach Amerika.

Man kann das geschmacklos finden. Gerade bei einem Präsidenten, der sich von Wladimir Putin für dessen Zwecke einspannen lässt und die Welt, vor allem Europa – und damit auch Audi – mit erratischen Strafzöllen erpressen will. Kritiker sehen Döllners Auftritt als Unterwerfung, doch Audi denkt bereits seit 2023 über ein Werk in Amerika nach. Und im Gegensatz zu einem Wladimir Putin oder Kim Jong Un wird Trump in 817 Tagen aus dem Amt scheiden.

Zu diesem Zeitpunkt wird sich das neue Audi-Werk – sofern der VW-Aufsichtsrat zustimmt – noch in Bau befinden. Es wäre das erste eigene Audi-Werk in den USA – und wirtschaftlich spricht sehr viel dafür.

Abwehrkampf an vielen Fronten

Die deutsche Autoindustrie kämpft einen Verteidigungskrieg an vielen Fronten: China, früher eine Goldgrube, ist zum härtesten Konkurrenten geworden, die extrem hohen Kosten und der technologische Umbruch am Standort Deutschland zwingen die Autoindustrie zu Werkschliessungen und Massenentlassungen – und es ist unklar, ob die hohen Zölle aus Amerika nicht auch Trump überdauern.

Allein im vergangenen Jahr kosteten sie Audi 1,2 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2026 sanken die Auslieferungen der Marke weltweit um gut sieben Prozent, in China sogar um fast ein Fünftel.

In sozialen Netzwerken lässt sich der Auftritt leicht moralistisch aufgeladen attackieren. Audi «unterwerfe» sich Trump, betreibe «offensiv Wahlkampf» für ihn. Auch ein Verweis auf die Geschichte des Konzerns, der eng mit den Nationalsozialisten verwoben war, durfte nicht fehlen.

Döllner kann sich diese Art von «Haltung» nicht leisten. Audi beschäftigt an seinen beiden deutschen Kernstandorten rund 55 500 Menschen. Bis 2029 sollen bis zu 7500 Stellen wegfallen – rechnerisch mehr als jeder achte Arbeitsplatz. Das Werk in Georgia wird diese Stellen wohl nicht mehr retten können. Mittlerweile geht es jedoch darum, dass Audi überhaupt genügend Autos verkauft, um noch Schlimmeres zu verhindern.

Audi geniesst in Amerika hohes Vertrauen

Der amerikanische Präsident Eisenhower sagte einmal, Pläne seien wertlos, aber Planung sei alles. Das gilt nicht nur für das Militär, sondern auch für die Wirtschaft. Döllner muss sich auf eine Realität einstellen, die er sich nicht ausgesucht hat.  Es sei ein «sehr spezieller Moment» und ein «besonderes Setup» gewesen, sagte er nach dem Auftritt. Eine Einladung des amerikanischen Präsidenten auszuschlagen, verbiete der Respekt vor dem Amt.

Würden deutsche Hersteller aus moralischer Selbstvergewisserung auf Märkte verzichten, während chinesische, koreanische und amerikanische Konkurrenten investieren, hätte das noch schlimmere Auswirkungen als ohnehin schon. Zumal Döllner bei seinem Auftritt weder Trump, geschweige denn dessen Zollpolitik gelobt hat.

Dazu kommt: Audi geniesst in Amerika hohes Vertrauen. Das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Morning Consult weist der Marke einen Netto-Vertrauenswert von 30 Punkten aus. Das bedeutet: Es gibt deutlich mehr Amerikaner, die Audi vertrauen, als solche, die der Marke misstrauen. Unter wohlhabenden Amerikanern steigt er sogar auf 45. Damit gehört Audi in seiner wichtigsten Zielgruppe zu den fünf vertrauenswürdigsten Automarken des Landes. Im neuen Werk sollen ab Beginn der dreissiger Jahre bis zu 200 000 Autos jährlich vom Band laufen können.

Angesichts dieser Lage tut Döllner gut daran, die Empörung, die ihm jetzt entgegenschlägt, in Kauf zu nehmen. Denn diese wird in wenigen Tagen verebbt sein, während die Krise von Audi weiter anhält. Er muss dafür sorgen, dass sein Unternehmen auch in zehn oder zwanzig Jahren noch wettbewerbsfähig ist. Dazu gehört eben auch der Pragmatismus, mit erratischen Regierungen wie der Trump-Administration zu verhandeln. Und damit Märkte zu sichern, die man nicht kampflos der Konkurrenz überlassen kann.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Armin Arbeiter

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