Der andere Blick

Die Lohnforderung der deutschen Gewerkschaft IG-Metall ist überzogen

Die IG-Metall fordert für die Kernbranchen der deutschen Industrie fünf Prozent mehr Lohn.  Doch viele Unternehmen befinden sich in der Krise und können das nicht bezahlen. Deshalb ist das Gebot der Stunde, mehr Differenzierung bei den Löhnen zuzulassen.

03.11.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Die IG Metall fordert fünf Prozent mehr Lohn bei einer Tariflaufzeit von 12 Monaten.

Die IG Metall fordert fünf Prozent mehr Lohn bei einer Tariflaufzeit von 12 Monaten.

Ardan Fuessmann / Imago

Sie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Malte Fischer, Wirtschaftsredaktor NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.

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In diesen Tagen kommen sie wieder zum Einsatz, die Trillerpfeifen, roten Mützen und Fahnen mit den IG-Metall-Aufdrucken. Denn Deutschlands grösste und mächtigste Gewerkschaft hat ihre Mitglieder zu Warnstreiks aufgerufen. Am gestrigen Montag startete die erste grosse Welle mit 200 Warnstreiks, unter anderem bei Audi, Mercedes, Miele und Siemens. Bis zum Ende dieser Woche will die IG Metall die Streiks auf mehr als 2000 Betriebe ausweiten.

Der Grund für den Protest ist das magere Angebot der Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie in den laufenden Tarifgesprächen, das die Gewerkschaft als geradezu unverschämt betrachtet. Lediglich 1,3 Prozent mehr Lohn und Gehalt für 26 Monate wollen die Arbeitgeber ihren Beschäftigten zahlen. Dazu kommt eine Einmalzahlung, die je nach Tarifgebiet zwischen 555 und 800 Euro liegt. Betriebe mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten sollen die Einmalzahlung kappen können. Die IG Metall fordert hingegen ein Lohnplus von 5 Prozent bei einer Laufzeit von 12 Monaten.

Tatsächlich scheint das Angebot der Arbeitgeber auf den ersten Blick ein Affront zu sein. Denn es gleicht bei weitem nicht den Anstieg der Lebenshaltungskosten aus. Diese sind zuletzt um 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Für das nächste und das übernächste Jahr sagen Wirtschaftsforscher Teuerungsraten von 3,2 Prozent beziehungsweise 2,0 Prozent voraus. Den Arbeitnehmern der Metall- und Elektroindustrie steht mit dem Angebot der Arbeitgeber also ein mehrjähriger Reallohnverlust bevor.

Für die Arbeitnehmer ist das bitter. Trotzdem ist es verfehlt, dafür einen Ausgleich von den Unternehmen einzufordern. Denn die hohen Lebenshaltungskosten sind in erster Linie eine Folge der Hausse bei den Energiepreisen. Diese aber trifft die Unternehmen ebenso wie die Arbeitnehmer und begründet daher keinen Spielraum für Lohnerhöhungen.

Krisen- und Boombranchen

Dass das Angebot der Arbeitgeber mager ausfällt, ist der schwierigen Lage geschuldet, in der sich viele Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie befinden. Im vergangenen Jahr gingen in dem Kernbereich der deutschen Industrie 100 000 Arbeitsplätze verloren. Seit 2019 beläuft sich der Abbau sogar auf 350 000 Arbeitsplätze. Weil viele Betriebe nicht ausreichend ausgelastet sind, stehen nach Angaben des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall weitere 300 000 Jobs auf dem Spiel.

Zur Metall- und Elektroindustrie zählen neben Krisenbranchen wie der Autoindustrie und dem Maschinenbau aber auch Boombranchen, so etwa die Rüstungsindustrie sowie die Luft- und Raumfahrt. In diesen Bereichen sorgt die Nachfrage des Staates derzeit für volle Auftragsbücher.

Das macht es schwer, im bevorstehenden Tarifpoker einen Abschluss zu finden, der allen Interessen gerecht wird. Mehr denn je muss es daher darauf ankommen, differenzierte Lösungen zu finden.

Verlust der preislichen Wettbewerbsfähigkeit

Sinnvoll wäre es, auf Basis eines niedrigen allgemeinen Lohnanstiegs Einmalzahlungen in jenen Betrieben zu vereinbaren, die hohe Gewinne erzielen. Diese würden die Beschäftigten an der guten Geschäftsentwicklung beteiligen. Zudem könnte so verhindert werden, dass es in den boomenden Branchen ein böses Erwachen gibt, wenn der Staat seine Bestellungen eines Tages wieder zurückfährt.

Branchen, die in der Krise stecken wie etwa die Autohersteller und der Maschinenbau, sollten hingegen die Möglichkeit erhalten, auf Tariferhöhungen gänzlich zu verzichten oder die Löhne sogar zu senken.

In der Vergangenheit hat die hohe Zahlungsbereitschaft der internationalen Kundschaft für deutsche Autos und Maschinen den Unternehmen erlaubt, hohe Löhne zu zahlen. Indem die IG Metall ihre Tarifforderungen meist an den hohen Gewinnen der Autoindustrie orientierte, trieb sie das Lohnniveau in der gesamten Metall- und Elektroindustrie nach oben.

Zwischen 2015 und 2025 stiegen die tariflichen Stundenlöhne in der Metall- und Elektroindustrie um 29 Prozent. Rechnet man die Personalzusatzkosten hinzu, belief sich der Anstieg der Arbeitskosten je Stunde sogar auf 41 Prozent. Dagegen legte die Produktivität, der Output je Stunde, nur um 17 Prozent zu. In der Folge schnellten die Lohnstückkosten um mehr als 20 Prozent in die Höhe. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen erodierte.

Niedrigere Steuern, höhere Nettolöhne

Jetzt, da die internationale Nachfrage nach deutschen Autos und Maschinen eingebrochen ist, gilt es, in beiden Branchen kleinere Brötchen zu backen. Mehrjährige Null- oder gar Minusrunden sind unumgänglich, damit die Unternehmen ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen und der Stellenabbau in Deutschland gestoppt wird.

Die Bundesregierung sollte diesen Prozess abfedern, indem sie den Rotstift bei den Ausgaben des Staates und der Sozialversicherungen ansetzt. Das eröffnet Spielräume für niedrigere Steuern und Abgaben, die die Nettoeinkommen erhöhen und dem Verlust an realer Kaufkraft entgegenwirken.

Wie wäre es daher, wenn die IG-Metaller mit ihren Trillerpfeifen und roten Fahnen nach Berlin vor das Kanzleramt ziehen statt vor die Zentralen der Unternehmen?

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Malte Fischer

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